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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Keine rote Drachme

Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch eine Halluzination gewesen war, was ich am letzten Freitag in einer Nachrichtensendung des deutschen Staatsfernsehens gesehen hatte, vielleicht war es auch ein Privatsender, aber im Fernsehen war es auf jeden Fall. Es ging da um die Wespen, welche im Jahr 2020 besonders häufig und besonders aggressiv auftreten.



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Wie jedes Jahr, versteht sich; selbst eingefleischte Christinnen müssen zugeben, dass sich der liebe Gott nicht viel überlegt hat, als er die entworfen hat. Es bemühten sich in dieser Sendung zwei Frauen, das Renommee dieses Stech- und Beiß-Viehs aufzupolieren, unter anderem mit der Behauptung, die Wespen würden Blattläuse vernichten. Die eine gab sich als Sachbearbeiterin oder gar Präsidentin des deutschen Bundes für Naturschutz aus und tätigte als solche eine Aussage, die mir den Atem verschlug: Sie sagte, dass Wespen in Deutschland unter dem Schutz des Naturschutzgesetzes stehen würden, dass es verboten sei, sie zu bekämpfen oder gar zu töten und dass eine Zuwiderhandlung mit Bußen von mehreren tausend Euro geahndet werden könnten.

Falls ich nicht halluziniert habe, muss ich euch, Bewohnerinnen eines Landes mit einer solchen Naturschutzgesetzgebung, kollektiv zur Verantwortung ziehen und fragen: Seid ihr eigentlich bekloppt? Vom Affen gebissen? Von der Wespe gestochen? Eine Buße von 5000 Euro, weil man eine Wespe vernichtet? Was ist denn das für ein Naturschutz mit dem ihm zugehörigen Gesetz, welcher noch das übelste aggressive und nutzlose Insekt unter Schutz stellt und somit in einem vorchristlichen Sinne heilig spricht?

Ich weiß, ich weiß, wir haben dieses Insektensterben, das offenbar dramatische Ausmaße ange­nommen hat als Folge der Überzivilisierung der Menschheit, will sagen der unbedarften Subven­tionierung von dummen Bauern für die Maximierung der Produktion und damit die Zerstörung ihrer und unserer Lebensgrundlagen. Das ist blöde und bekloppt, es gehört ins gleiche Kapitel wie die Massentierhaltung zwecks Befütterung von Hartz-IV-Bezügerinnen mit möglichst billigem, pharma­kologisch aufgewertetem Schweinefleisch. Die deutsche und auch die EU-Agrarpolitik möchtet ihr bitte bei nächster Gele­gen­heit dramatisch umkehren zugunsten, jawohl, des Tierwohls und des Erhalts einer Umwelt, welche ihren Namen verdient. Durchaus, absolut und drei Mal gebongt. Aber doch nicht mit dem Schutz von Wespen und ihren Nestern! Oder gar Tigermücken! Es gibt ja auch noch andere Insekten, Bienen beispiels­wei­se, die könnt ihr gerne bewahren, aber die Wespen bitte nicht! Auch wenn das englische Wasp für White Anglo-Saxon Protestant steht und in der neuesten Ausformung somit für Donald Trump, den braucht ihr erst recht nicht zu schützen.

