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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Huawei

Müssen wir uns jetzt im Ernst Gedanken machen über den chinesischen Telecom-Produzenten und -Dienstleister Huawei?



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> Download Laut der Neuen Zürcher Zeitung, die sich ihrerseits auf einen Bericht des ARD-Hauptstadtstudios stützt, warnen deutsche Sicherheitsbehörden vor einer Beteiligung von Huawei am Aufbau des G5-Netzes, weil sie befürchten, Huawei könne auf Geheiß der Regierung quasi Hintertüren in die Technologie einfügen, die für Spionage und Sabotage genutzt werden können. Ich erinnere mich, in einem anderen Artikel gelesen zu haben, wie die Hersteller von Mobiltelefongeräten, zufälligerweise war die Rede dabei von Huawei, ganz problemlos Spionage-Chips einbauen könnten, welche auch von Experten kaum zu entdecken seien und die sämtliche Inhalte und Aktivitäten des Telefons, also vorderhand immer noch seiner Besitzerin und Benützerin, nehme ich an, auf geheime Art und Weise an die Betreiberin weiterleite, also eben Huawei, immer Huawei und nur Huawei. Was muss ich davon halten?

Erstens finde ich es unverschämt, dass ich von den deutschen Geheimdiensten und nachfolgend von den Medien in dieser Sache als Experte ange­sprochen werde. Ich habe nun mal keine Ahnung von Mobiltelefonie, ich könnte hier als von Natur aus witziger Charakter sagen: So wenig wie Deutschland und die Deutschen selber, mindestens in der Fläche, wo bei euch offenbar weiterhin nur der G3-Standard Praxis ist, von dem ich wiederum nur weiß, dass er um Quantensprünge tiefere Datenmengen durchlässt als der G4-Standard; in den Städten wiederum ist der G4-Standard dann wohl schon ein Standard, und damit werden trotz der Entwicklungsrückstände doch drei Viertel der Bevölkerung in den Genuss des leistungsstarken Standards kommen. Davon abgesehen ist es mir rätselhaft, wie ihr es in Deutschland schafft, dass der Marktführer und ehemalige Staatsbetrieb Deutsche Telekom bei der Privatisierung nicht mit dem Auftrag ausgestattet wurde, das ganze Land flächendeckend mit Glasfaser und mit modernster Mobiltelefonie-Technik auszustatten; aber das muss ich im neutralen Ausland ja auch nicht wissen, ich kann es stattdessen ins gleiche Kapitel abschreiben wie den Verkauf der Anteile der Berliner Wasserwerke im Verbund mit dem Versprechen damals, die Preise würden nicht steigen, und es würde kein Personal entlassen. Aber Berlin hat diese Anteile ja jetzt wieder zurückgekauft. Also, geschätzte Mitmenschen und Intensivtelefonantinnen in Deutschland, holt euch jetzt auch die Deutsche Telekom zurück und zwingt sie zum Bau der entsprechenden Infrastrukturen! Und anschließend könntet ihr noch die Deutsche Bahn verstaatlichen und zur Erbringung der vorgeschriebenen und gemäß Fahrplan angekündigten Leistungen zwingen. Ja, das wäre mal eine Forderung: Verstaatlichung der Deutschen Bahn, und zwar subito!

Aber zurück. Es kommt also der 5G-Standard, der nochmals mehr Daten durchlässt, und zwar so schnell, dass man praktisch alle Informationen in Echtzeit zur Verfügung hat, was vor allem in der Produktion seine Bedeutung hat, wenn ich das richtig verstanden habe, denn der ständige Konsum von Fernsehserien wird wohl kaum die treibende Kraft hinter der Entwicklung des neuen Standards gewesen sein. Diese Neuerung könnte man, bevor man von Spionage spricht, als solche mal diskutieren, finde ich, denn sie erlaubt offensichtlich zu weiten Teilen die Spiegelung der Realität in Echtzeit in der virtuellen Welt. Mit ihr wechselt die Virtual Reality von einem Spiel- oder Demo-Modus in den Real-Modus. Fragt mich bloß nicht, was das für Auswirkungen hat, eine Tatsache ist es sowieso.

Erneut ist eine Voraussetzung für das flächendeckende Funktionieren dieser Technologie das entsprechende Übertragungsnetz. Ich nehme nicht an, dass sich all die Billionen an Datenpaketen individuell auf die Reise durch eine Funkstrecke machen. Auch sie müssen gebündelt werden und durch superpotente Leitungen zum Abnehmer geleitet und gegebenenfalls auf Servern gespeichert werden. Falls die Speicherung tatsächlich zur Regel wird, müssen allerdings die entsprechenden Kapazitäten vertausendfacht werden. Ganz problemlos wird das nicht von sich gehen, auch wenn man in der Speichertechnologie ähnliche technische Fortschritte erzielt wie in der Übertragungs­technologie und bei den Smartphones. Aber immerhin.

