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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Diverse

Während wir uns so unsere Gedanken machen zu vielerlei Themen und Vermutungen anstellen und kluge Analysen vorantreiben, zieht die Welt munter ihre Bahn, ziemlich unbeeindruckt von unseren kritischen Anmerkungen.



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> Download Die Anzahl der Hungerleider hat sich trotz unserer Kritik am kapitalistisch-postimperialistischen System in den letzten 50 Jahren halbiert, die durchschnittliche Lebenserwartung ist gestiegen auf 71.5 Jahre, und zwar nicht in den entwickelten Ländern, sondern weltweit, was heißt, dass vor allem China und Indien trotz anhaltender Probleme die Statistik befeuern, während die 500 Millionen Menschen in den weniger entwickelten Ländern Afrikas nicht nur weniger stark ins Gewicht fallen, sondern ebenso positive Tendenzen ausweisen wie die meisten Weltregionen mit Ausnahme der echten Krisen- und Kriegsregionen im Nahen Osten, in Afghanistan und südlich der Sahara. Die Existenz- oder Substistenzfrage steht grundsätzlich vor der Lösung beziehungsweise Erledigung. Dafür rücken ganz offensichtlich andere Fragen in den Vordergrund. Je besser es den Menschen geht, desto deutlicher bilden sie offensichtlich zusätzliche Organe aus in ihren Köpfen und in ihren Gesellschaften. Wenn der Krieg ums Essen aufhört, bleiben immerhin noch die Bilder und Argumente aus diesem Krieg übrig und werden eingesetzt in der Auseinandersetzung um Anteile am gesellschaftlichen Reichtum zum einen, in einem weltanschaulichen Kräftemessen zum anderen, wobei ich im Moment nicht in der Lage bin, in Sachen Weltanschauung Klarheit zu schaffen. Im Vordergrund steht aktuell das Gebrüll und Geknalle der allerdümmsten Anhängerinnen und Anhänger von Grundwerten, von denen sie selber praktisch keine Ahnung haben. Und das ist gerade die große Schwierigkeit: Ich vermute, dass dahinter tatsächlich auch eine geistige Grundsatzdebatte steht, von welcher ich aber keinen Schimmer habe. Was ich sehe und verstehe, sind in etwa die Prinzipien der Aufklärung, die Forderungen der Sozialdemokraten, Sozialistinnen und Kommunisten nach Freiheit und Gleichheit, welche sich auch bei den Kirchen, mindestens den evangelischen Kirchen in einer religiösen Form wiederfinden und die in abgeschwächter Form auch die praktisch überall vorherrschende sozialdemokratische Politik in den letzten Jahrzehnten geprägt hat. Nun ist es nichts als natürlich, dass sich gegen vorherrschende Ideologien Gegen-Ideologien ausbilden, aber mir persönlich wäre es lieb, wenn die noch eine andere, verständlichere Form annehmen täten als diejenigen der religiösen Fundamentalisten bei den Evangelikalen oder bei den IslamererInnen. Was wollen die eigentlich? Man blickt nicht dahinter und muss wohl noch etwas Geduld aufbringen, bis entweder all die Hohlköpfe schlicht und einfach platzen oder aber eben sich eine Grundidee hinter den neuen NationalistInnen oder den neuen Religiösen eröffnet, mit welcher man sich wenigstens auseinander setzen kann.

