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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Kalkuttamedizin

Wieviele schöne Berufe sind nicht leider ausgestorben! Zum Beispiel die Federkiel-Schnitzer oder die Pemmikan-Presser, aber auch anständige Tätigkeiten wie zum Beispiel die Fernheilerinnen, die sogenannten Telepathen, an die ich mich noch schwach erinnere.



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> Download Die konnten ihre Kundinnen einfach vom Küchentisch aus behandeln, manchmal in Verbindung mit einem Telefonanruf, meistens aber ohne, und dann eine Rechnung versenden. Heute findet man nur noch Dinge wie die Kundalini-Kraft, welche die Öffnung des dritten Auges in Aussicht stellt neben dem Zugang zur Akasha-Chronik und zu den sieben Lichtwelten, aber die Telepathie scheint bis auf eine japanische Allerwelts-Musikgruppe mit diesem Namen gänzlich ausgestorben. Schade, wirklich! Das ist wohl ein Kollateralschaden der modernen Medizin. Was nützt mir die Telepathie, wenn schon der Besuch beim Hausarzt keine Wirkung zeigt. Ungefähr so verhält es sich wohl auch in gewissen Regionen in Indien, wie ich im Westfernsehen lese, nämlich in der Neuen Zürcher Zeitung. Ich zitiere: «Im Juni stürmten 200 Personen das Gelände des Nil-Ratan-Sircar-Spitals in Kalkutta. Sie wollten die Ärzte eines 75-jährigen Patienten zur Rede stellen, der in Spitalpflege verstorben war.» Und weiter steht noch, dass der verantwortliche Assistenzarzt – wenn es so etwas wie einen verantwortlichen Assistenzarzt überhaupt gibt, eigentlich trägt die Verantwortung immer der Ober- oder gar der Chefarzt, aber egal – Paribaha Mukhopadhyay das Gespräch mit den aufgebrachten Angehörigen und Quartierbewohnerinnen überlebt hat.

Was ich damit sagen will? – Nur dies: Man kann sich für die vom Westfernsehen zitierten 200 Personen alle möglichen Ausreden einfallen lassen, fest steht nur eines: Jede einzelne von ihnen ist ein saudummes Individuum und voll verantwortlich für den Angriff auf das Gesundheitssystem und seine Vertreterinnen, insbesondere verantwortlich dafür, die Vertreterinnen des Gesundheitssystems zusammenzuschlagen anstatt das Gesundheitssystem zu verbessern. Die Idioten sind unter uns, auch in Indien bei den dortigen Ariern und Arierinnen! – Und damit kann ich diesen Exkurs auch schon wieder beenden oder ganz willkürlich umbiegen auf ein anderes Thema, nämlich schob die oberste Chefin der größten Schweizer Gewerkschaft anlässlich der Klimademonstration vom letzten Samstag die Schuld am CO2-Ausstoß vollumfänglich auf die, was weiß ich, 50 Großkonzerne, welche seit dem Jahr, zum Beispiel 1998 für 70 Prozent des besagten Klimagases verantwortlich seien. Was für ein Quatsch, Vanja Alleva, sagte ich zu mir statt zu ihr, du weißt doch genau, dass es deine Mitglieder sind, welche begnadete Autofahrerinnen sind, zwei Mal im Jahr in die Ferien fliegen und ihre Raumtemperatur mit Erdöl-Heizungen bei 24 Grad im Winter halten. Es sind deine Mitglieder, welche, soweit sie in diesem Sinne bettoffen sind, jedes einzelne ein saudummes Indivi­du­um und voll verantwortlich für die Klimakatastrophe sind, soweit es denn tatsächlich eine Katastrophe ist und nicht einfach nur das Abschmelzen der Polarkappen, ein durchaus maßvoller Anstieg des Meeresspiegels, das Verschwinden zahlreicher Tier- und Insektenarten, das Auftauen des Permafrostes bis weit in die Alpengipfel hinauf und so weiter und so fort, also alles Sachen, welche die Natur komplett unbewegt hinnimmt, ja, ich gehe soweit zu sagen, dass sogar der manische Verschleiß der Erdölvorräte, als müsste das alles innerhalb der nächsten paar Dutzend Jahre weggeputzt werden, dass sogar diese kollektive Idiotie der Natur vollkommen am Arsch vorbei geht. Insofern gibt das eben per Definition keine Klimakatastrophe, nur eine ansehnliche Sauerei. Ich selber finde es immerhin eine ganz granatene Bombe, dass die Klimajugend im Moment soviel Aufhebens macht um diese Sauerei, ich sehe bloß noch nicht so recht, wo der Transmissionsriemen zu finden ist, mit dem die Proteste dieser Klimajugend in eine wirtschaftlich-gesellschaftliche Realität umgesetzt werden können – ich habe die Befürchtung, dass irgendwann irgendjemand der Bevölkerung mitteilen muss, dass es eben nicht in erster Linie die verant­wor­tungslosen Großkonzerne sind, wenn man mal von den Erdölriesen absieht, sondern die End­kon­sumenten, welche die Ressourcen absolut unkritisch und zum Teil sogar mit höhnischem Gelächter verfeuern.

