Aktuell

Das Programm von heute
06:00 Zeitsprung
Musik vergangener Tage
09:00 Rumpumpel
Radio für die ganz Kleinen
10:00 Zwei glorreiche Halunken
Das andere Filmmagazin
12:00 F.R.E.I.stunde
Programm von Kindern und Jugendlichen für Kinder und Jugendliche
13:00 What About Breaks
Beats und Remixe
15:00 Offene Sendefläche
nach § 34 ThürLMG
17:00 N.I.A. - nackt im aquarium
feministisches auf Radio F.R.E.I.
18:00 Osmose
Sendungen Freier Radios
19:00 Thüringer Lokalrunde
Thüringer Lokalradios im Austausch
20:00 Stadtgespräch
Persönlichkeiten, Aktionen, Einrichtungen
21:00 Destroy Gallery
Punk '77 - '79
22:00 Partyzone / Schlafstörung
Elektronische Tanzmusik in der Samstagnacht auf Radio F.R.E.I.

"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Die Osmanen

Was Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagen wird, wenn die Türkei in der Ägäis nach Erdgas zu bohren beginnen wird und zu diesem Behuf die eine oder andere griechische Insel erobert, kann man jetzt schon sagen: Putin ist schuld.



artikel/Aus neutraler Sicht/J_KW_24_200px.png


> Download In diesem Licht betrachtet ist es natürlich sinnvoll, dass die Nato Russland wie vor fünfzig Jahren im Kalten Krieg als Erb- und Erzfeind behandelt, da kann man wunderbar von den internen Problemen ablenken. Mit den Erfolgen in Libyen ist dem türki­schen Erdopimpel jedenfalls der Kamm gewachsen, sofern es sich überhaupt um den Kamm und nicht um jenes Ding, ach ja, eben den Pimpel zwischen den Beinen handelt; angesichts eines leichten Anflugs militärischer Überlegenheit scheint mir diese Auseinandersetzung nun unaus­weichlich. Der ehemalige griechische Verteidigungsminister Evangelos Apostolakis rechnet nicht mit mehr als verbaler Unterstützung durch die EU und die USA, und eben, die Nato wird höchstens ein paar Raketen nach Moskau abfeuern, aber ganz sicher nicht in der Ägäis eingreifen.

Ja und? Geht uns das etwas an? Ist es nicht sowieso ungerecht, dass die Griechen aufgrund von hunderten kleiner und kleinster Inseln das ganze Meer zwischen den beiden Staaten bis an die Seegrenze vor dem türkischen Festland besitzen? Mindestens aus Sicht des Erdogauls und noch viel mehr seiner Generäle und der geschäftstüchtigen Geschäftsleute in der Türkei ist es ganz eindeutig ungerecht. Irgendwo in ihrem Langfrist-Erinnerungsspeicher haften noch Überreste der ehemaligen Größe im 16. Jahrhundert, als die Osmanen ein vergleichbares Gebiet beherrschten wie das Vorgängerreich Ostrom. Aber im Vordergrund steht in der Türkei der Drang nach Wachstum. Ursprünglich, das heißt vor zwanzig Jahren war dieser Drang eindeutig nach Westen orientiert, die Hoffnungen lagen bei einem Beitritt zur Europäischen Union, allenfalls bei einer Zollunion oder so ähnlich. Irgendwann vor zehn Jahren muss diese Hoffnung derart gründlich frustriert worden sein, dass sich der Modernisierer Erdogan in den Pascha Erdopimpel verwandelte und seither alles daran setzt, die Türkei als Sultanat zu führen in einem Schwebezustand zwischen den Interessenlagern, wobei diese Interessenlage im Nahen Osten bekanntlich nicht immer nur einfach ist und mehr oder weniger alle Ingredienzien für einen ordentlichen Weltkonflikt beinhaltet. Militärallianzen mit Russland und mit Israel bei gleichzeitigem Verbleib in der Nato sorgen für eine Grauzone, aus welcher heraus die eine oder andere expansive Aktion eben möglich ist, ohne dass die Partner oder Gegner aus den geopolitischen Allianzen allzu viele Einwände erheben. Das ist es, was Apostolakis gemeint hat. Und vielleicht auch noch: Die Billigurlauber werden sich freuen, wenn sie neben Antalya auch noch ein paar Inseln im Angebot erhalten, wo sie nicht mit Euro, sondern mit türkischer Lira bezahlen müssen.

