Artikel

"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Neue Medien

In der Republik der Ratten und Eulen trat der Ratten- und Eulen-Rat täglich drei Mal zusammen zur Lagebesprechung.



artikel/Aus neutraler Sicht/J_KW_48_200px.png
> Download Die Ratte Ram eröffnete regelmässig die Debatte mit dem Ruf: «Es muss etwas passieren!», und die Ratte Rab doppelte nach: «Und zwar schnell!» – Die Eule Bum fragte darauf jeweils: «Und zwar was, und weshalb?» – Die Ratte Raß begann darauf mit der Auflistung der Missstände, die zu beheben wären. «In unserer Republik hat es zu viele Mäuse, die uns den Käse vom Brot fressen. Sie tun nichts für das Gemeinwohl und stinken. Zudem verstopfen sie die Gassen und Röhren durch ihre Präsenz und durch ihren Unrat.» «Und all dies bezahlen wir mit unserem Steuergeld!», knirschte die Ratte Raff. Die Eule Wum sagte dazwischen: «Ihr bezahlt ja gar keine Steuern!», worauf die Ratte Raff gequält aufquiekte. Die Eule Lum ergriff das Wort. «Unsere Republik ist grundsätzlich sehr gut organisiert. Wir haben die Verkehrsprobleme im Griff, ebenso die Finanzen. Es haben alle die ihnen zustehende Funktion und Arbeit, auch die Mäuse. Übrigens war unsere Republik schon von Mäusen besiedelt, bevor wir sie errichtet haben, und noch übrigenser weise ich darauf hin, dass wir Eulen von den Mäusen leben.» – «Genau», zischte die Ratte Rab, «ihr habt mit den Mäusen eine geheime Allianz gebildet mit dem Ziel, uns Ratten auszurotten! Eine Verschwörung! Gerade gestern ist auf dem Ratten-Newsportal wieder ein Hintergrundbericht erschienen, welcher diese Verschwörung beweist.» – «Und am schlimmsten sind dabei die Mäuse-Journalisten, welche diese Verschwörung zu vertuschen versuchen! Rattet dieses Ungeziefer aus! Wenn dies der Ratten- und Eulen-Rat nicht selber an die Hand nimmt, dann nehmen wir von der Einzig Wahren Ratten-Partei systematisch Mäusegift streuen in der Republik!» – Darauf klopfte die Eule Mum auf den Tisch und sagte: «Wir betreiben hier erstens keine Lynch-Justiz, und zweitens ist an diesem Hintergrundbericht auf dem Ratten-Newsportal kein einziges Wort wahr.» – «Aber wahrscheinlich ist es auf jeden Fall», knirschte die Ratte Raff, «und wahr und wahrscheinlich haben denselben Wortstamm, weshalb es eben doch stimmt!»

Dieser Bericht aus dem Ratten- und Eulen-Rat in der Republik der Ratten und Eulen ist ein ziemlich missglückter Versuch, unsere eigenen Gemütslagen in ein Fabel-Konstrukt umzulegen, wobei ich darauf hinweisen möchte, dass man sich die Republik der Ratten und Eulen nicht etwa als das uns äußere Land, das wir zufälligerweise gerade bewohnen, vorstellen muss, also bei euch die Bundesrepublik Deutschland und in meinem Fall die neutrale Schweiz, sondern schlicht die eigene Person beziehungsweise das ihr zugehörige Oberstübchen. Tatsächlich verfügen wir alle über jene Ratten- und Eulen-Kanäle, über welche dem Hirn in jeder Sekunde tonnenweise Müll und Nichtmüll gleichzeitig zugeführt werden. Da es ja die Aufgabe jenes Hirns ist, das sich aufgeklärt will, seine Quellen und Kanäle und ihre Inhalte regelmäßig zu überprüfen, steht man dauernd vor der Aufgabe, auch die dümmsten Kloaken-Nachrichten in ihrer jeweiligen Erscheinungsform ernst zu nehmen und, wenn nicht auf Wahrheit, so doch auf Wirkung hin zu überprüfen. Zudem haben wir seit längerer Zeit ernsthafte Bedenken auch gegenüber jenen Quellen und Kanälen, deren Meldungen grundsätzlich Sachlichkeit versprechen, von denen wir aber wissen, dass sie eben ihrerseits polarisieren, Sachmeldungen mit Wertungen versetzen und insgesamt jene Parteilichkeit walten lassen, die sie einerseits strikt verneinen, auf welcher sie aber in der Tradition Bert Brechts aufbauen und worauf sie stolz sind, nämlich die Polarisierung zugunsten der Armen, Schwachen, Ausgegrenzten und einer zunehmenden Anzahl an sozialen Minderheiten, zu denen uns die Ausläufer der französischen Soziologie den Beweis geliefert haben, dass sie zu den Opfern des Systems zählen, von den Menschen, die in einem sozial falsch konstruierten Körper leben, über die Schwulen und Lesben bis hin zu den vielen tatsächlich Behinderten.

