Artikel

"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Die letzte Sendung

Seit ich vor 25 Jahren mit den Beiträgen aus neutraler Sicht begonnen habe, hat sich Vieles verändert. Alles andere wäre ja auch besorgniserregend, und so kann ich meine Tätigkeit als Kommentator beenden mit der beruhigenden Einsicht, dass auch in Zukunft kein Stein auf dem anderen bleiben wird, metaphorisch gesprochen;

artikel/Aus neutraler Sicht/J_KW_18_200px.png


> Download

mit einem tatsächlichen Erdbeben oder mit einem Krieg rechne ich in Zentral- und Westeuropa nicht, wenn sich auch einige Gruppen alle Mühe geben, einen solchen anzuzetteln, vor allem die Polinnen brennen ganz offensichtlich darauf, ihre offenen Rechnungen mit Russland definitiv zu begleichen, und zwar mit den Mitteln der Nato und der Europäischen Union. Das wird aber in absehbarer Zukunft nicht geschehen, sofern sich die EU- und Nato-Mitgliedstaaten nicht noch stärker in den Ukraine-Krieg ziehen lassen, als dies schon der Fall ist mit den Unterstützungspaketen zum einen, mit dem mehr oder weniger ungehinderten Überflug ukrainischer Drohnenkräfte über polnisches und baltisches Nato-Territorium. Aber so ein richtiger, ausgewachsener Krieg ergibt auf keiner Ebene einen Sinn. Damit werden sich die Polinnen abfinden müssen.

Eine markante Veränderung hat sich mit der Lastwagenhupe ergeben. Sie betrifft in erster Linie die Sprache. Die Worte und Begriffe haben bei der dröhnenden Vuvuzuela sämtliche Inhalte verloren. Dies gilt für die Ebene des Politischen und der Öffentlichkeit; Wissenschaft und die Künste sind davon nicht so stark betroffen. Aber im Politischen haben sich die Ausdrücke verwandelt in Jahr­markts­kracher, wo die Lastwagenhupe damit herum fuchtelt, ganze Zivilisationen auszu­lö­schen, und davon ausgehen kann, dass man dafür ihre früheren Ratschläge für die besten Annäherungs­me­tho­den an das weibliche Geschlecht vergisst; auf Deutsch übersetzt hieß das damals «Pack sie bei der Fotze», wenn ich mich richtig erinnere. Die Sprache ist Müll geworden, zum einen; zum anderen hat sie dabei vermehrt Trigger-Funktionen ausgebildet, eher Signale als Inhalte, welche der Qualitätsjournalismus zum Beispiel bei der Bild-Zeitung seit Jahr und Tag verwendet, um die Leserinnen bei der Stange und dumm zu halten. Die Lastwagenhupe hat den gesamten öffentlichen Raum mit solchen Signalen geflutet, was einem eigentlich egal sein könnte, wenn sie damit nicht zum US-amerikanischen Präsidenten gewählt worden wäre, korrekter: gewählt, abgewählt und wiedergewählt, als würde das US-amerikanische Bewusstsein mit diesem Wahl-Hin- und Her die aktuelle Anfälligkeit für gnaden- und sprachlose Dummheit zum Ausdruck bringen.

Auch das könnte einem egal sein, einmal abgesehen vom Umstand, dass die USA die mit Abstand stärkste Nation auf der Welt sind und andere Länder fast nach Belieben piesacken können, wenn es ihnen beliebt; da ist es nicht unerheblich, ob die gesamte oder die Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung die Breitseiten gegen den Rest der Welt und natürlich auch gegen das vernünftige Denken unterstützt oder nicht. Aber man kann sich damit beruhigen, dass sich auch in Europa überall Bewegungen formiert haben, die in der Öffentlichkeit gegen Vernunft allergisch sind und mit Populismus und Geschrei nach Macht und Einfluss streben. In der Regel handelt es sich um Bewegungen auf der rechten Seite des politischen Spektrums; es gibt aber auch linkspopulistische Bewegungen, zum Beispiel in der Slowakei, die sich genau der gleichen Mechanismen bedienen und damit auch an der Macht halten.