In der Zwischenzeit begnügen wir uns mit Wirtschaftsnachrichten vom Kampf der Weltmarkt­führer in der Luftfahrtindustrie, also Boeing und Airbus, zum Beispiel, weil dies ein schönes Beispiel dafür ist, wie die Politik den freien Markt nicht etwa regelt, sondern bestimmt, unter anderem, indem sie es kategorisch ablehnt, den Flugverkehr so zu verteuern, dass er für die breite Masse der Bevölkerung kein Wegwerf-, sondern ein Luxusprodukt wäre. Welchen Auftrieb die heiße Luft der Ankündigung von immer höheren Importzöllen in die Vereinigten Staaten der Wirtschaft in ebendiesen Vereinigten Staaten verschafft, ist eine weitgehend unbekannte Größe – sie steht in derart eklatantem Gegensatz zu den bis vor Kurzem von den USA öffentlich verkündeten Werten des internationalen Handels und der freien Marktwirtschaft, dass man die Verarbeitung dieser Absurdität am liebsten in ein paar Billighirne in Bangla Desh auslagern würde. Aber man kann es auch ein paar Nummern kleiner haben. «Daimler setzt auf CO2-neutrale Mobilität», sagt zum Beispiel Ola Källenius, der Nachfolger von Dieter Zetsche als Vorstandsvorsitzender des Automobilherstellers. Oder dann die Meinung, nicht von Hans Meiser, dem Cheftrottel unter den Anlageberatern, sondern von Anleihencheck zu den Renditen deutscher Staatsanleihen, welche ein Referenzwert für andere Staatsanleihen ebenso sind wie für die Renten des Bundes: Der Anleihencheck sieht weiterhin eine Bandbreite von -0.5% bis 0% bei den 10-jährigen Staatspapieren Deutschlands, nicht zuletzt deswegen, weil die anhaltende Unsicherheit bei den italienischen Staatsanleihen das Risiko steigender Bund-Renditen tief halte. Immerhin schreibt der Anleihencheck, dass vor den Europawahlen keine Eskalation der Spannungen zwischen der italienischen Regierung und der EU-Kommission zu erwarten sei. Wobei hier der Hinweis am Platz ist, dass sich auch innerhalb der EU die Gegenreaktionen in sehr unerwarteter Weise ausgebildet haben, indem verschiedene populistische Bewegungen in verschiedenen Ländern, oder sagen wir es anders: Indem immer wieder die gleiche populistische Bewegung in verschiedenen Ländern an EU-Finanzmittel herankommen will, indem sie gegen die EU poltert und die Möglichkeiten, sich innerhalb der EU gegen die EU zu stellen, so gut wie möglich auslotet – das ist dann auch wieder etwas seltsam. Aber schauen wir mal und warten wir ab – möglicherweise zeigt sich irgendwann einmal, dass die aktuellen Grundlagen der Europäischen Union nicht tragfähig genug sind für die weitere Entwicklung, und dann muss sich weisen, in welche Richtung die Politik sich entwickelt. Hier stehen wir dann vor einer konkreten weltanschaulichen Frage, die ganz simpel lautet, ob es in Europa tatsächlich eine genügend große kritische Masse an Europäerinnen und Europäern gibt oder ob es die Menschen vorziehen, Zeit ihres Lebens Deutsche zu bleiben oder gar Bayern oder Sächsinnen.

Der Business Wire prognostiziert derweil ein durchschnittliches Jahreswachstumsrate von 15% für die Kategorie der persönlichen beziehungsweise tragbaren Elektronikgeräte an. Dies scheint unter anderem eine logische Konsequenz des Internets der Dinge zu sein und hier eben in der Unter­kategorie der tragbaren Dinge, im Verbund mit der Einführung des 5G-Übertragungs­stan­dards. Zu den betroffenen Produkten zählen Smartphones, drahtlose Kopfhörer, visuelle Kopfhörer, also Brillen und Ähnliches, smarte Armbänder und smarte Bekleidung, wobei ich vor allem auf letztere schon seit Jahren warte. Das größte Wachstum in diesem Segment sei in Nordamerika zu erwarten, gefolgt von Europa und Asien. In Nordamerika sollen hier übrigens insbesondere Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter und Indiegogo eine erhebliche Bedeutung haben.

