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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Hamburg

Der Rocket Man ist tot! Er, dessen Lebenssinn darin bestand, zu beweisen, dass die Erde flach ist, und zwar durch Flüge in selbst gebastelten Raketen, bei denen er sich selber so hoch in die Luft hinauf schießen wollte, dass ihm vermittels von fotografischen Aufnahmen der Beweis gelingen sollte, dass sich die Erde eben unendlich in tafelförmige Weiten erstreckt ohne jegliche Krümmung des Horizonts, er ist gestorben bei seinem letzten Raketentest, der ihn in eine Höhe von 1500 Metern bringen sollte.



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> Download Der ihn dabei begleitende Fernsehsender Vox oder Fox sprach seinen Hinterbliebenen sein Beileid aus.

Es ist nicht auszuschließen, dass der Rocket Man auch schon etwas gehört hat von Düsen­flug­zeu­gen, welche die Menschen allein schon in den USA von einem Punkt zum anderen transportieren und dabei gerne mal Reiseflughöhen von 10'000 Metern erklimmen. Ich weiß nicht, weshalb er sich nicht mit einem einfachen Flug von Dallas nach Boston begnügte, um seine Hypothese von der flachen Erde zu belegen. Reine Fake News konnte er angesichts der massiven Flugpraxis in den Vereinigten Staaten nicht im Ernst unterstellen. Vermutlich war ihm alles durchaus bekannt, vermutlich hat er von einem gewissen Punkt an realisiert, dass er mit seinem Raketengebastel und dem ultra-krea­tio­nis­ti­schen Geschwafel, das noch vor das kopernikanische Weltbild zurückweist, eine wunderbare Unique Selling Proposition anzubieten hatte, die nicht nur echte Spinner, sondern auch Exzentrikerinnen auf der ganzen Welt in ihren Bann zog. Und auch ich rufe ihm ein letztes Adiö hinterher: Wir werden dich nicht vermissen, Rocket Man, noch dein Tod ist vollständig für die Katz. Trotzdem werden wir den Beitrag von Vox oder Fox anschauen, wenn er dann posthum endlich fertig geschnitten wird.

Gleichzeitig geht in den USA der linke Senator Bernie Sanders als Sieger aus den ersten Vorwahlen der demokratischen Partei hervor. Es ist vollkommen klar, dass seine Konkurrentinnen aus allen Rohren gegen ihn feuern, unter anderem mit der Behauptung, Vladimir Putin unterstütze Sanders mit seinen bekannten Troll-Fabriken, was allerdings absonderlich genug ist; seit wann ist Vladimir Putin ein demokratischer Sozialist? – Nein, die Logik geht natürlich so, dass Putin Sanders unterstützt, weil der gegen Trump sowieso keine Chance hat. Mit anderen Worten: Wer Trump unterstützen will, wählt bei den Vorwahlen der demokratischen Partei Bernie Sanders.

Das heißt aber im Umkehrschluss, dass ein sogenannt gemäßigter Kandidat alle oder überhaupt eine Chance hätte, Donald Trump bei den nächsten Präsidentschaftswahlen zu schlagen. Da bin ich mir nicht so sicher. Im Zeitalter vor Trump ging es bei solchen Auseinandersetzungen tatsächlich immer um das Duell zwischen zwei mehr oder weniger progressiven oder konservativen Kandidatinnen des Systems, die einen wurden von der Rüstungsindustrie stärker unterstützt, die anderen von der Hightech-Industrie, die einen vom agrarischen mittleren Westen, die anderen von den urbanen Küstenregionen, aber im Grunde genommen wussten alle, dass es nicht den geringsten Unterschied machen würde, wer am Schluss als Sieger aus der Wahl hervorgeht, bis auf ein paar mehr oder weniger geringfügige Retouchen, die man aber mit einem gewaltigen Symbolgehalt aufgeladen hatte wie zum Beispiel die Gesundheitsreform von Barack Obama. Boah, eine Krankenkasse für die weniger Bemittelten, was für eine Revolution! – Auch wenn die schon zuvor einen, zwar etwas verkorksten, aber doch halbwegs funktionierenden Zugang zum Gesundheitssystem hatten. Jetzt funktioniert er etwas besser, aber die Mängel liegen bekanntlich nicht nur oder nicht mal vor allem bei den Krankenkassen, sondern bei der Qualität der Ausrüstung und der Behandlung für die nicht vermögenden Volksschichten, und hier hat sich noch nicht so viel verbessert, dass man diejenigen loben könnte, die es verdienen.

