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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Pegeda

Seit mehr als einem Monat lässt Nigeria praktisch keine Warenimporte aus Benin mehr zu. So sieht es aus, wenn in Afrika eine allgemeine Freihandelsunion ausgerufen wird.



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> Download Laut der Webseite Internationale Politik und Gesellschaft leitete Benin immer mehr billige Importware nach Nigeria weiter und bedrohte so dessen eigene Produktion, namentlich im Nahrungsmittelbereich. Daneben spiele der reichste Mann Afrikas, der Nigerianer Aliko Dangote, eine zentrale Rolle, der offenbar im Clinch liegt mit der Regierung in Benin, welche unter anderem seine Zementlieferungen nach Benin mit Sonderzöllen belegt hat. Gleichzeitig ist er mit dem beninischen Oppositionsführer Adjavon befreundet, den die Regierung vorderhand ins Exil nach Paris vertrieben hat. Ich lasse aber die Vor- und Nebengeschichte hier mal beiseite und gehe davon aus, dass sich die beiden ungleichen Gegner, der wirtschaftliche Riese Nigeria und der wirtschaftliche Zwerg Benin, bei Gelegenheit doch wieder einigen werden. Schließlich heißt ja auch eine nigerianische Provinz schon Benin, in beiden stellen die Joruba die wichtigste Bevölkerungsgruppe dar. Wer sich für den ganzen Bericht interessiert: Nähere Angaben finden sich auf der Webseite jpg-journal.de.

Was meldet uns die «Jeune Afrique» heute zu Afrika? Dass der saudiarabische Konzern Acwa Power in Äthiopien einen Auftrag im Wert von 300 Millionen ergattert hat zum Bau von zwei Solarkraftwerken, die zusammen eine Leistung von 250 Megawatt bringen sollen, also etwa die Hälfte eines durchschnittlichen Atomkraftwerks, wobei der Preis pro Kilowattstunde nur 2.5 Cent betragen soll; man kann vermuten, dass diese Solarenergie durch saudisches Erdöl quersub­ven­tio­niert wird. Andernorts treffen die Saudiarabier auf Schwierigkeiten; in Marokko biss sie beim Großprojekt Noor Midelt I auf Granit beziehungsweise auf Frankreich; selbstverständlich erhielt dort Electricité de France den Zuschlag in einem Konsortium mit Green of Africa, die wiederum aus drei marokkanischen Konzernen besteht, alles comme il faut. Hier soll der Strompreis 7 Cent pro Kilowattstunde betragen, und die Kapazität liegt bei 800 Megawatt.

Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt hat übrigens die marokkanische Banque Centrale Populaire von der französischen Banque Populaire – Caisse d'Epargne die Aktivitäten in Kamerun übernommen, nämlich die Banque internationale du Cameroun pour l'Epargne et le Crédit. Damit sind die Marokkaner jetzt in 15 Ländern des afrikanischen Kontinentes vertreten. In Kamerun umgekehrt wurde dafür der Oppositionsführer Maurice Kamto nach neun Monaten aus der Haft entlassen. Der 86-jährige Langzeitpräsident Paul Biya hatte wohl einen Anfall von Großmut. Übrigens hat das Organized Crime and Corruption Reporting Project berechnet, dass Biya von den 35 Jahren seiner Regierung bis 2017 fast 5 Jahre im Ausland verbracht hat, also sozusagen jeden siebten Tag in der Woche, wie es immerhin schon im alten Testament heißt. Dieser siebte Tag galt nicht offiziellen Missionen, sondern war rein privat, zu einem schönen Teil in Genf, zum Beispiel auf Staatskosten im Hotel Intercontinental. Bei seinem letzten Besuch Ende Juni dieses Jahres kam es zu Auseinandersetzungen zwischen protestierenden Exil-Kamerunerinnen, der Polizei und Leibwächtern von Paul Biya.

