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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Srpska

Die schlechte Nachricht unter vielen schlechten Nachrichten der letzten Woche: Ein Völkermord ist im Gange, mitten in Europa, also nicht ganz in der Mitte, vielmehr an der Adria. Die Serben werden ausgerottet!



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Dies sagte der serbische Ministerpräsident Vukic nach oder vielleicht schon während seinem Besuch in Washington, wo er sich um jenen Landabtausch mit dem Kosovo bemüht hatte, welcher den neuen Ministerpräsidenten des Kosovo nun sein Amt kostete, weil er sich dagegen gesperrt hatte. Genozid an den Serben! Man sieht: Alex Vukic passt perfekt zum aktuellen amerikanischen Präsidenten. Zusätzlich hat er wie zahlreiche andere europäische Regierungen einen direkten Draht nach Peking, über welchen er Lieferungen von medizinischem Material organisieren kann; ein erster Posten traf am letzten Donnerstag in Belgrad ein, und bezahlt wird er von der Europäischen Union. Am Freitag kündigte Anthony Godfrey, der US-Botschafter in Serbien, an, dass die Vereinigten Staaten ebenfalls finanzielle Hilfe für Lieferungen von Hilfsmaterial an Serbien leisten würden, und zwar aus einem Fonds von 274 Millionen Dollar, welcher eingerichtet wurde, um die 64 schwächsten Staaten, unter anderem US-Bundesstaaten, in ihrem Kampf gegen das Coronavirus zu unterstützen. Am gleichen Tag legten Verteidigungsminister Alex Vulin und der chinesische Botschafter Chen Bo Kränze nieder am Grab des unbekannten Soldaten, nein, von drei unbekannten chinesischen Journalisten, welche am 7. Mai 1999 beim Nato-Bombardement von Belgrad umgekommen sind.

Die Serben werden also ausgerottet, und ihre starken Alliierten Donald Trump und Ji Xin Ping schauen ihnen dabei gerührt zu, während die EU noch ein bisschen Geld ins offene Grab schaufelt. Die Vorstellung ist so grotesk, dass man im eigenen Kopf jetzt wohl endlich doch eine eigene Etage einrichten muss für diese Sorte an Mitteilungen, welche sich ausschließlich an ein leicht entzündliches öffentliches Bewusstsein im Herkunftsland richten. Das Gequake hat ganz radikal nichts zu tun mit Vernunft, Wahrheit, Fakten und dergleichen; immerhin beruht es auf der Tatsache, dass Vernunft, Wahrheit, Fakten und dergleichen in der Regel nicht einfach zugänglich sind und vor allem im politischen Leben praktisch nie in ihrer reinen Gestalt auftauchen. Das wird das Grund­pro­blem sein. Immerhin war man es sich bis vor einigen Jahren noch gewohnt, dass die Politikerinnen sich doch noch einigermaßen um den Anschein von Glaubwürdigkeit bemühten; davon ist bei einem steigenden Anteil von ihnen nicht mehr die Rede. Vom zuständigen Fachmann für die andere Seite der Adria, also Italien, von Matteo Salvini, habe ich in letzter Zeit nicht mehr so viel gehört, offensichtlich bildet das Coronavirus eine echte Konkurrenz zu den Viren aus seiner eigenen Produktion, aber immerhin verlangte er letzte Woche im Senat noch, dass man die Volksrepublik China zur Rechenschaft ziehen müsse für die Verheerungen in Italien, wobei ich nicht genau zu sagen vermag, worauf er sich damit bezog. Zuerst selbstverständlich für die Verbreitung des Virus, welche mit einiger Sicherheit eine Folge der chinesisch-italienischen Freundschaft sind, also konkret der chinesischen Schattenwirtschaft in Italien, welche relativ direkt mit den chinesisch-italienischen Handelsbeziehungen verwoben ist. So weit vermag auch ich der Salvini-Gallenblase zu folgen. Aber die Weiterverbreitung, der Kollaps des Gesundheitssystems und die Auswirkungen des allgemeinen Stillstands auf den Süden mit seiner perfekten italienischen Schattenwirtschaft in Italien, die kann er nicht gemeint haben. Dafür kriegt er vom Chineserer auch keinen Schaden­ersatz. Unsereins dagegen in der neutralen Schweiz, oben am italienischen Sünden-, Schulden- und Seuchenzipfel, interessiert es durchaus, was sich ereignet, wenn die Schattenwirtschaft inklusive die Mala Vita, also das Verbrechen, durch den Stillstand von Staat und Wirtschaft ihrerseits aus­ge­trock­net wird. Ob sich die Süditalienerinnen da plötzlich eine neue Gesellschaft zusammenbasteln?