Nun, auch ein System-Kandidat, ein sogenannt gemäßigter Kandidat kann gegen Trump gewinnen, eigentlich müsste jede Kandidatin und jeder Kandidat gegen Trump gewinnen, es ist die große Irritation, dass dies vor drei Jahren nicht geklappt hat. Es ist mehr als offensichtlich, dass Trump einen erheblichen Anteil seiner Stimmen bei jenen Wählerinnen und Wählern geholt hat, welche sich von den System-Kandidatinnen verarscht fühlten. Jetzt sieht es so aus, als ob auch Bernie Sanders auf der Welle der Sympathien für einen System-Gegner schwimmen würde und als ob dabei die alten antikommunistischen Reflexe zunehmend keine Rolle mehr spielen würden. Das ist allerdings bemerkenswert für dieses Land, das seinen Freiheitsbegriff seit 100 Jahren immer mit der Abwehr aller sozialistischen und sozialdemokratischen Ideen verknüpft hat. Das wäre schön.
In Deutschland greifen die Systemgegner in letzter Zeit häufiger zu den Waffen als zum Stimmzettel; klar, der Stimmzettel ist ja auch ein Mittel des Systems, und dass Wahlen nicht wirklich etwas bringen, das wissen wir schon länger, früher zirkulierte der Witz bei den Antiimperialisten, dass Wahlen abgeschafft würden, wenn sie tatsächlich zu Veränderungen führen würden. Deshalb gehen die linken Systemkritikerinnen auch immer wieder mal auf die Straße und protestieren gegen verschiedene Auswüchse oder gegen das System als solches, ohne dass sie deswegen begonnen haben, irgendwelche andere Menschen umzubringen. Für diese Art der Selbstjustiz braucht es eine deutlich andere politisch-ideologische Orientierung, die man zuverlässig bei den rechten und nationalistischen Idioten finden, die sich erst noch betupft fühlen, wenn man ihnen dies dann auch noch vorwirft. Da kommt mir das schöne Zitat von Hermann L. Gremliza in den Sinn, das die «konkret» in ihrer Werbung anlässlich seines Ablebens abdruckt: «Ohne Liebe zur Heimat keine Verbrechen gegen die Menschheit». Ich würde ergänzen, dass es auch Verbrechen gegen die Menschheit gibt, welche durchaus ohne Heimatliebe begangen wurden, aber im Kontext der deutschen Geschichte ist Gremlizas Spruch natürlich goldrichtig.

Immerhin hat die Allianz für Deutschland nach dem Affentheater in Erfurt und dem rechten Terroranschlag in Hanau bei der Wahl in Hamburg Stimmen verloren, nicht genug zwar, aber doch in einem Ausmaß, das sogar den Obertrottel Gauland zur Aussage veranlasste, die Partei hätte sich manchmal bei der Wortwahl vergriffen. Man kann es auch so sagen. Aber im Brennpunkt stand für mich in Hamburg eher die CDU, welche es dort offenbar nie geschafft hat, derart übergriffig auf Themen der Sozialdemokratie zu werden, wie dies auf Bundesebene seit Jahren der Fall ist. Im Moment sieht es so aus, als hätte sich die CDU in ihrem Bestreben, zur sozialdemokratisch-christdemokratischen Einheitspartei Deutschlands zu werden, übernommen. Schließlich besteht die AfD ja schon heute zur Hälfte aus ehemaligen CDU-lern, die von der Sozialdemokratisierung überfordert waren, und auch innerhalb der bestehenden CDU wünscht sich eine nicht unbe­trächt­liche Minderheit Konrad Adenauer zurück. Somit sieht es so aus, als stünde die CDU vor der Alternative, die SPD zur Gänze zu schlucken und dafür den vertrottelten Teil der Partei an die Allianz für Deutschland oder an eine allenfalls neu zu gründende, keine deutlich neofaschistische Elemente enthaltende konservative Partei zu verlieren; oder aber sie gibt der SPD zurück, was der SPD ist, und kehrt auf ihren angestammten Platz zurück und tut dergleichen, als hätte sich seit 1959 nichts verändert. Da sich aber praktisch alles verändert hat, kann man die inhaltliche Diskussion mehr oder weniger bei null völlig neu beginnen. Auch schön.

