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Aus neutraler Sicht von Albert Jörimann "Armut"

[29. Kalenderwoche] Das Hilfswerk der katholischen Kirchen in der Schweiz heisst wie in anderen Ländern Caritas. Es liefert regelmäßig vor Weihnachten einen relativ ausführlichen Bericht zu einer sozialen Problemlage. Im letzten Jahr ...

... gab es einen Armutsbericht; darin schrieb die Caritas, dass in der Schweiz 20% der Bevölkerung arm seien. Halt, Stopp: von Armut betroffen, muss es natürlich heissen. In der Tat: Was würden wohl die Leute in den echten Slums echter Entwicklungsländer von einer solchen Aussage halten: 20% der Menschen in der Schweiz sind arm? Das ist nun einfach offensichtlicher Blödsinn, und die verkorkste Formulierung «von Armut betroffen» gibt wohl eher das schlechte Gewissen der Autoren wieder, einen solchen Nonsense-Slogan in die Welt gesetzt zu haben, als dass er begrifflich auch nur einen Millimeter präziser wäre. Nein, meine Damen und Herren: In der Schweiz gibt es keine Armut, soviel kann ich in meiner Eigenschaft als neutraler und objektiver Beobachter bestätigen. Das heißt ja nun noch nicht, dass alle Menschen gleich viel Geld zur Verfügung hätten oder auch, dass es keine Notstände gebe – die gibt es sehr wohl, aber all das hat nichts zu tun mit Armut. Außer man würde die Armut sehr, sehr relativ definieren. Dann wäre zum Beispiel arm, wer sich nicht mindestens zwei Mal im Monat Rinderfilet mit Straußeneiern leisten kann, oder jemand, der sich im Jahr nur vier Paar Nike-Turnschuhe für die Kinder leisten kann anstatt zwanzig. Unter diesen Umständen kämen wir vielleicht auf unsere 20 Prozent Armutsbetroffenen. Es gibt natürlich Menschen, welche in unserem Land leben und keine Aufenthaltsbewilligung haben und somit auch kein Anrecht auf staatliche Unterstützung; hier bin ich allenfalls noch bereit, den Armenstatus einzuräumen, denn wer kein Geld hat, ist per Definition arm. Aber diese Grenzfälle haben mit anderen Faktoren zu tun, mit der Ausländergesetzgebung und mit der globalen Migration, und deshalb bin ich nicht bereit, aus diesen paar tausend Einzelschicksalen auf eine Armut in der Schweiz zu extrapolieren, und zwar erst noch im Umfang von 20% der Bevölkerung.

Der Caritas aber scheint dies irgendwelche sozialpolitischen Vorteile zu bringen, sonst würde sie damit ja kaum operieren. Den Mechanismus kann man ungefähr nachbauen: Die Caritas appelliert in etwa im gleichen Ausmaß ans schlechte Gewissen, wie zum Beispiel das US-amerikanische Hilfswerk World Vision an das schlechte Gewissen der, na ja und halt eben reichen SchweizerInnen appelliert; das bereitet den Boden für die Öffnung weniger der Köpfe als vielmehr der Geldbeutel, sodass individuell und auch beim Staat Mittel für die Armutsbekämpfung, genauer: für die Caritas und eben für World Vision frei gemacht werden. Es ist ja für einen guten Zweck, werden sich die Leute von der Caritas sagen, ich aber halte dagegen: Wenn ich für einen guten Zweck den Menschen saudummen Quatsch erzählen muss, dann ist der gute Zweck zum Vornherein verfehlt, indem ich eben den Menschen saudummen Quatsch als Wahrheit verkaufe. Das kann ja nun nicht der gute Zweck der modernen Gesellschaft sein; vielmehr befinden wir uns hier geradezu in einer Kernsphäre, die es zu modernisieren gilt. Wenn man bitte endlich aufhören würde, den Menschen Quatsch und Unwahrheiten zu verklickern, wäre mindestens mir schon ganz enorm viel geholfen.

Bei World Vision dagegen sind wir mit höchster Wahrscheinlichkeit mit der Speerspitze des christlichen Fundamentalismus konfrontiert. Während sich die Weltkirchen in vornehmer Zurückhaltung und beispielhafter Toleranz üben, versuchen christliche Hilfswerke, die Mission mehr oder weniger auf privater Basis rund um die Welt zu tragen. Aber dies nur nebenbei.

Ich nenne an dieser Stelle immer wieder die Politik ein Theater, und in der Tat passen solche Argumente wie das der Armut ausgezeichnet ins politische Theater. Die Akteure wissen eigentlich sehr genau, dass sie Vollstuss erzählen; aber die Gegnerseite wagt nicht, den Stuss als solchen zu entlarven, weil sie Gefahr läuft, mit einem brüllenden Aufschrei aller gutmeinenden Deppen als asozial gebrandmarkt zu werden; und die BefürworterInnen, welche sich als Armutsbekämpfer profilieren und sich die entsprechenden Heiligenscheine ums Haupt und um ihre eigene Identität winden, kennen ebenfalls im Detail die Mechanismen, welche anlässlich der nächsten Sitzung dieses und jenen Sozialausschusses die Vorbereitungsarbeiten für die nächste Budgetdebatte im National- und Ständerat leisten, wo das ganze Armutsargument dann eben seine Wirkung entfaltet, die dann zwar jeweils relativ bescheiden ist, aber immerhin schon dafür sorgt, dass das unterste Quintil der Bevölkerung dann halt doch wieder seinen Teuerungsausgleich erhält.