Etwas anderes. Wie würdet ihr, wenn ihr zum Beispiel die gesundheitsschädliche und sowieso tierfeindliche Schweinefleisch-Massenproduktion ums Verrecken auf politischer Ebene verteidigen müsstet, euren Lobby-Verein nennen? Vermutlich «Verband für verantwortungsvollen Konsum von gesundem und aus tiergerechter Haltung stammenden Schweinefleisch». Schließlich ist ein Name in erster Linie mal ein Name. Was haltet ihr aber vom Namen «Internationale Allianz für verantwortungsbewusstes Trinken»? Nun ja, richtig, es ist der Lobby-Verein der Alkoholindustrie mit Mitgliedern wie Anheuser-Busch, Diageo und Pernod Ricard. Ihr erinnert euch vielleicht an die Meldung, dass der Alkoholkonsum in Finnland zu Beginn der Corona-Krise um 25% zugenommen habe; nun weist die Internationale Allianz für verantwortungsbewusstes Trinken aber nach, dass insgesamt weniger gesoffen wurde. Eine Studie von Bier- und Weinproduzenten in neun Ländern mit 11'000 Befragten liegt dieser Aussage zugrunde, und in dieser Befragung haben 30% geantwortet, dass sie in Corona-Zeiten nicht mehr, sondern weniger trinken würden, und zwar unter anderem die Befragten in den Vereinigten Staaten, Frankreich, Deutschland, Japan, Australien und Neuseeland. In Großbritannien dagegen haben trotz Schließung der Pubs zwar ein Fünftel der Befragten weniger, aber ebenfalls ein Fünftel mehr Alkohol gesoffen. Das ist schön. Die Angaben aus Finnland stammten nicht aus einer Befragung, sondern von der Alkoholverwaltung. Aber in Skandinavien ist das Rauschmittel Alkohol sowieso einem Monopol unterstellt.

Irgendwo habe ich gelesen, dass die österreichische Kabarettistin Lisa Eckart neuerdings unter Antisemitismus-Verdacht steht, weil sie offenbar entsprechende Witze rezykliert hat. Ich kenne diese Witze nicht und interessiere mich auch nicht dafür, gehe aber vorderhand davon aus, dass es sich hier trotz allem um ein Missverständnis handelt. Nämlich ist dem Österreicher Kabarett wirklich gar nichts heilig, die kennen keine Schamgrenzen, wobei sie auch sehr extrem mit den Denkfiguren aller möglichen Arten und Unarten der Österreicherinnen operieren, also sicher auch mit jenen von Antisemitinnen; aber es gibt eine andere Grenze, nämlich die Sprachgrenze, und die verhindert es in der Regel, dass das hochdeutsche Publikum diese Art der Grenzverletzung überhaupt versteht. Lisa Eckart dagegen ist zwar Österreicherin, aber sie spricht ein verhältnismäßig sauberes Bühnendeutsch, zwar mit österreichischem Schlag, aber doch eben verständlich, und ich denke, dass es das ist, was diesen kleinen Skandal ausgelöst hat: man hat endlich mal verstanden, was die da von sich geben im österreichischen Kabarett. Gleichzeitig hat man aber nicht verstanden, wie die Montage der Charaktere dort funktioniert. Ich glaube wirklich, dass es sich um dieses Phänomen handelt, denn die wenigen paar Male, da ich Frau Eckart gesehen habe, fiel mir nur ihre schnelle Scharfzüngigkeit auf, nicht aber irgendwelche politischen Dumpfbrunzereien. Ganz im Gegensatz übrigens zur hoch verehrten Monika Gruber, welche im bayrischen Kabarett seit ein paar Jahren den Heimatgeist, das heißt die Ausländerfeindlichkeit zu bedienen begonnen hat und dafür sicher schöne Zinsen in der Form von Kartenverkäufen einfährt. Allerdings weiß ich auch im Fall der Gruberin noch nicht, wohin die Reise letztlich führt; so, wie man halt aus Modegründen während ein paar Jahren eher staatskritische Dialoge geschrieben hat, kann man wohl aus ähnlichen Gründen mal ein paar ausländerkritische Passagen verfassen, schließlich herrscht hier noch Meinungsfreiheit und so weiter und so fort.

