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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Die NZZ

Im Katastrophenfall müssen die Vertreterinnen des Staates umgehend vor Ort auftauchen, sich ein Bild machen und Worte der Erschütterung und des Trostes aussprechen, das ist eine alte Regel. Gerhard Schröders Wahlsieg vor bald zwanzig Jahren wird gerne auf sein Auftreten bei den Überschwemmungen im Oderbruch zurückgeführt.

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In diesem Wahljahr haben die Verantwortlichen genau darauf geachtet, die Präsenz im Katastrophengebiet links des Rheins nicht unnötig zur Wahlkampfwaffe umzufunktionieren, neben dem CDU-Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westphalen und CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet zeigte sich Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident und trotzdem SPD-Mitglied, während die SPD-Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und Nicht-SPD-Kanzlerkandidatin Malu Dreyer von Bundeskanzlerin und CDU-Mitglied Angela Merkel begleitet wurde. Wo die Grünen dabei blieben, weiß ich jetzt gerade nicht, aber immerhin die Regierung trat sehr ausgewogen in Erscheinung und bemühte sich offensichtlich um die Nicht-Politisierung des Unwetters. Gut so!, möchte ich knapp festhalten. Die Grünen erhalten vermutlich eine indirekte Katastrophen-Dividende, indem die verheerenden Niederschläge mindestens im Unbewussten als Folge des Klimawandels verbucht werden, gegen welchen die Grünen mit Sicherheit die prominentesten Kämpfer sind und deshalb auch den vollen Orgelton an Public Relations und Schmutzkampagnen vor die Ohren geknallt kriegen, den die interessierten Wirtschaftsverbände zum einen, konservative und rechtsextreme Kreise zum anderen zu erzeugen in der Lage sind. Das ist allerdings bisher eigentümlich mager geblieben. Spannender als der gewaltige Vorwurf an Frau Baerbock, Allgemeinplätze als eigene Rede auszugeben, ist der Chor an besorgten Journalistinnen und Meinungsdienstleisterinnen, denen es endlich vergönnt ist, ihrem Ressentiment gegen grüne Politik, die ja nicht nur die Umwelt, sondern auch eine breit gefasste gesellschaftliche Liberalisierung umfasst, endlich mal von Herzen empört freien Lauf zu lassen. Schön für sie, möchte ich knapp festhalten.

So gegen Ende August wird der Wahlkampf dann richtig losgehen. Ob dann eine Naturkatastrophe oder eher eine von Menschen gemachte Katastrophe wie Verschwörungstheorien oder nationa­lis­ti­scher Wahn das Geschehen bestimmen werden, kann ich von meinem Berggipfel herab im Moment nicht stichhaltig beurteilen. Im Moment prognostiziere ich einen Zieleinlauf ungefähr im Verhältnis wie vor der famosen Affäre Baerbock. Per Saldo weist alles auf eine schwarz-grüne Koalition hin. Damit würde sich die CDU als ungefähr gleich wandelbare Partei erweisen, wie es der Kapitalismus als System ist. Von der sozialen Marktwirtschaft unter Ludwig Erhard hin zur umfassend sozial­demo­kratischen Partei unter Kohl und Merkel, welche dann noch den Übergang in die grüne Phase eingeleitet hat. Das passt, und auch hierzu möchte ich festhalten: Schön für die CDU.

