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Aus neutraler Sicht von Albert Jörimann "Subprimekrise"

[31.Kalenderwoche] Die Tochtergesellschaft der Kreditanstalt für Wiederaufbau IKB verliert offenbar in den USA rund 5 Mrd. EUR im Subprime-Hypothekargeschäft. Was war denn hier los?, und noch weiter gefragt: Was ist in den USA los mit ...

... den Subprime-Hypotheken? Subprime heißt im vorliegenden Fall so etwas wie nicht erstklassig; für meine Ohren tönt es aber verdammt ähnlich wie Suboptimal. Was führt denn eine Bank dazu, massiv Geld in suboptimale Anlagen zu pumpen? – Na, wahrscheinlich die einfache Geldgier, welche man Banken grundsätzlich nicht unterstellen sollte, denn Banken machen ihr Geschäft mit Geld und Kapital, da können sie sich Geldgier als oberstes Geschäftsprinzip nicht leisten – siehe die Subprimekrise. Vielmehr ist diese Sorte der Geldgier durchaus nichts Neues unter der Sonne. Hohe Zinsen für schlechte Bürgschaften oder schlechte Garantien, dieses Spiel hats schon ewig gegeben und gibt es auch weiterhin, allerdings vor allem in den Armutsvierteln von Entwicklungsländern oder aber im kriminellen Milieu. Genau davon heben sich die normalen Banken ab. Eine durchschnittliche Bank erzielt ihre Gewinne aus Zinsdifferenzen, Anlageerträgen, soweit sie selber investiert, und aus Kommissions- und Gebühreneinnahmen. Die Zinsdifferenz hängt justament von der Bonität der Bank ab, also ob ihre Geschäfte genügend abgesichert sind; dafür werden die Institute von Ratingagenturen eingestuft, und je höher sie eingestuft sind, desto billiger kommen sie zu Geld und können somit ihre Zinsdifferenz ausdehnen, wobei umgekehrt die Zinsen für erstklassige Darlehen auch von Bankenseite tiefer sind als für weniger gut besicherte. Eine erstklassige Bank sollte also grundsätzlich nicht mal ins Umfeld von Subprimeproblemen kommen.

Aber dafür gibt’s offensichtlich Tochtergesellschaften wie eben die IKB für die Kreditanstalt für Wiederaufbau. In den Vereinigten Staaten selber scheinen eher spezialisierte Institutionen oder Nichtbankinstitute betroffen zu sein; hier haben die Spekulationslust oder auch überschüssige Geld- und Kapitalbestände dazu geführt, dass der gesamte Liegenschaftensektor überbewertet wurde, und wenns dann halt kracht, krachts zuerst bei den suboptimalen Schuldnern, und das liest sich hier dann als Subprime-Hypothekarkrise, von der man immer noch nicht weiß, ob sie nicht auf andere Sektoren übergreift. Allerdings haben die überschüssigen Liquiditätsbestände bereits weitere Auswirkungen gehabt, nämlich einerseits eine unerhörte Welle von Firmenkäufen und Fusionen im Jahr 2006 und weiter ins Jahr 2007 hinein, wo sogar absolute und relative Rekorde aufgestellt wurden, als die Subprimekrise bereits in aller Munde war. Treibende Kräfte hinter diesen Übernahmen waren in der Mehrheit private Kapitalfonds wie Kohlberg Kravis Robert oder Cerberus Capital Management, welche bekanntlich Chrysler gekauft hat, also die klassischen Agenten des reinen Finanzkapitals, welche sich einen Deut um den industriellen Wert der Unternehmen scheren, sondern nur die Kapitaloptimierung vorantreiben. Dies funktioniert prächtig in einem Markt, in dem eine Übernahme die Voraussetzung für die nächste schafft, wo also Kapitalerträge zunehmend spekulativ werden, während die Grundwerte sich sozusagen normal weiter entwickeln. Normal heißt für diese Zeit aber auch, dass die Unternehmen hohe Gewinne erwirtschafteten, welche sie nicht rentabel in den normalen Ausbau des Geschäfts investieren konnten, weshalb sie eben jenen Teil an Übernahmen tätigten, für welchen nicht die Private-Equity-Schlaumeier sorgten, und anderseits kauften sie eigene Aktien zurück, was sozusagen den inneren Wert dieser Unternehmen aufpumpte, sich aber ansonsten nicht weiter auf den Gang der Wirtschaft auswirkte.