Aber sprechen wir von etwas anderem. Dass wir die einen Sachen tun und die anderen lassen, hat mit unserem Wertesystem zu tun, das wir schon als Kinder eingeimpft kriegen, heute selbst­ver­ständ­lich nicht mehr mit Schlägen wie vor zweihundert Jahren, sondern in einem trottelig-kinder­haften Ton, der einem vernünftigen Menschen das Blut in den Adern stocken lässt, aber die zehn Gebote sind nach wie vor in Kraft, und zwar bei und in einem ansehnlichen Teil der Menschheit, namentlich bei den monotheistischen Religionen. Die diesen zehn Geboten diametral entgegen laufenden Kräfte innerhalb der gleichen monotheistischen Religionen, namentlich die Pflicht, Recht zu haben und die Wahrheit auf der ganzen Welt ver­brei­ten zu müssen, führen zu verschiedenen seltsamen Auseinandersetzungen und oft auch zu Kriegen, wobei kaum ein Krieg einmal rein religiös ist. Auf der anderen Seite sind auch nichtkriegerische und sogar pazifistische Strömungen innerhalb der Religionen durchaus expansionistisch, einfach nicht mit Schlägen wie während zweitausend Jahren, sondern in einem trottelig-kinderhaften Ton, der einem vernünftigen Menschen das Blut in den Adern stocken lässt. Und all dies wäre gar nicht der Erwähnung wert, wenn ich nicht wieder mal über eine gewisse, durchaus religiös fundierte Verwirrung zu berichten hätte, die nicht nur in meinem Kopf vorliegt, nämlich in Bezug auf die Islamisierung des Abendlandes bezie­hungs­weise vor allem in Bezug auf ihre Ursprungsregion, grosso modo den Golf von Persien, wo nach wie vor die Schia und die Sunna miteinander im Streit liegen, als wären seit Kerbela nicht 1339 Jahre vergangen beziehungsweise nach dem islamischen Mondkalender vielleicht 1350, so genau weiß ich das nicht. ­ Weshalb die Moslem nach wie vor dem Mondkalender anhängen, nach­dem sie selber doch vor tausend Jahren namhafte Astronomen produziert haben, ist mir ebenfalls ganz und gar unbekannt. – Selbstverständlich handelt es sich bei der Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten nicht nur um eine religiöse Sache, ich gehe mal davon aus, dass in erster Linie die Saudiarabier keine Ahnung von den zehn Geboten haben, sonst würden sie sich ja nicht einen Spaß daraus machen, Journalisten zu zerstückeln und in Säure aufzulösen; anderseits haben sie vielleicht doch eine Ahnung von den zehn Geboten, sonst würden sie ja die Frauen als gleich­be­rechtigt ansehen und behandeln, und das ist nun mal im ursprünglichen Schöpfungsplan nicht vorgesehen, sorry, liebe Frauen.

Die Saudiarabier sitzen einfach rein zufällig auf den größten Erdölvorräten der Welt, es fließt ihnen, metaphorisch gesprochen, aus allen Körperöffnungen, sie wissen gar nicht, was sie mit all der Knete anfangen sollen, die ihnen seit siebzig Jahren ohne eigenes Dazutun in ihre Taschen oder anderweitigen Körperöffnungen zurückfließt. Das Abendland bildet das Gegenstück in diesem Fluss-Diagramm, hierhin geht das Erdöl, von da kommt das Geld. Die Beziehung ist absolut stabil und wird von keinerlei äußern Einflüssen beeinträchtigt, egal, ob es sich um den Iran bezie­hungs­weise um die Schiiten handelt oder um Israel oder aber um sunnitische Abweichler wie die ägyp­ti­schen Moslembrüder, welche offenbar seit längerer Zeit von Katar gesponsort werden, was auch der Grund dafür ist, dass die Saudis seit ein paar Jahren versuchen, Katar in die Knie zu zwingen. Es gibt aber auch sunnitische Abweichler in den eigenen Reihen, jene Strömung, welche dem nicht mehr so ganz neu­rei­chen Königshaus einen Vorwurf macht aus seiner besinnungslosen Ver­schwen­dung und fordert, dass man die Erdöl-Billionen statt in Luxusuhren gescheiter in die Islamisierung des Abendlandes investieren würde. Dabei sind die Saudiarabier durchaus nicht untätig in dieser Sache und finanzieren Moscheen und Koranschulen, wo es nur gerade geht, aber das reicht den Puristen unter den Sunniten durchaus nicht aus, manchmal rebellieren sie gegen die Sauds; in der Regel aber benützen sie die saudischen internationalen Infrastrukturen, um ihre Missionstätigkeit auf der ganzen Welt zu betreiben, eine Missionstätigkeit, deren sichtbarer Teil in Terroraktivitäten besteht.

