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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - L'Opinion

Ein Herr Erwan Le Noan betitelt seine Kolumne in «L'Opinion/Wall Street Journal» vom 21. August 2021 mit der Aussage: «Im Jahr 2022 muss man die Institutionen neu aufbauen». Er spricht von Frankreich. «Da es keine Zwischen-Institutionen auf nationaler Ebene gibt und die lokalen Institutionen nichts zu sagen haben, ist es zu einer Schwindel erregenden vertikalen Beziehung zwischen den Bürgerinnen und der Macht gekommen, welche eher eine Bedrohung darstellt als eine Stärke», führt er in der Einleitung aus.

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Man sieht: Das Leben der Damen und Herren Kolumnistinnen ist schön, wenn sie solche Dinge in die Welt setzen können wie der Muezzin seinen Weckruf vom Minarett herab. Die Schwindel erregend vertikale Beziehung zwischen den Bürgerinnen und der Macht ist also nicht etwa eine Stärke, da sind wir aber froh, dass uns Monsieur Le Noan mit dieser Einschätzung bei der Ordnung unseres Weltbildes hilft. Ein Glas Wasser dient eher der Bekämpfung des Durstes als des Hungers, könnte man, der intellektuellen Schwerkraft folgend, weiter argumentieren, wobei damit die Falllinie tatsächlich ins Unendliche nach unten weist. Anders gesagt: Erwan Le Noan verzapft einen ausgemachten Schwachsinn, wie vermutlich die meisten Kommentatorinnen im Großteil ihrer Kommentare, und ich kann mich selber leider von dieser Regel nicht ausnehmen, aber das ist etwas anderes, im Moment geht es um Monsieur Le Noan und die Schwindel erregende Vertikalität in der Beziehung zwischen Macht und Bevölkerung. Was aber heißt das überhaupt? Während ich mir unter der Bevölkerung noch etwas vorstellen kann, von einer statistisch in mehreren Beziehungen erfassbaren und kategorisierbaren Masse bis hin zu einem vielfältigen Haufen von Individuen mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und kreativer Energie, bleibt mir «die Macht» zunächst fern. Solche Dinge kenne ich nur aus Star Wars oder «Herr der Ringe». Auf Erden dagegen ist die Macht eher ein Geflecht von Beziehungen mit bestimmten Inhalten, Einfluss, Geld und dergleichen, aber nicht so etwas wie eine physikalische Größe, auch wenn sie auf das Leben der Menschen durchaus die größeren Aus- und Einwirkungen haben kann als die Schwerkraft, die mehr oder weniger a priori gegeben ist und geradezu eine Voraussetzung des Lebens der Menschen darstellt, durchaus im Gegensatz zur jeweiligen Macht. Welche Macht in Frankreich steht nun aber der Bevölkerung nicht nur frontal, sondern gar vertikal gegenüber? Mir kommt in diesem Zusammenhang ein Ort in den Sinn, nämlich Vaduz, die Hauptstadt des Weltfürstentums Liechtenstein, die sich unten an einem mehr oder weniger vertikal aufragenden Felsen befindet, während oben das Fürstenschloss thront, das einen Fürsten beinhaltet, der zu allem Überfluss auch tatsächlich noch das Vetorecht in politischen Angelegenheiten im Fürstentum Liechtenstein hat, eigentlich sollten ihm die devoten Liechtensteinerinnen auch noch das Ius primae noctis einräumen, das kommt vielleicht noch. Der Sturz des Fürsten von und zu Liechtenstein wäre aus ästhetischer Sicht einer der Meilensteine der Weltgeschichte, eben gerade darum, weil hier die Macht derart plump vertikal gegenüber dem platten Volke aufsteigt. Immerhin eines Volkes, das sich aus eigener Initiative dazu bequemt, seinen Fürsten nicht zu stürzen, muss man anfügen, sondern als seine zentrale Institution und Souverän immer und immer wieder zu bestätigen. Offenbar sehen die Liechtensteinerinnen in dieser Vertikalität tatsächlich eine Kraft und nicht eine Bedrohung, um auf Herrn Le Noan zurückzukommen und seinem sinnfreien Gerede doch noch einen liechten­steini­schen Sinn einzuhauchen. Vielleicht taugt Vaduz tatsächlich zum Begriff, so wie seinerzeit die Ortschaft Lalenburg mit ihren Bewohnerinnen, den Lalen, später bekannt geworden als Schilda mit den Schildbürgerinnen.

