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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Grünes Parteiprogramm

Gestern wurde in Belgien der Opfer der Terroranschläge vom 22. März 2016 gedacht, denen auf dem Flughafen und in einer U-Bahn-Station 35 Menschen zum Opfer fielen; daneben gab es 300 Verletzte. Und wir können uns wieder einmal die Frage stellen, wie irgendwelche Kleinkriminelle im Knast zum Islam konvertieren und sich danach mit einem Lächeln im Gesicht in die Luft spren­gen.Offenbar waren sie ebenso unzufrieden mit ihrer Tätigkeit als Tankstellenräuber, Hehler von Diebesgut oder Drogendealer wie die Gesellschaft im Allgemeinen und die Justiz im Spe­ziel­len.

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Aber dass sie den Versprechungen des Koran oder vielmehr der Laienprediger im Knast einfach so Glauben schenkten in Bezug auf die Gegenleistung für den Wechsel ins Terrorfach, das lässt auch Jahre danach noch Zweifel an der geistigen Verfassung der belgischen Unterwelt bestehen. Zuerst für 500 Euro ins Gefängnis und dann für ein paar Menschenleben ins Schlaraffenland beziehungs­weise Paradies? Wenn Trauer und Erschrecken über ihre Taten nicht so allgemein wären, müsste man über sie lachen. Wobei offensichtlich gerade das Lachen die Bande vollends in Rage versetzt, wie der anhaltende Grimm über die Mohammed-Karikaturen zeigt.

Wenig gotteslästerlich ist jener Männerwitz, der mich momentan immer wieder amüsiert, auch beim hundertsten Betrachten noch. Es ist ein Werbeclip der Bank Goldman Sachs, welche ihren Kunden eine App verkaufen will, mit der sie ihre Bankgebühren reduzieren können. Der Clip geht so: Am Pool liegt ein eher schmächtiger, kahlrasierter weißer Mittdreißiger im Liegestuhl neben seinem Apérol Spritz und hat offenbar vergessen, sich mit Sonnenschutzcrème einzustreichen, auch wenn man das nicht auf Anhieb sieht. Hinten kommt ein eleganter dunkelhäutiger Mann ins Bild, der sein Handy zückt und sagt: «Jack, you're getting burned», also Jack, du kriegst einen Sonnenbrand beziehungsweise du verbrennst dich gerade. Jack zuckt zusammen und setzt sich auf. Der Dunkelhäutige fährt fort: «By your bank», also von deiner Bank, und das kriege ich jetzt nicht richtig übersetzt, es muss ungefähr heißen, deine Bank zieht dich über den Tisch, aber wir sagen eben nicht: Deine Bank brennt dir einen rein oder so. Jedenfalls zeigt der Dunkelhäutige sein Handy und darauf die App und wie man damit Gebühren spart. Jack setzt sich anständig hin und sagt: «I ain't getting burned», also mehr oder weniger «Nichts von Sonnenbrand», was im Kontext aber auch heißt, meine Bank zieht mich nicht über den Tisch, vielmehr: Ick lass mir nich übern Tisch ziehn, so einer ist das nämlich, dieser Jack, das wird innerhalb von sechs Sekunden klar. Praktisch im selben Augenblick hört man ein Insekt herannahen, das sich auf Jacks Schulter setzt und, puff, sogleich explodiert unter Hinterlassung eines kleinen Insekten-Räuchleins, derart überhitzt ist der Jack bereits. Wie gesagt: man sieht ihm den Sonnenbrand nicht auf Anhieb an, das kennen viele Blondhaarige vom hellen Hauttyp, aber das Verpuffen des Insekts zeigt gnadenlos die Oberflächen­tem­peratur an und auch, dass Jack von seiner Bank eben doch über den Tisch gezogen wird, und das finde ich gnadenlos lustig, obwohl der Clip von Goldman Sachs stammt.