Aber immerhin ist dies eines der Kennzeichen der letzten Zeit: Überbordende Gewinne, aber keine Ausdehnung des Kapitals – mindestens nicht auf den entwickelten Märkten des Nordens. In solchen Situationen dienen die Immobilienmärkte immer gerne als Puffer, denn wer kann schon exakt den Wert einer Liegenschaft bestimmen? Rein versicherungstechnisch gesehen unterscheidet man schon zwischen Neubauwert, Zeitwert, Verkehrswert und Ertragswert, mindestens bei uns, und wenn man mal den Neubauwert beiseite lässt, der ja nur die vermutlichen effektiven gegenwärtigen Baukosten beschlägt, dann kann man bei den verbleibenden Parametern durchaus Abweichungen von 100% erzielen, ohne dass man dafür wegen kreativer Buchhaltung ins Kittchen wandert. Das war ja auch ein Teil des Problems bei der Vereinigung Deutschlands, nämlich dass hier Gelder geflossen sind, welche sich dann später als zu wenig besichert erwiesen; aber ich gehe davon aus, dass diese Frage unterdessen halbwegs bereinigt ist. In den Vereinigten Staaten umgekehrt dauert sie nun schon so lange an, eben beinahe schon ein Jahr, dass sogar ausgewiesene Börsengurus wie z.B. Jim Rodgers, dessen Namen ich im Übrigen noch nie zuvor gehört habe, jetzt von einer riesigen Spekulationsblase im Immobiliensektor im Besonderen und auf den Finanzmärkten im Allgemeinen sprechen. Dies erscheint nun wiederum mir eher suboptimal. Denn das Problem der großen Gewinne ohne Möglichkeit der Reinvestition betritt die Bühne nicht isoliert, sondern wird begleitet von einem unerhörten Wachstum auf den Schwellenländern, und zwar eben nicht einfach von einem Wachstum der Produktion, sondern von einer zunehmenden Inlandnachfrage. Die Schwellenländer haben ihre Schwellen definitiv überschritten. Jetzt sind die Themen eben Inlandkonsum, angefangen bei den Handies und Automobilen, aber zunehmend auch im Bereich Gesundheitswesen, der überhaupt zum Leitsektor des neuen Jahrhunderts geworden ist, und dann in erster Linie im Bereich der Infrastrukturen. Tatsächlich hat die Gesundung der maroden Volkswirtschaften in Ländern wie Brasilien oder auch Ägypten dazu geführt, dass jetzt nicht mehr einfach eine korrupte Schicht lokaler Schweinehunde sämtliche halbwegs sicheren Vermögenswerte verprasst, sondern eben echte Investitionen in das Land zulässt; die gleichen korrupten Schweinehunde haben wahrscheinlich in einem gewaltigen Lernprozess begriffen, dass sie ihren Reichtum durchaus auch vermehren können, indem das Land funktioniert, wenn sie sich nur rechtzeitig am Wachstum selber beteiligen. Das ist die echte Schwelle zwischen einem Entwicklungs- und einem entwickelten Land, und wie gesagt, die scheint jetzt in vielen Schwellenländern definitiv überwunden zu sein. Ganz abgesehen von den drei Riesen Indien, China und immer stärker auch Russland, deren politische, vor allem aber wirtschaftliche Dynamik die Dominanz der US-Amerikaner auf den Weltmärkten längstens untergraben hat. Das Überschießen der weltweiten Kapitalbestände hat natürlich auch mit den Kapitalflüssen nach und von diesen Wirtschaftsräumen zu tun. Wenn man einmal als theoretische Schätzung annimmt, dass zu den sogenannt realen Kapitalbeständen in den Unternehmen noch rund 30% überschüssiges Finanzkapital für die Erleichterung von Handelsflüssen, die Finanzierung zukünftigen Wachstums usw. usf. kommen, dann kann man sich ungefähr vorstellen, welcher Bedarf an Finanzkapital da für die neuen Wirtschaftsriesen besteht. Solange es hier nicht zu einem explosionsartigen Rückschlag kommt, sind die aufgeblähten Finanzbestände eben absolut gesehen nicht übertrieben; sie sind bloß noch nicht am richtigen Ort.

