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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Empörung

Ein bisschen gestaunt habe ich doch, als das Schweizer Farb- und Staatsfernsehen aus Anlass der neuesten Neuigkeiten aus dem Nahen Osten eine Karte mit der Gliederung des strategischen Oberkommandos der US-Streitkräfte zeigte.



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> Download Wenn es je eines Beweises für die Weltherrschaft der USA gebraucht hätte, dann wäre es diese Karte, denn ihre Armee ist nicht etwa für das Territorium der Vereinigten Staaten zuständig, sondern für die US-Interessen im weiteren Sinn, also für die gesamte Welt, wie die Aufteilung in verschiedene globale Kommandoregionen belegt. So etwas hat der Russe seit dem Zerfall der Sowjetunion halt nicht mehr. Immerhin der Franzmann ist noch in all seinen ehemaligen Kolonien und Überseeterritorien präsent, also neben Frankreich und Afrika auch in der Karibik, im Südpazifik und im indischen Ozean. Auch nicht schlecht. Trotzdem: Die relativ dreiste Aufteilung der Welt unter die eigene Militärhoheit führt der geneigten Antiimperialistin wieder einmal vor Augen, dass sie Recht hat.

Nun, immerhin halten neben Frankreich und nach wie vor Russland auch die Chinesinnen gegen die US-amerikanische Vormacht, abgesehen davon, dass eine rein militärische Weltherrschaft nicht funktioniert. Indien und Pakistan verfügen über eigene Atombomben, welche im aktuellen Bestand zwar nur dazu dienen könnten, sich gegenseitig auszuradieren, aber immerhin. Auch die effektive Weltherrschaft ist nicht an einem klar definierten Ort anzusiedeln und noch nicht einmal in einem klar definierten System, denn der Kapitalismus und der Imperialismus nehmen so viele unter­schied­liche Gestalten an, je nach Region, aber auch je nach geschichtlicher Situation, dass die beiden Begriffe zum Verständnis wovon auch immer längst nichts mehr taugen.

Immerhin können wir uns nach wie vor an die Feststellung klammern, dass die materiellen Grundlagen unser Dasein bestimmen, und da der Wohlstand der Gesellschaften unterdessen ein Niveau erreicht hat, wie es in der Geschichte noch nie dagewesen ist, haben wir allen Grund, optimistisch zu sein. Allerdings müssen wir unseren Beitrag zur Einrichtung der Gesellschaft nach den Prinzipien des allgemeinen Wohlstandes erst noch leisten. Dazu gehört die definitive Beseitigung der Armut, was nicht besonders schwer fallen sollte; es gehört aber auch dazu, all die verwirrten Seelen einzufangen, welche in Ermangelung tauglicher Vorstellungen seltsame eigene Ideen ausbilden, wobei «eigene Ideen» leicht übertrieben ist. Dabei sind verworrene Ideen und Vorstellungen noch das eine; die kann man zwar in einem abgeschotteten Kreis nähren und pflegen, aber irgendwann treten sie dann doch in den Kontakt beziehungsweise in Konkurrenz zu den Tatsachen, und diese Tatsachendämmerung wird über kurz oder lang auch in den sozialen Netzwerken stattfinden.

