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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Schöne Namen

Es geht mich auch nichts an; trotzdem habe ich nie begriffen, weshalb viele Vegetarierinnen von Fleischersatzprodukten schwärmen. In dem und dem Restaurant schmeckt das fleischlose Tartare genau gleich wie das Original, nun gut, aber weshalb isst man denn nicht gleich das Original?

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Entweder entscheidet man sich gegen den Konsum von Fleisch, wofür es verschiedene, mehr oder weniger einleuchtende Gründe gibt, oder aber man lässt es bleiben. Kein Fleisch zu essen und dennoch den Bratenduft riechen zu wollen, das dünkt mich leicht pervers. Aber vielleicht bin ich da etwas zu kategorisch, päpstlicher als der Papst, sozusagen, in erster Linie wohl deswegen, weil ich mir vor diesen vegetarischen Restaurants immer Parkplätze voller Volvo-SUVs vorstelle, mit welchen SUVs die KlimaschützerInnen ihren Beitrag leisten gegen die Abholzung des Regenwaldes und gegen die Fürze der Rinderherden, welche die CO2-Belastung in ihre aktuelle Höhe treiben.

Ganz schrecklich sind dagegen die Versuche, veganen Käse herzustellen. Hier werden nicht nur die Vernunft, sondern auch der Käseverstand aufs Übelste malträtiert. Am veganen Käse scheitert das ganze Unterfangen, einen alten Mutter-Erde-Kult mit der gnadenlosen Verehrung aller geschöpften Schöpfung in die Neuzeit zu transplantieren. Der Veganismus ist gescheitert, seine Anhängerinnen müssen sich damit begnügen, dass man andere Wege zum internationalen Völkerfrieden finden muss.

Vielleicht ein Krieg? – Wobei «Krieg» steht für Komitee zur rigiden Implementierung der europa­weiten Gewaltlosigkeit, selbstverständlich, im Zeitalter des Fleischersatzes und des veganen Käse­brotes. Am letzten Mittwoch las ich auf dem Nachrichtendienst Euractiv, dass Italien und Kroatien ein gemeinsames Exzellenzzentrum zum Schutz der Biosphäre in der Adria gründen wollen; sie machen dafür 5.6 Millionen Euro locker im Rahmen des grenzüberschreitenden italienisch-kroa­ti­schen Kooperationsprogrammes. Beteiligt sind 14 Partnerorganisationen. Ein Teil des Projekts heisst InnovaMare und soll das Modell eines innovativen Ökosystems im Bereich Unter­was­ser­ro­bo­tik mit Sensoren zur Prüfung und Überwachung der Wasserverschmutzung im adriatischen Meer entwickeln und einrichten. Was das im Detail heißt, also was es bedeutet, ein Modell eines inno­va­ti­ven Ökosystems im Bereich Unterwasserrobotik und so weiter zu entwickeln, beziehungsweise worin sich dieses Vorhaben davon unterscheidet, ein Kontroll- und Über­wa­chungs­system der Was­ser­verschmutzung vermittels von Unterwasserrobotern und Sensoren zu entwickeln und einzu­rich­ten, weiß ich jetzt nicht so genau; vielleicht weiß es die Verfasserin des Pressetextes, den Euractiv zitiert, vielleicht hatte sie auch nur die Anweisung, eine Presseverlautbarung der Schwurbelstufe zwo zu entwerfen, mir völlig egal – alles, was der Reduktion der Wasser­ver­schmut­zung wo auch immer dient, ist mir herzlich willkommen, wenn nicht sogar ein bisschen schnuppe; denn ein Bekenntnis gegen Mikroplastik, Pestizide, Glyphosat, ein Bekenntnis für die Natur und für die wilden und die zahmen Bienen und so weiter und so fort, das ist alles heute doch geschenkt, kein Mensch wird sich im Ernst gegen solche Projekte wehren. Es braucht sich, mit anderen Worten, auch niemand mehr etwas auf seine senkrechte Gesinnung einzubilden, wenn er Projekte dieser Gattung in Ordnung findet – das ist nun mal der Zeitgeist, aber es ist der gleiche Zeitgeist, der immer noch nicht dafür gesorgt hat, dass die Kreuzfahrtschiffe kein Schweröl mehr als Treibstoff verwenden dürfen. Und so weiter. Beim kroatisch-italienischen Kooperationsprogramm wird man dann halt achten müssen, was da konkret umgesetzt wird, ob also die Sensoren tatsächlich melden, wo sich eine Abfischaktion von Mikroplastik lohnt. Oder ob Kroatien eine Farbenfabrik schließen muss, weil ihre Abwässer die Fische im Umkreis von zwanzig Kilometern töten. Oder ob der Hafen von Ancona seinen Umweltmaßstäben gerecht wird oder vielleicht doch nicht.

