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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Afghanistan

Hin und wieder, eigentlich eher selten sehe ich an Automobilen den Aufkleber «Freedom for Palestine» und fühle mich versucht, den zu ergänzen mit «from Hamas, PLO and Hisb'allah». Deren Beitrag zur Verbesserung der Lage der palästinensischen Bevölkerung ist seit Jahrzehnten unter null. Hamas und Hisb'allah sind weder im Kern noch an der Peripherie bereit für eine politische Lösung des Palästina-Konflikts, während die Al Fatah die Hilfsgelder für die Bevölkerung unter den Führungsclans aufteilt.

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Die rituellen Raketenangriffe der Hamas auf Israel und die ebenso rituellen Vergeltungsschläge der israelischen Armee im Gazastreifen erinnern an den Laurel&Hardy-Film «Tit for Tat», nicht zuletzt deswegen, weil beide jeweils vergleichsweise geringe Schäden anrichten und eher für die Aufrechterhaltung der Moral sorgen als für etwas anderes. Die Hisb'Allah hat sich vor einem Jahr selber den Stein aufs eigene Grab gesetzt mit der Explosion im Hafen von Beirut, der von ihr kontrolliert wird; selbstverständlich ist sie im Libanon nicht die einzige Kraft, welche den Staat in den völligen Ruin getrieben hat, aber sie ist zweifellos mit verantwortlich dafür. Ich habe übrigens keine Ahnung, was sich die Hisb'Allah-Verantwortlichen im Iran vom Konkurs des Staates Libanon versprechen; vermutlich haben die schon lange Zeit kein strategisches Konzept mehr und spielen das «Tit for Tat»-Spiel einfach mit, weil es eine wenig aufwändige Form der Aufrechterhaltung eines ständigen Krisenszenarios darstellt. Das geht selbstverständlich über den Libanon hinaus, wie der jüngste Drohnenangriff auf einen leeren israelischen Frachter vor Oman zeigt; der Schaden ist, mit Ausnahme der zwei getöteten Matrosen, genau so groß, wie man es sich ausrechnen kann, wenn man mit einer Nadel nicht in einen Heuhaufen, sondern in eine Betong­mauer sticht. Dagegen sind die Nadelstiche Israels im Iran von anderem Kaliber; der Mossad kann offenbar ganz nach Belieben zivile und militärische Anlagen angreifen und ausschalten, wann immer es ihm beliebt, was den Schluss nahe legt, dass die Israeli im Iran bis in die höchsten Stellen hinauf bestens präsent und vernetzt sind. Einen Schritt weiter ginge man mit der Behauptung, dass Israel schon längstens die eigentliche Führung und Politik des schiitischen Klerus bestimme. Das zu beweisen dürfte nicht so einfach sein.

Die an dieser Stelle ebenfalls rituell angebrachte Israel-Schelte als Ausgleich will ich mir heute ersparen; die Punkte sind bekannt, von der widerrechtlichen Landnahme bis zur heutigen Siedlungspolitik, ganz abgesehen vom Fakt, dass das Land de facto ein Bundesland der Vereinigten Staaten von Amerika darstellt. Man kann all das kritisieren, wenn man will, aber nachdem der unglaublich zähe Obergauner Netanyahu mindestens vorübergehend von der Macht entfernt wurde, bin ich sowieso gnädig gestimmt, ganz abgesehen davon, dass Israel gerade wegen seiner engen Anbindung an die USA und auch an Europa den Nachbarstaaten in verschiedenen zivilisatorischen Bereichen turmhoch überlegen ist, und ich spreche hier deutlich nicht von der Militär-Zivilisation. Ich spreche von Dingen wie unabhängige Institutionen, Pressefreiheit, Demokratie, soziale Sicherung und allgemeiner Wohlstand. All das sind Dinge, die für die Eingeborenen oder Einwohnerinnen über die Zeit hinweg tausend Mal mehr Bedeutung haben als ein allfälliges Unrecht, auf welchem die Staatsgründung beruht; sonst müssten ja auch die Deutschen die Wiederherstellung der Reichsgrenzen von 1936 fordern, zum Beispiel, oder meinetwegen jene von 1521, und so weiter und so fort.

