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Buttlar - ein Dorf nimmt Flüchtlinge auf

Über Nacht kommen in dem kleinen Dorf Buttlar in Thüringen zwei Busse mit Flüchtlingen an. Während ein Teil der Einwohnerinnen und Einwohner gegen die Unterbringung ist, solidarisiert sich der andere Teil mit den Flüchtlingen und hilft wo es geht. Unter anderem organisieren sie eine Art "Bürgerwehr" die die Unterkunft vor evtl. Neonaziangriffen schützen soll.

Buttlar - ein Dorf nimmt Flüchtlinge auf


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Buttlar. Ein kleines Dorf in der thüringischen Rhön. 700 Einwohnerinnen und Einwohner. Mit den eingemeindeten Ortsteilen sind es sogar 1300. Zwischen den sanften Hügeln, die so typisch sind für die Rhön, schmiegt sich der kleine Ort zwischen die Felder. Buttlar ist nur ein Steinwurf von der hessischen Grenze entfernt. Und ganz in der Nähe ist Point Alpha. Jener Kontrollposten der NATO, der im Falle eines Krieges mit den Ostblockstaaten eine so wichtige Rolle gespielt hätte. Point Alpha ist heute eine Gedenk- und Bildungsstätte und vielleicht das beliebteste Reiseziel in der Region. Obwohl die Rhön als Biosphärenreservat ein ausgewiesenes Naherholungsgebiet ist, finden nur wenige Touristen ihren Weg hierher. Die meisten von ihnen stammen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Anteil von Menschen, die eine andere Sprache als Deutsch sprechen, ist verschwindend gering.

artikel/RH_Baum_kl.jpg(c) by Gregor Müller | http://www.gregormueller.net

Doch Anfang September erlebten die Menschen in Buttlar etwas, was derzeit in vielen Gemeinden und Kommunen in Deutschland passiert. Über Nacht wurden plötzlich 50 Flüchtlinge im Dorfgemeinschaftshaus untergebracht. Aber Buttlar ist nicht Heidenau. Es gibt auch hier Einige die meckern, beleidigen und versuchen mit bösen Blicken die Zeit zurückzudrehen. Anders als in den vielen Gruselgeschichten, über die die Medien in diesen Tagen berichten, ist dies die Geschichte einer Gemeinde, die überrascht wurde, dann aber mit viel Improvisation und Herzlichkeit die geflohenen Menschen in ihrer Mitte aufnahm.

Es kommen zu Wort: Der Diakon von Buttlar, Thomas Kranz
„Geht es darum, dass wir nicht mehr Kirmes feiern können, oder geht es uns darum, dass uns jemand in unseren fetten Fressnapf greift?“

seine Frau Bettina:
„Ich persönlich hatte eine wundervolle Woche. Ich hab noch nie soviel Anerkennung bekommen, noch nie so viel Respekt.“

die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes, Annika:
„Dort war die Situation auch erst einmal total chaotisch. Wir wussten nicht, wo wir hin sollten. Wir wussten nicht, was wir helfen sollten, was auf uns zu kam.“

und Sophia, die ihre Zeit nach dem Abitur nutzte, um in der provisorischen Unterkunft zu helfen:
„Ja es gab viele Spannungen im Ort. Ich hab auch persönlich beleidigende Kommentare bekommen“

Obwohl schon einige Zeit vergangen ist, seit das Weltgeschehen auch den kleinen Ort in der Rhön erreicht hat, sind die Nachwirkungen vor Ort noch immer zu spüren.

Alles begann am 8. September. Im katholischen Pfarramt von Buttlar klingelt das Telefon. Doch Thomas Kranz ist unterwegs, als Diakon auf dem Land sitzt er nur selten vor seinem Computer. Erst als er am Abend noch einmal einen Blick in sein Büro wirft, sieht er die vielen unbeantworteten Anrufe. Alle Nachrichten haben nur einen Inhalt: Der kleine Ort Buttlar wird noch heute Abend mit zwei Bussen voller Flüchtlinge überrascht. Diakon Thomas Kranz, den sie hier alle einfach nur Thomas nennen, soll sich doch bitte umgehend im Bürgermeisteramt einfinden. Noch während er sich bereit macht, klingelt es an der Tür. Aufgeregt steht der zweite Beigeordnete vor ihm und sagt, dass er doch lieber gleich zum Dorfgemeinschaftshaus gehen soll. Dort würde gleich et was passieren.