Die Klimajugend hält dagegen und sagt, dass es langfristig mehr kosten werde, die Erde zu verbrauchen, als die fossilen Energien und Produktederivate drastisch zu verteuern. Selbstverständlich hat sie recht, aber eben, bis sich die Menschen darauf einigen, absichtlich mehr zu bezahlen für gewisse Waren und Dienstleistungen, da muss sich viel bewegen, da muss diese ganze Geiz-ist-Geil- und Malle-Mentalität verdampfen, da müssen aus simplen KonsumentInnen tatsächlich bewusste Individuen werden, und dieser Schritt ist alles andere als einfach. Und wie gesagt: Er wird nicht leichter, wenn man dergleichen tut, als trügen die internationalen Groß­kon­zerne die ganze Schuld am Klimadebakel. Damit infantilisiert man die wichtigsten Akteure, erklärt sie zu Objekten anstatt von Subjekten, und im aktuellen Zusammenhang erfolgt dies ausgerechnet in jenem Moment, in dem sich mindestens die jüngeren Mitmenschen genau gegen diese Infantilisierung zur Wehr setzen. Selbstverständlich spielen die Großkonzerne eine Rolle im Klima­spektakel, aber zur Einsicht müssen in erster Linie der sogenannte kleine Mann und die kleine Frau kommen. Und natürlich die Bayerinnen und Bayern. Wenn die endlich mal damit aufhören, sich gegen Eisenbahnprojekte zur Wehr zu setzen und die Einrichtung der Stromtrassen zu sabotieren, die notwendig sind, um die grüne Energie vom Norden in den Süden zu transportieren, dann ist schon viel erreicht.

Daneben fragt man sich aus neutraler Sicht in einer Mischung aus Bangen und Entzücken, ob diese Klimajugend, welche ganz selbstverständlich aus einer globalen Sicht heraus argumentiert, nun endlich den Wendepunkt darstelle nach dem jahre-, wo nicht jahrzehntelangen Rückschritt in allen ideologischen Belangen, den wir nun durchlaufen haben. Vielleicht erdrücken sie mit ihrer schieren Masse all die miesen Clowns, die sich als Nationalistinnen und Berserker geben, weil sie gesehen haben, dass man mit diesem Volkstheater bei gewissen Teilen der Bevölkerung Erfolg haben kann. Vielleicht setzt die Klimabewegung auch auf dieser Ebene einen Gegentrend in Gang, welcher der kollektiven Vernunft wieder etwas Luft und Bewegungsfreiheit verschafft.

