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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Nutzlos

Soll man die Italienerinnen in diesen schwierigen Zeiten unterstützen? Ja, unbedingt. Bloß: Wie? Es geht das Vorurteil, dass alle Gelder, die man dem italienischen Staat zur Verfügung stellt, in einer ineffizienten Verwaltung versickern und zur Hälfte direkt auf Mafia-Konten landen.



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Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es diesmal anders sein sollte, aber vielleicht stimmen die Vorurteile ja nicht. Spontan würde man auf jeden Fall vorschlagen, die aus dem Nichts geschöpften Kredite der Europäischen Zentralbank über einen eigenen europäischen Mechanismus an die Not leidenden italienischen Unternehmen zu leiten; von Direktzahlungen an die Einwohnerinnen darf man zwar träumen, aber eine solche europäische Initiative käme der Abschaffung des italienischen Staates gleich, was mir im Übrigen manchmal als die beste Lösung erscheint, bloß ist das Problem der Mafia damit noch nicht gelöst. Auf jeden Fall kann ich nachvollziehen, dass verschiedene Regierungen sich gut überlegen, wie ein Hilfspaket aussehen muss, damit es auch wirklich Hilfe bringt und nicht ein weiteres Mal so endet wie die Milliarden, die nach dem Erdbeben im Jahr 2009 für den Wiederaufbau von L'Aquila bereitgestellt wurden.

Im Moment ist es nicht so einfach, andere Themen als den Umgang mit der Corona-Pandemie zu aktivieren; auch die wirtschaftlichen Lehren aus dem vollständigen Abschalten der Wertschöpfung wird man erst später zu ziehen versuchen, wobei ich immerhin den Eindruck habe, dass die ganze Großpause trotz verschiedenen außermedizinischen Notfällen im Allgemeinen recht zivilisiert abläuft. Dafür erhält die moderne Welt von mir schon mal ein Lob, ja, ich halte es geradezu für ein Zeichen der Modernität, dass man sich in dieser außerordentlichen Situation halbwegs vernünftig verhält. Insgesamt scheinen auch die Staaten der entwickelten Welt durchaus in der Lage zu sein, den Ausnahmezustand ohne Exzesse zu verwalten. Die Bewohnerinnen tun weitgehend, wie ihnen geheißen, und weshalb sollten sie auch nicht, wenn man von gewissen Überwachungsbemühungen einmal absieht; allerdings steht nicht zu vermuten, sondern ist ziemlich sicher, dass der Staat seine Wohnbevölkerung schon längstens anhand der öffentlich und halböffentlich zugänglichen Daten verfolgt, wie dies zum Beispiel in Israel nun publik geworden ist. Wenn man die Technologie schon zur Verfügung hat, weshalb sollte man sie nicht nutzen. Also wird sie wohl schon seit langem genutzt, wohl noch nicht im gleichen Ausmaß wie im Vorbild China, weil noch nicht so viele Kameras in der Fläche installiert sind, dass die Bewegungen der einzelnen Personen lückenlos verfolgt werden können, aber ansonsten befinden sich eure Daten, geschätzte Hörerinnen und Hörer, mit einiger Sicherheit schon seit längerer Zeit auf irgendwelchen Servern von Polizei, Geheimdienst, militärischem Nachrichtendienst, unter anderem mit freundlicher Genehmigung der großen globalen Datenkraken.

Aber auch darüber können wir uns nach überstandener Krise unterhalten, wobei «unterhalten» konkret «die Augen reiben» heißen wird; die Frage wird nicht lauten, ob die Daten gespeichert werden oder nicht, sondern ob die einzelne Bürgerin angesichts der totalen digitalen Zweitexistenz von sich noch mit Fug und Recht behaupten kann, sie sei ein Subjekt oder etwa ein Individuum. Auch zu diesem Thema gibt es schon viele Vorarbeiten, vielleicht leuchtet jetzt ein neues Licht darauf. Ganz unbedeutend ist es nicht, denn es steht im Kern der Frage, ob Demokratie möglich ist, nur zur Erinnerung. Wenn die Individuen darauf verzichten, frei und selbständig zu sein oder dies gar nicht erst zu sein vermögen, dann ist die Vorstellung von Demokratie von Grund auf zu revidieren.