Mit anderen Worten: Eine Fabel, welche den Ratten- und Eulen-Rat in unserem Kopf mit seinem Dauerkonflikt mit den Mäusen tatsachengerecht erzählen täte, die wäre sicher eine schöne Sache, aber ich sehe mich im Moment nicht in der Lage, sie hier zu erzählen über den einleitenden Ansatz hinaus. Das Bedürfnis nach der Fabel dagegen kann ich für mich bestätigen, weil sie mir dabei helfen könnte, meine eigenen irrationalen Reaktionen besser zu verstehen. Wie kommt es nämlich, dass ich mich immer häufiger beim Wunsch ertappe, im nächstbesten Gartenzubehör-Geschäft Dünger zu erstehen und damit eine Bombe zu basteln, um es den immer dreisteren Lügnern und Hetzern endlich einmal persönlich heimzuzahlen? – Das ist eine absolut unschöne und voll­um­fäng­lich unphilosophische Tendenz, die sich bei mir eingenistet hat und die immer wieder hochkommt, wenn ich zum Beispiel die Möchtegern-Hitler und -Judenvergaser von der NPD sehe, wenn sie öffentlich zum Mord an einem ARD-Journalisten aufrufen. Sie wäre vermutlich etwas weniger akut, wenn ich wüsste, dass sich die Strafverfolgungsbehörden diese Typen vornehmen und sie selber aufgrund des entsprechenden Straftatbestandes in den Knast stecken täten sowie ihre Vereinigung, zum Beispiel die NPD, wegen der Vorbereitung einer Straftat sowie ganz allgemein eines Staatsstreiches auflösen und verbieten würden. Aber davon höre ich nichts, was ich nicht begreife.

Umgekehrt begreife ich aber an mir selber nicht, wie ich emotional an genau dem selben Punkt ankommen konnte, an welchem sich offenbar ein Drittel der AfD-Anhängerinnen und der Pegida-Mitläuferinnen sowie etwas über hundert Prozent der NPD und ähnlicher rechter glatzköpfiger und vollbärtiger Männer und Frauen in ihrem völkischen Furor befinden. Mein Emotionometer sagt mir, dass ich mich von diesen Erscheinungen und Ereignissen, welche biologisch sowieso derselben Spezies zuzuordnen sind wie ich, überhaupt nicht unterscheide.

Doch, einen Unterschied gibt es dann doch. Ich kann auch wieder herunterkommen, und vor allem kann ich im Gegensatz zu diesen Feuerstühlen zwischendurch den Denkapparat einschalten. Dieser erlaubt es mir immerhin, Lügen von Tatsachen zu unterscheiden, und er stellt auch immer wieder die unerlässlichen Grundlagen für alle Handlungen und Überlegungen zur Verfügung, ausgehend zum Beispiel von der einfachen Feststellung, dass alle Menschen gleich sind. Vor dem Gesetz, versteht sich; dass sie sich voneinander unterscheiden, ist dann eine zentrale Voraussetzung für jede Interaktion, dass sie zum Teil sehr ungleich sind in ihren Voraussetzungen und Chancen, ist eine der zentralen Fragen der Gesellschaftstheorie, und welche Energien aus solchen Ungleichheiten entstehen, eine weitere Frage, mit welcher wir uns ebenfalls täglich beschäftigen.