Für eingefleischte Konservative bleibt da nur Jaulen und Zähneklappern übrig. Ich werde täglich Zeuge davon, weil ich aufgrund der unerträglichen Corona-Berichterstattung meines bisherigen Leib- und Nierenblattes gewechselt habe zur Neuen Zürcher Zeitung, und ich kann Euch versichern, so, wie die über Deutschland schreiben, lebt Ihr in einem Land, in welchem die SED an der Macht ist und bis zu den Zähnen aufgerüstet hat – mit Rechtschaffenheit. Das gefällt mir an der verna­ge­lten Deutschland-Abteilung der NZZ fast am besten: die Empörung darüber, dass sich Euer Land partout nicht am nächsten Weltkrieg beteiligen will. Lieber auf Alternativenergien setzen statt die Ukraine mit deutscher Waffentechnik auf den letzten Krieg gegen Russland vorzubereiten! Die Jungs und Mädels haben wirklich erhebliche Schäden an ihren Schüsseln. Dabei ist die Deutsch­land-Abteilung nur ein Nebenschauplatz des Diskurses über einen vermeintlichen Liberalismus, den es zum einen noch nie gegeben hat, mindestens in jener Form, wie ihn die Neue Zürcher Zeitung lobpreist, und der zum anderen vor vierzig Jahren mit dem Amtsantritt von Ronald Reagan nicht etwa sich durchgesetzt hat, sondern der damit definitiv untergegangen ist. Zu dieser Zeit gab die damals in der Schweiz staatstragende Freiheitliche und Demokratische Partei, die FDP, die Losung aus: «Mehr Freiheit, weniger Staat». Der Slogan war einerseits kein Zufall, indem sich die Staatsverwaltung wie überall auf der ganzen Welt zunehmend sozialdemokratisiert hatte; anderseits schoss sich die FDP damit mehr oder weniger ins eigene Knie, indem dieser Staat zu diesem Zeitpunkt nach wie vor ihr ureigener Staat war, in dem sie als Sprachrohr des Zürcher Großkapitals uneingeschränkt das Sagen hatte. Und prompt war dieser Fanfarenstoß der Fanfarenstoß, welcher den eigenen Untergang einläutete. Zehn Jahre später war das Zürcher Großkapital am Ende, die Schwerindustrie kollabierte, nur die Banken hielten die Wirtschaft noch einigermaßen über Wasser. Weitere zehn Jahre später war ein Strukturwandel über die Bühne gegangen, welcher einerseits den neu aufkommenden Wohlstand begründete, übrigens nicht nur in der Schweiz, sondern ein bisschen überall in der ganzen entwickelten Welt und darüber hinaus, aber eben auch in der Schweiz; ander­seits verwandelte sich die staatliche Organisation ebenfalls recht gründlich, die Staatsbetriebe, allen voran Post und Telecom, aber auch die Rüstungsbetriebe wurden privatisiert oder ihr Markt libera­lisiert, die Verwaltung verschlankt und so weiter und so fort, alles, was man eben unter dem Rub­rum der Sozialdemokratisierung einordnen kann. Nur die NZZ merkte davon nichts, und zwar bis heute nicht. Im Gegenteil, sie zelebriert die alten Lehren richtiggehend. Das Blatt schießt ord­nungs­politisch aus allen Rohren gegen den Staat, welcher die sozialdemo­kra­tische und insgesamt die moderne Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung alimentiert, also in erster Linie die NZZ-Stamm­leserschaft, welche zuhause im Fauteuil vermutlich immer noch eine Zigarre pafft bei der Lektüre, während im Portefeuille die Erträge der staatlich geförderten Forschung und Entwicklung klingeln, ganz abgesehen von den Umfeldbedingungen, welche dieser anhaltend gescholtene Staat einer florierenden Wirtschaft zur Verfügung stellt.

Warum tue ich mir das überhaupt an? Artikel, in denen in heiligem Ernst über die Subventionitis geschimpft wird? Artikel von Robert Nef, dem ehemaligen Leiter des Liberalen Instituts als Hüter von Großmutters Salatsaucen-Rezept, eben: des Liberalismus? Nun, es ist natürlich nicht dieser vergreiste ideologische Habakuck, sondern es sind die paar relevanten Artikel zur Weltpolitik und manchmal zur Wirtschaft, welche im Moment den Schmerz über die ideologische Verbohrtheit übertünchen, und dazu kommt die Hoffnung, dass ich im Lauf der Zeit gegen die bräsig-dummen Vorbringungen von wohlbestallten und wohlbezahlten Wirtschaftsprofessoren soweit abstumpfen werde, dass ich sie gar nicht mehr wahrnehme. Wovon dann auch Ihr, geschätzte Hörerinnen und Hörer in Erfurt, profitieren werdet, indem ich mich nicht mehr damit aufhalten muss.