Abgesehen davon halte ich mich ja nicht an allen Ecken und Enden des deutschsprachigen Kaba­retts auf, meine Grenzen sind diejenigen des, in der Regel öffentlichen Fernsehens, und überhaupt, um auch das wieder einmal zu sagen: Es wird sowieso zu viel gelacht hierzulande, und zwar aus nichtigem Anlass, man hechelt sich von einem lustigen Videoclip zum nächsten und freut sich so ausgiebig des Lebens, dass es dem Geist, der sich kritisch will, schon ganz schwindlig wird. Über Politik dagegen kann man sowieso nicht mehr lachen, allerspätestens seit Trump das Schauspiel einer Demokratie in eine One-Man-Fernsehshow mit dem allerschlechtesten Talkmaster aller Zeiten verwandelt hat. Trash-TV ist das, geschätzte Zuhörerinnen und Zuhörer, es ist das Niveau jenes Showmasters, der seine eigene Show nur noch deshalb im Sender halten kann, weil ihm der Sender gehört. Mit Politik hat das gar nichts zu tun, sondern nur mit der allerbilligsten permanenten One-Man-Performance, die es je gegeben hat. Darüber wird es keine zwölf Monate nach Ende seiner Präsidentschaft mindestens einen Hollywood-Film geben; bloß muss man dem amerikanischen Fernseh-Zuschau-Volk derart miese Zensuren erteilen, dass man sich einfach nicht sicher sein kann, dass die ihn im Herbst auch tatsächlich abwählen. Immerhin hat er durch seine strikt un- oder apo­li­ti­sche Haltung in den Augen des Wahlvolkes wohl den einen Vorteil, dass ihm keiner so richtig vorwerfen kann, ein Systempolitiker zu sein, also ein Gewächs aus diesen Gewächshäusern, die mehr oder weniger identisch aussehen bei den Demo­kraten und den Republikanern, die sich auf beiden Seiten mit den gleichen Beträgen schmieren lassen, welche ganz selbstverständlich America-First-Politik betreiben, ohne dies gleich auf die Wahlkampagnen zu schreiben. Aber das reicht für unser kritisches Auge dann doch nicht aus. Einen richtig fortschrittlichen Präsidenten oder eine richtig fortschrittliche Präsidentin, welche die Vereinigten Staaten ins einundzwanzigste Jahr­hun­dert bringen wollte, unter anderem durch die Verbreitung der Erkenntnis, dass wir uns im Zeitalter der Vollautomation, also der Überfluss-Produktion befinden, weshalb es keinen Grund gibt, irgend­wel­che Teile der Bevölkerung von diesem Überfluss, den man üblicherweise «Wohlstand» nennt, auszuschließen, wenn also ein solcher Präsident oder eine solche Präsidentin es tatsächlich ins Präsidentenrennen und schließlich sogar ins Amt schaffen täte, dann würde dieser oder diese vermutlich vom Secret Service himself dahingemurkst, während man den aktuellen entkernten, enthirnten und nur deswegen nicht selbstverliebten, weil er gar kein Selbst besitzt, orangierten Volltrottel nicht einmal antastet. Das heißt, wir kriegen nichts davon mit; vermutlich ist ja alles noch viel schlimmer, vermutlich sind seine Tweets nur die Spitze eines Eisberges, vor dem uns die US-Geheimdienste nur gerade die publikumstauglichen zeigen. So sieht das vermutlich aus. Vermutlich steht Donald Trump jeden Morgen vor seinem Waffenschrank und möchte seinen Vorgänger Barack Obama erschießen, nicht weil der schwarz ist, sondern weil der in den Beliebtheitswerten nach wie vor vor ihm liegt, und schließlich hat er noch nie einen Hehl gemacht aus seiner Überzeugung, dass er umbringen kann, wen er will, und damit ungestraft davon kommt. Aber dann entwendet ihm ein Mitarbeiter die Waffe und sagt, Herr Präsident, morgen ist auch noch ein Tag. Oder so.

Es ist ein Elend. Ich hatte mir vorgenommen, über die Erscheinung Trump kein Wort zu verlieren; aber es geht gar nicht um ihn, es geht viel grundsätzlicher um die Möglichkeit von Demokratie selber, und sei es noch eine parlamentarische Demokratie, also das Schauspiel einer Demokratie, mit der Direktwahl des Präsidenten. Dass die US-amerikanische Bevölkerung solch einen Hohlkörper überhaupt wählt, dass die republikanische Partei, bei allem Respekt vor konservativen oder sogar erzreaktionären Einstellungen, eine derartige Nuss als Kandidaten nominiert und als Präsidenten einsetzt, das ist das bisher mächtigste antidemokratische Argument in der Geschichte seit dem Wahlsieg der Nationalsozialisten 1933. Das war aber noch in den Anfängen der Demokratie.

Ach je. Nächste Woche wieder zu etwas anderem.



Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
09.06.

Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen


Wird nicht veröffentlicht.