Aktuell

Das Programm von heute
06:00 Zeitsprung
Musik vergangener Tage
09:00 Rumpumpel
Radio für die ganz Kleinen
10:00 Zwei glorreiche Halunken
Das andere Filmmagazin
12:00 F.R.E.I.stunde
Programm von Kindern und Jugendlichen für Kinder und Jugendliche
13:00 What About Breaks
Beats und Remixe
15:00 Offene Sendefläche
nach § 34 ThürLMG
17:00 N.I.A. - nackt im aquarium
feministisches auf Radio F.R.E.I.
18:00 Osmose
Sendungen Freier Radios
19:00 Thüringer Lokalrunde
Thüringer Lokalradios im Austausch
20:00 Stadtgespräch
Persönlichkeiten, Aktionen, Einrichtungen
21:00 Destroy Gallery
Punk '77 - '79
22:00 Partyzone / Schlafstörung
Elektronische Tanzmusik in der Samstagnacht auf Radio F.R.E.I.

"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Nordafrika

Wenn man nicht gerade von der nationalistischen Pandemie befallen ist, stellt man sich die Fragen nach der wirklichen Entwicklung der Dinge in der aktuellen Phase des globalen Kapitalismus. Einige Aspekte sind einfach festzuhalten, zum Beispiel die gigantische Diskrepanz zwischen den Reichsten und der relativ ärmsten Schicht noch in Europa, geschweige denn auf globaler Ebene.



artikel/Aus neutraler Sicht/J_KW_27_200px.png


> Download

Ebenso klar ist die Schere, die sich zwischen Realökonomie und Kapitalökonomie geöffnet hat. Das Kapital, welches sich ursprünglich auf die Realwirtschaft bezogen hat beziehungsweise mit dieser eine Einheit bildete, welche die Substanz des Kapitalismus-Begriffs bildete, macht unterdessen ein irrationales Vielfaches dieser Realwirtschaft aus, für welches man eine eigene Zahl entwickeln sollte, ähnlich wie Handgelenk mal Pi; ich schlage, unabhängig von ihrer Größe, wenigstens einen Namen vor, nämlich Phu, eventuell Pha, um nicht zu sagen Furz oder Farz. Dieser Furz- oder Farz-Faktor steht selbstverständlich am Ursprung der jüngsten Explosion der Vermögen der reichsten Menschen auf der Welt und nicht mehr die Aneignung des gesellschaftlichen Mehrwerts durch die Klasse der Kapitalisten; er hat zunächst kaum Rückwirkungen auf die Realökonomie, und in dieser Realökonomie befinden wir uns, mindestens und erneut in Europa und auch in den Vereinigten Staaten und in China, im Zeitalter des Überflusses, eines Überflusses, von dem unterdessen auch die armen Bevölkerungsteile ihr Stück abbekommen – es geht ja gar nicht mehr anders.

Am Ursprung dieses Überflusses steht die internationale Arbeitsteilung und die Globalisierung der Wirtschaft, soweit können wir uns hoffentlich einigen, und hier ist einfach daran zu erinnern, dass genau vor diesem Hintergrund die Nationalismus-Pandemie eine ganz besonders dumme und unerträgliche Krankheit ist, gegen die übrigens nicht mal ein Impfstoff gesucht wird, seltsamer­weise. Aber genug davon; weiter geht es nämlich mit der Frage, weshalb im Zeitalter des absoluten Überflusses nach wie vor Armut möglich ist auf diesem Planeten, und zwar nicht relative Armut wie bei uns, sondern absolute; wie kann es sein, dass nach wie vor Menschen Hungers sterben in einer Welt, welche ohne weiteres das Doppelte der aktuellen Bevölkerungszahl ernähren, kleiden und behausen kann? Das ist eine große Frage.