In der Regionalpolitik möchten sich die Gewichte in absehbarer Zeit trotzdem etwas verschieben. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass der Abzug der Amerikanerinnen und der Nato-Truppen aus Afghanistan auch im benachbarten Pakistan für Kopfweh sorgen könnte; aber die Region muss man sicher noch etwas weiter fassen, zum Beispiel mit Turkmenistan und Kasachstan, vor allem aber mit China, das bekanntlich auf Pakistan setzt für einen direkten Zugang zu den Weltmeeren im indischen Ozean, nachdem es bekanntlich im chinesischen Meer problemlos abgeriegelt werden kann, falls es zu einem Krieg käme, und dieser theoretische Fall ist nun jener, welcher das Denken in allen Militärköpfen hüben und drüben bestimmt. China hat null Interesse an einem Über­schwap­pen allfälliger Unruhen in die paschtunischen Provinzen in Pakistan. Aber auch im Westen könnten die Dinge in Bewegung geraten, und zwar vielleicht weniger wegen der iranischen Regierung als wegen der Großmachtphantasien des Erdopampels, der sich mit dem Iran auf die eine oder andere Art auch in dieser Frage arrangieren wird. Man kann hier spekulieren über die verschiedenen Allianzen des Erdopampels im Rahmen der Nato, sein Verhältnis zu Russland und vor allem seine logistische Allianz mit der israelischen Armee, welche mindestens im Cyberbereich ihren Einflussbereich an die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan ausdehnen dürfte. Dabei wird der Erdopampel zweifellos Schützenhilfe zu leisten versuchen und selber den einen oder anderen Brocken für sich reklamieren.

All diese Spekulationen beruhen auf einem Zustand relativen Friedens, einmal abgesehen von den Bewohnerinnen des Landes Afghanistan, wobei man korrekterweise anfügen muss, dass die Taliban, die sich dort gegenwärtig wieder breit machen, keine Besatzungstruppen sind wie die Amerikanerinnen oder die Deutschen im Rahmen der Nato, sondern ausgesuchte Spitzenkräfte der einheimischen Rebellenindustrie. Man würde sich wünschen, dass die Taliban endlich mal ihrem Namen gerecht werden und sich ans Studium nicht nur des Koran, sondern auch der Wissenschaften machen und sich bei Gelegenheit die Erkenntnisse der Aufklärung aneignen; die pädagogischen Instrumente von Bomben und Korruption haben sich jedenfalls in den letzten dreißig Jahren als nicht besonders wirksam erwiesen, und so muss man da halt einfach mal zuschauen.

In der entwickelten Welt beschäftigt man sich derweil mit anderen Fragen. Eine davon betrifft das Wiederaufleben der virtuellen Welt. Eine erste Welle schwappte nach der Installation der ersten leistungsfähigen Internet-Infrastruktur über die Community; die Avatare waren aber noch sehr stark verpixelte Individuen, und auch die Reaktion der Geschäftswelt fiel noch eher bescheiden aus, obwohl schon dort erste Vermarktungsversuche lanciert wurden. Nun sind die Systeme aber deutlich leistungsfähiger geworden, die Avatare plastischer, und es spricht eigentlich nichts mehr dagegen, dass mindestens die menschenscheue Art von Menschen ihre Tätigkeiten definitiv in den virtuellen Bereich verlagert. Ich habe gelesen, dass die Spieleplattform Fortnite entsprechende Möglichkeiten anbietet, und offenbar spricht auch der ewige Teenager Mark Zuckerberg davon, Facebook als 3-D-Plattform für das virtuelle Leben auszubauen. Ich selber bin mit diesen Möglichkeiten überfordert, weil ich mir nicht vorstellen kann, welche Befriedigung es mir verschaffen könnte, in einer virtuellen Welt Olympiasieger im 100-Meter-Sprintrennen zu werden. Auf diese Karriere habe ich nämlich schon im Alter von neun Jahren verzichtet. Anderseits könnte eine Begegnung mit anderen Avataren insofern einen Reiz haben, als sie in der Lage wären, intelligente Gespräche zu führen. Möglicherweise gibt es auch dafür bereits heute so etwas wie Chatrooms, was mich allerdings ebenfalls verwirrt; zu einem solchen Chatroom müssten doch auch Erscheinungen wie Corona-Leugner Zutritt haben, was die Leistungsfähigkeit sofort auf null setzt. Unter Avataren wären die Voraussetzungen jeweils schnell geregelt.