Daneben herrschen im Covid- und Impfbereich gegenwärtig Zustände, die man durchaus mit der Slowakei, Slowenien, zum Teil auch Kroatien, Bosnien und Herzegowina und in Serbien ver­glei­chen kann. Es ist ein Geschrei, dass einem Hören und Sehen vergehen möchte, AstraZeneca hier, Sputnik da, Bestellen beim Russen ja oder nein, Lieferverzüge, weil die Engländer die Impfdosen zuerst selber verimpfen, bevor sie die vertraglich zugesagten Mengen in die EU exportieren lassen, Lieferverzüge, weil die Europäer ihre Impfstoffe selber verarbeiten, bevor sie die vertraglich zuge­sagten Mengen nach England liefern, alle sind an allem schuld, in erster Linie der Gesund­heits­mi­nis­ter, dem man im Übrigen wohl in erster Linie eine nicht ganz geglückte Kommunikationsleistung ankreiden kann, für den Rest sollte man ihm nicht mehr Schuld in die Schuhe schieben als all den anderen ebenfalls Zuständigen und Verantwortlichen; auf jeden Fall herrscht in diesem Bereich ein heilloses Durcheinander, sodass man sich nur schon deswegen wirklich dringend wünschen muss, dass die Epidemie nun bald verschwindet. Und das wird sie mit Sicherheit, und in einem halben Jahr wird man sich fast gar nicht mehr daran erinnern, welche Erregungszustände am Laufmeter herbei geschrieben wurden von jenen Medien, die es als ihre Hauptaufgabe betrachten, das zu publizieren, was das Publikum interessiert, und genau das, geschätzte Hörerinnen und Hörer, ist bekanntlich der Kardinalfehler, der keinem seriösen Medium unterlaufen sollte.
Sonst müsste man nämlich auch all jenen Berichten Glauben schenken, welche davon sprechen, dass sich Russland schon wieder in die US-amerikanischen Wahlen eingemischt hat, dass die Russen immer wieder Infrastruktur-Server hacken, dass eine chinesische Hackergruppe mit dem Namen APT31 im letzten Herbst eine Cyberattacke gegen das IT-System des finnischen Parlamentes geritten hat, und zwar im Auftrag des chinesischen Staates, versteht sich, und so unendlich weiter; das Problem ist ja nicht, dass sich so etwas nicht ereignet hätte oder dass die Meldungen Falschmeldungen wären, sondern das Problem ist, dass es sich hier um den Alltag aller Geheimdienste auf der ganzen Welt handelt. Es sind nicht die Russen und die Chinesen, welche sich ungestraft im Cyberspace des Westens tummeln, während die armen Westmenschen dem schutzlos ausgeliefert sind; schutzlos ausgeliefert sind die armen Westmenschen eigentlich nur ihren eigenen Internetgiganten, allen voran Google und Facebook, während alles andere vom Westen aus genau so läuft wie vom Osten aus. Und indem die Meldungen der Westpresse diesen Aspekt der Wahrheit komplett ausblenden, werden die Meldungen dann doch zu Falschmeldungen, obwohl sie eigentlich wahr sind; es handelt sich um Tendenznachrichten, welche dem Zwecke der Stimmungsmache dienen, welche Stimmung dann nachher wieder einige bekloppte Medien dazu bewegen soll, zu publizieren, was das Publikum interessiert. Man möchte sich darüber ärgern, weiß aber genau, dass das einzige, was dagegen hilft, die Ausbildung einer dicken Medien-Haut ist.

