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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Daten, Krieg, Ukraine

Die Globalisierung hat verschiedene Gesichter, unter anderem in Nigeria, wo die Legion der Absenderinnen von betrügerischen E-Mail-Nachrichten im Stil von «Ich möchte Ihnen, und zwar nur Ihnen und ausgerechnet Ihnen, die fünf Millionen Euro vermachen, welche mein verstorbener Ehemann mir hinterlassen hat» oder all die anderen Kontaktangebote und so weiter, wo diese Legion also nun in anderen Fabriken beschäftigt wird, und zwar nicht im Sektor Betrügereien, da hat sich zwischen Kambodscha, Thailand und Myanmar ein neues Weltzentrum herausgebildet, sondern in der Fütterungsindustrie für die US-amerikanischen Rechenzentren.

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Zur Verdauung dieser Nahrung verwenden die Hochleistungschips als Enzyme die Programme, die irgendwo erarbeitet wurden und sich in der Zwischenzeit vielleicht sogar selber produzieren und reproduzieren. Das Ergebnis sehen und erleben wir täglich in unzähligen Bereichen des Alltags. Spektakulär wird es dort, wo die Rechner ihre Prozesse und Informationen kombinieren mit den Erkenntnissen aus dem Daten­ver­kehr, der den großen Datenkraken von den Internet- und Tele­kom­mu­ni­ka­tions­ge­sell­schaf­ten mehr oder weniger ungefiltert zur Verfügung gestellt wird. Die Datenkraken kontrollieren die­sen Verkehr über ihre Plattformen zu schönen Teilen selber, da braucht man den Tele­kom­mu­ni­ka­tions­ge­sell­schaf­ten keine Vorwürfe zu machen. Der Rest wird eher von interessierten Staaten extrahiert, welche die Telekommunikationsunternehmen mit den bekannten Begründungen der nationalen Sicherheit jederzeit zur Herausgabe welcher sensibler Daten auch immer zwingen können. Und ich hoffe, dass wir uns mindestens in diesem Punkt einig sind: Die Bedrohungen für die nationale Sicherheit waren noch nie so umfassend und permanent wie heute, also haben die Tele­kom­mu­ni­ka­tions­gesellschaften mehr oder weniger eine Standleitung ins Verteidigungsministerium und zum Staatsschutz, mindestens in den Vereinigten Staaten; wie der Stand der Dinge diesbezüglich in Europa ist, kann ich nicht sagen, ich vermute, auch nicht viel anders, einfach etwas komplizierter, weil die europäischen Staaten nach wie vor auf einer Art von Souveränität beharren, sodass eine EU-weite Koordination nicht ganz einfach ist. Die Kommunikation über Satelliten vollends wird sowieso über eine weitere Standleitung von den Betreiberinnen der Satellitennetze an die zu­stän­di­gen staatlichen Stellen weitergeleitet. Das erlaubt auch den aktuellen Stand der Kriegstechnik, wo solche Dinge seit einiger Zeit in der Ukraine und im Nahen Osten ausprobiert werden.

Wenn ich also jemandem raten müsste, wirklich geheime Informationen zu übermitteln, so würde ich irgendeine Form von Nachrichten auf den öffentlichsten und oberflächlichsten Informationskanälen vorschlagen, Instagram, Tiktok, Facebook und so weiter. Anders ist eine gewisse Privatsphäre nicht mehr zu gewährleisten. Unternehmen dagegen, welche ihre Nachrichten vor der Konkurrenz schützen müssen, denen muss man zu mit Bleimänteln umhüllten Kabeln raten bei der Übermittlung, allenfalls bieten noch Brieftauben eine Alternative, Kuriere auf jeden Fall, und als Trägermedium drängen sich physische Medien auf wie Papier und Bleistift oder Tinte. Alles andere geht auf direktem Weg zu den Geheimdiensten und zu denen, welche sich von ihnen bedienen lassen.

