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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Der Anti-Russe

Fake News und Hate Messages sind zunächst unterschiedliche Erscheinungen, die deswegen oft vermengt werden, weil sie von dummen Menschen konsumiert und produziert werden.



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Das gilt vor allem für die Hasskommentare. Falschmeldungen sind eigentlich seit eh und je weit verbreitet, die ganze antike Geschichtsschreibung besteht aus solchen, die man rund um ein paar kor­rekte historische Kerne drapiert hat, und in neuerer Vergangenheit erinnert man sich zum Beispiel an die Öffentlichkeitsarbeit der Zigarettenindustrie bis vor zwanzig Jahren oder an die Bericht­er­stat­tung über die Sowjetunion; heute exzellieren Klimalügner ebenso wie die Gegner des Klima­wan­dels in nachweislich falschen Behauptungen, und in Sachen kalter Krieg sind wir unterdessen wieder auf dem Stand der 1950-er Jahre angelangt. In jenem Blatt, das ich mir zwecks Sonntags­lektüre halte, nämlich die Sonntagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung, kommt Herr Marc Pierini zu Wort, ein ehemaliger Botschafter Frankreichs und heute offenbar Forscher bei der sogenannten Denkfabrik Carnegie Europe, welcher den Versuch der US-Amerikaner, die Russen im Jahr 2011 aus Syrien und damit von ihren letzten Stützpunkten am Mittelmeer zu vertreiben, wie folgt darstellt: «Russland wollte große, ständige Militärbasen im Nahen Osten einrichten.» Entweder ist es der komplette Mangel an Wissen, welcher diesen Mann dazu befähigt, zuerst den französischen Staat im Ausland würdig zu vertreten und heute die Carnegie-Stiftung Europe mit seinen Gedanken zu befeuern, oder aber es ist direkt jene institutionalisierte Form von Alzheimer, welche gewisse Spötter oft «Journalismus» nennen. Auf jeden Fall lässt es sich die Redaktion des zuverlässig amerikafreundlichen Blattes nicht nehmen, solch ein Kaliber nicht nur zum Gastbeitrag einzuladen, sondern den Blödsinn auch noch unkommentiert im Nachrichtenteil abzudrucken. Ein paar Tage zuvor stand in einer anderen Zeitung ein ähnlicher Hallihallo, diesmal allerdings im Zusammenhang mit der Nato, welche im Bereich Island–Irland–Grönland eine ungemein gefährliche Lücke im nordatlantischen Verteidigungswall aufweist, in welcher sich ungestört russische U-Boote tummeln. Es versteht sich von selber, dass die Über­nahme solcher Meldungen der Nato-Pressestelle in den redaktionellen Teil begleitet wird vom Gemunkel über die zunehmende Aggressivität des bösen Feindes gegenüber Schweden und anderen Skandinavistinnen und Skandinavisten und zudem noch vom eher neueren Diskurs über eine unbedingt notwendige Aufrüstung Europas, allen voran natürlich Frankreichs und Deutschlands.