Im Moment aber kann ich nur melden, dass ich mich zwischendurch, wenn es mir gelingt, die ziemlich unbestimmten Sorgen ebenso wie die konkreten Probleme einmal zu verdrängen, dass ich mich also dann so eigenartig fühle, als wäre ich im Himmel. In dieser Ausnahmesituation sind die meisten bewussten und unbewussten Verpflichtungen welcher Art auch immer außer Kraft gesetzt, man ist in einem gewissen Sinne völlig frei. Es ist nicht so, dass ich mit dieser Freiheit wahnsinnig viel anzufangen wüsste, das muss man ja auch nicht im Himmel, aber das Gefühl der Losgelöstheit habe ich tatsächlich hin und wieder. Und in solchen Phasen ärgere ich mich, vor allem über die Medien beziehungsweise die Journalistinnen, vor allem die kritischen, welche ihr Berufsethos keine Sekunde lang ausschalten können und den Behörden jeden Tag irgendein Versagen an irgendeinem Ort vorwerfen. An die generelle Kriegs- und Krisenberichterstattung sind wir uns ja längst gewohnt, da verändert sich nicht viel, auch hier trifft es in den Flüchtlingslagern immer die Ärmsten, wobei hier doch noch irgendeinem Scherzkeks beigefallen ist, solche Flüchtlingslager in Griechenland unter Quarantäne zu stellen – wie würde man denn den bisherigen Zustand nennen, bitteschön? Es wäre mir in der Tat sehr recht, wenn Europa die scheußlichen Verhältnisse in Griechenland mal beseitigen würde durch die Verlagerung der Insassen in andere EU-Mitgliedländer. Rein theoretisch findet man sofort und in fast allen Ländern Gemeinden, die durch Landflucht verlassen wurden und wo man die Flüchtlinge nicht nur ansiedeln, sondern auch beschäftigen könnte. Selbstverständlich würden die Jungs und Mädels sofort auszubüxen versuchen, aber da kann man ja etwas dagegen unternehmen, in erster Linie eben mit bezahlter Arbeit. Rein technisch und theoretisch wäre sowas innerhalb eines Monats umsetzbar. Aber eben – politische Einigkeit in dieser Frage wird die EU vorderhand nicht erzielen. Dafür hat der Erdopimpel seine eigenen Flüchtlinge wieder zurück­beordert, welche er an die türkisch-griechische Grenze entsandt hatte, um die EU unter Druck zu setzen. Man möchte sich vor Lachen ausschütten über diesen Treppenwitz der Geschichte, aber man hat weder Zeit noch Lust dazu.

Stattdessen schaut man eben fern. Auf arte sah ich einen Film mit dem Titel «Frank» aus dem Jahr 2014, von einem Regisseur mit dem Namen Lenny Abrahamson und mit einigen durchaus bekannten Schauspielern wie Michael Fassbender, Maggie Gyllenhaal und Domhnall Gleeson, den ich zum ersten Mal als Schauspieler identifizierte, obwohl er den Rotschopf schon in zahlreichen Filmen gegeben hat, unter anderem in Harry-Potter-Verfilmungen. In «Frank» geht es um eine Experimental-Punkrock-Band, die sich aufs Land zurückzieht, um ein Album aufzunehmen, wobei ein Teil des Experimentes darin besteht, dass der Kopf der Band, eben Frank, stets einen Kopf aus Pappmaché aufgesetzt hat; die wunderlichen Texte, die wunderliche Musik und überhaupt die gesamten wunderlichen Erlebnisse bieten eine wunderbare Alternative zu den normalen Erzähl- und Action-Filmen, obwohl es auch hier immer wieder anständige Streifen gibt. «Frank» aber könnte einem wirklich den Kopf verwirren, und zwar in erster Linie mit den wenigen live gespielten Musik- und Textbeispielen, welche trotz ihrer letztlich furchtbar kurzen Dauer doch den ganzen Film bestimmen. Frank rotzt aus seinem Pappmaché-Kopf heraus ziemlich sinnlose Sprachfetzen, aber mit einer Hingabe und Verzweiflung, welche sehr plausibel einen ganzen Clubraum zum kochen bringen kann, wenn die Anwesenden bloß richtig drauf sind, mit anderen Worten: Es könnte sich um eine Kult-Band handeln, die aber im Film nie die entsprechende Schwelle überschreitet.