Hier sehe ich schon mal eine echte Hürde für alle geheimen Spionageversuche direkt im Gerät. Es reicht ja nicht, wenn das Smartphone Inhalte und Aktivitäten nicht nur im normalen Ablauf in die Cloud stellt und ins Netz abgibt, sondern daneben über die Geheimchips der Chineserer auch noch geheim sammelt; diese Geheimdokumentation muss dann ja auch noch irgendwie an den chine­si­schen Geheimdienst gelangen, es müsste also eine unentdeckte, parallele Übertragung stattfinden auf Server, zu welchen der chinesische Geheimdienst Zugang hat. Das erscheint mir nun aber rein logisch ein kompletter Stumpfsinn. Wenn schon, dann hat der chinesische Geheimdienst direkten Zugriff auf die Leitung und die Server. Diese Sorte von Löchern und Zugängen versucht nun mit Sicherheit nicht nur jeder Geheimdienst auf der Welt, sondern in erster Linie die Telecom-Unter­nehmen selber zu schaffen und auszunützen, sozusagen eine Ebene unterhalb von Facebook und Google. Gleichzeitig versuchen die Betroffenen auch, ihre eigenen Netze vor den entsprechenden Löchern und Zugängen zu schützen. Wenn also die Beteiligung von Huawei am Aufbau des 5G-Netzes die entsprechende Gefahr von Seiten der Chinesererinnen erhöht, dann muss man eben die Aufmerksamkeit und die Abwehrdispositive erhöhen; davon abgesehen wird die Beteiligung von Huawei ja auch eine eigene Logik haben, namentlich im Bereich Netzwerktechnologie: Die sind vielleicht einfach besser als die Deutsche Telekom oder France Télécom oder Vodafone? – Beziehungsweise die Amerikaner von Cisco, und dann gibt es auch noch andere wie z.B. Nokia. Es mag sogar sein, dass sie so gut sind, dass der US-amerikanische Geheimdienst ihre Technologie nicht knacken kann, im Gegensatz zur Netzwerktechnologie von Cisco, die bekanntlich vom Geheimdienst grad selber entwickelt wurde. Vielleicht ist dies die Aussage der verschiedenen Mahnungen in letzter Zeit, unter anderem eben vom deutschen Geheimdienst, der im Übrigen laut dem gleichen NZZ-Artikel noch anfügt, dass es bisher gar keine Hinweise auf entsprechende Hintertürchen gebe. Andere Fachleute fügen hier an: Ganz im Gegensatz zu, eben, der US-amerikanischen Cisco. Gewarnt wird trotzdem, sozusagen auf Vorrat, unter anderem vor einem Kill Switch, also einem elektronischen Schalter, mit dem man das ganze Netz lahmlegen kann; aber immer nur der Chineserer, versteht sich, niemals der US-Amerikanerer. Es wird sogar so laut gewarnt, dass laut NZZ die Bundesregierung ein Gesetz zur Telekommunikation plant, mit dem sie Huawei, und immer nur Huawei, ganz aus dem Markt werfen kann. Es sollen nur Anbieter berücksichtigt werden können, bei denen sichergestellt ist, dass der Staat keinen Einfluss auf die Technologie nimmt. Ich hoffe, dass ihr in Deutschland den Karneval abschafft, wenn euch die Geheimdienste derart blöde Späße frei Haus liefern. Der Staat nimmt überall Einfluss auf die Technologie, die Geheimdienste hören seit zirka vierzig Jahre die Telefone und seit zirka zwanzig Jahren die digitale Telefonie ab, und zwar flächendeckend, ihr dummen Arschzapfen, das wissen wir schon längst, also hört doch mit diesem Gebrabbel auf, das uns zuerst scheinbar als Experten anspricht und dann als, na, wie sagt man das jetzt unter Wahrung eines Rests von politischer Korrektheit: als geistig minderbemittelt behandelt?

Das ist vielleicht das Ärgerlichste am Ganzen: Ich verstehe keinen Deut von dieser Technologie, aber es reicht trotzdem, um zu erkennen, wie mich die Geheimdienste und insonderheit die PR-Maschine der USA und ihrer Filiale, nämlich der Bundesnachrichtendienst veräppeln. Die Huawei-Kampagne ist pure antichinesische Propaganda.

