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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Slavetrade

Kann heutzutage noch jemand mit einer blütenweißen Weste Spitzenpolitiker werden? Vielleicht schon. Ein paar eurer Bundesministerinnen stehen in keiner Weise im Verdacht, bei ihren Uni­ver­sitäts­abschlüssen gemogelt zu haben oder sonstwie den einen oder anderen Vorteil im Auge oder auf dem Konto gehabt zu haben bei irgendwelchen Projekten, allen voran natürlich eure hoch verehrte Bundeskanzlerin Frau Angela Merkel, ...



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...aber auch beispielsweise Außenminister Heiko Maas, dessen nicht gerade überbordende, aber doch sichtbar vorhandene Eitelkeit sich in erster Linie bei der Wahl seiner Lebenspartnerin äußert, jedoch auf keinen Fall, mindestens auf keinen ersichtlichen Fall in der Form von Betrug, Bestechlichkeit oder anderen Formen der Vorteilsnahme und -beschaffung, und von Wahlmanipulationen oder anderweitigem Einsatz schwerer Gerät­schaf­ten im politischen Geschäft kann sowieso keine Rede sein – das überlassen die Deutschen gerne ihren Nachbarn im Osten. Dort, im benachbarten und ewig befreundeten Polen, sieht Präsident Andrzej Duda, der sein Amt gerne bei den nächsten Wahlen am 28. Juni verteidigen würde, seine Felle ein klein wenig davon schwimmen, sein wichtigster Gegner Rafal Trzaskowski hat in letzter Zeit in den Umfragen deutlich zugelegt, sodass die regierende Partei für Recht und Gerechtigkeit oder was auch immer sich hinter dem Kürzel PiS in Tat und Wahrheit verbergen mag, jetzt wieder mal gegen Schwule, Lesben, und anderweitige Gender-Personen zu hetzen beginnt mit dem Kalkül, nicht den tiefen Staat, sondern die tiefe Landbevölkerung für Kamerad Duda zu mobilisieren. In Deutschland würde nicht mal mehr das funktionieren, hier hat alles seine Richtigkeit, der wichtigste Wirtschafts-Dachverband der Automobilindustrie wird von einer ehemaligen Staatssekretärin und Kanzlerinnen-Mitarbeiterin präsidiert, da gibt es nichts zu mauscheln und zu dreckeln. Mit anderen Worten: Für eine politische Spitzenkarriere sind Verstöße gegen die guten Sitten bei euch nach wie vor keine zwingende Voraussetzung. Weshalb nur, frage ich mich aus neutraler Sicht, weshalb hat diese ewig wiederkehrende Figur des männlichen weißen Poli­ti­kers, der sich ein halbes Leben lang bemüht, wie ein präabiturieller Streber auszusehen, vor ein paar Jahren die Form von Philipp Am­thor angenommen und sich nun auch in der gebührenden Dumm­heit ausgedrückt, einen Lobby­pos­ten samt Entschädigung in Aktienoptionen nicht nur anzunehmen, sondern die Information darüber auch noch durchsickern zu lassen? Ich weiß es nicht. Es sei ein Fehler gewesen, ließ der Pennäler dazu verlauten und meinte ganz offensichtlich den zweiten Teil, nämlich dass die Sache an die Öffentlichkeit gedrungen ist, und nicht den ersten, dass er beim Wirtschaftsminister für das US-amerikanische Artificial-Intelligence-Startup Augustus Intelligence geweibelt hatte. Was nun mit dem armen Jungen, dem aufsteigenden Stern am deutschen CDU-Polithimmel geschieht, kann man nur vermuten: Es wird ein Jahr lang etwas stiller sein um ihn, dann haben ihn die Politik und der Sternenhimmel wieder, so schlimm ist das nun auch wieder nicht, den Bundesminister um einen Gesprächstermin mit einem Kollegen zu bitten, von dem man dafür ein paar zehntausend Euro erhalten hat. Das ist doch Politik! – Das erinnert mich übrigens an den anderen und sogar Parade-Politiker, den 90 Jahre lang wie ein Schuljunge hinter seiner Brille hervorlinsenden Giulio Andre­otti, der in Italien bis zu seinem Tod vor sieben Jahren als Minister, Ministerpräsident verschiedener Regie­rungen und Strippenzieher bis in die höchsten Mafia-Kreise hinein und auch bis ins höchste, über 90-jährige Alter wie ein Gespenst seiner selber über der italienischen Politik schwebte. Noch auf dem Totenbett zitterten verschiedene einflussreiche Persönlichkeiten vor Angst, dass Andreotti vielleicht doch noch etwas über irgendetwas verraten haben könnte. Hat Philipp Amthor das Zeugs für einen zweiten Giulio Andreotti? Das Aussehen dafür ist auf jeden Fall vorhanden.