Unter uns gesagt: Die Aufrüstung Europas beziehungsweise den Aufbau eigener europäischer Streitkräfte kann ich, wo zwar nicht geradewegs befürworten, so doch noch halbwegs nach­voll­zie­hen mit meinen intellektuellen Kapazitäten, vor allem deshalb, weil die militärische Interessens­wahrung ja schon bisher erledigt wurde, allerdings allein von Frankreich, und wenn sich hier in Zukunft auch andere EU-Mitgliedländer beteiligen, hat das eine erkennbare Logik. Dagegen habe ich unterdessen richtige Fieberschübe, wenn ich schon wieder die Betankung des antirussischen Diskurses beobachte, und zwar in Blättern, deren Redaktionen echt das Gefühl haben, sie betrieben eine Art von objektivem, wo nicht sogar neutralem Journalismus. Dabei braucht man Russland weder zu loben noch gut zu finden, wie ich an dieser Stelle hin und wieder erkläre, aber man sollte einfach nicht aus den Augen verlieren, wie die USA und die Nato und mit ihr am Schluss auch Deutschland und Konsorten die Russen während und nach der Auflösung der Sowjetunion syste­ma­tisch belogen und über den Tisch gezogen haben, vor allem in Bezug auf die Ost­er­wei­te­rung der Nato und in Bezug auf die Stationierung von Natotruppen in Osteuropa. Erinnert sich wirklich niemand mehr über die Verhandlungen über den Status von Ostdeutschland nach dem Fall der Mauer? – Aber den bisher letzten Böllerschuss in dieser Beziehung hat dann nicht die Nato, sondern die Brühwurst José Barroso in ihrer Eigenschaft als EU-Kommissionspräsident abgefeuert mit den haltlosen Versprechen an die Ukraine bezüglich eines EU-Anschlusses, welche die wichtigste Ursache für den Sturz des, ich erinnere immer wieder gerne daran, demokratisch gewählten Präsidenten Janukowitsch und anschließend die Annektion der Krim durch Russland waren. Über den Konflikt in der Ost-Ukraine brauche ich mich an dieser Stelle nicht auszulassen. Und eben, der Versuch der US-Amerikaner, den Russen im Mittelmeer den Rest zu geben im Rahmen des prächtigen Arabischen Frühlings, den sollte jede vernünftige Person in jeder Denkfabrik und auch nur im eigenen individuellen Denkraum einfach nicht vergessen.
Ich weiß nicht, wem diese antirussische Propaganda letztlich dienen soll. Am meisten vielleicht der russischen Elite selber, aber ganz sicher auch der westlichen Rüstungsindustrie, welche sich ver­mut­lich seit Jahr und Tag Sorgen macht über die darnieder liegenden Verteidigungsbudgets in der westlichen Welt. Es ist wahr, die Rüstungsindustrie benötigt dringend weitere Kriege, und dazu braucht man einen Feind beziehungsweise die Illusion eines solchen, und dafür eignet er sich einfach nach wie vor ausgezeichnet, der Russe. Aber es gibt in den postindustriellen Gesellschaften ja noch eine andere, anerkannte und etablierte Größe, und zwar ist dies das selbst denkende demo­kratische Individuum. Dieses bezieht seinen Sauerstoff aus der Luft und seine Informationen neben der Schule und später den Fachgremien aus den Medien. Was für eine Bedeutung hat es denn nun, wenn man dieses Individuum nur noch mit polarisierten Falschmeldungen füttert? Und ich spreche hier wie gesagt nicht von Russia Today und ähnlichen Tiefsee-Nebelgebilden, sondern von vermeint­lich seriösen Organen, von der Frankfurter Zeitung bis hin zu ARD und ZDF, also von jenen Medien, welche von den Dummköpfen rechts hinten in der Turnhalle in der Regel mit der Bezeichnung Systempresse geadelt werden. Dass die Dummköpfe sich beziehungsweise ihre rudimentäre Gedankenwelt auf diese Art und Weise ernähren, ist hier einmal unterstellt, aber dass kritische und objektive Redaktionen einfach so am Laufmeter PR-Meldungen aus dem militärisch-industriellen Komplex in die Umwelt blasen? Das ist doch ein starkes Stück. Ich würde behaupten, noch vor zehn Jahren wäre so was nicht vorgekommen

Das kann sich ja alles wieder ändern, im Moment ist sowieso die gesamte gesellschaftliche Kom­mu­ni­kations­struktur in vollem Umbruch befindlich, und was mich angeht, so bin ich in keiner Art und Weise in der Lage, eine Trendmeldung bezüglich der Stoßrichtung dieses Umbruches abzugeben. Fest steht nur, dass der sozialdemokratische Medienkonsens vor lauter Meldungen über die Aktivitäten der russischen Internet-Trolls und ihrer fantastischen Nachrichtenkanäle wie Russia Today und Konsorten ganz vergessen haben, ihre eigenen Informationsquellen systematisch zu hinterfragen. Man kann bald wirklich niemandem mehr trauen mit Ausnahme von jenen, von denen man genau weiß, dass sie ausschließlich Lügen servieren, eben zum Beispiel Russia Today oder ihr Pendant in den Vereinigten Staaten, Fox News.