Davon abgesehen bringt die Lastwagenhupe in erster Linie in karikierender Form zum Ausdruck, dass die Inhalte in der politischen Sprache tatsächlich nichts mehr zu suchen haben, und zwar nicht erst seit Donald Trump. Anstelle von Büchern könnte man heute Parteiprogramme verbrennen; im Gegensatz zu den Büchern früher sind die Programme heute tatsächlich im besten Fall Brenn­mate­rial, wenn man sie ausdruckt, und sonst einfach Müll vom Datum der Erst­ver­öff­ent­li­chung an. «In Freiheit leben – Deutschland sicher in die Zukunft führen», steht zum Beispiel auf dem Deckblatt des CDU-Grundsatzprogramms. Abgesehen von ein paar Reiz- oder eben Signalworten wie «Mut zur Leitkultur» handelt es sich um eine Ansammlung von Allgemeinplätzen, nicht von Grundsätzen. Sogar dort, wo die CDU schreibt «Sprache ist der Schlüssel zu unserer Gesellschaft», geht es nicht um Vermittlung und Ausbildung von Inhalten, sondern um die fremdsprachigen Ausländerinnen. Der Schritt von solchen Floskeln zum populistischen Gekeif wird irgendwann mal fällig.
Daneben ist die weltpolitische Lage weiterhin und zuverlässig verworren. Während wir uns wun­dern über den Angriff der Vereinigten Staaten auf den Iran, den sie im Auftrag des israelischen Präsidenten Netanjahu durchgeführt haben und damit, darf oder muss man im Moment sagen, im Auftrag von ganz Israel, während wir uns über die Diskussionen über diesen Krieg wundern, zu dem mir beim besten Willen nichts anderes einfällt als «krasser Verstoß gegen das Völkerrecht und überhaupt alle denkbaren Rechtskodizes», was die Einschätzungen und Debatten an und für sich bestimmen müsste, sitzen die Kommentatorinnen in ihren Spalten und wundern sich immerhin darüber, dass der Iran eine derartige Durchhaltekraft zeigt. Bei den Verheerungen der israelischen Armee, die nichts weiter ist als ein kleiner Bruder oder das große Expeditionskorps der US-Ame­ri­kaner, im Gazastreifen und bei der Landnahme im Westjordanland ringen wir, die wir noch an die Worte glauben und mit ihnen unsere Gedanken zu leiten versuchen, um eben diese Worte. Ist das nun wirklich ein Genozid oder ist es keiner? Die Zahlen sprechen dagegen, es sind nämlich bisher nur etwa 100'000 Personen gestorben im Gazastreifen, während die übrigen zwei Millionen vor sich hin hungern und frieren, aber durchaus noch nicht gestorben sind. Viel wichtiger ist es aber, dass die gesamte politisch-militärische Aktion der Israeli von den unzweideutigen Drohungen der militanten Palästinenserinnen geleitet wird, Israel und die jüdische Bevölkerung und gerne auch alle Jüdinnen und Juden weltweit zu vernichten. Bei aller Abscheu gegenüber dem Kriegs­ver­bre­cher Netanjahu, der über Jahrzehnte hinweg alle Friedens- und Annäherungs­be­mü­hun­gen zwischen den Parteien sabotiert hat, darf man auch die Abscheu gegenüber den Ausrottungsphantasien der radikalen Palästinenserinnenorganisationen und des Iran weder vergessen noch verniedlichen. Das Ganze hat tatsächlich historische Dimensionen im Umfang der Kreuzzüge vor 1000 Jahren.

Ebenfalls große Aufmerksamkeit genießt zu Recht der Ukraine-Krieg, der so bald wie möglich aufhören möge, ich weiß allerdings nicht, wie so etwas aussehen könnte. Vier Jahre sind eine verdammt lange Zeit, möglicherweise setzt Putin auf das ewige Hinterland Russlands, das sich immer wieder bewährt; vielleicht geht ihm irgendwann der Saft aus, vielleicht auch den Ukrai­ne­rin­nen, ich habe keine Ahnung, staune aber über die militärischen Fähigkeiten der Ukrainer:innen, die ich durchaus nicht allein den Vorbereitungen durch die Nato zuschreiben möchte.