Auf der Webseite slavevoyages.org kann man eine Animation anschauen, die seit dem 16. Jahrhundert bis ins Jahr 1875 jedes Schiff zeigt, das Sklaven von Afrika nach Amerika transportiert. Alle folgen sie dem Südäquatorialstrom von Westafrika nach Guayana und weiter in den Norden oder aber südlich nach Brasilien. Die dazu gehörige Statistik weist 10.6 Millionen verladene und 9.2 Millionen gelöschte Sklaven aus, das heisst, die Ausfallquote betrug auf der Überfahrt etwas über 13%, wobei die Sterblichkeit selber mit 12.2% angegeben wird – jeder hundertste Sklave scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. 64.5% der Sklaven waren männlich, 21.5% waren Kinder, womit sich der Frauenanteil wohl auf 14% beläuft – ausgewiesen wird er nicht. Nach Europa wurden zwischen 1501 und 1875 9226 Sklaven verfrachtet, nach Nordamerika 365'000, auf die Karibikinseln 5.1 Millionen, in die spanischen Kolonien in Amerika 658'000, nach Brasilien 3.5 Millionen. Innerhalb von Afrika wurden ab 1576 von den europäischen Sklavenhändlern 168'727 Personen gehandelt – zuvor gab es bereits eine lange Geschichte von arabischen Sklavenhändlern, welche den Mittelmeerraum bedienten. Nach weiteren Destinationen gingen zwischen 1526 und 1850 203'397 Sklaven. Nach Schiffsnationalität teilen sich die Sklaven auf in knapp 3 Millionen für Großbritannien, etwa eine Million für Portugal, eine halbe Million für Frankreich, wiederum etwa die Hälfte für Spanien, gefolgt von den Niederlanden, den USA, Dänemark und den baltischen Staaten und weiteren. Was auf der slavevoyages-Webseite nicht auftaucht, sind die Sklaven­ver­hält­nisse beziehungsweise der Sklavenhandel in der Antike und im Islam sowie der, nicht besonders umfangreiche Sklavenhandel in Europa, zum Beispiel mit Menschen aus dem Schwarzmeerraum, der bis in die Moderne anhielt. In Europa selber nannte man den Besitz an Menschen nicht Sklaverei, sondern allenfalls Leibeigenschaft und von da an aufsteigend in den verschiedenen Graden der Untertanenschaft. Für Russland steht dafür noch bis zur russischen Revolution das Symbol der Knute. Und so weiter.

Am 20. Mai hat Frankreich offiziell den Franc de la Communauté Financière Africaine begraben, respektive: Für die Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft wird der Franc CFA per 1. Juli abgelöst vom Eco, während die zentralafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion vorderhand noch beim CFA bleibt. Es handelt sich um eine Währung mit einem fixen Wechselkurs zum Euro, der vom französischen Schatzamt und im Rahmen der Maastrichter Verträge garantiert wird. Es versteht sich von selber, dass solch eine Währung nicht nur ein Erbstück der kolonialen Vergangenheit ist, sondern geradezu das Paradepferd der kolonialen Gegenwart darstellt; dem­ent­spre­chend steht sie unter laufender antikolonialer Kritik in den Mitgliedländern der Währungs­ge­mein­schaft, und selbstverständlich erheben auch kritische Stimmen in neutralen und objektiven Ländern wie Deutschland Einwände; so bezifferten laut der französischsprachigen Wikipedia-Ausgabe die Deutschen Wirtschaftsnachrichten im Jahr 2014 die Ausbeutung der afrikanischen Länder durch den CFA auf jährlich 440 Milliarden Euro. Im Vergleich dazu: Burkina Faso erwirtschaftete im Jahr 2017 ein Bruttoinlandprodukt von 12 Milliarden Euro. Allerdings weist die Webseite der erwähnten objek­tiven und neutralen Zeitschrift der Verlagsgruppe Bonnier für die Abfrage Franc CFA gar keinen Treffer aus. Dafür entnimmt man den Artikel-Anreißern dieser Deutschen Finanz­nach­richten, dass es in Dänemark Milliarden an Bargeld für die Bürgerinnen regnet – hier regt sich mein Unterbewusstsein mit der Meldung, dass es in Dänemark gar kein Bargeld mehr gibt, und mein normales Bewusstsein lässt sich von der Webseite nordschleswiger.dk belehren, dass es sich um etwas mehr als 2 Milliarden Euro an zu viel einbezahlten Steuerbeiträgen handelt, welche das Steueramt wie jedes Jahr zurückerstattet –, weiter, dass in Deutschland eine Par­al­lel-Justiz installiert wird, und zwar gegen die Polizei, und dass Präsident Trump bei den Protesten in den USA alles richtig macht. Und Ronald Barazon hat eine Kolumne verfasst zur Mehrwertsteuer-Reform in der Europäischen Union, welche den EU-Binnenmarkt zu vernichten droht. Zwar habe ich diese Kolumne dann doch nicht gelesen, und die Mehrwertsteuer-Reform kenne ich auch nur in den Grundzügen beziehungsweise in der Absicht, verschiedene Betrugsmöglichkeiten im grenz­über­schreitenden Warenverkehr zu beseitigen, was für die Verlagsgruppe Bonnier offenbar eben die gesamte EU-Wirtschaft in den Ruin treiben wird. Angesichts solcher Leistungen erscheint es mir dann doch wieder wahrscheinlich, dass die Deutschen Wirtschaftsnachrichten die Abzocke von 440 Milliarden Euro jährlich vor sechs Jahren berechnet hat, aber die Frage, weshalb Wikipedia diese Nachricht auch tatsächlich für erwähnenswert hält, wird damit nicht beantwortet.