Sprechen wir von etwas anderem. Was macht eigentlich Hayden Pannettiere? Ich weiß es nicht. Ihr zeitweiliger Liebhaber Brian Hickerson muss einen Monat lang ins Gefängnis, weil er laut der Gala beziehungsweise der TMZ mehrfach die Hand gegen Hayden erhoben habe und sie auch geschlagen habe, sogar ins Gesicht. Ei, sogar ins Gesicht – wohin denn sonst noch? Ein paar Körpertreffer, wie sie der Klitschko-Vater von Haydens Kindchen Kaya zu landen pflegt? Ich weiß es nicht. Dafür steht auf der Gala-Webseite noch die Meldung, dass eine Hilary Duff unbedingt ihren Sohn Luca bei der Wassergeburt dabei haben wollte, weil es wichtig für sie gewesen sei. Das ist schön für sie.

Eine Meldung, die aus dem Rahmen fällt, ist jene von türkischen Hackern, welche eine Webseite des serbischen Finanzministeriums gekapert haben und eine Foto von einem mit Särgen vollgestopften Saal posteten mit der Zahl 8272, nämlich der Zahl der Opfer von Srebrenica und dazu den Kommentar «unutmadik», was Türkisch ist und heißt, «wir haben nicht vergessen». An eine solche Sorte türkischer Außenpolitik hätte ich nicht im Leben gedacht, auch wenn es sich offensichtlich um Untergrundaktivitäten handelt. Die Serben können sich damit trösten, dass sie von den Russen ein weiteres Geschenk an Waffen erhalten werden, ich weiß nicht welcher Art, aber ganz sicher nicht jene vom von der NZZ entsetzt kritisierten Kaliber der moralischen Rechtschaffenheit.

In Afghanistan steigen die Ängste vor einer baldigen Machtübernahme der Taliban. Man hört schon die blumigsten Prophezeiungen über eine Rückkehr jenes Machotums, das man zwischenzeitlich allein bei alten weißen Männern vorzufinden glaubte. Nein, es geht tatsächlich auch anders, das ist der Talibanerer sicher jederzeit bereit zu beweisen, während der weiße alte Mann für die Kunst des Überlebens des Machotums in einer halbwegs modernen Gesellschaft steht, davon könnte der Talibanerer eigentlich sehr viel lernen. In der Zwischenzeit aber blicke ich ebenso gespannt wie, leider Gottes auch unbeteiligt auf die Entwicklungen nach dem Abzug der ausländischen Truppen aus dem Land. Ich habe den Eindruck, langsam werde es auch den Nachbarn in Pakistan etwas unwohl. Mit der Präsenz westlicher Teufelstruppen konnte man eigentlich jede Position in und gegenüber Afghanistan rechtfertigen. Jetzt aber hat jede Entwicklung im Nachbarland nur noch eine innerislamische Dimension, und nun muss sich zeigen, was die Regierung und was die Islamerer und die Islamisten für eine Strategie zu fahren gedenken nicht nur gegen die Taliban, sondern auch gegen den Islamischen Staat, welcher diese Taliban mit hoher Wahrscheinlichkeit in spätestens einem halben Jahr zu bekämpfen beginnt.

Und noch etwas: Am Samstag bin ich in einer kleinen Stadt in der Nähe von Zürich auf einen Umzug von Corona-Skeptikern gestoßen, dreißig Stück, die mit Kuhglocken, weißen Sennen­hemden und einer krummen dünnen Brissago-Zigarre im Kopf gegen die Covid-Gesetze anbimmelten. Seltsamerweise greifen diese Gestalten auf Bräuche aus der Fasnacht zurück, um ihre ur- und innerschweizerische Opposition gegen den Staat und diesen Bockmist von Viren und Pandemie zum Ausdruck zu bringen. Sie waren der laute Begleitkrach zu Kundgebungen der Organisation «Stiller Protest» gewesen, welche zu Hochzeiten von Corona, vor allem in den ersten paar Monaten dieses Jahres doch ein paar tausend Menschen auf die Straßen brachten. Jetzt in dieser kleinen Stadt betrug das Verhältnis noch dreißig zu sieben: dreißig Kuhglocken-Treichler mit Brissago und vorne dran zwei Schweizer Fahnen, und hinter ihnen her trotteten trottelhaft lächelnd sieben Follower. Es ist Sommer.


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Albert Jörimann
20.07.

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