Wie immer füge ich gleich an, dass ich damit nicht den geringsten Zweifel daran habe, dass die Chinesinnen alles daran setzen, möglichst viele nützliche Informationen über alle denkbaren und undenkbaren Kanäle zu erhalten, zu stehlen und so weiter. Ihr technologischer Aufstieg erscheint mir ohne massiven Diebstahl, vor allem an technischem Wissen als praktisch unmöglich. In einem Nebensatz will ich anfügen, dass der massivste Diebstahl nichts nützt, wenn er von Leuten getätigt wird, die damit nichts anfangen können, und die Chineserinnen haben offensichtlich etwas damit angefangen, was mir erneut große Hochachtung abnötigt. Und dann kommt die andere Ergänzung: Niemand auf dieser ganzen schön runden Welt ist nicht auf Spionage und Informationsdiebstahl aus, und führend in diesem Belang sind mit Sicherheit nicht die Chineserinnen, sondern die Vereinigten Staatinnen.
Letzte Woche habe ich einen Bericht der US-amerikanischen Nachrichtenagentur Reuters gelesen von CIA-Abhöragentinnen, welche vor zehn Jahren nach ihrem Abgang von der CIA, aber mit Sicherheit in derem Auftrag in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Überwachungsnetz aufgebaut haben, in erster Linie zur Erlangung von Informationen über den Islamischen Staat, aber daneben immer mehr auch über Oppositionelle und Kritikerinnen im In- und im Ausland, zum Beispiel den VAE-Bürger Ahmed Mansur oder den Engländer Rori Donaghy. Dabei benutzten sie unter anderem ein Hacking-Tool mit dem Namen Karma, mit dem man die iPhones von BenutzerInnen auf der ganzen Welt knacken kann. Erinnert sich vielleicht noch jemand an die Spiegelfechtereien von Apple gegenüber den US-amerikanischen Geheimdiensten über den Zugang zu den iPhones, wo Apple die entsprechenden Informationen einfach nicht rausrücken wollte? Man musste schon damals vermuten, dass das alles Theater für die Öffentlichkeit war, sozusagen ein kleiner Teil des größeren Demokratietheaters, aber jetzt liegt es mit diesem Reuters-Bericht offen auf der Hand. Er bezieht sich übrigens auf das Jahr 2016. Und man darf davon ausgehen, dass die CIA dieses Karma nicht einfach nur für den IS verwendete, eine solche Einschätzung der Geheimdienste wäre ziemlich falsch am Platz. Und weiter geht aus diesem Interview auch hervor, dass die Jungs und Mädels mit Viren arbeiteten, wie dies halt weltweit gebräuchlich ist in diesen Kreisen. – Die entsprechende Operation in den Vereinigten Arabischen Emiraten lief übrigens unter dem Namen Raven, Rabe.

Was soll also das Öffentlichkeitstheater, das in den USA losgetreten wurde, mit Sicherheit im Zusammenhang mit dem berühmten Handelskrieg, mit dem verzweifelten Versuch der Vereinigten Staaten, ihre auf tönernen Füßen stehende Zivilwirtschaft gegen die immer weiter fortschreitende Globalisierung, diesmal in der Gestalt der Volksrepublik China zu schützen? Was soll vor allem der Versuch, die deutsche oder europäische Öffentlichkeit gegen China aufzustacheln? In den Vereinigten Staaten gibt es genauso einen militärisch-technologischen Komplex wie in China, nur ist er halt in ein angeblich freiheitliches System eingebunden, also in ein System, in welchem nicht die kommunistische Partei, sondern ein unterdessen recht ausgeklügeltes System an Druckmöglichkeiten im Eigentumsrecht die gewünschte Wirkung erzielt. Wer aber die Wünsche bastelt und die Ziele vorgibt, das ist dann wieder eine andere Frage, zu welcher ich im Moment keinerlei Verschwörungstheorie vortragen möchte.

Die Feststellung muss genügen, dass alle Technologie- und Telekom-Firmen auf der ganzen Welt eifrig damit beschäftigt sind, Informationen zu sammeln, ganz unabhängig von Legalität und Illegalität, und zwar in flotter Zusammenarbeit oder in flotter Kooperation mit den jeweiligen Geheimdiensten. Es ist absolut lächerlich, gegenüber der Öffentlichkeit so zu tun, als wären nur die hinterhältigen Chineserinnen am Werk, welche, so die implizite offizielle Verschwörungstheorie, langfristig an der Übernahme der Macht auf der ganzen Welt arbeiteten. Das stimmt zwar in der Tendenz, aber es stimmt nur insofern, als auch die Vereinigten Staaten, Frankreich, England, Deutschland, Russland, sogar die Saudis und die Vereinigten Arabischen Emirate und Äthiopien und, ja, sogar Italien langfristig an der Übernahme der Macht auf der ganzen Welt arbeiten. Und insofern ist die ganze Behauptung Blödsinn, während die Behauptung, China sei der alleinige Akteur, nicht nur von Seiten des deutschen Geheimdienstes eine echte Beleidigung gegenüber der Bevölkerung darstellt. Eigentlich ist sie nicht mal Karnevals-würdig.


Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
05.02.

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