Wenn sich die Dinge im Sinne des globalen Kapitalismus entwickeln sollen, dann müsste doch ausgerechnet hier, wo noch das größte Potenzial vorhanden ist, wo noch tonnenweise menschliche Ressourcen brach liegen, und zwar nicht unbedingt im produktiven Sinne – die Produktion haben wir ja eben schon längstens perfektioniert und perfektionieren sie laufend fort –, sondern im kon­sump­tiven Sinne. Was für eine Chance wäre es für Mercedes Benz oder nur schon für Volkswagen, wenn nur schon in Ruanda eine jegliche Bewohnerin ein elektrisches Modell eines VW Passat fahren könnte! Immer vorausgesetzt, dass man im gleichen Ruanda oder im benachbarten Burundi eine umweltschonende Batterie-Fabrik großen Stils aufbauen könnte – die Rohstoffe für die Batterien kommen ja sowieso aus Zentral­afri­ka. Das gleiche gilt zum Beispiel für Peru: Kennt jemand den Business-Plan von Mercedes oder eben von VW, um sämtlichen Slumbewohnerinnen in Lima den Kauf eines Elektromobils der je­wei­li­gen Marken zu ermöglichen? – Vom Aufbau eines vernünftigen öffentlichen Nah- und Fern­ver­kehr-Systems, an dem sich zum Beispiel Siemens beteiligen könnte, haben wir dabei noch nicht mal gesprochen. Was stellt sich solchen wunder-, wunderbaren Aussichten denn überhaupt in den Weg? Geld vielleicht? Aber Geld ist ja in Hülle und Fülle vorhanden. Also müsste man vielleicht nur einen Weg finden, dieses Geld nach Ruanda und nach Lima zu leiten, und zwar so, dass es nicht über die Taschen der reichen Säcke auf einem Schweizer Bankkonto landet, sondern in den Geldbeuteln der normalen Menschen, welche sich dann eben ein Elektro-Automobil kaufen täten?

So kann man weiter überlegen, ich will hier nicht darauf eingehen, sondern auf eine Zwischen­ebe­ne zu sprechen kommen, welche ich auch schon hin und wieder erwähnt habe, nämlich auf die unmittelbare geografische Nachbarschaft Europas. Damit meine ich weder England noch Russland, ich meine auch nicht die Länder im Osten der EU, welche nach wie vor eher Nachbar- als Mitglied­län­der der EU sind; ich spreche vom Süden, konkret vom Maghreb beziehungsweise von der gesamten Südküste des Mittelmeers oder auch von Nordafrika. Hier hat Europa einen echten Ansatzpunkt, hier kann man neben der politischen auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit forcieren und gleichzeitig den Beweis erbringen, dass es auch für die Bewohnerinnen des afrikanischen Kontinentes Perspektiven im modernen Sinne gibt und nicht nur in den Fun-Faktoren des islamistischen Jihad.

Diese Zusammenarbeit muss man übrigens nicht neu erfinden, sie läuft seit mehreren tausend Jahren, die Pfütze Mittelmeer bildet seit der Steinzeit einen mehr oder weniger gemeinsamen Kulturraum, nicht zuletzt deswegen, weil die Schifffahrt bis vor zweihundert Jahren einen zuverlässigeren Transportkanal bildete als die Landwege. Also, weiter so; hier gibt es nur eines zu tun, nämlich diese elementare Tatsache auch mal den an Nationalismus erkrankten Bevölkerungs­teilen ins Großhirn zu hämmern, wobei man ja nicht gerade zu den Mitteln von Umerziehungs­lagern zu greifen braucht. Ein paar zuverlässige Informationen reichen vollauf.

Daneben hat mir der Kommentar der finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin gefallen, mit dem sie die Aussage des Idioten John Bolton kommentierte, der Idiot Donald Trump habe Finnland zum russischen Machtbereich gezählt. «Ehrlich gesagt dachten wir seit dem 20. Januar 2017 dasselbe von den Vereinigten Staaten», soll sie gesagt haben. Schade, dass es nicht stimmt oder dass Sanna Marin die Meldung mindestens dementierte. Es geht halt fix mit den sozialen Medien, und nicht nur mit diesen, sondern auch im Journalismus. So meldet die spanische Nachrichtenagentur EFE, dass man in Abwasserproben der Stadt Barcelona das Coronavirus bereits am 12. März des Jahres 2019 habe isolieren können. Das hinterlässt mich einigermassen ratlos, zähle ich doch zu jenen Menschen, welche sich gutgläubig an die Version des Übersprungs dieses Virus auf einem Wild­tiermarkt von Fledermäusen auf Menschen, irgendwann im Sommer 2019 in Wuhan, China, gehal­ten haben; als einzige Konkurrenz-Version galt für mich die Behauptung des Idioten, das Corona-Virus sei in einem Labor in Wuhan gezüchtet worden. Und nun dies. Die Spanier sprechen von Covid-2, um die Sache für den Laien etwas zu komplizieren; aber unser landeseigenes Schweizer Bundesamt für Gesundheit nennt das Covid-19 ebenfalls Covid-2, es sei einer von 6 bekannten Coronavirus-Stämmen, die man zum Teil schon seit Jahrzehnten kennt und die in der Regel gutartig ver­lau­fende Winter-Erkältungen auslösen. Ebendieses Covid 2 sei von der Weltgesundheits­organi­sation am 11. Februar auf den Namen Covid-19 getauft worden wegen der Jahreszahl des erst­mali­gen Auftretens. Ja, was nun? EFE gilt als seriöse Nachrichtenagentur. Wollen sich die Bar­ze­lon­neser einfach wichtig machen, oder muss man die Corona-Epidemie-Geschichte neu schreiben? Ich selber tippe auf ersteres, denn es ist nichts bekannt von einer explosionsartigen Verbreitung in Katalanien mit der entsprechenden Sterblichkeit von fast 5 Prozent der infizierten. Aber was wollen die Barzelloneser denn nun mit einer solchen wichtigen wissenschaftlichen Mitteilung? Touristen anlocken vielleicht?