Und dann sind da eben noch die anderen, jene Gasgurken, welche Unrat und Todesdrohungen ver­brei­ten, knapp neben den aufgewühlten Protestwählern der Allianz für Deutschland, welche die Hälfte ihrer Stimmen ebenfalls mit allen Sorten von Ressentiments macht. Es ist übrigens durchaus possierlich, wie die rechten Fransen des Teppichs sich bemühen, immer wieder neue Provokationen mit immer wieder den gleichen alten Gurkenstummeln abzusetzen. Auch hier wird sich die Lage irgendwann mal wieder beruhigen, wenn sich neue Topografien der rationalen Verlässlichkeit herausgebildet haben. Den Produzenten und Konsumenten von Idiotie dagegen entkommt man am leichtesten, indem man sich aus den sozialen Medien zurückzieht. Die Tiraden sind vermutlich gut zur Hälfte rein spaßeshalber verfasst und in die Welt gesandt worden, einfach weil es halt geht, sonst bräuchte man ja nicht anonym zu bleiben. Die Facebook-Mitglieder sollen doch ihren Gurkensalat selber aufessen. Über kurz oder lang wird sich die Hasserei wieder legen; irgendwann einmal beginnt das Werfen von Scheiße auch an den eigenen Händen zu stinken.

Trotzdem legt sich eine leichte Verzweiflung aufs Gemüt, wenn man sieht, wie vernunftbegabte Menschen ebendiese Vernunft mit Wonne und Inbrunst fahren lassen und sich übler in die politische Raserei legen als Fußballfans für ihren Lieblingsverein. Selbstverständlich lösen ihre Massenvernichtungskommentare den Reflex aus, sie in Massen zu vernichten, und man empfindet es schon als einen zivilisatorischen Rückschritt, dass man überhaupt in die Lage versetzt wird, solche Rückschritte in sich selber bekämpfen zu müssen. Umgekehrt wird es wohl doch so sein, dass die vermeintlich politische, die vermeintlich rassistische, die vermeintlich antisemitische hetzerische Verlautbarung im Kern nichts anderes ist als die Verzweiflung darüber, dass die meisten Menschen keine Ahnung haben, wie irgend etwas weiter gehen soll. Dieser Verzweiflung muss man allerdings zuerst jenen Zahn ziehen, dass sie nicht etwa aus materieller Not oder aus Existenz­ängsten heraus entsteht, sondern einfach aus dem Mangel an Perspektiven. Einerseits will die Mehrheit der Menschen durchaus nicht daran glauben, dass wir das Ende der Geschichte erreicht haben; anderseits hat diese Mehrheit keine Ahnung davon, was man jetzt noch weiter anstreben soll mit Ausnahme eines Lottosechsers oder anderweitiger schöner Ziele. Und wie ich immer wieder sage, auf dieser Ebene muss eine neue, fortschrittliche Bewegung mal Stoff anbieten, zeigen, was die Leute zum Beispiel alles anstellen können, wenn sie mal anstelle von 40 Stunden nur noch 20 Stunden arbeiten pro Woche. Ja genau, was machen wir dann? Dann müssen wir nämlich neue Umgangsformen finden miteinander, weit über die Sonntagsmalerei hinaus. Wir müssen uns selber tüchtig aufbrechen, wir müssen neue Menschen werden. Dieser Prozess ist vermutlich nicht besonders schmerzhaft, da er auf der bisherigen Geschichte beruht, aber die Beziehungen in den Häusern, in den Dörfern, in den Stadtvierteln und überhaupt müssen auf neue Grundlagen gestellt werden. Das Fundament, soviel kann ich hier bereits verraten, wird die freiwillige, gemeinsame Organisation sein, allerdings eine sehr flexible, in welche man jederzeit hinein tauchen kann und daraus wieder ausscheiden, um sich an einem völlig neuen Ort wieder in eine andere, ähnliche Organisation hinein zu begeben. Ich selber spreche ja schon seit langem von Jekaterinburg. Tatsächlich wäre es mir sehr recht, mal ein halbes oder ein ganzes Jahr lang dort zu leben, und wenn ich dazu noch etwas zu arbeiten hätte, meinetwegen in einer Fischerei-Fabrik, wäre das wunderbar, aber es müsste eigentlich gar nicht sein, vermutlich würden mir die Nachbarn sowie die lokalen Theater und Musikhäuser schon reichen oder die Jazzdielen, von denen ich vermute, dass es auch in Russland welche hat. Andere gehen vermutlich lieber nach Baltimore statt nach Jekaterinburg, aber das ist ja wurscht. Wichtig ist, dass wir unsere gesellschaftliche Organisation öffnen und flexibel gestalten, anstatt uns in unsere nationalistische Wahnvorstellungen einzuigeln und diese zunehmend auch noch militärisch aufzuplustern.







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Albert Jörimann
20.02.

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