Natürlich kommen dazu politische Risiken. Den US-Amerikanern passt das wohl kaum, dass ihnen die Felle davon schwimmen; als letzte Option bleibt ihnen das Militär, das allerdings ziemlich gefährlich aussieht, aber für die Kontrolle der Welt reicht es nun mal schlicht nicht aus, wie der Fall Irak zeigt. Kaum steckt man mal irgendwo auf der Welt in der Mausefalle, schon tanzen die Mäuse im Hinterhof, Hugo Chavez verstaatlicht die Erdölindustrie, Ecuador und Bolivien ziehen nach, sodass, wenn Fidel Castro jetzt dann endlich ins Gras beißt, das Ziel des Che mit anderen Mitteln fast in greifbarer Nähe erscheint. Im Inneren der USA hat man den Eindruck, man könne von einem hoch entwickelten Land mit Spitzentechnologien und unbestreitbarem allgemeinem Wohlstand plötzlich wieder in ein Entwicklungsland zurückfallen, mindestens streckenweise, weil offenbar die Infrastrukturen streckenweise völlig vernachläßigt wurden, und ich meine jetzt nicht nur diese famose Brücke über den Mississippi oder die erheblichen Mängel, die anlässlich der Überschwemmungen vor zwei Jahren an den Tag getreten sind, sondern in erster Linie wiederum die Schule als prominenten Faktor der Gleichberechtigung, der gleichen Chancen für alle Einwohnerinnen und Einwohner. Es ist schon stark widersprüchlich, dieses Land, weshalb wohl auch die Subprimekrise im Hypothekarsektor derart ausgeprägt ist; wie gesagt handelt es sich um schlecht besicherte Hypotheken, die höhere Zinsen abwarfen und vor allem an die ärmeren Menschen vergeben wurden, welche dann in jenem Zeitpunkt, in dem die Ausleihungsbedingungen verschärft werden, ihre Hypothekardarlehen nicht mehr zu halten vermögen und anderseits auch keine Käufer für ihre lumpigen Immobilien finden. Jetzt wäre natürlich die ideale Gelegenheit, um den alten Standard «Zuerst triffts immer die Ärmsten der Armen» wieder los zu werden, der aber vorliegendenfalls nicht stimmt, da die Ärmsten der Armen in der Regel keine Häuser besitzen, die erhalten noch nicht mal Subprime-Hypotheken. Dass es aber natürlich konkret viele ärmere Menschen betrifft, ist zweifellos erstellt; anderseits kann man davon ausgehen, dass mit den Betroffenen neue Verträge ausgehandelt werden, bei denen beide Seiten, also auch die Hypothekarbanken, Federn lassen müssen, worauf aber das Wohnglück zu beider Seiten Zufriedenheit oder Unzufriedenheit weiter geht, denn an ein paar hunderttausend unverkäuflichen Immobilien haben auch die übelsten Schuldeneintreiber kein Interesse. Und wenn sich der Markt von der Krise erholt, wird die Kreditvergabe wohl ein paar Jahre lang etwas sorgfältiger geprüft, was für den Gesamtmarkt nur von Vorteil sein kann.

Wie aber europäische Banken dazu kommen, sich in einem Umfang in dieses Schlamassel zu stürzen wie die IKB, das ist ein Rätsel. Wenn IKB wirklich der Arm für Sondergewinne auf Teufel komm raus der Kreditanstalt für Wiederaufbau war, dann sollte man die Kreditanstalt für Wideraufbau liquidieren; sowas darf sich keine Bank leisten. Vermutlich fand aber das Engagement der IKB nicht so direkt statt, sondern über Beteiligungen an entsprechenden US-amerikanischen Instituten und Finanzinstrumenten wie den Collateralized Debt Obligations, den von den zuständigen Finanzinstitutionen gemeinsam abgesicherten Schuldverschreibungen aus diesem Bereich; da hat die IKB dann halt Pech gehabt, und die Kreditanstalt für Wiederaufbau sollte man trotzdem irgendwie maßregeln, wie dies im Moment im BAWAG-Prozess in Wien der Fall ist. Insgesamt aber haben diese Subprimeprobleme mittel- und langfristig weder schwerwiegende Auswirkungen auf das Finanzkapital, noch befinden wir uns in einer Investitionsblase. Wir befinden uns in einer ganz gewaltigen strukturellen Verlagerung, dies wohl, und dabei kommt es logischerweise zu Bereinigungen, und es mag auch zwischendurch mal zu echten Krisen kommen; die werden aber nicht von suboptimalen Krediten ausgelöst, sondern von Ungleichgewichten im Welthandel, und, was die entwickelten Länder selber angeht, von ihrer Unfähigkeit, ihre Gesellschaften mit modernen Strukturen anzupassen, welche nicht mehr auf dem alten Schauspiel einer Industriegesellschaft beruhen. Aber diesen Song singe ich an dieser Stelle ja seit Jahr und Tag.



Albert Jörimann





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07.08.2007

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