Wo aber bleibt dieser Felsen, diese Vertikalität in Frankreich? Es muss sich um die Zentral­re­gie­rung handeln, zu welcher kein sanft ansteigender Weg der Institutionen führt, sondern nur der Vaduzer Schlossfelsen, weshalb Erwan Le Noan das Jahr 2022 zum Jahr der Rekonstruktion der Institutionen ausruft. Naja – Macht ist Macht, und zwar um so schöner und effizienter, als sie sich auch in die Fläche erstreckt; aber der zentrale Punkt ist ja nicht der, sondern die Frage, wie. Wie organisiert sich Macht, aufgrund welcher wirtschaftlicher und sozialer Faktoren, wie drückt sich so etwas im politischen System aus, was für einen Stellenwert hat die nationale Macht im inter­na­tio­nalen Zusammenspiel? Solche Fragen beziehungsweise ihre Beantwortung dienen der Erhebung des Sachverhaltes, und im Anschluss daran macht man sich an die Frage, was zu verbessern wäre, und wenn man das Was gefunden hat, kann man sich an das Wie machen, auch hier.
Also: Wie organisiert sich die Macht in Frankreich? Bis vor Kurzem war sich die Öffentlichkeit darüber einig, dass die Spitzen von Wirtschaft, Politik, Kultur und Militär einerseits aus so etwas wie einem Erbadel bestimmt werden und anderseits aus einem Zement an Personal, das an der französischen Eliteschule Ecole Nationale d'Administration ausgebildet wird. Unser aller fran­zö­sischer Präsident Macron hat nun die Schließung ebendieser ENA angekündigt; sie war offensichtlich allzu vertikal beziehungsweise ein allzu deutliches Ziel aller Ressentiments der gesamtfranzösischen Bevölkerung. Sie wird ersetzt durch das Institut National du Service Public, wo das Schmieden von Kadern beziehungsweise die Produktion der Elite unverändert weiter gehen wird wie zuvor. Das sind mir mal Reformen! Das ist ein Neuaufbau von Institutionen, wie er im Buche steht! Alles fließt, ist in ständiger Bewegung, soll Heraklit gesagt haben, bloß in Frankreich ändert sich außer dem Namen nichts. – Auch die starke Zentra­li­sie­rung, für welche Erwan Le Noan die Vertikalisierung offenbar als poetische Umschreibung verwendet, wird sich nicht wesentlich ändern. Sie würde sich wohl auch nicht ändern, wenn, sagen wir auf halbem Weg zwischen Lyon und Paris, noch eine Zwischen-Institution geschaltet würde. Aber unabhängig davon: Was mich an Erwan Le Noan und seinem Kommentar so fasziniert, ist nicht das Geschwafel als solches, sondern die Vorstellung, dass irgend ein Mensch auf dieser ganzen Erde glauben könnte, dass sich Frankreich dem Dekret dieses Kolumnisten beugen würde und das Jahr 2022 zum Jahr des Neuaufbaus der Institutionen erklären würde. Oder gar, dass es sich an diesen Neuaufbau konkret machen würde.

Wie kommen durchschnittlich ausgebildete Menschen dazu, solche Anweisungen zu erteilen, die sichtlich keinen Adressaten haben und von niemandem ausgeführt werden? L'Opinion, welche offenbar nicht nur von mir, sondern auch von Teilen der oberen französischen Mittelklasse bis hin zu Kollegen des ehemaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy gelesen wird, veröffentlicht solche Torheiten ganz wie die Neue Zürcher Zeitung, die andauernd vom westlichen Liberalismus schwafelt oder von linkem Etatismus, einem jeden Land sein eigenes ideologisches Gebrumm halt, aber dieser Gestus, dass man dem Land, der Welt und insgesamt der Zeit Vorgaben macht, was sie zu tun haben, das finde ich vollkommen übergeschnappt. Frankreich wird seine Institutionen im Jahr 2022 nicht im Traum neu aufbauen.