Beim zweiten Projekt aber war ich einen Moment lang sprachlos. Es heißt auf Deutsch Nachhaltiger Fischereibetrieb dank der Verarbeitung von mit Drohnen erhobenen Daten, wobei es sich um un­be­mann­te Unterwasserdrohnen handelt, welche die betreffenden Daten mit akustischen und optischen Instrumenten fischen beziehungsweise erheben sollen. Es sei eine nicht invasive Methode zur Über­wachung der Biodiversität im marinen Ökosystem in Regionen, wo klassische Datenerhebung nicht möglich sei. Sehr schön, ich habe zwar nicht verstanden, was das Geschwurbel von Biodiversität im marinen Ökosystem soll, aber der englische Name des Projektes legt den Rückschluss auf den Zweck des Projektes ziemlich nahe. Es heißt Sustainable Fisheries with Drones Data Processing, kurz: Sushi Drop.

Sushi Drop! Warum nicht gleich Sushi und Sashimi. Der Schutz der Fischbestände besteht in ihrem Konsum. Vermutlich sind die 5 Millionen Euro, die für dieses Projekt fließen, irgendwo im Umweltbereich der EU-Kredite angesiedelt, deswegen der massive Verschleiß an Nachhaltigkeit und Ökologie, mindestens auf der Begriffsebene, während in der Praxis auf Anhieb nichts anderes als die vollkommene Leerfischerei der Adria Gegenstand dieses Joint Ventures ist, das Aufspüren der letzten Reste an Fischbestände, an welche die Fischindustrie bisher mit konventionellen Methoden nicht herangekommen ist. Auf sprachlich-kommunikativer Ebene kann die Bezeichnung «Sushi Drop» jedenfalls nicht anders interpretiert werden.

In der Sache dann vielleicht schon; es leuchtet den kleinen Fischereinationen Italien und Kroatien vermutlich durchaus ein, dass man nur dort fischen kann, wo es auch Fisch gibt, und Fisch gibt es nur von Fisch, also ist das Leerfischen der Weltmeere die eine Sache, aber das Leerfischen der Adria vor den Küsten der beiden Länder eine andere. Schon die Mafia sagt bekanntlich: Man scheißt nicht, wo man isst, und somit dürfte es sich bei «Sushi Drop» um eine klassische, wenn auch wirklich meisterhaft klassische Fehlleistung auf der sprachlichen Ebene handeln. Offenbar sind die Kommunikationsexpertinnen sowohl von Trump als auch von ihren eigenen Politikerinnen schon derart behämmert, dass sie nicht mal mehr einen solchen Fauxpas bemerken.

Einen weitere Meldung des Nachrichtendienstes Euractiv hat dagegen mein Welt- und Europa-Bild aus den Fugen gebracht. Dieses baute auf einer stabilen Architektur von Mittel- und Schwerpunkten auf, was die Mittelpunkte angeht wie folgt: Die geografische Mitte der Schweiz liegt irgendwo, die geografische Mitte Deutschlands liegt irgendwo in der Nähe von Erfurt, die geografische Mitte Europas liegt irgendwo in der Nähe von Vilnius. – Die Mitte der Welt hingegen, das ist bekannt, befindet sich im Kaiserpalast in Peking. Aber das ist eine andere Geschichte. – Als ich diesen europäischen Mittelpunkt vor ein paar Jahren entdeckte, war ich schwer beeindruckt, denn ich bin ja in Westeuropa aufgewachsen, sodass es rein logisch unmöglich war, dass das Zentrum im Osten lag. Aber den Geografinnen ist wirklich alles zuzutrauen, so auch die Mitte Europas in Litauen, was ich dann nicht ohne ein gewisses Vergnügen in mein Welt- und Europa-Bild integrierte bezie­hungs­weise dieses eben korrigierte. Nun aber, geschätzte Hörerinnen und Hörer, erfahre ich von Euractiv nicht etwa, dass die geografische Mitte Deutschlands von Erfurt nach Sömmerda oder gar nach Bad Langensalza verlegt wurde, sondern dass Estland, konkret die estnische Insel Saaremaa, als Mittel­punkt Europas zu gelten habe! Übrigens liegt auf dieser Insel eine ähnlich prachtvolle Schloss­anlage wie jene in der Thrakei in Litauen, was den Anspruch aber nicht wirklich untermauern kann.