Doch der Diakon nimmt sich noch einmal Zeit für ein stilles Gebet, es sollte das letzte ruhige Gebet für die kommenden Tage bleiben.

„Dann kamen wir vorne an, meine Gattin dabei. Irgendein Beamter vom Landratsamt der eben nur sagte: „Ja 18 Uhr geht’s los“. Ich sag: „ja, wieviel?“ „ja, vielleicht so, vielleicht auch so. Fünfzig, hundert, keine Ahnung!“ Ich sag: „Woher?“ „Syrien, Afrika... keine Ahnung!“ und ich sag: „Wohin?“ „ja dahin!“ „ja wie, dahin?“ „Ja in das DGH“ und ich sag „Ja und, ist doch nichts da!“ „ja, Betten kommen.“ ich sag: „ja Betten kommen, und weiter?“ „Ja... Ach wir wissen es jetzt auch nicht. Gehen Sie doch erst einmal nach Wenigentaft und feiern ihren Abendgottesdienst und dann sehen wir weiter.“ Ich sag: „Wir können doch hier jetzt nicht Gottesdienst feiern, hier geht ja alles drunter und drüber!“

Annika ist ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz engagiert. Auch sie erreicht am späten Nachmittag die Nachricht, dass sie gebraucht wird. Zusammen mit einem Kollegen fährt sie in einem Einsatzwagen des Roten Kreuzes nach Buttlar.

„Und dort war die Situation auch erst einmal total chaotisch. Wir wussten nicht wo wir hin sollten. Wir wussten nicht was wir helfen sollten, was auf uns zu kam. Und dann kamen die Betten und dann ging eigentlich alles total schnell. Wir haben dann mitgeholfen. Mir kam das auch alles ziemlich chaotisch rüber, aber ich hab dann in meinem Kopf nur noch funktioniert.“

Als die Abiturientin Sophia am frühen Abend nach Buttlar fährt, sieht sie die vielen Blaulichter schon von weitem. Über den Kurznachrichtendienst Whatsapp erfährt sie, was in ihrem Heimatort gerade passiert.

„Natürlich hatte ich erst einmal großen Respekt vor der ganzen Situation. Hab mir aber dann mit meiner Mutter überlegt: hier muss was getan werden und hier müssen wir helfen. Und dann sind wir zur Familie Kranz gekommen und haben gefragt was wir tun können.“

Die Familie Kranz wird in den kommenden Tagen so etwas wie das Hauptquartier der Flüchtlingshilfe in Buttlar. Die ganze Familie hilft und unterstützt, wo sie nur kann. Und sie übernimmt Aufgaben, die die heillos überforderte Verwaltung eigentlich übernehmen sollte.

Doch als die Busse in Buttlar ankommen, stehen die freiwilligen Helfer vor einem ganz anderem Problem. Die Flüchtlinge wollen die Busse nicht verlassen. Zuerst herrscht große Ratlosigkeit, doch einige Jugendliche fassen sich ein Herz, steigen in die Busse und sprechen auf Englisch und mit Händen und Füßen mit den Flüchtlingen. Nach und nach trauen sich so die ersten aus dem Bus.

„[...]und dann erfuhren wir, einfach nur so im Nachgang, die sollten am Tag vorher nach Gotha kommen und dort hatten die aber wohl nur eine überdachte Halle, die aber nicht zu war, wo die hätten unterkommen sollen. Und dann sind die wohl wieder von da nach Mühlhausen zurückgelaufen.“

Schon bald stellt sich so etwas wie Alltag inmitten der provisorischen Unterkunft ein. Die mehrheitlich vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohenen Menschen können erstmals richtig durchatmen. Die Ehrenamtlichen rund um Familie Kranz organisieren Duschgelegenheiten im nahegelegenen Sportlerheim, eine Kleiderkammer wird eingerichtet und frischer Kuchen wird am laufendem Band abgegeben.

