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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Rucksacken

Der neueste Trend bei der Freizeit-Körperertüchtigung hat mich vor Begeisterung tolle Sprünge vollführen lassen, also mindestens geistig und in ordentlich sitzender Position, es handelt sich um das, tschuldigung, ich weiß nicht genau, wie man das englische Wort richtig ausspricht, nehmen wir mal an: Rucken, vielleicht irgendwo bei «Röcken».



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> Download Die dazu gehörigen Geräte gibt es im gut sortierten Fachhandel und auf dem Internet, nämlich handelt es sich um einen Rucksack. Röcken ist also gehen mit einem Rucksack am Buckel. Den Rucksack kann man gleich mit dem ergonomisch eingepassten Gewicht dazu kaufen, zwei Kilo, fünf Kilo, zehn. Das Straßenbild in unseren Städten wird sich gewaltig anpassen, neben den Joggern und den Nordic Walkerinnen haben wir neu die zielstrebig gehenden Rucker/Röcker. Vermutlich bezahlt man für so einen Rucksack mit Passgewicht so um die achtzig Euro und kann sagen, das sei nun wirklich nicht teuer, vor allem, wenn man bedenkt, dass man dank der mit dem Röcken erzielten Verbesserung der Gesundheit durch die Stärkung von Kreislauf und Beinmuskulatur sowie, merket auf: der Rücken-Kranzgefäße und insgesamt der Körperhaltung die Gesundheitskosten im 0.3-prozentigen Promillebereich senken kann. Mann, Alter, Bruder, Kollege: Neuerdings dreht uns der Kapitalismus einen Rucksack als Stadt-Freizeitgerät an! Ich wiederhole es: mit dazu geliefertem eingepasstem Gewicht!

Hatten wir uns das so vorgestellt, als wir von einer freien Gesellschaft gesprochen hatten, in welcher jede Frau und jeder Mann nach ihren und seinen Fähigkeiten und jeder Frau und jedem Mann nach ihren und seinen Bedürfnissen leben und konsumieren könne? – Nein, ganz sicher nicht, und damit ist mein Stoßseufzer auch schon wieder im Weltall verklungen.

Ein weiterer Seufzer betrifft die Zunahme der Wählerinnenanteile der Allianz für Deutschland bei den Landtagswahlen. Immerhin möchte ich nochmals betonen, dass ich damit nicht etwa den Faschismus vor den Toren sehe. Die AfD ist keine faschistische Partei und wird auch niemals eine werden, trotz allen Bemühungen von Adolf Höcke. Es ist bloß unangenehm, dass sich in dieser Gruppierung neben einigen konservativen Kräften so viele Verschwörungsfanatiker und echte Konsumenten von Falschmeldungen mit völkischer Schlagseite finden. Für mich steht die Schlagzeile: «Jeden Tag wird ein reinrassiger Deutscher von einem Ausländer mit dem Messer umgebracht!», stellvertretend für dieses Pack. Und um Pack handelt es sich dabei, weil die nicht mal soviel Grips aufbringen, um die elementarsten Nachforschungen anzustellen, bevor sie solchen Scheißdreck weiterleiten. Aber auch mit diesem Pack wird die Weltgeschichte irgend etwas Nützliches anzufangen wissen. Vermutlich.

Ebenfalls zu seufzen gibt mir die Tatsache, dass die Allianz für Deutschland doch ein paar Prozent ihrer Stimmengewinne bei der Linken geholt hat. Offensichtlich wird diese im Osten zunehmend ebenfalls als System-Partei wahrgenommen, was ja bei genauem Hinsehen nicht ganz falsch ist. Bloß muss man anfügen, dass auch die Allianz für Deutschland in der Substanz eine Systempartei ist, bloß mit einem völkischen Einschlag und mit einem erheblichen, angeblich rechten, in Tat und Wahrheit aber eher geistesgestörten Rand. Richtige, echte Alternativen zum aktuellen System in Deutschland und im Rest Europas gibt es eben nicht, weder links noch rechts. Nur schon die direkte Demokratie, welche eine Stärkung der Volksrechte bedeuten täte, steht nirgends auf dem Programm. Noch nicht einmal die völkische Rechte verlangt eine richtige direkte Demokratie, sondern bloß plebiszitäre Abstimmungen, wenn es nach ihrem Gusto ist. In einer richtigen direkten Demokratie gehen die völkischen oder mindestens nationalistischen Schüsse nämlich oft auch nach hinten los, wie die Schweizerische Volkspartei seit längerer Zeit immer wieder erfahren muss. So ein Volk oder richtiger: so eine Bevölkerung entwickelt nämlich nach einer gewissen Anlaufzeit durchaus eigenständige und zum Teil sogar sachkundige Verhaltensformen in der direkten Demokratie. Ich mache mich hin und wieder darüber lustig, dass in der Schweiz die Bevölkerung regelmäßig gegen ihre eigenen direkten Interessen stimmt und zum Beispiel Forderungen nach mehr Ferien und ähnliche ablehnt. Aber insgesamt bilden sich im Lauf der Zeit Kommunikations­kanäle und Entscheidungsmechanismen heraus, auf welche eine einzelne Partei auch dann keinen Zugriff hat, wenn sie vermittels ihres Namens den Anspruch erhebt, alle Einwohnerinnen und Einwohner zu vertreten oder mindestens die Mehrheit oder, wenn auch dies nicht der Fall ist, so doch eine qualifizierte Minderheit, welcher eigentlich die gesamte Macht zustehen täte. Aber so läuft es eben nicht in der direkten Demokratie.

