Aktuell

Das Programm von heute
08:00 F.R.E.I.stunde
Programm von Kindern und Jugendlichen für Kinder und Jugendliche
09:00 Unterdessen...
Das Magazin ...
11:00 Osmose
Sendungen Freier Radios
12:00 Lange Rille
die LP zum Sonntag
13:00 Offene Sendefläche
nach § 34 ThürLMG
15:00 sechs zu eins
6 Volontär*innen 1 Thema
17:00 Unterdessen...
Das Magazin ...
19:00 Fledermausgeschichten
Geschichten für Kinder
20:00 Wir mischen uns ein
Das globalisierungskritische Magazin
21:00 Play Some Records
The Sound Of Real Music
23:00 The New Noize
Nice Boys Don't Play Rock 'n' Roll
00:00 Sehkrank
Album zur Nacht

"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Chinesische Geschichte

Ich zitiere aus dem Schlauen Buch des Fähnleins Fieselschweif: «Die chinesischen Interessen in der Region bestanden seit Jahrhunderten. Das achte Jahrhundert in Asien zeichnete sich durch ständige Kriege mit wechselnden Allianzen aus.



artikel/Aus neutraler Sicht/J_KW_45_200px.png


> Download

Tang-China befand sich im ständigen Konflikt mit dem mächtigen tibetischen Reich, das unter Songtsan Gampo zu einem wichtigen Faktor in Zentralasien wurde. Ausserdem befand sich das chinesische Reich in Auseinandersetzungen mit den Uiguren an der Nordwestgrenze und Thai-Völkern im Süden. China versuchte trotz dieser Konflikte die Kontrolle in Zentralasien zu erlangen. Hierzu nutzten sie weniger militärische Mittel, sondern schlossen Verträge über Handel und Territorien mit lokalen Herrschern.»

Es lässt sich anhand von dendrochronologischen Untersuchungen, ach was, von einfachen historischen Fakten nachzeichnen, dass der Konflikt, der sich heute im Rahmen der chinesischen Grenzen abspielt, gut tausendfünfhundert Jahre alt ist. Das finde ich eine beeindruckende Kontinuität, wenn ich mir die Entwicklung in den übrigen Weltregionen anschaue, auch wenn ich berücksichtige, dass erst die Song-Dynastie ein paar hundert Jahre später das Land im Innern richtig einigte, mit Polizeistationen überzog und Papiergeld druckte. In diese Zeit wird auch die Entstehung eines Nationalbewusstseins der Han-Chinesen verortet. Im dreizehnten Jahrhundert übernahmen die Mongolen mit der Yuan-Dynastie die Kontrolle, auf welche 1368 nach einer Bauernrevolte die Ming-Dynastie folgte. Ihr Gründer Zhu Yuanzhang verteilte den Großgrundbesitz an Kleinbauern und hob die Sklaverei auf. Unter den Nachfolgern blühte das Land einerseits auf, anderseits verarmte die Landbevölkerung wieder. Im 17. Jahrhundert wurden die Ming von den Qing abgelöst, und dann begann der Niedergang des Kaiserreiches bis zur Auferstehung aus der Asche nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Leitung von Mao Tse Tung.

Es nützt nichts, Mao Tse Tung die 30 Millionen Toten der großen Landreform in den 1950-er Jahren vorzuwerfen. Die Chinesinnen verehren ihn wegen seiner dynastischen Leistung. Er hat das Reich der Mitte neu gegründet, indem er die Grundlagen für die moderne Weltmacht China gelegt hat, wenn es für ihren Aufstieg auch noch einiger weiterer und diesmal richtiger Modernisierungen bedurfte. So sieht das der Chineserer nämlich. Das Problem besteht nur darin, dass die Chinesinnen im Moment alles daran setzen, ihr Land zu einem kompletten Han-Chinesen-Land umzurüsten, inklusive Tibet und Uigurien, was uns insofern egal sein könnte, als wir ja auch seit Jahrhunderten der ständigen Umrüstung unterworfen sind, zuerst durch die Franzosen, heute durch die Ameri­kaner, deren kulturelle Verwüstung der germanischen Landschaft viel tiefer greift als alle Isla­mi­sie­rungsversuche bisher. Allerdings mussten dafür keine Umerziehungslager eingerichtet werden, wir vollziehen die Anglisierung weitgehend freiwillig, was auch damit zusammenhängen mag, dass das Englische bekanntlich ein Bastard aus lateinischen und germanischen Sprachen ist. Insofern fallen uns nur unsere eigenen Enkelkinder auf den Kopf, während das bei den Uiguren etwas anderes ist.