A proposito Clowns und Berserker: Ich denke, jetzt ist es langsam Zeit, dass man eine erste Bilanz der Regierung Trump ziehen kann. Sie lautet: Business as usual, soweit es sich um die wirklich maßgeblichen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten handelt. Trumps einzige Obsession ist sein Vorgänger Obama, dessen Entscheide er nach Möglichkeit zu annullieren trachtet, aber ansonsten hat er keinen Krieg angezettelt, weder einen globalen noch einen regionalen; er hat den Reichen ein dickes Steuergeschenk gemacht, aber das machen US-Präsidenten in der Regel sowieso, sobald sie die Möglichkeit haben dazu; die Krankenversicherung ist meines Wissens weiterhin eine Baustelle, aber das war sie schon vor Trump und wird es auch weiter bleiben; die Migrations- oder Immi­gra­tions­politik der Vereinigten Staaten ist schon seit Langem restriktiv, bloß hat bisher noch kein Präsident einen derartigen Klamauk gemacht darum; insgesamt arbeitet mit anderen Worten die Regierungsmaschine der USA ganz normal weiter, obwohl da offen sichtbar ein Geisteskranker das Präsidentenamt ausfüllt, was aber weniger ein Problem der Regierungsmaschine ist als vielmehr der US-amerikanischen Wählerinnen und Wähler, welche den Geisteskranken gewählt haben, weil er ihnen als das kleinere Übel erschien als all die psychisch unauffälligen Kandidatinnen und Kandidaten, von denen man sich auch nichts weiter erhoffen konnte als die Fortsetzung der Politik mit den gleichen Mitteln. Wie jetzt unter Trump. Sein Verdienst ist es, einen neuen Kom­mu­ni­kationsstil in die Öffentlichkeit gehoben zu haben, nachdem der Politbetrieb nicht nur in den Vereinigten Staaten schon seit Jahren mit Intrigen und Schlammschlachten gearbeitet hat, allerdings unter einer ansonsten freundlichen Oberfläche. Trump hat Verleumdungen und Lügen keineswegs erfunden, er ist einfach der erste, der sie täglich in aller Öffentlichkeit anwendet. Dass es ihm nicht schadet, damit müssen sich Fachleute beschäftigen, und weitere Fachleute werden sich damit beschäftigen, ob es für die öffentliche Moral noch eine Zukunft gibt. Möglich, dass nicht, und ebenso möglich ist es, dass die globale Jugend diese alte Kategorie zu neuem Leben erweckt. Aber auch für diesen Fall stehen schon heute hunderte von PR-Agenturen in den Startlöchern, da kann man sich sicher sein.

Mit etwas Verspätung doch noch ein Wort zu den Drohnenangriffen auf die weltgrößten Erdöl-Förderanlagen in Saudiarabien. Zum einen gehe ich davon aus, dass die Huthi-Streitkräfte den Angriff geflogen haben, und zwar mit iranischer Technologie und Unterstützung, aber von einer direkten Aktion des Iran dürfte nicht im Ernst die Rede sein, auch wenn die Saudis da treuherzig mit dem Schattenwurf der Anflugrouten und ähnlichem Schabernack argumentiert haben. Nun weiß ich, dass mich solche Sabotageakte mit militärischem Hintergrund eigentlich nichts angehen, hier geht es nicht um einen Richtungswandel in der Weltpolitik. Trotzdem und sozusagen gegen mein Naturell habe ich dieses spezielle Sprengstoffdelikt mit gewissen Sympathien zur Kenntnis genommen. Es hebt sich zum einen ab von den anderen Sprengstoffdelikten, die mit saudiarabischem Geld ausgeführt wurden und nach wie vor werden und die deutlich auf den Mann zielen, das heißt auf Infrastrukturen und Menschenansammlungen im Westen oder durchaus auch gegen Moslems auf der ganzen Welt. Gleichzeitig ist es ein Signal dafür, dass die Militärkoalition aus Saudiarabien und den USA, welche in der Region nicht nur militärisch, sondern auch politisch für Musik sorgt bis nach Somalia und in den Sudan hinein, ebenfalls anfällig ist, und zwar in einem zentralen Punkt ihres Nachschubs. Drittens aber, ich gestehe es beschämt ein, bin ich im Punkt der mittelalterlichen Regierungsformen und Denkgewohnheiten, zum Beispiel in Afghanistan oder eben auf der arabischen Halbinsel, sowie gegenüber von Potentaten, die im Geld schwimmen, einfach unfähig, den Anschein von Objektivität und Neutralität zu wahren.



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Albert Jörimann
01.10.

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