In der Zwischenzeit muss man sich offensichtlich mit jenen beschäftigen, welche sich selber ermächtigt fühlen, irgendwelche andere Personen zu bedrohen oder sogar umzubringen. Ich gehe mal davon aus, dass die Strafbehörden in der Lage sind, diese Geisteskranken zu identifizieren und ihre potenziellen Opfer zu schützen. Trotzdem ist die Frage interessant, wie all die Hasser, Morddroher und tatsächlichen Mörderinnen in ihren individuellen Zustand, eine Mischung aus tiefer Erregung und der absoluten Gewissheit in Bezug auf die Sachlage sowie auf die eigene Berechtigung, ja auf den eigenen Auftrag zum Vollzug eines Urteils, wie diese Zombie-Behörde insgesamt in einen solchen Gemütszustand gerät. Was hat man ihnen denn angetan, dass die so austicken? Wurden sie enteignet oder sind es, mindestens in den neuen Bundesländern, die Spätfolgen der Enteignung des Volkseigentums nach der Wende? Das glaube ich nicht, respektive das mögen Elemente der Erregung sein, aber nicht ihr Kern. Diesen Kern finde ich in der zehn Jahre alten Formulierung «Empört euch!» des ehrwürdigen Stéphane Hessel, welcher damals nach der Finanzkrise die träge Bevölkerung gegen das Kapital und die herrschenden Eliten mobilisieren wollte. In Ermangelung eines konkreten politischen Projektes bleibt aber nur die Empörung übrig, und die finden wir dementsprechend ein wenig überall, von den von der Politik verwüsteten Gebieten in den französischen Vorstädten über die immer theorieferneren Antiimperialistinnen bis zu den Gelbwesten und den europäischen Islamistinnen und Rechtsextremen. Sie alle sind im Kern entrüstet über die Ungerechtigkeit auf der Welt beziehungsweise im Fall der Rechtsextremen in ihrem Land und im Volkskörper beziehungsweise über die Angriffe gegen diesen. Ein Teil dieser Energie trägt auch die Umweltbewegung, wobei hier allerdings konkrete Ziele mit der Forderung nach konkreten Handlungen verbunden sind; dies stellt selbstverständlich einen grundlegenden Unterschied zur nackten Empörung dar, und mit der Selbstermächtigung zur Lynchjustiz sind bisher sowieso die Rechtsextremen und die Islamistinnen hervorgetreten. Die Empörung aber ist rich­tungs­übergreifend, und sie ist vor allem begriffslos. Es ist eine massenpsychologische Kategorie, keine politische. Sie erfasst das Individuum im Verbund mit anderen angesichts der Erfahrung der eigenen Machtlosigkeit. Und für diese Machtlosigkeit liefern auch unsere parlamentarischen Demokratien mit ihren eingespielten Mechanismen und dem fest gefügten System der Interessens­vertretungen anstelle der Volksvertretung reichlich Beispiele, einmal abgesehen von der Dominanz des Kapitals und von der globalen Hegemonie der Vereinigten Staaten von Amerika. Das sind keineswegs Hirngespinste, diese Form der Ohnmacht ist real. Nur, was heißt das denn konkret? Wir sind als Subjekte per Definition nicht einfach Herr unseres Schicksals, wir sind zunächst alle unselbständig und ohnmächtig, bedingt von Erziehung, Umwelt, dem Ort, an dem wir zufällig geboren wurden und so weiter. Zum Wohlstand der Gesellschaft, in der wir leben, haben wir durch­aus nicht machtvoll beigetragen. Obwohl wir Subjekte sind und uns zu Recht als solche fühlen, sind wir zutiefst Objekte, ein Spielball der Geschichte. Nur aus diesem Widerspruch heraus ist das zu entwickeln, was ich nach wie vor als Ziel vor Auge habe, nämlich die wirklich demo­kratische Gesellschaft, die sich nach dem alten Motto organisiert: einer jeden nach ihren Bedürfnissen, eine jede nach ihren Fähigkeiten. Und dies im transparenten Verbund aller Menschen eines Dorfes, einer Region, einer Stadt, eines Landes, eines Kontinentes und der ganzen Welt.

Empörung ohne solche Überlegungen führt in eine völlig andere Richtung oder meinetwegen in mehrere andere Richtungen.

So oder so bleibt es ein Rätsel, wie sich in Zeiten des unwiderruflichen Wohlstandes Menschen dazu entschließen können, Schaum vor dem Mund zu bilden und zum Beispiel normale Exekutivpolitiker zu bedrohen, zu verfolgen und im Extremfall zu erschießen. Und weil es mir ein Rätsel ist, bin ich auch nicht in der Lage, solche Amokläufer irgendwo auf der politischen Skala einzuordnen. Selbstverständlich benutzen sie das völkische, rassistische, rechtsnationale Vokabular, aber im Kern handelt es sich um eine Erregung jenseits von Politik. Das nützt jetzt alles nicht besonders viel, vor allem, weil die Damen und Herren ja dann doch eine gewisse Struktur von den offiziellen Vertretern der völkischen, rassistischen und rechtsnationalen Politik geliefert erhalten. Trotzdem liegt das Problem im Hinblick auf den Aufbau einer Wohlstandsgesellschaft an einem anderen Ort. Irgendwie muss es uns gelingen, die Erregung wieder an jenen Ort zu lenken, wo sie hingehört, nämlich in die Erotik. Wo es aber darum geht, tadellos funktionierende Infrastrukturen herzustellen und in Betrieb zu halten oder meinetwegen auch nur besonders witzige und originelle Filme zu drehen, da kann nur die kühle Vernunft das Werkzeug der Wahl sein.