Hinter diesen beiden Konflikten verschwindet das große Leiden im Sudan, ich bin versucht zu sagen: wie üblich. Abgesehen von der Frage, weshalb die Vereinigten Arabischen Emirate die Auf­stän­dischen dort unterstützen, sehe ich keinen analytischen Anhaltspunkt über die Feststellung des im­mensen Leids und der Not in dieser Gegend hinaus. Etwas Ähnliches gilt für den gesamten afri­ka­ni­schen Kontinent; die Rückstände nicht nur in jenem Bereich, den wir in bester Absicht «Zivili­sa­tion» nennen, sondern schon ganz simpel bei der Erschließung, ganz abgesehen von den gesell­schaft­lichen und faktischen Infrastrukturen, sind nach wie vor enorm. Ich nehme an, dass sie nach und nach aufgeholt werden, aber um dies zu beurteilen und allenfalls auch konkrete Vorschläge zu machen, müsste jemand anderes hier sprechen als ich, der ich mich an die Oberfläche der west­li­chen Berichterstattung halten muss.

In Europa fasziniert mich unter anderem der anhaltende Nationalismus beziehungsweise die neuen Formen, die der Nationalismus im Rahmen der Europäischen Union annimmt. Vielleicht ist das normal, wenn ein neuer derart großer Organismus entsteht, dass sich dann die einzelnen Kräfte innerhalb dieses Superorganismus neu formieren und neue Allianzen und Kombinationen bilden. Aber die anhaltende gegenseitige Behinderung, die vor allem auf den unteren Instanzen der Mit­glied­länder betrieben wird, die geht mir schon aus ästhetischen Gründen auf den Sack. In erster Linie die Rechtspopulisten propagieren alle möglichen Formen des Protektionismus, die unter dem Titel «Deutschland den Deutschen», «Frankreich den Französinnen», «Italien den Italiener­in­nen» und so weiter laufen. Hier hat sich eine neue Dimension der Fremdenfeindlichkeit ausgebildet, welche den Grundgedanken der Europäischen Union in Gefahr bringt. Der Hinweis ist am Platz, dass sich viele traditionelle und auch die traditionell linken Parteien in der Praxis oft nicht anders verhalten und nur im Vokabular noch die verbliebenen Reste fortschrittlichen Denkens zeigen.
Ist in gewisser Weise auch verständlich; die Welt ist tatsächlich komplexer geworden, niemand nicht sieht voraus, was die Zukunft bringt. Aber auf der einen Grundlage, dass unsere Gesellschaf­ten unwiderruflich reich geworden sind, wir uns also sämtlicher materieller Ängste entledigen können und müssen, auf dieser Grundlage also muss man sich gegen solche Sabotageakte wahren. Frei und International muss die Zukunft werden, so wie dieses Radio.

Daneben will ich zum Schluss noch einräumen, dass sich auf absehbare Zeit hinaus offenbar kaum etwas daran ändern wird, dass sich die Gesellschaften in nationaler Form einrichten und ihre staat­li­chen Instrumente ausbilden. Ich halte das für zwar verständlich, aber mindestens teilweise sau­dumm. Weshalb braucht Deutschland ein anderes Strafrecht als Polen, zum Beispiel? Sind hier die Messer gemeiner als dort? Haben die Polinnen ein größeres Einfühlvermögen in Betrügerinnen als die Deutschinnen? Das ist doch Quatsch. Und nur schon bei den Förderinstrumenten, also bei der Regionalpolitik, sollte man bei allem Verständnis für lokale Gegebenheiten und Bedürfnisse die Einordnung in eine übergreifende, und zwar länderübergreifende Regionalpolitik nicht vergessen. Die beiden Ebenen schließen sich ja gegenseitig nicht aus; aber wenn sie sich grundsätzlich zu bekämpfen beginnen, dann wird die Sache schwierig. Auch auf dieser Ebene muss man die Zukunft Frei und International einrichten.

Unter all diesen Problemen gibt es dann auch noch die wichtigste Ebene von allen, nämlich den Alltag, das Zusammenleben der Menschen in der Praxis. Natürlich sorgen hier Verbände von Ra­dau­brüdern am rechten Rand immer wieder für Eintrübungen im Klima, aber grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass sich der gesellschaftliche Alltag im Umgang der Menschen miteinander zum Besseren entwickelt. Ich wünsche Euch und uns und allen anderen, dass solche Verbesserungen anhalten. Ihr tragt ja laufend dazu bei, unter anderem mit schönen Projekten wie dem Kulturquartier Erfurt, von dem ich hoffe, dass es nicht zum Rückzugsort vernünftiger und genusssüchtiger Men­schen wird, sondern zum Ausgangspunkt für ganz viele andere, schöne und neue Initiativen.

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
28.04.

Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Kommentare vorhanden.