„Man kann sich ja gar nicht vorstellen wie viel Kuchen gebacken wurde. Wir konnten ja teilweise gar nicht so schnell schneiden, wie die in das DGH gebracht wurden. [...]Ja, einige hatten dann schon nach den zehn Tagen Probleme mit den Klamotten mit denen sie auf der Flucht waren, die haben nicht mehr gepasst.“

Doch natürlich sind nicht alle in dem kleinen Dorf damit einverstanden, dass in „ihrem“ Dorfgemeinschaftshaus nun Flüchtlinge leben. Vor allem auch, weil die Kirmes ansteht und diese traditionell immer im Dorfgemeinschaftshaus gefeiert wird. Obwohl der Kirmesverein sich zusammen mit dem Landrat um eine Alternative gekümmert hat, sind vor allem die Älteren nicht glücklich, erinnert sich Sophia.

„Ja, es gab viel Spannungen im Ort. Ich hab auch persönlich beleidigende Kommentare bekommen. Aber da hab ich drüber hingehört und mir meinen Teil dazu gedacht.“

Während die Helfer so manches böses Wort hören, sehen die Flüchtlinge nur die bösen Blicke von einem Teil der Dorfgemeinschaft. Annika und die anderen Freiwilligen in der Unterkunft lernen darüber hinweg zusehen und kümmern sich Tag und Nacht um die Flüchtlinge.

„Ich fand auch gerade die Nachtschichten total schön. Wir saßen dort teilweise noch länger, die meisten haben geschlafen aber ein paar Leute konnten nicht schlafen, weil die auch ständig diese Bilder im Kopf hatten. Die haben sich dann zu uns gesetzt, haben Tee getrunken mit uns, haben viel erzählt und es waren wirklich s ehr, sehr schöne Tage. Also es war richtig, richtig schön und die Leute waren dort einfach herzallerliebst. Wirklich jedes mal wenn man da angekommen, haben sie einen umarmt, haben sich gefreut, dass man wieder da ist.“

Doch am Wochenende passiert, wovor sich alle im Ort gefürchtet haben. Während Bettina mit einigen Flüchtlingen im Sportlerheim ist, damit sie Duschen können, bekommt sie einen Anruf. Organisierte Neonazis sind in das Dorf gekommen und lungern vor der improvisierten Unterkunft herum. Bettina erinnert sich:

„Die waren dann insgesamt eine halbe, dreivierel Stunde da, schauten ständig zum DGH rüber, telefonierten. Also ich muss ganz ehrlich sagen: Ich hatte da schon ganz schön Muffensausen. Also ich hatte da schon Angst, weil man wusste nicht, es waren zwei Autos, verabreden die sich jetzt noch, kommen da noch welche nach? Weil es war auch eine Demo in Tiefenort angesagt. Wo draufhin wir wieder etliche Männer organisiert hatten, die dann auch an dem Abend und in der Nacht auch wieder dagewesen sind, um einfach aufzupassen das nichts passiert. Da waren schon sehr viele dabei, auch die Männer die dann ehrenamtlich kamen, haben hinterher gesagt sie hatten Angst.“

Die Neonaziszene in Südwestthüringen ist sehr gut organisiert. Die NPD erhält in einigen Ortschaft zweistellige Ergebnisse bei den Wahlen und sowohl der ehemalige als auch der derzeitige Landesvorsitzende der NPD stammen aus dem Wartburgkreis. Seit die Partei bei den vergangen Landtagswahlen wieder nicht den Einzug ins Parlament geschafft hat, ist vor allem der neue Vorsitzende Tobias Kammler noch mit der Neuausrichtung der NPD beschäftigt. Die aktuelle Situation nutzt er, um auf vielen kleinen Kundgebungen die Angst vor Asylsuchenden zu schüren. Doch Bettina Kranz stellt klar:

„Die Angst war wirklich von draußen. Und wo wir dann an dem Samstagabend gesagt haben: „Ok, wir müssen da noch ein paar Männer organisieren, die dann halt einfach mit da sind, damit die sehen, ☢☢☢☢ ☢☢☢☢☢☢☢ ☢☢☢ ☢☢, es sind einfach Leute auch da.“ Es gab auch Probleme mit Security, wir hatten leider nicht rund um die Uhr Polizeischutz aber wir hatten, wie gesagt, ehrenamtlich Männer organisiert, junge, alte auch Rentner. Einfach dass die gesehen haben: Es ist jemand da, es passt jemand auf. Und die können nicht einfach uns das DGH anzünden.“

Doch die Rechten ziehen ohne großes Aufsehen auch wieder ab, auch die kritischen Stimmen aus Buttlar sind nicht aus ihren Häusern gekommen, um mit den organisierten Rechten Stimmung zu machen. Als einige Zeit später endlich die hinzugerufene Polizei erscheint, ist der Spuk wieder vorbei. Die Ehrenamtlichen haben sich selbst organisiert und in den folgenden Tagen wacht eine Art Bürgerwehr über die Flüchtlinge im Dorfgemeinschaftshaus.