Es gibt ja noch andere wichtige Mitteilungen. Ich würde nicht davon sprechen, wenn ich darüber nur in der Sonntagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung gelesen hätte, aber nachdem auch das österreichische Staatsfernsehen, welches seinem Informationsauftrag in der Regel gewissenhaft und durchaus bissig nachkommt, ebenfalls von dem Thema berichtet hatte, bringe ich die Sache doch auch hier kurz zur Kenntnis beziehungsweise zum Kommentar: Der Europa Verlag hat kürzlich ein Buch mit dem Titel «Die Kronzeugin» publiziert, ein Sachbuch der besonderen Art, indem es sich bei der Sache um nichts weniger handelt als um «Chinas Plan, die Welt zu unterwerfen» – so lautet der Titel der Besprechung in der NZZ am Sonntag, die sich prominent über die ganze Seite 3 der Ausgabe vom 28. Juni 2020 erstreckt. Ja, tatsächlich, sowas würde ich vermutlich auch so breit bringen, wenn ich Chefredaktor wäre und mir sicher wäre, dass es sich um die ultimative Infor­mation zum Thema handelt, beziehungsweise ich würde die Schlagzeile vielleicht sogar auf Seite eins rücken und verschiedene nationale und internationale Stimmen dazu einholen, unter anderem jene der schweizerischen Verteidigungsministerin oder des Nato-Generalsekretärs Stoltenberg. Vielleicht. Jedenfalls enthüllt die NZZ am Sonntag beziehungsweise der Europa Verlag den Plan, und so kann ich euch die Details angeben: Erste Stufe: 2014 bis 2025, Assimilation aller Assimilationswilligen in der Provinz Xinjiang, Beseitigung der anderen. Zweite Stufe, 2025 bis 2035: Besetzung der Nachbarländer. Dritte Stufe, 2035 bis 2055, ich zitiere: «Es folgt die Eroberung Europas.»

Da brat mir einer einen Storch, würde ein Bekannter von mir sagen. Wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, wie diese brisanten Stufen in den Westen beziehungsweise in den Europa Verlag gelangt sind, dann wird es einem nochmals seltsam zumute im Brustkorb und im Schädel: Es handelt sich um Erinnerungsprotokolle von Sayragul Sauytbay, einer Kasachin, die laut NZZ vor drei Jahren von Sicherheitskräften verschleppt und gezwungen wurde, in einem Straf- beziehungsweise Umerziehungslager in der Provinz Xinjiang die Gefangenen zu unterrichten. Im Zuge dieses Zwangsunterrichts wurden ihr Papiere mit der Überschrift «Geheime Dokumente aus Peking» vorgelegt – eben dieser Drei-Stufen-Welteroberungs-Plan. Der Grund für die Einführung in solche Weltgeheimnisse lag darin, dass sie die Strafgegangenen zu willigen Instrumenten bei der Umsetzung dieses Welteroberungsplans machen sollte.

Bei allen gebratenen Störchen dieser Welt – rein die Vorstellung, dass die chinesische Führungs­spitze ihre allergeheimsten Strategiepapiere einer zwangsrekrutierten Lehrerin in einem Straflager vorlegt, damit sie die internierten, meinetwegen politischen Gefangenen zu willigen Instrumenten bei der Ausführung dieses Welteroberungsplans macht, ist derart dick abwegig und hart infantil, dass mir fast schwarz wird ob der Vorstellung, dass die NZZ am Sonntag so etwas tatsächlich und im Ernst veröffentlicht. Es geht mir dabei keineswegs darum, die chinesischen Umerziehungslager schönzureden, weder die aktuellen in Xinjiang noch die der Vergangenheit, oder den Chinesinnen und Chinesen irgendwelche hehren Ziele zu unterstellen bei ihren expansiven Aktivitäten in Afrika, Lateinamerika, auch in den Vereinigten Staaten, selbstverständlich in Europa und sowieso in ihrer Heimregion. Überhaupt nicht. Aber eine derart idiotische Beweisführung, wie sie in der NZZ am Sonntag anhand des Buches «Die Kronzeugin» aus dem Europa Verlag referiert wird, so etwas ist in der Geschichte des rational denkenden Journalismus doch ziemlich selten.


Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
30.06.

Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen


Wird nicht veröffentlicht.