Boah, was würde ich um eine schöne Fabel geben, welche uns das tägliche Desaster im eigenen Kopf tauglich umschreiben würde! Es geht dabei nicht nur um die Selbstbeherrschung, sondern es geht auch um die Frage, welche kollektive Dimension in meinem Kopf an die Stelle jener Programme treten wird, die sich in der Sphäre des Politischen vollständig aufgelöst haben. Diese Auflösung ist übrigens eine der zentralen Ursachen für die Ausbildung der Verschwörungs­theorien auf der rechten Seite des Spektrums, aber im Grunde genommen handelt es sich hierbei eben schon nicht mehr um etwas Politisches, sondern eher um eine Reaktion auf die Auflösung der Sphäre. Was machen wir, was macht die Gesellschaft denn nun, wo die Christdemokratinnen sozial­demo­kratisch handeln, wo umgekehrt zum Beispiel in Rumänien die Sozialdemokraten einfach nur korrupt sind, während in China die Kommunisten ihre ungeheuren Erfolge mit kapitalistischen Mechanismen erzielen, und so weiter, und so fort? Mehr noch: Wenn wir mal unterstellen, dass der Reichtum der Gesellschaft an und für sich unumkehrbar ist, dann brauchen wir ja diese ehemalige Sphäre des Politischen gar nicht mehr. Und trotzdem sind Demokratien nach wie vor dazu ge­zwun­gen, gewisse Weichenstellungen vorzunehmen, zum Beispiel in Sachen Überproduktion, Über­kon­sum, Klimaschutz und so weiter; welche Mechanismen außerhalb der bekannten bisherigen partei­politischen entstehen denn dafür? Ist es wirklich das kollektive Bewusstsein, welches in diesem Fall eine neue Dimension beziehungsweise eine zusätzliche Instanz entwickeln müsste?

Ich bin echt überfragt, und nicht zuletzt aus diesem Grund reagiere ich dort, wo ich wenigstens noch eine sichere Grundlage an Wissen und Überzeugungen habe, so emotional und bombenhaft, näm­lich eben bei den wirklich übertrieben dummen Hooligans aus der am weitesten entfernt rechten Ecke des bekannten Universums. Aber ich sollte mich nicht auf Emotionen einlassen, sondern mich eben um die erwähnte neue Instanz kümmern. Es muss sich um ein Gebilde handeln, das im Entstehen begriffen ist, und zwar in allen Individuen der entwickelten Gesellschaften; es beinhaltet die sozialdemokratischen Prinzipien, welchen die Politik in der Regel folgt im Sinne eines einiger­maßen ausreichenden Ausgleichs zwischen Arm und Reich und Schwach und Stark, zum einen, zum anderen aber reagiert diese Instanz vor allem auf die verschiedenen Druck- und Pressversuche von Interessengruppen, möglichst unter Verschleierung der eigenen Identität Stimmung zu machen für oder gegen bestimmte Projekte oder für oder gegen eine Generallinie für mehrere Projekte. Hier spielen die Medien eine Rolle, wie sie sie noch nie gespielt haben, zumal auch das Medienfeld scheinbar enthemmt spielt, ohne die Zügel von Besitzinteressen, wie sie früher noch im Rahmen von Verlagshäusern wirksam waren, alles ist offen auf youtube, sogar auf Facebook und Twitter; de facto sind aber schon tausende von Agenturen voll ausgelastet mit den entsprechenden Aktivitäten, bloß das dumme Individuum, nämlich eben ich, hat sein eigenes Sensorium dafür und das Wissen darum noch nicht ausgebildet. Was zum nächsten Punkt führt, nämlich der Bildung, welche immer mehr zum A und O für das Bewegen im neuen, realen und virtuellen Raum wird. Einsicht, Erkenntnis, Wissen – diese Elemente haben auch jenseits der Naturwissenschaften eine Bedeutung, welche immerhin die eine Aussage zulässt, dass eine gründliche Schulreform ansteht. Eine, nach der es keine Ignoranten und Verschwörungs­theo­reti­ke­rin­nen mehr gibt. Abitur für alle, das muss der Ordnungsruf sein, und zwar nicht ein Abitur, das man den Schülerinnen nachwirft, sondern eines, für welches sie sich in harter Lernarbeit qualifizieren müssen. Dafür kann man ihnen allerdings auch etwas mehr Zeit einräumen und die Studiengänge etwas anders einrichten, aber das ist dann ein anderes Kapitel.



Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
26.11.

Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Kommentare vorhanden.