Unabhängig davon stellt sich die Frage, ob man mit einem Avatar oder einer Avatarin tatsächlich jene Nachteile kompensieren kann, die man im normalen Leben erfährt. Selbstverständlich könnte ich mir einen Mercedes leisten, naja, einen Mercedes kann sich heute schon fast jede leisten, aber vielleicht nähme ich dann einen Bentley. Zugegeben, auch ein Bentley tönt als Wunschtraum etwas prollig. Aber was dann? Eine Vorstandssitzung von Krauss-Maffai leiten, vielleicht? Endlich einmal ohne CO2-Überkonsum auf die Seychellen fliegen, wo es übrigens entgegen meinen Vermutungen fast keine Mosleminnen gibt, im Gegensatz zu den Malediven, wo der Islam die Staatsreligion ist. Theoretisch könnte ich mir irgendwann mal sogar eine wunderbare Mahlzeit genehmigen, wenn die entsprechenden Endgeräte verfügbar wären, welche meine Geschmacks­knospen stimulieren, während ich die entsprechenden Nahrungssurrogate aus einem 3-D-Drucker zu mir nehmen täte. Die Möglichkeiten sind vielversprechend und verwirrend, vor allem, wenn man noch die politische Dimension hinzu nimmt: Während in der verblassenden echten Welt, in der realen Realität die entsprechenden Prozesse ihre Bedeutung verlieren, würde man sich in der virtuellen Welt nicht nur an demokratischen Prozessen, sondern auch an Revolutionen beteiligen können, farbenfroh oder schwarz-weiß, ganz nach Belieben. Hauptsache, die ganze Avatarinnen-Welt läuft auf einer Facebook-Plattform. Was ich mir aber auch wieder nicht vorstellen kann.
Und sonst so? Mehr als die Hälfte der Reform- und Investitionspläne der EU-Mitgliedländer sind inzwischen von der zuständigen Ecofin genehmigt worden. In einem ersten Schritt werden 13% der genehmigten Kredite ausbezahlt, im Moment wären des 51 Milliarden Euro für die 12 ersten Län­der­pläne; die EU hat dafür bisher 45 Milliarden Euro auf den Finanzmärkten aufgenommen. In den nächsten Monaten kann man mit lauten Fress- und Schmatzgeräuschen in der ganzen Union rech­nen, wobei wir am gespanntesten sind auf den Umgang Italiens mit der finanziellen Unterstützung. Auf einmal hat man den Eindruck, der globale Lobbyist, Goldman-Sachs-Banker und ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi sei als Chef einer Expertenregierung in Italien genau der richtige Mann, um die ganze Kohle halbwegs vernünftig an die Frau zu bringen. Was haben wir vor zehn Jahren noch gewettert gegen diese Banker-Eliten, welche die Geschicke der Welt über die Landesregierungen hinweg bestimmen! Heute steht zwar nicht mehr Goldman Sachs im Vordergrund, sondern eher Blackrock, deren Vertreter Friedrich Merz nach wie vor einen Schlagschatten in die deutsche Politik und insonderheit auf die Wahlen wirft. Im Übrigen ereignet sich etwas Ähnliches in den Vereinigten Staaten mit der Billion Dollar, welche in den nächsten Jahren in die dringend benötigte Sanierung der Infrastruktur gepumpt werden soll. Es ist allgemein anerkannt, dass das dringend nötig ist, und allgemein wünscht man sich, dass die richtigen Leute sich um die entsprechenden Zuteilungen und um die Umsetzung dieses Programmes kümmern. Bei solchen Beträgen läuft nicht nur in Italien der Mafia das Wasser im Maul zusammen, versteht sich. Und eben, die richtigen Leute dafür finden sich nicht nach Belieben. Vielleicht sind es tatsächlich die Damen und Herren von Mario Draghis Kaliber, die man für so etwas benötigt.


Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
03.08.

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