Einen weiteren Balkanesen habe ich in meiner Aufzählung vorher noch vergessen, nämlich den Erdo­pampel in der Türkei. Ihr erinnert euch an die famosen Drohnen, die sein Schwiegersohn Albayrak aus Beststandteilen europäischer Zulieferer zusammengesetzt hat und mit denen Aser­beidschan die Hälfte von Bergkarabach erobert hat; dieser Albayrak ist aber eine echte Mehr­zweck­waffe und diente zuvor als Finanzminister; als solcher war er zuständig für den Absturz der türki­schen Lira gewesen, bis er zurücktrat, worauf sein Vorgänger als Finanzminister, Naci Agbal, zum Chef der Zentralbank ernannt wurde. Ihm gelang es, die Währung einigermaßen zu stabilisieren, nicht zuletzt mit der Anhebung des Leitzinses. Nun hat der Erdopampel auch ihn wieder auf die Straße gesetzt und an seiner Stelle den Parteisoldaten Sahap Kavcioglu eingesetzt, der die Geld­politik wieder lockern soll; damit steht eine neue Währungskrise bevor, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt. Der Erdopampel ist auch so einer, der überall sticht und stichelt, ohne dass sich einem normalen Menschen mehr als eine Dauerreizung der Nebennieren als Ursache erschließt. Jetzt verlässt er die Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauenrechten, die er selber mit organi­siert hat, weil der Vertrag missbraucht worden sei, um die Homosexualität zu norma­li­sieren. Selbstverständlich regt man sich wieder auf, im Ausland sowieso, aber auch all jene türkischen Frauen, die mit dem Virus der Modernität schon lange infiziert sind, halten den Oberdeppen fast nicht mehr aus. Der aber zappelt munter weiter, versucht auf allen Ebenen irgendwelche Deals anzubahnen, mit oder ohne seinem Schwiegersohn, flutet Nordafrika mit türkischen Produkten und Militär- und Kooperationsversprechen, zeigt sich sperrig im Mittelmeer und kassiert fleißig weiter die Milliarden, die ihm die EU für die Mauer bezahlt, die er gegen die Flüchtlinge sehr effizient hochgezogen hat. Auch hier hilft auf Dauer nur eine zusätzliche Schicht der dicken Medien-Haut.

Ansonsten warte ich auch abgesehen von der Kakophonie im öffentlichen Raum sehnlichst auf das Ende der Corona-Zeiten, weil man nämlich zu diesem Virus nichts vernünftiges in die Luft posaunen kann, mindestens im Moment; mit der gebührenden Distanz wird man sich dann wohl wundern, wie es gelungen ist, die freiheitlich-demokratischen Gesellschaften ein Jahr oder sogar achtzehn Monate lang mehr oder weniger lahmzulegen in verschiedenen Teilen, die man zuvor nicht nur als normal, sondern sogar als vital erachtet hatte, ohne dass die Gesellschaften als Ganzes abgestürzt sind. So einen Stresstest muss eine derart große und komplexe Menschengemeinschaft auch erst einmal überstehen, und im Moment sieht alles danach aus, als ob uns dies ohne weitere Probleme gelingen würde. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ergeben sich möglicherweise ein paar Einsichten, welche verschiedene Erzwahrheiten ins Wanken bringen; ich gehe davon aus, dass auch gedanklich ein Schritt vollzogen wird bei der Einsicht, dass wir tatsächlich in einer Entwicklungsphase stecken, in welcher für die Versorgung der Menschen nicht nur mit Gütern des täglichen Bedarfs, sondern weit darüber hinaus mehr als gesorgt ist. Wir haben ausgesorgt, das ist eine Wahrheit, die unterdessen an den Tag getreten ist; die Schlüsse, die wir daraus zu ziehen haben, sind damit ebenfalls recht klar. Kürzlich habe ich einen Blick in das neue Parteiprogramm der Grünen Partei geworfen. Man wird dieser Partei mit Sicherheit kein revolutionäres Vokabular zum Vorwurf machen wollen, aber die einzelnen Programmpunkte sehen recht vernünftig aus. «Knallhartes Klimaprogramm, erleichterte Einwanderung, Schuldenbremse aufweichen, Vermögenssteuer und bedingungsloses Grundeinkommen einführen», so fasst das Magazin Cicero das Papier zusammen, aber es sind auch kleinere Forderungen wie der Ausstieg aus der Pestizidabhängigkeit der Landwirtschaft oder der Abbau von Finanzhilfen für unwirtschaftliche Regionalflughäfen enthalten, daneben ein bedingungsloses Bekenntnis zur EU, neben einer moderaten Erhöhung der Spitzensteuersätze für reiche Menschen und der Einführung einer Vermögenssteuer. Das von Cicero erwähnte Grundeinkommen ist ganz selbstverständlich keines, sondern eine Mindestsicherung, aber immerhin; bei der Rentenpolitik ist mir die Forderung nach einem öffentlich verwalteten Bürgerfonds, welcher die Riester-Rente ablösen soll, aufgefallen, abgesehen von der Legalisierung von Cannabis und dem Bekenntnis zu Diversität und Minderheiten. Ich kann es nicht anders sagen: Das Papier gefällt mir.

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Albert Jörimann
23.03.

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