Was will ich damit aber sagen: Der große Vorsitzende Mao Tse Tung war neben verschiedenen anderen Sachen auch ein Populärphilosoph, der auf eine ansehnliche chinesische Philosophen-Tradition zurückgreifen konnte, und in der damals modernen Version hieß die Schule von Mao Tse Tung die materialistische Dialektik. Einer der Leitsätze der materialistischen Dialektik lautet: Am Grunde der Moldau wandern die Steine. Ein anderer, eher östlicher: Das Weiche besiegt das Harte. Dialektik ist die Lehre von den inneren und äußeren Widersprüche in und zwischen den Dingen; und was die kaisergleiche ewige chinesische Führung im Moment gerade betreibt, ist so etwas wie die Aufhebung des Widerspruchs und sein Ersatz durch umfassende Kontrolle, Angleichung und Polizei. Nach menschlichem Ermessen kann so etwas nur ins Auge gehen. Diese Debatte be­schränkt sich übrigens erneut nicht auf China, sondern ist in anderer Form mit unseren riesigen Datensammlungen im Westen genau gleich im Gange. Nein, natürlich nicht genau gleich, sondern eben in genau anderer Form, aber die Tendenz ist die selbe.

Lassen sich die Widersprüche aufheben? Heben wir ab in eine voll gesättigte und bedürfnis­be­frie­digte Gesellschaft, in welcher nach aktuellem Stand der Dinge die Mehrheit der Individuen nicht in der Lage ist, an den Entscheidungen mitzuarbeiten, sondern ein teilsediertes Leben in einem ihm zugewiesenen Garten seiner eigenen Möglichkeiten führt, zusammen mit den anderen Menschen im gleichen Garten? – Meine eigene Vorstellung war nicht in allen Teilen anders als diese, nur im Bereich der Beteiligung aller am großen Ganzen, wie auch immer dieses dann idealerweise auf der ganzen Welt zu organisieren sei, aber im Bereich der Demokratie stelle ich doch eine große Abweichung fest.

Es ist möglich, dass ich Demokratie nicht richtig verstehe. Schließlich geht es in der Gesellschaft nicht darum, möglichst wilde und originelle Maßnahmen einzuleiten und zu fordern, sondern die richtigen oder die möglichst am wenigsten falschen. Das heißt, dass auch eine Gruppe von freien Individuen zu den gleichen Einsichten kommen muss, was die meisten gemeinsamen Fragen betrifft, zum Beispiel die Abwasserreinigung oder die Verkehrsregelung und so weiter. Freiheit ist also unbedingt auch im Kollektiv möglich. Bloß sehen die Tendenzen sowohl in China als auch in Kalifornien im Moment zwar sehr kollektiv, aber nicht besonders freiheitlich aus.

Das ist eine große Frage, der ich mich hier nicht abschließend stellen muss, die mich aber immer wieder bewegt, einschließlich der Neben-Frage, wie weit eigentlich die unter islamischer Religion oder Philosophie lebenden Gesellschaften damit umgehen. Ich habe dazu noch nichts gefunden, erwarte eigentlich auch nichts weiter, da es sich eben eher um eine philosophische als um eine religiöse Angelegenheit handelt, und in der Philosophie hat der Islam in den letzten paar Jahrhunderten meines Wissens nicht besonders exzelliert; trotzdem beschäftigt mich die Neben-Frage, weil sie unmittelbar verbunden ist mit der Art und Weise, wie unsere Gesellschaft mit Terror und Anschlägen umgeht, nämlich durch Überwachung. Aber auch hierzu fällt mir keine abschließende Weisheit ein.