Im «Spiegel» äußerten sich zwei ehemalige Mitglieder des Direktoriums der Europäischen Zentralbank zur zukünftigen Zinspolitik, wenn allenfalls Jens Weidmann, der Vorsitzende der Deutschen Bundesbank, zum Nachfolger von Mario Draghi als EZB-Chef gewählt wird. Otmar Issing sagte, dass im Euroraum nach einem langen Aufschwung früher oder später mit einem Konjunktureinbruch zu rechnen sei, weshalb die EZB keine spektakulären Zinsmassnahmen ergreifen werde. Hier sind wir allerdings im Bereich des Unkens und Orakelns angelangt.

Die Besitzerinnen von iPhone werden sich für die Nachricht interessieren, dass der Oberste Gerichtshof der USA eine Sammelklage gegen Apple zugelassen hat wegen überteuerten Preisen, weil sämtliche Software für die Geräte über den eigenen App Store gekauft werden müssen.

Sodann beschäftigt sich der Wirtschafts-Newsticker Finanznachrichten.de ebenso mit den überraschenden Milliardenverlusten des südafrikanischen Vertriebsgiganten Steinhoff wie die Wirtschaftsabteilung von «Jeune Afrique», wo ein kleiner Kreis innerhalb des Managements über die Jahre hinweg fiktive Aktiven von über 6 Milliarden Euro geschaffen hat, was vor zwei Jahren ans Licht gekommen ist; die Revisionsfirma PwC hat nun den entsprechenden Bericht veröffentlicht. Irgendwie passt das ins Bild, das man seit einiger Zeit von den Führungszirkeln innerhalb des ANC hat.

Dies insgesamt eine weitere Seite des Weltzirkusses, eine Schicht von Verlautbarungen aus einer Wirtschaftssphäre, welche ansonsten mit den tatsächlichen Entwicklungen der Wirtschaft nicht besonders viel zu tun hat, insbesondere der Tendenz des Produktewertes gegen Null, und zwar bei allen Produkten, nicht bloß bei den Schuhen von Deichmann, die seit einiger Zeit aus Äthiopien stammen, wie ich annehme, und nach wie vor am Hafen von Genua fob 2 Euro pro Paar kosten. Das Gepolter über steigende Mieten in den Metropolen, namentlich in Berlin und München, verdeckt die Einsicht in den Umstand, dass es eine massiv wachsende Zahl von Menschen gibt, welche nicht nur willens, sondern in der Lage sind, diese Mieten tatsächlich zu bezahlen, das ist nämlich die wahre Wirtschaftsentwicklung. Selbstverständlich bleibt dabei eine Binsenwahrheit, dass man den Wohnungsbau in den Städten und durchaus auch anderswo entweder über die Kommunen selber oder aber über private, nicht gewinnorientierte Wohnbaugenossenschaften abwickeln soll, das ist der allersicherste Weg, um Mietpreisexplosionen vorzubeugen. Allerdings bieten auch Genossenschaften und kommunaler Wohnungsbesitz keine Garantie dafür, dass die Wohnungen nicht regelmäßig modernisiert werden, was dann immer bedeutet, dass die Mieten tendenziell steigen. Tatsächlich ist das Wohnen fast der einzige Produktebereich, welcher seinen Anteil am großen Konsumkuchen im Lauf der Zeit zu halten vermochte. Der Rest tendiert, wie gesagt, gegen null, von den Schuhen über die Unter- und Oberwäsche bis zu den Autos. Nur das Syndrom der Markenprodukte vermag sich dieser allgemeinen Tendenz noch so halbwegs entgegen zu stemmen. Und so steht der Kapitalismus ausgerechnet in seiner Paradedisziplin, nämlich nicht der Produktion, sondern dem Konsum, vor großen Problemen, was übrigens auch nicht völlig neu ist und seit einigen Jahren nur durch die Einführung ganzer Reihen von neuen und neuartigen Produkten und Produktesegmenten hinausgezögert wird. Aber irgendwann lässt es sich nicht mehr vermeiden: Irgendwann haben wir genug, nämlich genügend Güter für alle, und zwar sogar umweltfreundlich hergestellt und zirkuliert mit modernen, umweltverträglichen Transportmethoden.



Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
14.05.

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