Uns als normale Privatpersonen braucht das nicht zu kümmern, wir sind nicht wichtig, höchstens als Masse, als ökonomischer Faktor, weniger als Produzentinnen als vielmehr als Konsumentinnen, da hat der moderne Mensch seine Rolle auf der Weltbühne gefunden, und hier schaut auch kein Schwein hin, korrekter: Hierfür interessiert sich nicht der Geheimdienst, sondern das Marketing. Und natürlich wiederum die Scam-Industrie; ich selber erhalte neuerdings recht zielgenaue Rech­nun­gen und Mahnungen für Dienste, die ich tatsächlich zu bezahlen habe, zum Beispiel für Do­main-Registrationen, da muss ich tatsächlich ein zusätzliches Auge öffnen, um solche Dinge zu kontrollieren. Aber das ist wohl die moderne Condition Humaine, die Lebensbedingungen für den modernen Menschen. Damit hat man nicht gerechnet, als man sich von der Ausbreitung des Internet und von der Entstehung aller Arten von Computerprogrammen einen ungeheuren Anstieg an Frei­heit und an Gestaltungsmöglichkeiten erhoffte. Aber das sind Details. Wichtig ist, dass jede und jeder einzelne bei Bedarf bis auf die Unterhosen der eigenen Computerfestplatte oder des eigenen Mobiltelefongerätes ausgespäht werden kann. Bei Bedarf, wie gesagt.
Wo das alles hinführen soll, weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht besonders; seit ich so einigermaßen meinen Frieden gemacht habe mit der Welt, in der ich lebe, und zwar in dem Sinne, dass es vielleicht tatsächlich kein richtiges Leben im falschen gibt, dass ich anderseits keine Alternative habe zu mir selber und zu meinem Leben, dass ich also zwangsläufig das einzige Leben lebe, über das ich verfüge, woraus sich leicht ableiten lässt, dass dieses nicht nur das einzige, son­dern auch das richtige ist, seither also berühren mich solche Einsichten nicht mehr persönlich; ich möchte nur gerne einigermaßen auf dem Laufenden bleiben, was so der neueste Stand der Dinge ist. Und ich möchte auch, dass es nicht jedes Mal einen Krieg braucht, um mir so etwas zu de­mons­trie­ren. Ich bin ein begeisterter Anhänger des Friedens. Im Moment sehe ich allerdings keine Alter­na­tive zur Aufrüstung angesichts der technologischen Übermacht, den die Vereinigten Staaten und Israel gerade sehr unverhohlen demonstrieren. Die Lastwagenhupe hat zwar die akute Kriegs­füh­rung im Moment gerade eingestellt, aber wenn der Zionist Netanyahu den US-Amerikanern wieder etwas flüstert, nehmen die die Luftangriffe wohl wieder auf. Deshalb: Volle Investition voraus in Datenzentren, Hochleistungschips, alternative Energien und in die Kriegstechnologien für den Luft­raum! Ich denke dabei in erster Linie an die Frequenzen, auf welchen die Drohnen gesteuert wer­den. Möglicherweise fliegen die unterdessen schon unabhängig von einer permanenten Steuerung, wenn man ihnen zu Beginn die richtigen Koordinaten eingibt, vielleicht können die auch autonom Ausweichmanöver fliegen, dann muss man halt auch noch andere Abfangnetze spannen, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass so etwas hohe Priorität hat.

A proposito: Erinnert ihr euch noch an das Geheule, das von den baltischen Staaten und auch von den übrigen europäischen Medien jeweils in Gang gesetzt wurde, wenn russische Flugzeuge auf dem Flug von St. Petersburg nach Kaliningrad jeweils kurz deren Luftraum verletzten? Und erinnert ihr euch auch an das Geheule, welches die baltischen Staaten und die übrigen europäischen Medien in Gang setzten, als ukrainische Drohnen zu hunderten durch den baltischen Luftraum flogen, um Angriffe auf russische Erdölanlagen bei St. Petersburg auszuführen? Nein, ihr erinnert euch nicht? Das ist auch kein Wunder, denn es piepste keine Sau. Dabei lag in dieser Luftraumverletzung durch die Ukraine, genauer: in der wohlwollenden Tolerierung dieser Luftraumverletzung durch die balti­schen Staaten ein eindeutiger Grund für eine Kriegserklärung der Russen gegenüber der Nato vor. Besser kann man es nicht haben. Und erinnert ihr euch an das Geheule, vor allem von den Polinnen, über die Angriffspläne der Russinnen auf die Nato? Ja, daran mögt ihr euch wieder erinnern, denn das war und ist nach wie vor unüberhörbar. – Nicht, dass ihr jetzt etwa meint, ich würde einen Krieg zwischen Russland und der Nato für wünschenswert halten, bewahre. Ich weise nur darauf hin, mit welch unverfrorener Schlagseite im Westen über den Krieg in der Ukraine berichtet wird. Das alles nennt sich am Schluss sogar Journalismus und beruft sich in der Selbstlegitimation auf die tausend Journalistinnen, welche jedes Jahr von autoritären Regierungen verhaftet oder umgebracht werden. Nur damit im Westen diese Sorte von Journalismus sich eben noch Journalismus nennen darf. Das ist seltsam.

