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Aus neutraler Sicht von Albert Jörimann "Pharmaindustrie"

[36.Kalenderwoche] Pharmaindustrie



Sollte es einen grenzüberschreitenden Handel mit Zeitungsschlagzeilen geben, so kann ich folgende Ware anbieten vom 1. September aus unserem Nationalboulevardbladd «Blick»: «Pflegemutter erstickt Kleinkind – Herzattacke beim Windelwechsel.» Falls sich die Thüringer Allgemeine dafür interessiert, ich stehe gerne zur Vermittlung bereit. Wenn nicht, dann nicht.

Wie alle anderen Länder auch macht die Schweiz den Grossteil ihres Geldes mit Glücksbringern, korrekter: mit Produkten, die glücklich machen, vordergründig mit Schokolade, in erster Linie aber mit Geld und nicht zuletzt mit Pharmaprodukten. Die streng mechanische Dialektik fragt sofort nach den Schattenseiten des Glücks. Diese sind bei der Schokolade nicht so leicht auszumachen, wenn man einmal ein paar ernährungstechnische oder medizinische Aspekte beiseite lässt; aber ich würde zum Beispiel nicht die Schokolade dafür verantwortlich machen, dass der nordamerikanische Kontinent demnächst unter der Last der Übergewichtigen im Meer versinkt, wodurch es zur Hochzeit der beiden Meerjungfrauen Atlantik und Pazifik kommt. Übrigens ist der Pazifik beim Panamakanal, der dann seine geopolitische Bedeutung verliert, um einen Viertel Meter höher als der Atlantik, was bei einer Gesamtoberfläche des Pazifik von 166 Mio. Quadratkilometer einen Wasserausgleich im Umfang von, sagen wir mal einem Drittel des Viertels führt, also etwa 15 Mio. Kubikkilometer Meereswasser, was umgekehrt ungefähr äquivalent sein müsste dem Übergewicht der US-amerikanischen Landjugend. Vielleicht ist der Pazifik sowieso nur deshalb höher, weil die US-amerikanische Landjugend vor allem in Kalifornien so fett ist, was den Kontinent schon jetzt in die Tiefe presst, weshalb der Pazifikspiegel steigt. An all dem also hat die Schweiz keine Schuld. Dagegen sieht es beim zweiten Hauptglücksbringer Geld bereits erheblich anders aus, wobei ich Euch zu diesem Thema nicht zu belehren habe, da sind die meisten Menschen selber Experten. Dagegen bei Pharma sind die Schattenseiten je nach Belichtung bzw. Optik unterschiedlich. Besonders eingänglich sind die Beschwerden darüber, dass es den Pharmakonzernen gar nicht um die Gesundheit der PatientInnen, sondern nur um – na logisch: das Geld gehe. Dieser Einwand lässt sich nicht völlig entkräften, da in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, ja, mehr noch: in praktisch jeder Wirtschaftsordnung, die auf Arbeitsteilung beruht, praktisch sämtliche Aktivitäten auf den Tausch bzw. aufs Geld gerichtet sind. Der Vorwurf hat deshalb noch nicht als solcher seine Sprengkraft, sondern erst dort, wo behauptet wird, die Pharmaindustrie würde ihre Produkte auch dann verkaufen, wenn sie gesundheitsschädigend seien. Das erscheint spontan als idiotisch, denn weder die Pharmaindustrie noch die Aufsichtsbehörden noch sonst irgendwer auf der Welt haben auch nur das geringste Interesse daran, das lukrative Geschäft zu ruinieren und die KäuferInnen bzw. PatientInnen abzumurksen und das ganze erst noch unter Aufbietung amerikanischer und sowjetischer Geheimdienste sowie einer freimaurerisch-bolschewistisch-jüdischen Weltverschwörung zu vertuschen. Nein, so geht das nicht. Und trotzdem halten sich nicht nur die Vorwürfe, sondern auch die Beispiele für solche Entwicklungen, und Ihr verzeiht, geschätzte Zuhörerinnen und Zuhörer, dass ich für einmal nicht von den Fehlgriffen und Missetaten der Schweizer Pharmaschurken erzähle, deren es im übrigen durchaus regelmäßig gibt, sondern dass ich zunächst auf das schöne Pharmaunternehmen Pfizer verweise, das mit seiner Potenzpille Viagra vor zehn Jahren dermaßen für Furore und Umsatz gesorgt hat, dass es die Forschung und Entwicklung anschließend vollkommen vernachlässigte und jetzt quasi mit abgesägten Hosen in die Zukunft blickt, wobei mir die Auswirkung der Hosenlänge auf die Sehkraft nicht ganz plausibel ist, aber da gibt’s noch andere Sachen, die ich erst recht nicht verstehe. Dabei ist ihr wichtigstes Präparat gar nicht Viagra, sondern Lipitor gegen – nein, nicht direkt Übergewicht, sondern nur gegen eine Erscheinungsform davon, nämlich gegen Cholesterin. Mit anderen Worten: Indem sie Cholesterin-Erkrankungen verhindert, ermöglicht Pfizer ein maximales Übergewicht in Nordamerika. – Aber dessen Patentschutz läuft auch bereits in drei Jahren ab, und ein Ersatz wird verzweifelt gesucht.

