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Der Libanon - wirtschaftliche, soziale und politische Krise

Am 4. August 2020 gab es im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut zwei Explosionen, die mehrere Stadtviertel Beiruts in Trümmer gelegt haben. Die sozialen, sanitären, kulturellen und materiellen Schäden sind verheerend.


Trotz mehrfacher Warnung an zuständige Behörden und an den Premierminister persönlich wurden sechs Jahre lang 27500 Tonnen an hochexplosivem Ammonium-Nitrat im Beiruter Hafen, nur wenige Hundert Meter von der Innenstadt und Wohnvierteln entfernt, gelagert. Am 4. August explodiert diese Lagerung.

Die Explosionen sind Ausdruck für die Korruption der politischen Elite. Das Land befindet sich in einer ökonomischen, sozialen und politischen Krise. Tausende Menschen fordern einen politischen Umschwung.


Libanon


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Das bekannte Hostel Saifi Urban Gardens vor und nach der Explosion. Fotografin : Sana Asseh






















Am 4. August 2020 gab es im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut zwei Explosionen, die mehrere Stadtviertel Beiruts in Schutt und Asche gelegt haben.
Die Folgen sind verheerend : Ca 200 Menschen starben, 6500 verletzt, 300 000 wurden obdachlos, tausende verloren ihre Geschäfte.
Mehrere Krankenhäuser, Schulen, Museen sind ebenfalls zerstört. Zu den materiellen Schäden zählt auch die Zerstörung eines großen Teils des architektonischen Erbes Beiruts.

Explodiert waren im Hafen 2750 Tonnen Ammonium-Nitrat, die dort, nur wenige hundert Meter vom Zentrum der Hauptstadt, seit 6 Jahren gelagert wurden.
Verantwortlich gemacht wird die korrupte politische Elite. Mehrere Politiker und Politikerinnen gaben zu, von der Lagerung des Ammonium-Nitrats im Hafen gewusst zu haben.

Kurz nach der Explosion treten einzelne Minister, schließlich die gesamte Regierung zurück.
Internationale Hilfsgelder werden mobilisiert, aber das Geld reicht nicht aus. Aktivisten und Aktivistinnen warnen davor, dass das Geld in den falschen Händen durch die Korruption versickern könnte.

Der designierte Premierminister, Mustafa Adib, soll bis zum 15. September 2020 eine neue Regierung zusammenstellen, allerdings scheiterte das bisher vor allem an den schiitischen Parteien Hisbollah und Amal.

Das politische System des Libanon ist von Konsensregeln und Proporzen geprägt. Im Libanon gibt es 18 anerkannte Konfessionsgemeinschaften, die bei der politischen Entscheidungsfindung beteiligt werden sollen. Das geschieht beispielsweise durch festgelegte Sitzverteilungen im Parlament nach konfessionellen Proporzen.
In der Realität teilen allerdings eher die Eliten der jeweiligen Konfessionsgemeinschaften die Macht unter sich auf. Sie halten den libanesischen Staat bewusst schwach, um selbst die Kontrolle über ihre Konfessionsgemeinschaft zu behalten.

In konfessionellen Schulen, Medien, Sportclubs und so weiter wird die konfessionelle Spaltung des Landes aufrechterhalten.
Korruption, Vetternwirtschaft und Klientelismus tragen mit zu der aktuellen Lage des Libanon bei.

Der Libanon befindet sich in einer sanitären, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krisen. Zwischen 2009 und 2018 gab es beispielsweise neun Jahre lang keine Parlamentswahlen, weil die Akteure sich nicht auf ein neues Wahlgesetz einigen konnten, zwischen 2014 und 2016 gab es keinen Präsidenten, weil die Akteure sich nicht auf einen Präsidenten einigen konnten.

Im März 2019 erklärte der Libanon seine Zahlungsunfähigkeit, seit Oktober ist die wirtschaftliche Situation für viele unerträglich – vorher alltägliche Lebensmittel sind kaum noch bezahlbar, die Währung wurde stark abgewertet, die Banken schränken die Geldausgabe stark ein.

Der Ruf nach politischem Umschwung im Libanon wird lauter.
Seit einigen Jahren gibt es sogenannte zivilgesellschaftliche Wahllisten, die die Probleme des Landes angehen wollen, indem sie die konfessionelle Spaltung überwinden und die Korruption bekämpfen.


Mariette Pfister sprach mit betroffenen Libanes*innen, Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen:
Darunter Marc Ghazali, Politikwissenschaftler und Aktivist (Assistant Social Science Researcher bei Legal Agenda Libanon);
Dr. Mara Albrecht, Koordinatorin des Masterstudiengangs Geschichte und Soziologie/Anthropologie des Vorderen Orients in globaler Perspektive der Universität Erfurt;
Assaad Chaftari, ehemaliger Kämpfer im libanesischen Bürgerkrieg und Vizepräsident der Organisation Fighters for Peace;
Christina Foerch, Mitarbeiterin bei der Organisation Fighters for Peace (Projects, Trainer biography work, International Relations);
Zico, Freiwilliger Helfer in Beirut;
Melissa Ghazali, Künstlerin.



NACHTRAG : Der designierte Premierminister Adib ist mittlerweile von seinem Auftrag, eine Regierung zu bilden, zurückgetreten.



Im Rahmen ihres Bachelorstudiums in Erfurt (Internationale Beziehungen und Kommunikationswissenschaften) besuchte Mariette mehrmals den Libanon, unter anderem 2017 zu einem Auslandssemester an der American University of Beirut und 2018 für ein Praktikum bei der Tageszeitung The Daily Star in Beirut. Außerdem beschäftigte sie sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit mit dem libanesischen Wahlrecht. Dieser Beitrag baut teilweise auf der Bachelorarbeit auf.
Aktuell studiert sie im Master Europäische Studien in Paris. Seit 2018 macht sie Sendungen und Beiträge für Radio f.r.e.i.


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Yachten im Hafen von Zaytuna Bay (MP 2017) : Die Innenstadt Beiruts ist seit dem Wiederaufbau durch Solidere in den 90er Jahren sehr exlusiv

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Innenstadt Beirut (MP 2017)

Mariette
01.10.

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