Egal. Gebt euch einfach irgendwie Mühe, euch den Tag und die Zeit nicht von den Kollegen von rechts vermiesen zu lassen, denn die wichtigste Errungenschaft der unmittelbaren Zukunft muss genau dies sein, dass man sich nicht vom Aufkochen barbarischer Restanzen anstecken lässt, welche halt nun mal in jedem Menschen drin stecken, sondern dass man sich bemüht, die Errungenschaften nicht etwa der Zukunft, sondern der Gegenwart für das eigene und für das kollektive Interesse zu nutzen. Voraussetzung dafür ist die Einhaltung gewisser zivilisatorischer Errungenschaften, wie uns dies in der Regel doch ausgezeichnet gelingt. Also, Kopf hoch und an die Arbeit, wie seit eh und je für eine bessere, solidarische und gerechte Welt und in den verschiedenen Subkategorien für eine bessere Verteilung der Ressourcen, für die Vereinfachung der Verwaltung, für gute Infrastrukturen und für die Förderung von Witz und Intelligenz. Und so weiter. Das sind keine unerreichbaren Ziele, will mir scheinen.

Umgekehrt gibt es auch die Gewohnheit des Schlechten, und das meine ich gar nicht moralisch, sondern ich meine jene Gebilde, die dann ganz und gar nicht funktionieren. Der italienische Staat weist verschiedene Komponenten davon aus, die sich scheinbar seit der Zeit der antiken Römer unverändert erhalten haben. Eines davon ist eigentlich kein Gebilde, sondern eine Konstante der letzten zwanzig oder sogar dreißig Jahre, nämlich die Gewohnheit der italienischen Postkommunisten und anschließend Sozialdemokraten, sich gegenseitig zur Sau zu machen. Bei den Christdemokraten, welche das Land bis in die Ära Berlusconi hinein regierten, machte man sich gegenseitig schon auch zur Sau, aber man achtete dabei doch wenigstens darauf, dass die Democrazia Cristiana als solche an den Hebeln der Macht blieb. Bei den Sozialdemokraten hat sich solch ein Selbsterhaltungsreflex offenbar gar nie ausgebildet. Dort werden die Leute, welche eine Chance auf die Machtergreifung haben oder sie sogar tatsächlich übernehmen, regelmäßig und reihenweise weggeballert. Das kommt einem in den Sinn, wenn man sich die Regierungs-Neubildung zusammen mit den Cinque Stelle anschaut, welche nach dem gescheiterten plebiszitären Putsch des Rechtsnationalisten Salvini jetzt offenbar unmittelbar bevorsteht. Aber man kann jetzt schon Gift darauf fressen, dass Massimo D'Alema, der seltsamerweise nach wie vor irgendeinen Einfluss hat beim Partito Democratico, oder sonstwelche anderen Flügel es schaffen werden, die neue Regierung innerhalb weniger Monate zum Scheitern zu bringen. Das ist ja auch der wahre Grund dafür, dass der Salvini so stark geworden ist: dass es sich nämlich bei seinen politischen Gegnern um Intriganten handelt, von denen die italienischen Wählerinnen und Wähler schon längstens genug haben. Sie haben sich von den Cinque Stelle eine kleine geistig-moralische Wende versprochen, welche im Pakt mit dem Selfie- und Facebook-Politiker Salvini aber grandios in die Hose gegangen ist. Nun fragt man sich mit einem gewissen Bangen einfach, wie lange es in der Praxis dauern wird, bis die verschiedenen Partikularinteressen die Koalition wieder zerreissen werden.

Insgesamt fragt man sich hin und wieder, weshalb so viele halb oder zu drei Vierteln entwickelte Staaten sich heute noch korrupte oder bekloppte Regierungen leisten. Die Antwort lautet dann immer wieder, dass sich die Welt nun mal nicht linear entwickelt, dass auf jeden relativen Fortschritt ein relativer Rückschritt erfolgen muss und manchmal auch ein absoluter. Daneben muss man sich auch eingestehen, dass die eigenen Vorstellungen einer funktionierenden Gesellschaft in der Regel aus dem letzten Jahrhundert stammen und sogar im vorletzten Jahrhundert konzipiert wurden. Wenn tatsächlich alle Güter jederzeit bereitstehen, die Armut also de facto abgeschafft ist, dann werden offenbar Kräfte wirksam auf Ebenen, die man sich vor zweihundert Jahren sowieso, aber nur schon vor fünfzig, fünfundzwanzig und vielleicht noch vor zehn Jahren gar nicht vorstellen konnte. Der Postenschacher in Italien ist vielleicht nur der Ausdruck davon, dass man sowieso die Gewissheit hat, dass sich an den Grundlagen überhaupt nichts ändern wird, egal, ob der oder der andere den Job macht. Und zudem entstehen in den Köpfen der Menschen vielleicht zusätzliche Ebenen, ähnlich den völkischen Verwirrungen, wo die Fiktion plötzlich das Diktat über die Politik übernimmt. Vielleicht waren ja die Flower-Power-Ideale der späten 1960-er Jahre, die sich in den Hippies bis heute gehalten haben, auch nichts anderes als Vorboten jener virtuellen Welten, in welchen heute ein wenig überall ein furchtbares Affentheater gespielt wird. Vielleicht war dies auch schon damals nichts als Affentheater, einfach ein angenehmeres von ein paar doch gründlich zivilisierteren Affen. Auf dieser Ebene scheint die Zeit tatsächlich vor vierzig Jahren eingefroren worden zu sein. Aber das mag auch täuschen.



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Albert Jörimann
03.09.

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