Sprechen wir von etwas anderem. In einer Meinungsumfrage der Bild am Sonntag liegt die SPD in der Wählergunst unvermittelt gleichauf mit der CDU/CSU mit je 22%, gefolgt von der Allianz für Deutschland mit 12% und der FDP mit sogar noch mehr, nämlich 13%. Ach ja, die Grünen liegen auf Rang drei mit 17%; die Linke bummelt mit 7% hinterher, und Sonstige kommen auch noch vor mit ebenfalls 7%. Was soll das? Die CDU/CSU wird diese Wahlen gewinnen vor den Grünen, auf Rang drei liegt die SPD, dann kommt die AfD, und die FDP wird diesmal wohl etwas vor der Lin­ken liegen. So ist das doch. Was sollen jetzt diese seltsamen Umfragewerte? Nun gut, die Bild am Sonntag beziehungsweise das Meinungsforschungsinstitut INSA haben insgesamt 1352 Personen telefonisch und online befragt – das ist nicht eben gewaltig, vielmehr ist das ein absolut lausiger Erhe­bungs­wert, dem nicht einmal das Prädikat «Wert» zugeschrieben werden dürfte. Zum Ver­gleich: Das Schweizer Farbfernsehen gibt regelmäßig Umfragen zu Abstimmungen und Wahlen in Auftrag, letzte Woche gab es wieder eine zum Urnengang – ja, so werden Abstimmungen und Wah­len in der Schweiz genannt – am 26. September; dabei wurden 22'427 Stimmberechtigte befragt, wovon 1202 telefonisch. Wenn man das auf Deutschland hochrechnet, müsste die Bild am Sonntag also ungefähr 220'000 Wahlberechtigte im ganzen Land befragen, wenn möglich sprachregional gewichtet; die vorliegenden Ergebnisse beruhen also relativ gesehen auf nicht einmal einem Prozent der Erhebungen, welche das Schweizer Fernsehen jeweils für die Schweiz anstellt. Kein Wunder, dass da Olaf Scholz plötzlich so gut abschneidet; schließlich hat man ihn in letzter Zeit auch regelmäßig schön geschrieben, während man auf Annalena Baerbock herumgehackt hat, dass die Späne flogen. Bild am Sonntag benötigt dazu also 1350 Menschen – vermutlich haben sie nicht mal diese Auswahl wirklich befragt, sondern sich die Ergebnisse einfach aus den Fingern gesogen, das ist billiger und laut verschiedenen anthroposophischen Ärztinnen auch noch gesünder.
Die meisten Zeitungen und Zeitschriften sind etwas zurückhaltender, sogar im Meinungsteil, mit ihren Anweisungen an Staat und Gesellschaft; aber eine Schlagseite haben sie fast alle, auch die renommierten wie «Le Monde». «Le Monde» muss sowohl in der Themenwahl als auch in der Auf- und Zubereitung der Information immer zeigen, wie unabhängig und kritisch die Redaktion ist, sie steht unter einem linksliberalen Warnzwang. Die Steigerung davon findet sich in der «Libération» und das Konzentrat im «Le Monde Diplomatique», wo Monat für Monat dokumentiert wird, dass die Welt unter kapitalistischen Verhältnissen immer schlechter wird. Eben, im Notfall stürzt sich das wilde Tier Kapitalismus sogar auf den Sand und zermalmt ihn. Ich bin nicht sicher, ob unter diesen Prämissen zum Beispiel die Afrika-Berichterstattung bei «Le Monde» wirklich wahrheits­haltige Bilder liefert. Ich denke, dass «Le Monde» sehr stark darauf fixiert ist, das französische Engagement zu kommentieren, eben, durchaus kritisch, was an und für sich lobenswert ist; aber daneben gehen vermutlich zentrale Entwicklungen im nichtfranzösischen Teil unter, sowohl was die Länder angeht, also namentlich das anglophone Afrika, als auch was die nicht genuin vom fran­zö­sischen Kolonialismus abgedeckten Teile der Bevölkerung angeht. Das ist nun eine Vermutung, für welche ich nicht ins Gefängnis gehen würde; aber dass die Afrika-Berichterstattung von «Le Monde» die afrikanischen Lebens- und Denkweisen berücksichtigt, ist mir bisher noch nicht aufgefallen. Die Zeitung berichtet hin und wieder darüber, kümmert sich aber nicht um Kausalitäten und Prioritäten; die sind rein europäisch.
Aber dazu und überhaupt zu Frankreich ein andermal mehr.

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
24.08.

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