Nach dem aufregenden Wochenende stellt sich so etwas wie Routine in dem kleinen Dorf ein. Die Helferinnen und Helfer rund um Familie Kranz bereiten sich darauf vor, dass die Flüchtlinge die nächsten Wochen, vielleicht sogar Monate im Dorfgemeinschaftshaus leben werden. Doch dann kommt am Dienstagabend der Anruf bei Bettina Kranz. Ein Beamter teilt ihr mit, dass die Flüchtlinge am nächsten Tag auf andere Unterkünfte verteilt werden. Die meisten sollen nach Gerstungen in die heillos überfüllte Gemeinschaftsunterkunft. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sind entsetzt. Gemeinsam erarbeiten sie eine Rede, die die Flüchtlinge über die geplante Abreise in Kenntnis setzt. Doch wieder kommt es ganz anders.

„Und plötzlich kam das Landratsamt und die Frau Bürgermeisterin und wir hatten das Verbot bekommen. Wir durften es den Flüchtlingen an dem Abend nicht sagen. Der Grund war: Sie könnten in der Nacht randalieren, könnten abhauen, könnten das DGH selber anstecken oder keine Ahnung was.“

Die Helferinnen und Helfer diskutieren lange über diese Anweisung, fügen sich aber letztendlich. Früh am Morgen des darauffolgenden Tages stehen die Busse für die Flüchtlinge bereit. Es entstehen keine dramatischen Szenen oder Fluchtversuche, wie es die Verwaltung befürchtet hat. Stattdessen sind Ehrenamtliche und Flüchtlinge gleichermaßen traurig. Sie sind sich sehr nahe gekommen in der kurzen Zeit und für die meisten der Helferinnen und Helfer ist klar: Sie wollen auch weiterhin helfen. Schon kurze Zeit später organisieren sie Wohnungen in Buttlar und holen 16 Flüchtlinge zurück in ihr Dorf. Jetzt gibt es in Buttlar zweimal in der Woche Deutschunterricht und eine Sozialbetreuung.

Doch auch abgesehen von den neuen Einwohnerinnen und Einwohnern hat sich das Dorf gewandelt, fasst Diakon Thomas Kranz zusammen:

„Im kleinen natürlich, die Familien untereinander, da gibt es ja auch Pro und Contra. Da verändert sich schon was. Da werden auch verborgene Ressentiments jetzt offen ausgetragen. Da werden, sicherlich auch durch diese Ereignisse Polarisierungen da sein, die auch zu Verletzungen geführt haben und auch zu Verletzungen führen.“

Die ehrenamtlich DRK-Helferin Annika fasst ihre Erfahrungen so zusammen:

„Also ich sags jetzt mal so – ich weiß nicht ob man das im Radio sagen darf – Aber ich sag für mich so: Es gibt deutsche Arschlöcher und es gibt Ausländerarschlöcher. Also für mich ist jeder Mensch gleich.“

und für Sophia steht fest, dass diejenigen, die Hilfe benötigen, diese auch bekommen sollten:

„[...] weil ich einfach denke, dass jeder Mensch, egal wo er herkommt, wenn er Hilfe braucht, dann steht ihm auch die Hilfe zu und man kann nicht die Augen vor den Problemen verschließen, weil dadurch gehen sie ja auch nicht weg. Man sollte eher versuchen zu unterstützen.“

und genau das hat ein großer Teil der Menschen in Buttlar getan.

artikel/Rh_Sonne_kl.jpg(c) by Gregor Müller | http://www.gregormueller.net

Kaffeesatz-Redaktion
17.09.2016

Kommentare

  1. Suuper, das ist so schön zu lesen.Mir sind fast die Tränen gekommen. Wir haben in unserem 700 Seelendorf
    20 Syrier, und es ist so schön ihnen zu helfen.

    Dieter Schmid - 05.11.2015, 21:13