Soviel zum Thema Fehlgriffe bzw. Managementversagen; echte Probleme scheinen sich aber bei Biogen Idec zu bestätigen, einer Biotechnologieunternehmung, die ein Medikament gegen Multiple Sklerose auf den Markt gebracht hat mit dem schönen Namen Tysabri, das sie aber sofort, nämlich im Jahr 2004, wieder vom Markt nehmen musste, da es bei einigen Patienten zu Gehirnschädigungen gekommen war. Das mag man bei Multipler Sklerose soweit begreifen, die ja ihrerseits das Hirn angreift; aber damals wurde ein direkter Zusammenhang zwischen Tysabri und neuen Gehirninfektionen vermutet. Anschließend wurde das Medikament wieder zugelassen, und jetzt liegen neben zahlreichen Verdachtsmeldungen offenbar wieder bestätigte Fälle von Gehirninfektionen vor mit dem Namen PML (progressive multifokale Leukoenzephalopathie), was doch genau ins Bild einer Raffzahn-Pharmaindustrie passt und im Fall von Biogen Idec wohl auch zutrifft.

Dies ist allerdings kein Beweis dafür, dass die Pharmaindustrie insgesamt ein Komplott gegen die Gesundheit der Menschheit schmiedet; vielleicht ist es eher der Beleg dafür, dass das Überwachungssystem letztlich doch funktioniert, auch wenn man die Bedingungen der Erst- und der Wiederzulassung nochmals genau ansehen müsste und die Zahlungen, die auf die Konten des zuständigen Begleitausschusses der FDA geflossen sind.

Daneben kann man davon ausgehen, dass zu den Ausgaben für Forschung und Entwicklung der Pharmaunternehmen auch ein nicht zu unterschätzender Anteil in die Bekämpfung von Konkurrenzmedikamenten geht. Was würde z.B. mit all den Antidepressiva geschehen, wenn sich in der Bevölkerung allgemein die Einsicht verbreitet, dass Johanniskraut gegen leichte und mittlere Depressionen nicht nur gleich wirksam ist, sondern auch keine Nebenwirkungen hat? Die Behinderung solcher Informationen und die Unterdrückung der Skalenproduktion gehören ganz selbstverständlich zum Geschäft im Rahmen der freien Marktwirtschaft, so wie die Automobilindustrie über Jahrzehnte hinweg sämtliche Konzepte für alternative Antriebssysteme aufgekauft und weggesperrt hat, einschliesslich der Zerstörung der Eisenbahnindustrie durch Daimler Benz im Rahmen des berühmten Unternehmens AD Tranz. So läuft das sehr wohl in der besten aller Welten, und zwar in einem Ausmaß, dass das schlechte Gewissen dieser Unternehmen bzw. Branchen dazu geführt hat, dass sie an allen wichtigeren Universitäten dieser Welt Lehrstühle für Wirtschaftsethik fordern, fördern und sponsorn. Dies steht unverrückbar fest wie die eins vor neun Nullen bei einer Milliarde.

Und ebenso unverrückbar fest steht, dass der durchschnittliche Gesundheitszustand und die durchschnittliche Lebenserwartung in den industrialisierten Ländern in den letzten vierzig Jahren derart massiv gestiegen sind, dass erstens bereits sämtliche Auguren und Phrasendrescher und anderweitige Demografiefachleute vor den Folgen der Rentenfinanzierung warnen, dass aber zweitens schon rund ein Drittel der Bevölkerung in den Genuss einer Altersrente kommt, welche im Normalfall sämtliche Merkmale eines bedingungslosen Grundeinkommens aufweisen müsste, wenn der Gesetzgeber bzw. die politisch-wirtschaftlichen Interessengruppen nicht ganz übel gepatzt haben – das könnt Ihr für den Fall Deutschland selber besser beurteilen als ich –, und drittens ist dies mit Sicherheit zu zwei Dritteln den Aktivitäten der chemisch-pharmazeutisch-medizinischen Industrie bis hin zur Nahrungsmittelindustrie zu verdanken. Und insofern kann man es sich aussuchen, wie man seine Kritik nun ansetzen will; wenn man aber neutral und objektiv bleibt, fällt einem nur die Feststellung des Sachverhalts einigermaßen einfach, während die globale Bewertung ziemlich schwierig ist.

