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Ausbeutung in der Textilindustrie | Menschenrechtsverletzungen in Südosteuropa

1200 Menschen starben vor sieben Jahren in einer Textilfabrik in Bangladesch. Seitdem hat sich einiges verbessert in der Textilbranche, doch die Ausbeutung der ArbeiterInnen am Ende der Produktionskette erreicht neue Ausmaße. Vor allem in der Coronakrise. Und nicht nur in Bangladesch, sondern mehr und mehr in Südosteuropa.


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5000 Menschen in einer Textilfabrik. Am Tag zuvor hatte man bereits Risse im Gebäude entdeckt. Als Rana Plaza einstürzt, sterben 1200 Menschen.
Näherinnen, Arbeiter.

Also es war natürlich sehr einschneidend und es ist eine Tragödie, dass 1200 Menschen sterben müssen, ehe sich in dieser Branche was bewegt.
Dr. Bettina Musiolek, CCC

Sagt Doktor Bettina Musiolek. Sie recherchiert seit Jahren für die Clean Clothes Campaign über die Textilbranche."Es hat sich schon eine Menge verändert, was die menschenrechtliche Verantwortung betrifft. Es gab mehr Inspektionen etc."



Nach dem Unglück in Bangladesch verabschiedeten viele Modemarken einen Brandschutzakkord. Es gab neue Inspekteure und Nachrüstungen in den Fabriken – für die auch die großen Marken zahlen mussten. Das eigentliche Problem ist aber gleichgeblieben: "Die eigentliche Krux ist der Preis. Manchmal kommt von den 100 Euro für ein Hemd nur 1 Euro bei den Produzenten an."

Musiolek ist Expertin für Textilprdouktion – mit dem Schwerpunkt Südosteuropa. Längst werden Shirts und Hosen von deutschen Firmen nicht mehr ausschließlich in Bangladesh hergestellt. Afrika oder eben Serbien, Albanien, oder die Ukraine sind wachsende, preiswerte Produktionsorte.
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Online-Pressetermin Ende April mit Forscherinnen der Clean Clothes Campaign CCC. Ein neuer Bericht wird veröffentlicht. Der Titel: Ausbeutung Made in Europe - Menschenrechtsverstöße in der Produktion für deutsche Modemarken.

"Bei den Armutslöhnen hat sich nichts geändert. Was neu und überraschend ist, sind die Einschüchterungen von Seiten des Managements."
Dr. Bettina Musiolek, CCC

Die meisten Beschäftigten der Produktionsfirmen sind weiblich. Der Lohn deckt im Schnitt nur ein Drittel von dem ab, was als Existenzlohn bezeichnet wird. Das heißt, er reicht mit Abstand nicht, um Grundbedürfnisse der ArbeiterInnen zu decken.
Bei dem Treffen ist auch Oksana Dutchak dabei. Sie führte die Untersuchungen für die CCC in der Ukraine durch. Mit Hilfe von Interviews mit Beschäftigten einer Firma, die für Gerry Weber und Esprit liefert. Der Vorwurf hier: Massive Zahlungsrückstände beim Lohn oder Bedrohungen durch das Management.
Dutchak schildert, wie sich das Problem durch Corona noch einmal verschärft:

"Die Beschäftigten haben zwar gearbeitet aber für ein bis zwei Monate noch keinen Lohn erhalten. Da sie bei dem erhöhten Infektionsrisiko arbeiten gehen mussten, und kein Geld dafür bekamen, haben sie beim Management um Urlaub gebeten – um nach Hause zu gehen.Das Management hat aber gesagt: Nein, wir haben sonst auch andere Leute. Ihr müsst arbeiten."
Oksana Dutchak, CCC

Auch in der Ukraine verdienen die Beschäftigten nicht ansatzweise einen existenzsichernden Lohn: 180 Euro anstatt von 750 benötigten – bei Überstunden.

"Wir haben auch andere ArbeiterInnen von Firmen kontaktiert, die für deutsche Modemarken produzieren. Sie wurden gezwungen, ohne Gehalt zu kündigen.
Alle Beschäftigten. Bis auf eine kleine Gruppe, die Masken produzieren sollte. Für die Regierung oder den allgemeinen Markt, denke ich. Aber die meisten mussten einfach selbst kündigen – ohne Gehalt. Das ist illegal nach ukrainischem Gesetz, da es eigentlich der eigene Wille der Beschäftigten sein muss zu kündigen. Sie geben ihnen einfach das Formular und sagen: Füllt es aus."