Das alles ist bekannt, ebenso wie der Konterterror abendländischer Fanatiker wie Anders Breivik oder Brenton Tarrant, wobei sich Breivik in einer logisch geradezu perfekten Spiegelung so gegen die Sozialdemokratie richtete wie die islamistischen Extremisten gegen das Haus Saud. Das alles ist bekannt, und noch die aufrichtigsten journalistischen Bemühungen um den Nachweis der Finanzierung von Moschee und Islam in Europa durch die Erdöl-Billonäre von der arabischen Halbinsel werden nichts anderes produzieren als den Nachweis, dass Moscheen und der Islam in Europa durch die Erdöl-Billionäre von der arabischen Halbinsel finanziert werden. Es ist bekannt und gewiss und wird von niemandem bestritten. Die Frage ist ja nur, ob man sich deswegen bedroht fühlen soll und ob man den Fieberträumen der radikalen Islamisten und ihrem Ziel der Macht­über­nahme auf der ganzen Welt mehr Gewicht einräumen soll als dem gleichen Ziel des Vatikans. Ich halte dies für falsch. Bei den radikalen Islamisten handelt es sich um einen Fall für die Straf­ver­fol­gung und nicht um einen religiösen, gesellschaftlichen oder gar philosophischen Diskurs. Was dagegen die Zunahme der moslemischen Bevölkerung im christlichen Abendland angeht, so stellt sich meiner Einschätzung nach nur eine einzige Frage: Wird es endlich gelingen, auch bei dieser Gemeinschaft einen innerreligiösen vernünftigen Diskurs auszulösen? Denn darum geht es zum einen, wie wir nicht erst seit den Feierlichkeiten zu 500 Jahre Reformation wissen, aber es geht auch darum, diesen Diskurs der Vernunft auch im Christentum beziehungsweise in der postkirchlichen Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Religionskritik kann nun mal durchaus nicht nur den Islam betreffen, wir haben unser Teil daran vor hundertfünfzig Jahren geleistet, was uns nicht davon dispensieren kann, die Inhalte heute nicht zu vergessen und stattdessen mit Steve Bannon von jüdisch-christlichen Traditionen zu bramarbasieren, welche laut Vernunft an Tradition, einmal abgesehen vom gemeinsamen alten Testament, nur die systematische Ausrottung der Juden seit tausend Jahren umfassen. Nein, die angeblich abendländischen Kirchen, also unsere Kirchen haben unterdessen ihre Lektion gelernt und vernünfteln ordentlich mit im Kreis der Religionskritiker, was anderseits dazu führt, dass evangelikale Bewegungen seit langem einen globalen Kreuzzug gegen ebendiese Vernunft führen oder mindestens unterstützen und insofern die größere Bedrohung des Abendlandes darstellen als die nach wie vor sehr minoritären Mohammedanerinnen.

Gibt es in Dresden demnächst also so etwas wie Pegeda-Demonstrationen, Patriotinnen gegen die Evangelikalisierung des Abendlandes? – Oh, da fällt mir auf, dass ich etwas vergessen habe, ein kleines Detail, über welches wir letzte Woche tüchtig gelacht haben: Ganz entgegen der Wahrnehmung der Dresdener AfD-Wählerinnen heisst Pegida oder auch Pegeda nämlich Patriotische Europäerinnen gegen die Islamisierung oder Evangelikalisierung des Abendlandes. Versteht ihr diesen Witz? Die Pegida oder Pegeda in Dresden demonstriert an jedem Montag für Europa!



Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
08.10.

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