A propos Trump: Wird er's, wird er's nicht? Wenn man die Berichterstattung verfolgt, erhält man den Eindruck, dass alles eine Frage der Show ist. Wer hat die schönere Wahlveranstaltung, wer setzt sich in der Fernsehdiskussion durch? Und allein schon das ist ein grauenhafter Gräuel, die Vor­stellung, dass diese impulsgetriebene Leerstelle auch nach vier Jahren des Vor-sich-hin-Brut­zelns überhaupt einen Stich hat bei einer guten Hälfte der Wahlbevölkerung, und es kommt über­haupt nicht drauf an, ob es jetzt 45 Prozent sind oder 55 Prozent, allein dass dieser, jeglicher mensch­lichen Substanz entkernte Talkmaster derart große Menschenmassen für sich zu mobili­sie­ren vermag, ist ein Tiefschlag für das Verständnis von Demokratie – wenn es nicht überhaupt die Negation von Demokratie ist, mindestens in den Vereinigten Staaten. Im Grunde verhält es sich dort nicht anders als im Libanon: In Washington sind derart viele derart mächtige Clans auf derart mächtigen Claims aktiv, es geht nämlich tatsächlich um die ganze Welt, die man von Washington aus in Reichweite und zum Teil sogar in Griff hat, dass fünfzig, sechzig, neunzig, neunundneunzig Prozent der Bevölkerung gar keine Chance hat, in die tatsächlichen Ent­schei­dungs­prozesse ein­zu­grei­fen, weil sie nämlich zum Vornherein keine Ahnung davon haben und auch keine Chance, sich eine Ahnung davon zu verschaffen. Aus dieser dumpfen Einsicht heraus ziehen es offenbar viele Wählerinnen und vor allem die Wespen-Wählerinnen vor, lieber eine Karikatur eines Präsidenten zu wählen, einen bewusstlosen Clown, anstelle von Figuren wie den Obama, welcher immerhin auf der symbolischen Ebene gewisse Fortschritte verkörpern – jenen Fortschritt eben, dass es im Gerangel um die Claims nicht auf die Hautfarbe und, bald werden wir es auch in den Vereinigten Staaten erleben, nicht einmal auf das Geschlecht ankommt. Die Macht und die Verteilung von Einfluss und Geld hat kein Interesse an solchen Lappalien, welche die normalen Menschen weiterhin in Rage bringen. Den großen Interessengruppen ist auch der Naturschutz egal, die sorgen sogar für prächtig blühende Blumenwiesen, wenn sie ihren Einfluss damit ausbauen können. Und eben, sie haben gelernt, mit Trump zu leben, was offensichtlich nicht besonders schwierig ist, und sie können auch mit Joe Biden leben. Damit liegt der Ball wieder bei der US-amerikanischen Bevölkerung, welche nach wie vor zahlreiche Trump-Anhänger beinhaltet. Ein Volk von lauter Wespen.

Nicht dass die Russinnen viel besser dran wären. Sie haben gelernt, mit Putin zu leben, weil offenbar keine Alternative vorliegt, aber dass dieser Trottel jetzt schon wieder einen Anschlag auf Nawalny zugelassen, wo nicht sogar selber angeordnet hat, das hält doch auch der größte Putin-Anhänger nicht aus. Selbstverständlich geht es auch in Moskau um Clans und Claims, wobei die Clans deutlich jünger sind als in den Vereinigten Staaten und auf weniger stabile vorbestehende Netzwerke zurückgreifen können beziehungsweise sich in weniger deutlich ausgebildeten Struk­turen bewegen, was gewisse, für uns irrational erscheinende Phänomene am Putin-Regime erklärt. Aber auch Putin geht meines Wissens gerne ins Theater, und somit müsste er seit langem Wissen, dass es für das Theater einer modernen Gesellschaft, und es braucht durchaus nicht eine sozial­demo­kratische zu sein, aber modern halt trotz allem in der einen oder anderen Weise, dass es auch für ein anderes als ein sozialdemokratisches Welt- oder Russland-Theater einen Schein von Mei­nungs­freiheit, wo nicht überhaupt Opposition braucht, und zwar, wie schon Michail Gorbatschow richtig gesagt hat, wie die Luft zum Atmen. Wenn diese Luft nicht vorhanden ist, entsteht eine anaerobe Gesellschaft, eine ohne Luft, deren Entwicklungsmöglichkeiten rundum beschränkt sind. Und genau dafür steht seit langem der Nawalny; nicht etwa für einen tatsächlichen Einfluss in der russischen Politik und Gesellschaft, sondern wiederum als Symbol dafür, dass es in diesem großen Reich auch die Möglichkeit der freien Rede und des freien Gedankens gibt. Wenn Putin dauerhaft Anschläge auf dieser Ebene zulässt oder eben selber inszeniert, dann agiert er als Würgeengel für Russland und nicht als der Staatenlenker, als der er sich selber gerne inszeniert.