Auf der noch höheren Ebene der EU-Politik hat unterdessen die erste Runde der Mehrjahres-Bud­get­debatte wie erwartet ergebnislos geendet, praktisch alle sind dagegen, und praktisch alle wissen, dass sie dann doch zu einem Ergebnis kommen werden, nachdem zahllose Nacht-Sitzungen für das Publikum durchgestanden oder eben durchgesessen sind und die Propagandamaschine im Inland der Mitgliedstaaten tüchtig Anti-EU-Krach gemacht hat. Beziehungsweise nur beschränkt Anti-EU-Krach: Der Anti-Europäer Urban Orban aus Ungarn hat eine Liebeserklärung an die EU bezie­hungs­weise an ihre Strukturfonds abgegeben; ich nehme an, dass alle anderen wirtschaftlich we­ni­ger starken Mitgliedländer etwas Ähnliches tun, was die Stimmung mindestens für jene Öffent­lich­keit, in der ich mich bewege, etwas unübersichtlich macht. Tatsache ist, dass nach dem Austritt Eng­lands weniger Mittel zur Verfügung stehen, was ein echtes Tauziehen im Finanzbereich un­er­läss­lich macht, und bei dieser Neu-Austarierung des Kräfte-Vielecks werden wohl zahlreiche an­de­re politische Komponenten ihre Rolle spielen. Diese Sorte eines Theaters innerhalb des Theaters ist von der zeitgenössischen Literatur noch nicht so richtig thematisiert worden, wenn man mal von Schriftstücken wie Robert Menasses Roman «Die Hauptstadt» absieht. Es wäre aber ebenso loh­nend wie verdienstvoll, hier mal etwas mehr als einen Beitrag im Fernsehsender «arte» herzustellen.

Wie auch immer: die relative Niederlage der Allianz für Deutschland und die Vorwahl-Siege für Bernie Sanders sollten nicht darüber hinweg täuschen, dass die Renaissance linker Strömungen in einem völlig neuen Umfeld stattfindet, wo die einzelnen Komponenten der kollektiven Meinungs­bildung nicht mehr gleich berechenbar sind wie vor zwanzig Jahren. Erfreulich ist, dass in Hamburg eine Diskrepanz zwischen nationalistischer Hetze und effektivem Wahlverhalten der Bevölkerung zutage tritt, wie sie größer nicht sein könnte. Das schafft eine gewisse Zuversicht, dass sich trotz sozialen Medien eine gewisse Kultur der politischen Auseinandersetzung erhalten kann, welche auf Argumenten beruht und auf Fakten. Wenigstens das. Gewonnen haben wir damit noch nicht besonders viel, denn wie ich hier immer und immer wieder betone: Unsere Aufgabe ist es, die modernen Institutionen und Infrastrukturen zu schaffen für die moderne, postindustrielle Gesellschaft. Diese Institutionen und Infrastrukturen müssen es obligatorisch allen Menschen erlauben, den vollen Nutzen zu ziehen aus der Reduktion der Aufwände für die Produktion der Güter, bei gleichzeitiger Sicherstellung der Basisversorgung nicht nur mit den Gütern des täglichen Gebrauchs, sondern auch im Gesundheitsbereich, und zwar in einer umweltverträglichen Art und Weise, und sei dies durch die Halbierung des Ausstoßes in der Landwirtschaft bei gleich bleibenden Personalbestand, was eben die umweltgerechte Produktion von Fleisch und so weiter erlaubt. Die materiellen Voraussetzungen hierfür sind längstens vorhanden. Es gibt auch keine überwältigenden wirtschaftlichen Interessen mehr, welche unbedingt am Verbleib in den veralteten Strukturen hängen. Also los, her mit den neuen Programmen, und zwar bitte so konkret wie möglich!




Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
26.02.

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