Nicht zuletzt wegen der anderen imperativen Frage: Was tun denn die Menschen am Schluss mit der neu gewonnenen Lebenszeit, frei von den Strukturen und Zwängen des früheren Arbeitslebens? – Wie so oft, gibt es hierzu einfach keine Antwort, denn diese Erscheinung ist neu und die Lage in voller Entwicklung. Eines kann ich dazu festhalten, nämlich: Vor nicht allzu langer Zeit, sagen wir mal vor rund fünfzehn Jahren, gab es kaum ein Lebensalter, in dem die Menschen so häufig starben, wie unmittelbar vor, während oder nach der Pensionierung. Der Wegfall des Sinnmechanismus Arbeit führte bei vielen Menschen, die während dem Berufsleben keine Alternative gepflegt hatten, zur umgehenden Implosion. Dies ist mindestens bei uns dramatisch zurückgegangen. Das heißt wohl, dass zunehmend neue Lebensinhalte praktikabel werden auch nach der Pensionierung bzw. insgesamt gesprochen, jenseits der Arbeit. Und das ist die positive Nachricht in diesem Zusammenhang. Zu diesem Thema gibt es aber noch zwei oder drei weitere Dinge zu sagen, die vermutlich die öffentliche Diskussion in den nächsten paar Jahren bestimmen werden, sodass ich mich hier ruhig einem anderen Thema zuwenden kann.

Letzte Woche sah ich einmal auf dem Bayrischen Rundfunk beim Zappen einen Vertreter irgend eines aussenpolitischen deutschen Gremiums, der nicht gerade seiner Zustimmung, aber doch seinem Verständnis für die russische Politik in Georgien Ausdruck gab, unter anderem, indem er sagte: Wenn die Nato eine wirkliche Partnerschaft mit Russland angestrebt hätte, wäre es ja wohl auch möglich gewesen, diese famosen Raketenabwehrsysteme gegen die Bedrohung aus, was weiß ich, Teheran oder Pakistan oder Australien nicht rund um Russland, sondern auf russischem Territorium selber zu stationieren. Das ist nicht ganz fern von jeder Logik, nicht wahr? Ebenso wie das andere Logik-Bauteil, dass nämlich die Anstrengungen der US-Amerikaner und bis zu einem gewissen Ausmaß auch ihrer FreundInnen in Europa, die Erdöl- und Erdgaslieferungen um russisches Territorium herum und in erster Linie durch Georgien zu leiten, wohl der Hauptgrund für die unverbrüchliche Freundschaft des Komikers Willibald Busch bzw. seines Erdölhintermannes Dick Cheney mit sämtlichen georgischen Idioten gewesen sein dürften. Genau wie im Irak ist dieses Spiel zweifelsfrei nicht als Souveränitäts- oder Demokratiespiel zu lesen, sondern eben als Energiespiel, mindestens von Seiten der Vereinigten Staaten her. Dass die Russen wiederum mindestens an ihren eigenen Außengrenzen Geopolitik betreiben, das versteht sich eigentlich schon fast von selber.

Da diese Sachlage doch allen einigermaßen klar ist, dürften sich die Gemüter demnächst doch beruhigen, es sei denn, Wilhelm Busch wolle seinem Nachfolger noch ein Drachenei ins Nest setzen, aber bei allem Respekt vor der bodenlosen Trottelei dieses Clowns: Hier werden sich doch hoffentlich die Spitzen der US-amerikanischen Streitkräfte gegen allfällige Cholesterin-Ausbrüche zur Wehr setzen. Schließlich hat die Pharmaindustrie einige mächtige Wunderwaffen erfunden, die darauf hoffen lassen, dass die Welt die letzten 5 Monate der Amtszeit von George W. Bush halbwegs unbeschadet überstehen wird.





Albert Jörimann




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Albert Jörimann
02.09.2008

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