All das braucht uns nicht so direkt zu kümmern. Eigentlich auch nicht weiter zu kümmern braucht uns die Nachricht, dass Bosnien und Herzegowina 2.6 Millionen Euro an Schweden und Dänemark zurück überwiesen hat; es handelt sich um Gelder, welche für die Reform der öffentlichen Verwaltung vorgesehen waren. Da sich in dieser Beziehung nichts getan hat, gingen die Mittel jetzt zurück. Trotzdem bleibt nicht immer alles so, wie es schon immer war; nach wie vor blicken wir mit Spannung auf Weißrussland und auch auf Bulgarien, wo die Proteste gegen die Regierung Borissow nun seit über einem Monat anhalten. Borissow kündigt immer wieder den Rücktritt seiner Regierung beziehungsweise von ihm selber an, um dann doch darauf zu verzichten. Auch Präsident Radew fordert den Rücktritt der Regierung, und die Demonstrantinnen machen nicht den Eindruck, als würden sie demnächst nach Hause gehen.

Was aber geschieht am Grunde des Flusses in Deutschland? Einmal abgesehen von den beiden Charakterdarstellerinnen im Amt der Landwirtschaftsministerin und des Verkehrsministers, wie entwickeln sich die wirtschaftlichen Grundlagen eures Landes? Ich muss gestehen, dass ich im Moment kein klares Bild davon habe, ob das Eingreifen des Staates zur Stützung von Menschen und Unternehmen einer Linie folgt, welches zu einer Strukturanpassung führen könnte, was für mich in erster Linie die Abkehr von der Fixierung auf die Automobilindustrie bedeutet. Von einer generellen Umstellung der Art des Wirtschaftens will ich nicht sprechen, so etwas kann man wohl heute nicht mehr in einem einzelnen Land ins Auge fassen, es sei denn in Zeiten absoluter Krisen wie dunnemals in Griechenland, wo ich auch heute noch dem Moment nachtraure, als die Syriza-Regierung entgegen meinem Ratschlag die rote Drachme nicht einführte als Ersatz für den Euro. Wahrscheinlich war die Übersetzung ins Griechische daran schuld. Allerdings muss das schon ein lausiger Übersetzer gewesen sein, der aus «unbedingt aus dem Euro raus und eigene Währung rote Drachme einführen» den Satz «unbedingt in der Eurozone bleiben und dem Schuldenabbauplan der Troika bedingungslos zustimmen» machte.

Immerhin bricht die Krise einzelne Elemente des Arbeitslebens, der Arbeitsform auf, wie zum Beispiel mit dem Home Office. Meiner Ansicht nach ist das nicht zu unterschätzen: dass mit dem Home Office der äußere Zwang, um 8 Uhr am Arbeitsplatz aufzukreuzen und ihn um 17.30 Uhr wieder zu verlassen, ziemlich komplett ausgehöhlt wird. Klar entstehen dabei Möglichkeiten zum Missbrauch beziehungsweise zur Über-Ausbeutung, aber für die breite Masse entfällt schlicht und einfach ein Disziplinierungsinstrument. Massenpsychiatrisch betrachtet kann man auch sagen, dass ein persönliches Strukturelement ausgehöhlt wird; nach wie vor haben es sich die meisten Men­schen in einem Leben bequem gemacht, das von festen Tages-, Wochen- und Jahresabläufen geprägt ist, inklusive Arbeitsantritt und -ende, Urlaub, Feiertage und so weiter und so fort. Mir gefällt die Vorstellung, dass viele Leute aufgrund von Home Office diese Abläufe zwangsläufig in Frage stellen. Vielleicht entsteht daraus eine gewisse Neugierde, ob nicht auch Alternativen denkbar wären.

Aber zur Hauptsache geht es selbstverständlich um die wirtschaftliche Zukunft, abgesehen von allem anderen, nicht nur Deutschlands, sondern Europas und letztlich der Welt. Was sind die wirklich modernen, zukunftsträchtigen Sektoren und Tätigkeiten? Unter diesem Gesichtspunkt muss man eigentlich dauernd die bestehenden Strukturen beurteilen, und unter diesem Gesichtspunkt wären eben die enormen Eingriffe, die wegen Corona nötig geworden sind, konkret einzurichten.

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
25.08.

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