Wenn man Religionen und zumal die evangelikalen christlichen ebenfalls als Verschwörungs­theo­rien ansieht, so haben diese im Moment keine einfachen Zeiten. Nur schon verschiedene orthodoxe und zum Teil auch katholische Kirchen wollten lange Zeit nicht auf die öffentliche Kommunion mit dem Abendmahl und dem Wein aus der gemeinsamen Tasse für alle verzichten und gaben die Parole heraus, dass Beten und Gottesglauben die eigentlichen Medi­kamente und Mittel gegen die Epidemie darstellten und nicht Isolation und allenfalls Spitalbehandlungen. In Südkorea gilt die Shinchenonji-Sekte als eine der zentralen Corona-Viren-Schleudern bei der anfänglich raketenhaften Verbreitung der Seuche im Land. In Mülhausen wurde die Jahres-Hauptversammlung der Eglise Porte Ouverte Chrétienne im Februar zu einem perfekten Viren-Austausch-Anlass; die 2500 Teilnehmerinnen trugen die Krankheit anschließend in die halbe Welt hinaus, abgesehen von jenen Einwohnerinnen in den Grenzregionen, welche bald einmal die Schließung der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland provozierten. Korsika und Franzö­sisch-Guayana wurden beschenkt, und der Key-Note-Speaker Mamadou Karambiri, ein Prediger aus Ougadougu, ging nach der Diagnose am 1. März in Quarantäne. In einer Video­botschaft nach seiner Genesung teilte er der Gemeinde am 20. März mit, dass das Coronavirus ein von langer Hand vorbereiteter satanischer Plan zur Zerstörung der Welt sei, wogegen Gott aber Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hätte, er werde sein Volk aus der Krise führen.

Aber auch in der Welt der Rationalität tut man sich schwer mit der neuen Lage, ganz einfach, weil sie neu ist. Ökonominnen und Systemanalytiker geben sich redlich Mühe, kommen aber nicht viel weiter als auf jenen gemeinsamen Nenner, dass nach Corona nichts mehr sein wird wie zuvor, mit Ausnahme vielleicht von dem und jenem, kurz, von allem. Aus neutraler Sicht wird die Corona-Zäsur im besten Falle kollektive Einsichten befördern und auf dieser Grundlage möglicherweise auch kollektive Maßnahmen, soweit ein handlungsfähiges Kollektiv überhaupt besteht, was man zum Beispiel im Fall von Italien ein weiteres Mal stark bezweifeln muss. Dieses Land erhebt sich wohl auch dieses Mal in eine metaphysische Dimension mit seiner Mischung aus Antike und Absurdität. Insofern gebührt nicht nur dem Land, sondern auch seine Bewohnerinnen unein­ge­schränkte Bewunderung. Wie kann man in einem solchen Staat leben? – Doch siehe da, es geht, es geht sogar recht gut, trotz der anhaltenden Konsternation über die Bürokratie und die Schreihals-Politik. Die Zahl der Todesfälle wegen des Corona-Virus ist unterdessen auf über 10'000 gestiegen; es ist zwar kein Trost, dass es im Winter 2016/2017 25'000 Grippetote gab; schon damals waren vier Fünftel davon über 65 Jahre alt. Diese Verhältniszahl hilft zwar nicht weiter, sie gibt einfach die Relationen an, und vor allem muss man dabei bedenken, dass 2016/2017 keinerlei Maßnahmen wie Kontaktsperren und Ausgangsverbote erlassen wurden.