Sprechen wir von etwas anderem. Der afrikanische Kontinent beginnt nicht nur Milliardäre zu produzieren, was ich für ein äußerst positives Zeichen halte, weil es sich nämlich um Milliardäre handelt, die ihr Vermögen aus unternehmerischer Tätigkeit angehäuft haben im Gegensatz zu den paar Millionären, wie zum Beispiel der Familienclan der Dos Santos in Angola, welche ihr Vermögen damit gemacht haben, die Staatskassen zu plündern, was wirklich zwei grundverschiedene Angelegenheiten sind. Also: Es wachsen neuerdings auf dem afrikanischen Kontinent nicht nur Milliardäre, sondern auch Philosophen, zum Beispiel Achille Mbembe, der in Südafrika lehrt und das Ziel verfolgt, Afrika zu einer Wunsch-Reisedestination für alle möglichen Migrantinnen zu machen, also nicht für Touristinnen. Im Moment sei Afrika das Gegenteil, ein Kontinent, der alle abweise, sogar die Afrikaner selber. Dabei könne man dort alle Sorten von Experimenten anstellen und so die Attraktivität des Kontinentes fördern. Zu diesem Behuf will er nicht nur die kreativsten Köpfe zusammen rufen, sondern es soll auch Reparationszahlungen geben von den entwickelten Nationen. Bei dieser Forderung werden sicher die Menschen in Deutschland hellhörig, die auch 75 Jahre nach Kriegsende immer noch gepiesackt werden mit allen möglichen Reparationsforderungen. Ich glaube, diese letzte Forderung ist ziemlich unzeitgemäß, und zwar genau deshalb, weil wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben beziehungsweise weil das zentrale Thema nicht nur in der entwickelten Welt, sondern auch in Afrika jenes sein muss, wie man diese Wohlstandsgesellschaft einrichten muss. Experimente sind da hoch willkommen, aber Reparationszahlungen führen nirgends hin beziehungsweise fließen eben zunächst eher in die Taschen der lokal ausgebildeten Eliten statt in diese Experimente. Damit Mbembes Traum Realität wird, müssen noch ein paar wichtige Hürden genommen werden, zum Beispiel der Weg zahlreicher Völker aus der Eisenzeit in die Neuzeit oder die Klärung der Religionsfrage. Die Forderung müsste eher so lauten, dass die ehemaligen Kolonialmächte ihren nach wie vor bestehenden Einfluss in diese Richtung geltend machen, also in Richtung der inneren Entwicklung der Gesellschaft. Mbembe ist nicht der erste, der von Experimenten spricht; vielmehr sind schon zahlreiche solche Experimente gescheitert, aus den unterschiedlichsten Gründen, aber in der Regel vor allem deswegen, weil sie in einem Umfeld angesiedelt waren, das von der Grundenergie des Experimentes nicht viel mitbekommen und deshalb eigene Schlussfolgerungen zu diesen Unternehmen gezogen hat. Entwicklungshilfe habe wenig gebracht, sagt Mbembe, er hat zweifellos recht, aber Nicht-Entwicklungshilfe ist eben auch keine Lösung, wie so oft. Dieser Weg bleibt lang. Davon soll man sich aber nicht entmutigen lassen und auch hier in erster Linie die kreativen Ansätze pflegen, denn manchmal gewinnt man mit solchen Sachen erst recht die Herzen der normalen Menschen.



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Albert Jörimann
14.01.

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