Diese Mechanismen sind echt oberdoof. Wieso kann man denn nicht einfach ein für allemal die Armut als ausgerottet erklären und sich gleichzeitig darauf verpflichten, den ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung eine substanzielle Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu verschaffen? Dafür muss man die Unterschicht doch nicht zuerst als Elendsschicht definieren, wo sies doch nicht ist und trotzdem Anspruch auf bessere Zustände hat. Zu einer solchen Verbesserung gehören die Bereiche Wohnen und Ernährung ebenso wie der Zugang zu den modernen Kommunikationsmitteln, Ferien und auch eine erleichterte Aus- und Weiterbildung, wobei ich hier etwas im Zwiespalt bin; die Erfahrung zeigt, dass die sogenannt Ärmsten, welche nun also per Definition nicht mehr arm wären, halt auch am wenigsten Bock haben, sich aus- und weiterzubilden. Das wiederum ist durchaus kein Weltwunder, denn sie haben wiederum aus der Erfahrung gelernt, dass der Zugang zu sozialen Chancen, soweit er sich über Bildung eröffnet, halt für die anderen vier Fünftel der Gesellschaft reserviert ist.

Und in diesem Zusammenhang komme ich nicht umhin, eine andere Feststellung beziehungsweise Forderung wieder aufzuwärmen: Das Phänomen verwahrloster Vorstädte bildet in vielen entwickelten Ländern eine Begleiterscheinung des durchschnittlichen Reichtums. Für eine wirklich demokratische Auffassung der Verhältnisse liegt hier eine der größten Empörungsquellen begraben. Gerade diese Leute müssen unbedingt ausgebildet werden, gerade sie müssen obligatorisch an so etwas wie eine gesellschaftliche Partizipation herangeführt werden. Und dafür gibt es nun einfach nur zwei Möglichkeiten: Das erste liegt im Umfeld, wo die betroffenen Quartiere halbwegs saniert werden müssen, egal, ob sich das nun auf die Gebäude bezieht oder auf die soziale Organisation, vor allem, wenn sich bereits kleinere oder größere Privatarmeen oder Gangs gebildet haben. Das zweite bezieht sich auf das Bildungswesen: Ich begreife schlicht und einfach nicht, weshalb in diese Schulen nicht absolute Elite-Lehrpersonen abgeordnet werden, welche neben dem pädagogischen Rüstzeug auch enorme soziale Kompetenzen und zur Not halt auch eine Karateausbildung mitbringen müssen. Wenn schon die Bundeswehr Spezialtruppen aufstellt, müsste das doch im pädagogischen Bereich auch halbwegs machbar sein? Und diese Personen erhalten dann das doppelte Salär einer durchschnittlichen Lehrperson und dazu alle 5 Jahre ein halbes Jahr Sonderferien. So einfach ist das. Stattdessen passiert aber genau das Gegenteil, indem man nämlich neben ein paar versprengten Idealistinnen ausgerechnet die leistungsschwächsten Lehrpersonen in solche Gebiete mehr oder weniger strafversetzt. Das halte ich wirklich für skandalös.

Die Nicht-Teilhabe an der modernen Gesellschaft wird sich mit solch einer Maßnahme nicht von einem Tag auf den anderen auflösen. Abgesehen davon ist es ja auch mit der Teilhabe der anderen Bevölkerungsschichten nicht besonders weit her, wenn man sich das Ganze genauer ansieht. Ob man in einer parlamentarischen Demokratie lebt wie in Deutschland, in einer Präsidialdemokratie wie in Frankreich, in einem demokratischen Alptraum wie in Italien oder in einer direkten Demokratie wie in der Schweiz, so oder so sind die Subjekte der Demokratie kaum einmal in der Lage, ihre Situation zu erfassen und dementsprechend politische Vorgaben zu formulieren, weil sie ja kaum einmal über die effektiven Verhältnisse aufgeklärt werden, zuallerletzt von der antiimperialistischen Linken, welche unablässig ihre alten Märchen abspielt, oder von den Armutsapologeten. Und so finden die wirklichen Umwandlungsprozesse unserer Gesellschaften ausgerechnet dort keine Unterstützung oder Vorgaben, wo eigentlich die Sphäre dieser Form von Planung läge, nämlich eben im Politischen, und zwar egal ob innerhalb oder außerhalb des Parlaments. So werden die wirklichen Gegenwartsfragen noch nicht einmal wirklich gestellt, einmal abgesehen von der Machtfrage, welche aber in der Regel nur mit einfachen und oberflächlichen Antworten auf Parolen reduziert wird. Eine Diskussion darüber jedoch, wie in einer modernen Gesellschaft, in der die Produktion voll automatisiert abläuft und nur noch einer Handvoll von Menschen in Produktion und Forschung und Entwicklung Arbeit verschafft, ein neues Paradigma aussehen müsste, das nicht mehr um die Lohnarbeit kreist, diese Diskussion findet gar nicht erst statt. Dabei ergäben sich aus diesen Gesprächen genau die elementaren Hinweise auf die spezifischen Schwachstellen unserer Gesellschaft im Hinblick auf die Zukunft. Wenn nämlcih die Menschen allgemein gar nicht in der Lage sind, ein Leben außerhalb von normierten Arbeitsalltagen zu führen, dann gibt es zweierlei Ansätze: Erstens wiederum Schulung und Bildung, mit denen diese Menschen solche Fähigkeiten zunächst mal erlernen können oder eben auch müssen. Zweitens gibt es ja auch Möglichkeiten, Arbeitsabläufe oder Tagesstrukturen so zu gestalten, dass die ganze Gesellschaft und das Individuum gleichermaßen davon profitieren, ob dies nun im Rahmen sozialer Tätigkeit sei oder wiederum über ein angewandtes Studium oder was auch immer, bleibt zunächst offen und egal.




Albert Jörimann





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17.07.2007

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