Das schlaue Buch des Fähnleins Fieselschweif äußert sich dazu wie folgt: Im Jahr 1989, also ziem­lich rechtzeitig zum Fall der Berliner Mauer beziehungsweise zur Erweiterung des west­euro­pä­ischen Horizonts um Osteuropa, berechnete das französische Institut Géographique National den geografischen Mittelpunkt Gesamteuropas als Flächenschwerpunkt, und zwar eben etwas nördlich von Vilnius. Voilà!, könnte man sagen, aber selbstverständlich zogen die Ungarn drei Jahre später in Antizipation ihres zwanzig Jahre später die Macht ergreifenden Urban Orban nach und erklärten das ungarische Dorf Tallya nicht zum geografischen, sondern geometrischen Mittelpunkt Europas. Im Jahr 2000 verlegten die weißrussischen Wissenschaftler Solomonov und Anoschko das Zentrum Europas nach Polazk, und nun kommt's: «Wenn alle europäischen Inseln von den Azoren bis zum Franz-Josef-Land und von Kreta bis nach Island berücksichtigt werden, liegt das Zentrum im Dorf Mönnuste auf der Insel Saaremaa», steht in der Wikipedia, und auch: «Ein Autor und die Berechnungsmethode von 2008 wurden bisher nicht angegeben.» Und was ist, wenn man auch die europäischen Kolonien berücksichtigt beziehungsweise das, was von ihnen übrig geblieben ist, La Réunion, Französisch-Guayana und so weiter? Es gibt auf jeden Fall Stoff für weit reichende Debatten, und bis diese zu einem ebenso sehr wissenschaftlich wie politisch korrekten Ergebnis kommen, hat jedes Land, vor allem die lupenreinen Demokratien wie Ungarn und Weißrussland, ein Anrecht auf einen europäischen Mittelpunkt. Mit der ihm zugeordneten wissenschaftlichen Berechnung, versteht sich!

Am vergangenen Samstag feierte die Linke den 1. Mai, so gut es eben ging unter den Bedingungen der Corona-Einschränkungen. Der 1. Mai bietet auch alljährlich den verbliebenen Theoretikerinnen der Linken die Gelegenheit, ihre Anweisungen an die internationale Arbeiterklasse zu erteilen. Es sind in der Regel immer die selben Anweisungen. In der 1.-Mai-Ausgabe des Schweizer «Denk­netz» etabliert zum Beispiel Ralf Zelik von der Linkspartei als Eckwerte linker Politik erstens ein gutes Leben für alle, zweitens Solidarität, drittens die Demokratisierung, hört, hört: auch der Öko­nomie, Ausrufezeichen, viertens jenseits der Geschlechter, fünftens globale, universelle Rechte, Doppelpunkt: Antirassismus, sechstens eine radikale ökologische Wende und schließlich ohne Ordnungszahl: ein grüner Sozialismus. Alles ganz ausgezeichnet prächtig, wie gesagt: wie seit Jahren und Jahrzehnten, und es bringt uns alle so überhaupt nicht weiter, auch wenn wir unsere eins-a-Grundhaltung jeweils um die gerade aktuellen Mainstream-Themen anreichern. Stattdessen würde ich mich freuen, wenn mal jemand einräumen täte, dass man die globalisierte Wirtschaft nicht demokratisieren kann, mindestens nicht, solange die Völker dieser Erde die Augen nur schon vor der Tatsache der Globalisierung verschließen; ich würde mich freuen, wenn sich die Linke daran machen täte, neue Theorien und Aktionslinien zu entwerfen auf der Grundlage des real vorhandenen gesellschaftlichen Reichtums – das gute Leben für alle ist längst keine Forderung mehr, sondern eine Realität, beziehungsweise es geht darum, weshalb wir es schaffen, trotz dem allgemeinen Überfluss noch einen Armutsdiskurs zu führen oder Frustrationen über ungleiche Chancen in einer Form zu führen, wie sie vor hundertfünfzig Jahren sehr wohl am Platz waren, aber heute nicht mehr. Und so weiter. In dieser Form ist der erste Mai seit Jahren der Tag der verpassten Chancen für das, was mal die Linke war.


Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
04.05.

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