Der Film beruht offenbar zum Teil auf der Geschichte von Chris Sievey, der regelmäßig mit einem Pappmaché-Kopf auftrat und Konzerte gab als Frank Sidebottom. So etwas finde ich nun einfach schön, unabhängig davon, ob mir die Musik oder der Text gefällt. Schön finde ich, dass diese Typen in ihrem Kern auf der Suche nach Individualität und Subjektivität möglichst ausgefallene Wege gehen, und indem sie dies tun, leisten sie nicht nur einen Beitrag zur Ästhetik, sondern auch zu den Kernfragen der Demokratie, wie vorher erwähnt.

Auch sonst hängt man oft an der Glotze oder vor der Glotze, wenn zwischendurch mal etwas anderes kommt als Katastrophen-Nachrichten, oder aber man streamt sich halt was rein, wobei ich hier meine liebe Mühe habe – es wird derart viel produziert, dass ich mit Sehen gar nicht nachkomme, und von dem Zeitpunkt an, da ich beim Schauen einer solchen Serie die Furcht habe, ich könnte eine andere verpassen, verliert die ganze Übung an Charme. Da zudem alle Jungs und Mädels sich selber als wahre Cracks des Streamings geben, preisen sie in lauten Tönen jene Serie, die sie sich soeben reingezogen haben, als das ultimative Film-Ereignis der letzten zweitausend Jahre, und eine derartige Häufung von Superlativen ertrage ich eben auch nicht, da verliere ich komplett die Orientierung, weil ich zum Vornherein nicht die Zeit habe, mir das alles anzusehen. Auch wenn ich im Moment sogar Zeit hätte. Aber die Lust dazu geht mir ordentlich ab. Es reicht gerade mal zwischendurch für eine neue Folge von «Better Call Saul» oder letzthin für die paar Staffeln von «Der Pass» zwischen Deutschland und Österreich, wobei ich am Schluss dann auch froh war, dass Schluss war. Die Vorstellung eines einzelnen Psychopathen, welcher seine Mitmenschen mit den modernsten Überwachungstechniken ausspioniert und bei Gelegenheit umbringt, spielt im Grunde genommen viel zu frivol mit der echten Überwachung, deren Allgegenwart uns mit allerlei Scharaden immer wieder vernebelt wird. Spannend war's trotzdem, vor allem zu Beginn.

Was macht man sonst so in diesen Zeiten? Homeschooling vielleicht, auch für Erwachsene, warum nicht. Jetzt hat man Zeit, um all die Sprachen zu erlernen, die man noch nie gehört hat, Kaukasisch, Tschetschenisch, Uigurisch oder Kisuaheli. Man könnte sich aber auch bei der Fernuniversität Hagen einschreiben für einen Kurs in Mikrobiologie. Oder Grundlagenwissen in Materialkunde anhäufen. Es steht einem frei. Mich selber überkommt manchmal das Gefühl, vor lauter Ungebundenheit meine Zeit zu verplempern, die ich doch für etwas Nützliches einsetzen könnte, nützlich für mich oder für die Gesellschaft, aber dafür bin ich wohl zu träge, und sowieso bin ich sicher, dass nicht alles immer einen Nutzen abwerfen muss. Insofern ist der aktuelle Stillstand eben auch eine Zeit des Nutzlosen.





Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
07.04.

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