Eine weitere Blüte der Berichterstattung ist mir anhand der neuesten Mondmission der US-Ame­ri­kaner aufgefallen. Noch nie waren Menschen so weit weg von der Erde, habe ich gelesen, nicht einmal, nicht zwei Mal, sondern fast unisono; und ebenfalls gelesen habe ich nicht ein oder zwei Mal, sondern unzählige Male, dass noch nie vor diesen vier sympathischen Astronautinnen ein Menschn die Rückseite des Mondes mit eigenen Augen gesehen habe. Dagegen steht auf irgend­ei­ner Webseite der US-amerikanischen Weltraumbehörde zu lesen, dass das Kommando­modul allein der bemannten Apollo-10-Mission im Jahr 1969 den Mond gut 30 Mal umkreist hatte. Was die wohl für eine Umlaufbahn hatten, wenn sie keinen Blick auf die Rückseite des Mondes werfen konnten? – Quatsch, es handelt sich einfach um Bullshit, der zeigt, dass auch heute noch Journalistinnen nicht einmal ChatGPT zu Rate ziehen beim Sich-gegenseitig-Abschreiben.

Ich staune auch ein bisschen über die Berichterstattung über den Krieg der USA gegen den Iran. Es geht hier schließlich nicht um Sympathien oder Antipathien gegen das eine oder andere Land bezie­hungs­weise seine reaktionäre und theokratische Regierung, sondern es geht darum, dass die aktuell dominierende Supermacht nach Lust und Laune einen Krieg anzetteln kann, ohne dass dagegen Proteste laut werden. Die Vereinigten Staaten können sich nicht nur alles erlauben, sondern sie tun es auch, das ist die Einsicht, und die Einsicht wird in keiner Art und Weise getrübt von Hoffnungen wie, dass die Lastwagenhupe die Zwischenwahlen im Herbst verliert oder dass irgendwann in ferner Zukunft wieder ein demokratischer Kandidat zum Präsidenten gewählt wird oder, noch verrückter, eine demokratische Kandidatin. Eine Präsidentin aus den Reihen der Demokraten wird sich in der Tendenz nicht anders verhalten als die Lastwagenhupe, nur ihre Kommunikationsabteilung wird die Sache etwas feiner verpacken und dafür ein paar Dutzend von jenen Journalistinnen anstellen, welche ihren Beruf im stolzen Bewusstsein ausüben, für die gleichen Dinge zu kämpfen, für welche ihre Berufskolleginnen in sogenannt autoritären Ländern gestorben sind. Über diese Phase sind wir im Westen tatsächlich längstens hinaus, wir brauchen keine Gefängnisstrafen mehr, die Berichterstattung ist freiwillig einseitig.

In solch düstere Überlegungen hinein scheint die Nachricht vom Wahlsieg der Opposition in Ungarn wie ein helles Licht. Der aller Voraussicht nach neue Ministerpräsident Peter Magyar hat sicher schon mal den richtigen Namen für einen Ungarn; aber seine politische Heimat muss er erst noch finden beziehungsweise sie liegt in erster Linie im Kampf gegen das System Orban. Für ein­mal steht nicht die Wirtschaftspolitik im Vordergrund, sondern die großen Aufräumarbeiten, das heißt, Entfernung möglichst aller Orban-Gefolgsleute aus den leitenden Funktionen mehr oder weni­ger überall im Staat und in den Medien; eine ganze Reihe von Verfassungsreformen, um den auf Orban maßgeschneiderten Filz-Anzug abzulegen, und so weiter und so fort. Realistischerweise wird sich Magyar irgendwo in der Mitte einreihen, auf europäischer Ebene ungefähr in jenem Block, dem er bereits angehört, also bei der Volkspartei des bayrischen Lobbyisten Manfred Weber. Insgesamt aber auf jeden Fall ein Fortschritt, und zwar einer, bei dem die politische Rechte in Europa feuchte Augen bekommt – nicht mit Tränen der Rührung, sondern der Enttäuschung.

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Albert Jörimann
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