Wie auch immer: Welche Bedeutung eine stabile Währung für die Wirtschaft und auch für die Bevölkerung in Entwicklungsländern haben kann, brauche ich euch Expertinnen in Sachen Inflation und so weiter hier nicht im Detail zu schildern. Die Garantien der französischen Zentralbank mögen noch so kolonialistisch oder postkolonialistisch sein – sie sind pures Gold wert. Und damit können wir auch diese Meldung wieder zu den Akten legen.
Jetzt, da die bedeutendsten Systemkritiker ihre Aluhüte wieder im Schrank versorgt haben und sich wieder auf die Alltagsrhetorik besinnen, könnten wir uns ebenfalls mal ein wenig der Systemfrage zuwenden. Was meinen eigentlich all die Vögel, die mit dickem Hals und rotem Kopf jeweils nicht nur «Merkel muss weg» brüllen, sondern eben auch gegen das System und die Systemmedien wettern? Welches System denn? Etwa das unsrige, also die konkrete Form, welche nicht Philip Amthor, sondern der Kapitalismus momentan grad angenommen hat? Man darf annehmen, dass es sich um so etwas handelt, ebenso wie in Frankreich bei den Gelbwesten. Das ist alles schön und gut, gegen das System zu schimpfen, kann nie falsch sein, bloß: Worauf soll die Kritik hinaus? Sofern zum Beispiel eine klassenlose Gesellschaft gemeint sein sollte, bin ich gerne dabei, wenn ich zuerst auch gerne ein paar technische Fragen geklärt hätte. Wie soll diese klassenlose Gesellschaft organisiert sein? Gibt es weiterhin eine Verfassung und eine Gerichtsbarkeit im Rahmen einer Rechtsordnung, oder sind die Individuen in der klassenlosen Gesellschaft bereits so weit gediehen, dass sie die Regeln des Zusammenlebens so stark verinnerlicht haben, dass solche Regeln überflüssig geworden sind? Wie steht es mit der Arbeitsteilung und mit der Zirkulation der Güter? Ich habe zu diesen Punkten noch sehr wenig vernommen, auch in Frankreich nicht, wo sich seit Jahren sehr viel Groll entlädt, ohne aber konkrete Programmforderungen aufzustellen. Das reicht mir nicht. Ein dumpfes Gefühl reicht mir einfach nicht aus. Ich brauche richtige, konkrete Vorschläge. Abbau von Privilegien? Aber immer! Bloß: wie genau? Zum Beispiel im Bildungsbereich, wo ganz ohne Zweifel die Hälfte der Biografien definiert werden. Was tun wir hier? Wie sorgen wir dafür, dass wirklich alle die gleichen Chancen erhalten und gleich gut gefordert und gefördert werden? Privatschulen abschaffen ist das eine, aber vor allem: Wie garantieren wir die höchstmögliche Schulqualität in den versifften Vierteln der Großstädte und auf dem Land? Das, genau das muss mir eine Bewegung mitteilen, bevor ich mich ihr anschließe.


Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
17.06.

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