Oksana Dutchak, CCC

Eigentlich gibt es in der Ukraine ein Gesetz, dass die Fortzahlung von 70 Prozent des Gehaltes garantiert. Wenn die Arbeit aufgrund höheren Einflusses nicht mehr ausgeübt werden kann. In der Corona-Krise hilft das nicht, berichtet Oksana Dutchak aus der Ukraine: "Dieses Gesetz funktioniert nur in einigen Teilen des öffentlichen Sektors, da in der Ukraine niemand den privaten Sektor zwingen kann, die Regeln einzuhalten. Da es hier eine sehr schwache Strafverfolgung gibt."
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Weiter im Süden Europas, an der Adria liegt Albanien. Beitrittskandidat der EU und Lieferant für deutsche Modefirmen. Artemisa Ljarja forscht dort über die Arbeitsbedingungen. Mit Corona schloss eine Fabrik in einer Kleinstadt zunächst, um dann einige Tage später den Betrieb wieder aufzunehmen.

"Zuerst gab es gar keine Virusinfektionsfälle in den Gebieten, in Denen Fabriken geschlossen wurden. Zehn Tage, nachdem sie wieder geöffnet hatten, stiegen die Fälle auf einmal an. In den meisten Industriegebieten, besonders im Inland, ist die Verbreitung von Covid 19 auf die Wiederöffnung der Fabriken zurückzuführen."
Artemisa Ljarja, CCC


Keine adäquate Schutzausrüstung. Vor allem aber: zu wenig Platz zwischen den Arbeitsplätzen. All das kommt zusätzlich zu schlechtem Lohn und schlechter Behandlung. "Weder Social Distancing noch persönliche Schutzvorkehrungen wurden umgesetzt. Und plötzlich stieg die Zahl von 0 auf 30 in nur zwei Tagen", sagt Artemisa Ljarja.


"Globalisierung darf nicht mit Ausbeutung verwechselt werden."

Sagte indes noch Hubertus Heil, Arbeitsminister von der SPD Mitte Dezember auf einer Pressekonferenz mit Entwicklungsminister Gerd Müller, CDU. Die beiden Minister arbeiteten zu diesem Zeitpunkt an Eckpunkten für ein Lieferkettengesetz. Danach sollten Unternehmen verpflichtet werden, Menschenrechte auch bei ausländischen Zulieferern zu garantieren. Erste konkrete Schritte, nachdem zuvor bereits der Zusammenschluss Initiative Lieferkettengesetz Druck auf die Politik gemacht hatte. Von denen auch die Textilbeschäftigten in Südosteuropa profitiert hätten.
Die Notbremse zog dann Anfang März die Bundeskanzlerin. Durch die Corona-Pandemie seien die Unternehmen in Deutschland eh schon massiv unter Druck. Minister Heil blieb nur, das vorhaben auf ein „später“ zu verschieben.
Artemisa Ljarja in Albanien hat für diese Argumentation kein Verständnis.

"Für uns ist es sehr bedeutsam, dass zum Beispiel Adidas einen riesen Kredit von der deutschen Förderbank bekommen hat. Und nun, da sie diese großen staatlichen Subventionen erhalten haben, fordern wir, dass sie die Gehälter der ArbeiterInnen bezahlen."
Artemisa Ljarja, CCC

Aufträge nicht stornieren. Geld weiterbezahlen oder die Fortzahlung konkret planen, das sind die Forderungen der Clean Clothes Campaign. So Bettina Musiolek: "Es ist eine ähnlich schlimme Krise wie 2008. Wenn wir nicht versuchen gegenzusteuern, wird es für viele ArbeiterInnen sehr schlimm ausgehen."
Demütigungen, Unterdrückung gewerkschaftlicher Verbände und kein Existenzsichernder Lohn sind in Südosteuropa an der Tagesordnung. Mehr denn je, heute in Corona Zeiten.


Copyright Fotos: Clean Clothes Camapign

David Straub
05.05.

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