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FAQ - Teil 1

Über die häufig gestellten Fragen zum "Wie" einer besseren Gesellschaft...


Kommentar FAQ

In den vergangenen Wochen haben mehrere Hörer und Leser meiner letzten Kommentare in Ihren Reaktionen Fragen danach geäußert, was der Autor denn für konkrete Möglichkeiten sehe sich vom Kapitalismus zu emanzipieren bzw. wie eine lebenswerte Gesellschaft schließlich aussehen könnte. Daß ein Eingehen auf solche Fragen weniger journalistisch sondern persönlicher ausfallen muß, beantwortete die Frage nach der Form, die ich mir als Autor stellen mußte. Doch das Persönliche lindert die Anmaßung nicht, in die ich mich kleide, wenn ich mit diesen Sätzen überhaupt nur den Eindruck erwecke, ich könnte Fragen nach Form und Gestalt einer neuen Gesellschaft tatsächlich konkret beantworten. Ich kann es natürlich nicht. Ich habe keinen Masterplan. Und es wäre mehr als suspekt, wenn ich einen hätte. Was ich dem Wir jedoch zu einer möglichen Debatte stellen könnte, wären Überlegungen zu bestimmten Vorbedingungen, zu Ein- und Ausschlußkriterien, die überhaupt erfüllt sein müßten damit wir von einer positiven Überwindung des Kapitalismus sprechen können. Positiv wäre die wohl vorallem nur dann, wenn wir Menschen einen gesellschaftlichen Bezug zueinander finden, der keines Fetischs mehr bedarf, der uns alle miteinander vermittelt. Mit Fetisch ist hier genau jenes wirksame Moment gemeint, das den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang tatsächlich und einzig wirksam herstellt, das aber immer auch abstrakt, immer den Menschen äußerlich ein gemeinsames Drittes bleibt. In vormodernen Gesellschaften waren es Götter bzw. eben Gott, der als phantastische Idee nicht nur die Welt erklären half sondern die Ordnung dieser Welt von Grund auf regelte und jedem seinen Platz zuwies, von der Geburt bis zum Tod, dem versprochenen und erhofften Eintritt in Gottes Reich. Heute braucht es Gott in väterlicher Strenge nicht mehr, heute haben wir es mit einem anderen Fetisch zu tun. Gott darf dafür heute alles sein: er kann eingehen in die Luft die wir atmen, die Blumen auf der Wiese und wahrscheinlich auch in einen Kühlschrank oder einen Rasierpinsel. Gott steckt in allem. Man könnte aber auch sagen, er hat sich in Wohlgefallen aufgelöst.

War Gott, obwohl nur Phantasie, noch für jedes Gesellschaftsmitglied der Vormoderne eine feste, irgendwie greifbare Bezugsgröße, etwas, das jeder als Schöpfer und Verfassungsgeber benennen konnte, ist der Fetisch der Moderne dagegen etwas viel Vetrackteres und Unsichtbares. Etwas, das uns auf fatale Weise unbewußt ist, obwohl, verglichen mit Gott, doch so erschreckend real. Es ist der Fetischcharakter der Ware, wie Marx ihn beschrieben hat, der ein direktes gesellschaftliches Verhältnis von Menschen gar nicht erst zuläßt, sondern es zu einem Verhältnis von Dingen macht. Wir Menschen tauschen diese Dinge. Egal ob Ware gegen Ware vermittelt durch das Geld, oder Arbeitskraft gegen Geld, es bleibt sich gleich: erst dieser Akt setzt uns im Kapitalismus in ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis. Das vollkommen verrückte an diesem Akt, in dem sich alles gleich wird, ist, daß es ihm egal ist, wer wir sind, was wir tun und was wir wollen. Letztlich kommt in diesem Akt ein Wille zu sich, für den wir Menschen nur austauschbare Katalysatoren sind, ein notwendiges Übel. Dieser Wille ist der Wille zum Mehrwert, und dieser irrsinnige Selbstzweck bestimmt allein, was wir tauschen und damit auch von vornherein, was wir tun um uns überhaupt am Tausch beteiligen zu können. Denn eine andere Option unser Überleben zu sichern haben wir nicht. Zumindest bis wir aufhören uns diesem Selbstzweck wie einem Naturgesetz auszusetzen, das uns scheinbar ewig vor sich hertreibt.

Die grundlegendste Bedingung einer neuen Gesellschaft wäre also, daß wir Menschen uns in ihr direkt aufeinander beziehen, kein gemeinsames Drittes, keinen Fetisch mehr dafür benötigen, sondern daß wir uns gemeinsam bewußt machen, was wir brauchen und wie wir uns die Befriedigung unserer Bedürfnisse organisieren.

Der Raum in dem wir das tun wäre eine Polis, die erstmals in der Geschichte diesen Namen verdient. Ein politischer Raum also, der nicht wie im Altertum gottgegeben lediglich einigen herrschenden Männern offensteht oder der wie im Kapitalismus den irrsinnigen Selbstzweck des Kapitals bloß nachträglich verwaltet und die Welt für ihn organisiert.