Jedenfalls wird dies das epochale Erlebnis sein: Dass praktisch alle Länder der Welt ihre Wirtschaft und ihre Gesellschaft für mehrere Wochen stilllegten. Und dass so etwas überhaupt funktioniert. Und weiter, dass dabei die Kommunikationsmittel und das Internet eine zentrale Rolle spielen – ohne diese ist die gegenwärtige Lage schlicht nicht denkbar. Weiter noch, dass die Weltwirtschaft unterdessen mehr als genug Verbrauchsgüter herstellt, und zwar zu großen Teilen automatisch. Die berühmten Wertschöpfungsketten funktionieren nicht mehr von der Produktion, sondern vom Verbrauch her. Na gut, diese Hypothese drängt sich schon seit längerem auf, und eigentlich ist es ein Missbrauch, wenn man sie als Ergebnis der Coronavirus-Zäsur ausgibt. Aber immerhin.

Vorderhand aber gilt es noch ein paar Wochen zuhause auszuhalten, was dank den Kommunikationsmitteln, Streamingdiensten und so weiter deutlich leichter fallen sollte, als wenn man sich im trauten Familienkreis so lange einschließen täte, bis er sein Fassungsvermögen übersteigt. Immer noch wird eine solche Pause zu einem echten Stresstest von Beziehungen, was auch wieder seine positiven, nämlich wahrheitshaltigen Seiten hat. Und wenn man daneben nicht nur immer kritische Beiträge zur Lage der Welt hören und sehen will, dann kann man zum Beispiel Publikationen wie den «Innovator» der Firma Red Bull lesen, wo unter anderem Autos in Aussicht gestellt werden, die CO2 nicht mehr produzieren, sondern vernichten. Eine Firma, welche CO2-Kollektoren bastelt, will dies vermittels der Erfindung eines synthetischen Brennstoffs erreichen, wobei diese Erfindung noch nicht so richtig erfunden ist. Und die CO2-Kollektoren filtern pro Jahr 50 Tonnen CO2 aus der Luft – in Deutschland liegt der Gesamtausstoss bei etwa 300 Millionen Tonnen, es bräuchte also 6 Millionen solcher Kollektoren. Besonders realistisch erscheint dies nicht, aber vielleicht ist ein kleiner Beitrag immer noch besser als gar keiner. Weiter stehen in dieser Ausgabe 01/20 für die Schweiz Berichte zu einer sicheren digitalen Identität, unter anderem für Flüchtlinge; Virtual-Reality-Ferienreisen, die heißesten Startups, Teambuilding, Karriere-Tips für Frauen, Meditation, Outdoor-Gadgets, aber auch über Mars-Roboter, Mediale Ski-Inspiration, Tele-Visionäre – dies sind die Themen für Menschen, die nicht die ganze Welt im negativen Licht sehen wollen. Mit Red Bull geht es vorwärts, unter anderem in einem Future-Camper, dem revolutionären Campingmobil von Hymer; man fühlt sich in die Welt von Andi Scheuer mit seinen Flugtaxis versetzt. Trotzdem beschleicht mich die Ahnung, dass diese ganze positive Bericht­erstattung nicht vollständig abwegig ist. Irgendwie schleicht sich nämlich die Zukunft in unsere Gegenwart, und man muss vermuten, dass es nicht auf jenem Weg geschieht, den wir mit unseren tiefgreifenden Analysen auch nicht vorgeben. Anderseits braucht es auch nicht unbedingt Red Bull zu sein, vielleicht reicht schon ein bisschen Marijuana.



Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
31.03.2020

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