Nachdem ich bereits die Wikipedia zitiert habe, kann ich auch noch etwas anderes vorlesen, zuerst ein, vermutlich arg gequetschtes Zitat aus einem Opernführer und dann noch etwas Text dazu: «“Die irische Königstochter Isolde verliebt sich in den Briten Tristan, welcher zuvor ihren Verlobten getötet hatte. König Marke, Kurwenal, Melot und Brangäne sind ebenfalls mit von der Partie. Tristan stirbt.“» Ende Zitat Opernführer, Beginn Text: «Wo hier die Kürze dem Sinn keinen Raum gibt, streckt ihn die Länge der tatsächlichen Oper, dass sich der Sinn darin verliert. Mir ergeht es zumindest so. Mir blieb die Oper immer fremd. Und ich wage zu behaupten, dass Sie und ich und alle Menschen uns darin heimlich einig sind. Das Gefallen an einer Oper sind des Kaisers neue Kleider. Der erste Opernkomponist stellte die Behauptung auf, wem diese Kunstform nicht behage, der sei ein einfältiger Narr. Und seither kompostierte man stundenlang vor diesen Tragödien, deren meist fataler Ausgang sich verhindern hätte lassen, hätten die Personen miteinander gesprochen, anstatt sich in den Tod zu singen.» Zitat Ende. Dass ich diese Auffassung nicht vollumfänglich teile, ist ebenso klar, wie dass das auch nicht notwendig ist, da es sich um einen polemischen, übertriebenen und offen als Übertreibung deklarierten Text handelt. Lustig finde ich ihn dennoch, in erster Linie den Schluss: Hätten die Personen doch miteinander gesprochen, anstatt sich in den Tod zu singen. Aber was wäre dann mit der ganzen Kultur, Frau Eckhart? Und was wäre mit dem Kabarett, von dem Sie sich nähren, und was wäre mit all den Büchern, die Sie noch zu schreiben gedenken? Einfach mit den Menschen sprechen, anstatt Bücher über sie zu schreiben! – Nein, das geht natürlich nicht. Da blieben uns unzählige ausgezeichnete Gedankengänge bis hin zu vollwertigen Witzen verwehrt, was wir alle nicht hoffen.

Der Auszug stammt tatsächlich aus Lisa Eckharts Buch «Omama», das ich aber nicht vollständig gelesen habe, obwohl dieses Zitat von der Seite 300 stammt. Der Anfang war mir einfach zu jelinesk. Nichts gegen Elfriede Jelinek, die sicherlich nicht zufällig den Literaturnobelpreis erhielt, aber ich bin doch etwas irritiert, wenn ich Frau Eckart da exakt in ihrem Ton lese, zumal über jene Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien, zu welcher weder Frau Eckart noch ihrer Omama ein direkter Zugang gewährt ist, wo sie sich also sowieso mit jenen Versatzstücken bewegen muss, auf welche die satirische Häme gerade erst abzielt – das wird wohl im Laufe des Buches beziehungsweise der Erzählzeit anders, und so habe ich mir den Schluss auf Anraten meiner Literaturagentin dann doch noch vorgenommen und darin zahlreiche schöne Sachen entdeckt. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, ob sich auf diesen Ton, also auf die Verlängerung der jelinekschen Oper, ein ganzes schriftstellerisches Lebenswerk aufbauen lässt, wie es Frau Eckart in Aussicht stellt, und die Antwort ist eindeutig Nein. Da hat Lisa Eckart noch ordentlich zu arbeiten, bis sie eine nächste Stufe erklommen hat. Aber zutrauen tue ich ihr das durchaus.

Und sonst so? Corona allerorten, das heißt, Zeit zum lesen, zum Beispiel. Und dann ist heute, am Wahltag in den Vereinigten Staaten, die Zeit gekommen, eine Prognose abzugeben. Nachdem die Ipsos-Umfrage vom 27. Oktober nach wie vor einen Vorsprung des Demokraten Biden gegenüber seinem Präsidentenjockel-Kasper von 10% angibt, nämlich von 52% zu 42%, bin ich geneigt, seine Wahl beziehungsweise die Abwahl des eigentlich Unaussprechlichen, aber keineswegs etwa Teuflischen oder so anzunehmen. Mal sehen, ob die US-amerikanischen Einwohnerinnen geneigt sind, den von ihnen selber dick aufgetragenen Schandfleck der neuesten Geschichte mindestens ein ganz klein wenig zu tilgen. Wir unserseits in der neutralen Schweiz wären geneigt, dieses mit einem leichten, affirmativen Kopfnicken zur Kenntnis zu nehmen.

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
03.11.

Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen


Wird nicht veröffentlicht.