Ich belasse es an dieser Stelle bei dieser ersten groben und wenig konkreten Überlegung zu einer, wie ich finde, wesentlichen Vorbedingung. Wie sich in den letzten Wochen zeigte, ist Radio sicher nicht der beste aber offenbar auch nicht der schlechteste Weg in eine bestimmte Art Gespräch über unser Dasein und unsere Möglichkeiten zu kommen. Vielleicht bleibt das so und es ergibt sich in den nächsten Wochen Raum um über die Denkform zu sprechen, die der Warenfetischismus hervorbringt, genauso wie über die vermeintliche Natur des Menschen, die für viele als eigentliches Übel eine andere Gesellschaft verhindert. In diesem Zusammenhang wäre die oft gestellte Frage zu beleuchten, wer in dieser neuen Gesellschaft schließlich die Drecksarbeit machen soll. Über das Empfinden von Gleichheit, Gerechtigkeit und die Rechtsform wäre zu reden, über das Patriarchat, über die Arbeit, über Energie und Produktion, über Bedürfnisse, über das Für und Wider einer Weltgesellschaft, über Theorien und Praxen und nicht zuletzt über die vielschichtigen Dilemmata unserer gegenwärtigen Weltlage.




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Hagen
18.03.2010

Kommentare

  1. Was für verkopfte Allgemeinplätzchen Sie doch backen können. Geht es auch etwas verständlicher? Nicht das mich Ihr Kommentar intellektuell überfordern würde, aber von solch gewollt schlau klingenden Texten wende ich mich meist mit Grauen ab. Versuchen Sie doch mal ein wenig lockerer, entspannter und humorvoller aufzutreten, sofern Sie dies können.

    Bert - 19.03.2010, 06:24

  2. Hallo Bert, bist Du ein lockerer, entspannter und humorvoller Typ? Dein Kommentar klingt nicht so. Wenn Du nicht überfordert bist ist doch eigentlich alles gut.

    Auch wenn der Hagen hier für mich keine neuen Gedanken äußert, so klingt sein Text keinesfalls gewollt schlau, finde ich. Hagen selbst spricht ja von groben und wenig konkreten Überlegungen und allein die Tatsache dass er das tut ist schon lobenswert. Für meine Begriffe ist dies weder grob noch unkonkret, die wesentlichen allgemeinen Fragen sind genannt. Allerdings, und das ist mein Problem, ist die Welt voll mit guten Gedanken, zu den wesentlichen Problemen unserer Gesellschaften gibt es Lösungsansätze, wir brauchen eigentlich keine neuen Ideen, es wäre schon viel gewonnen, wenn die vorhandenen Ideen auch nur ansatzweise zum Tragen kämen. Auch das ist jetzt sehr allgemein, aber über Themen wie Machtstrukturen, Wertevorstellungen, Bildungshoheiten, Demokratie, um nur einige zu nennen, kann man ja reden... allein durch Reden ändert sich aber nichts.

    PS an Hagen:
    Gott hat nie irgendetwas geregelt, es waren immer Menschen, die ihn ge- bzw. missbraucht haben, und dies immer noch tun! Gott und somit Religion, und zwar jede! war und ist selbst nichts anderes als Fetisch. In diesem Zusammenhang wäre es ein Segen, wenn er sich in Luft aufgelöst hätte, der liebe Gott, hat er aber nicht.

    Ralf Thielken - 19.03.2010, 12:44

  3. Sehr geehrter Herr Thielken, ich habe gelächelt als ich meinen Eintrag verfasste. Und ja, ich bin lustig, locker und humorvoll. Dies soll jetzt hier aber keine Kontaktanzeige werden.;-)

    Bert - 19.03.2010, 17:00

  4. Hallo Bert, da bin ich aber froh, hatte bis eben keinen Zugang zum Internet und die ganze Zeit über die ärgsten Gewissensbisse ob meines Kommentars … aber nun ist ja alles gut…
    obwohl, so ganz sind meine Zweifel noch nicht beseitigt: Nicht das Grauen, aber ein komisches Gefühl befällt mich immer bei so viel vermeintlichem Selbstbewusstsein: Intelligenz, Humor, Lockerheit - also falls man mich da zu meiner Person fragte, wäre ich mir nicht so sicher… Allerdings, mit diesen Eigenschaften gesegnet sollte es doch möglich sein, auf einen viele Sachlichkeiten benennenden Text eben so sachlich zu reagieren, stattdessen werden Förmlichkeiten bemängelt…
    Nun denn, bei der Gelegenheit noch mal zurück zu Hagen: Für mich der interessanteste Aspekt seines Textes: „…daß wir Menschen uns in ihr (Gesellschaft) direkt aufeinander beziehen, kein gemeinsames Drittes, keinen Fetisch mehr dafür benötigen, sondern daß wir uns gemeinsam bewußt machen, was wir brauchen und wie wir uns die Befriedigung unserer Bedürfnisse organisieren...“
    Können wir Menschen das überhaupt? Wenn nicht, jedenfalls derzeit (was ich annehme), können wir es lernen? (was ich ebenfalls annehme).
    Das ganze ginge über eine Kontaktanzeige weit hinaus, Bert, und was spricht eigentlich dagegen?
    fragt

    Ralf Thielken - 22.03.2010, 15:21