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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Nationalistische Internationale

Dass die Lastwagenhupe nicht mit menschlichen Maßstäben zu messen ist, wissen wir seit zehn Jahren, aber die Frage bleibt, ob es in den Vereinigten Staaten wirklich keine Kräfte mehr gibt, die sich dieser Ausstülpung der Zeit entgegen stellen. Schließlich geht es um ein paar Dinge, die auch für die USA wichtig sind, zum Beispiel im Welthandel.

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Zu einem kleinen bisschen Rücksicht auf den größten Absatzmarkt müsste doch die gesamte US-Wirtschaft raten. Nun ist es klar, dass man im Moment vernünftige Argumente nicht in einer Öffentlichkeit vortragen kann, die auf Irrsinn und Abwerwitz gepolt ist, aber hinter den Kulissen existieren doch auch mehrere Handlungsebenen, auf welchen das Großkapital bisher nicht gezögert hat, die Strippen zu ziehen. Weshalb spürt man davon nichts? Ich kann es mir nicht vorstellen, dass die Lastwagenhupe die einfach überrannt hat. Auf die eine oder andere Art und Weise bewegt sie sich wohl noch in einer Bandbreite, welche der einen oder anderen Interessengruppe eine normale Profitmarge und normale Wachstumsaussichten sichert, aber das Gesamtbild würde ich aus neutraler Sicht als verheerend bezeichnen, und zwar eben auch für das nordamerikanische Großkapital. Wenn Europa seine Märkte abschottet gegenüber den Vereinigten Staaten, haben die ebenso geschissen wie die Europäerinnen selber.

Ich weiß, dass das zunächst einfach dummes Geschwätz ist, aber was will man machen. Im Moment bleiben nur verschiedene Hinweise an die vereinigten Europäerinnen, zuvörderst natürlich jener, zusammenzustehen und nicht noch mehr in die Geisteskrankheit des Nationalismus zu verfallen, als es bereits der Fall ist; wohin das führt, sehen wir beim Dröhnen der Hupe nur allzu klar. Ein weiterer Hinweis, den ich seit Jahr und Tag gebe, liegt in der verstärkten Zusammenarbeit mit dem Süden, also mit Afrika und dort in erster Linie mit dem nördlichen Zipfel davon, nagut, Zipfel ist vielleicht nicht die richtige Bezeichnung für den Maghreb, aber immerhin. Die jüngeren Hinweise beschlagen die Rüstungstechnik, wo ich vermutlich ebenso wie manche andere Beobachterinnen fast erschlagen war vom Bild, das sich mit den israelisch-amerikanischen Aktionen in den letzten Jahren gezeigt hat; man wusste schon zuvor, dass die Ukraine dank der intensiven Aufrüstung durch die Nato seit der Krim-Annexion eine militärische Schlagkraft gewonnen hat, mit der die Russin offensichtlich nicht gerechnet hatte, als sie ihren vermeintlichen Hinterhof aufräumen wollte wie die Lastwagenhupe die ihrigen in der Karibik. Jedenfalls hat es die Nato versäumt, die gleichen Aufrüstungsschritte wie in der Ukraine auch in Venezuela, Kolumbien und in Mittelamerika vorzunehmen. Und der letzte Hinweis betrifft die Datenverarbeitung und -speicherung. Ich gehe vorsichtshalber mal davon aus, dass in ganz Europa im Moment auf Hochtouren am Ausbau der entsprechenden Infrastrukturen gearbeitet wird, sodass man bei Gelegenheit die Unabhängigkeits­erklärung von Google und Amazon ausrufen kann. Das dauert halt ein Weilchen, aber da muss man durch. So hat eine solche Lastwagenhupe auch ihr Gutes.

Trotzdem: Dass sich bisher keine Kraft bemerkbar gemacht hat, welche ganz nüchtern ein zivili­sier­tes Verhalten des Staates einfordert – von der Lastwagenhupe kann man das nicht fordern, das ist klar, aber den Staat als solchen gibt es ja nach wie vor –, das bleibt ein Rätsel, auf welches auch die anstehenden Entscheide des Obersten Gerichtshofes zu den Zöllen keine Antwort geben werden. Die Mobilisierung der US-amerikanischen Revolutionsgarden gegen demokratisch regierte Staaten und Städte fallen unter das gleiche Kapitel, und falls die Lastwagenhupe bei den Zwischenwahlen ihre Mehrheit verliert, wird das Getöse sowieso so groß werden, dass man mit einem umfangreichen innenpolitischen Chaos rechnen kann, das die Europäerinnen zu einem weiteren Abkoppelungs­schritt nutzen sollten, das kann ich schon jetzt sagen.

Der Springer-Verlag hat offenbar einen weiteren Chefredakteur geschasst, diesmal den Chef der «Welt», Jan Philipp Burgard. Ich gehe mal vorsichtshalber davon aus, dass er seinem Vorgänger in diesem Schicksal, Julian Reichelt, folgen wird und zu Frank Gotthardts Jaucheschleuder «Nius» zieht, wo er wie Reichel und Konsorten unermüdlich alles schlecht und antideutsch findet, was in der deutschen Politik so läuft. Aber vielleicht ist Burgard trotz allem ein anderes Kaliber als der Geschlechtsteilgrabscher Reichelt und findet eine Anstellung in einem der vielen US-Projekte, die im Haus Springer für das Land der großen Pressefreiheit vorbereitet werden.
Mit einer gewissen Belustigung habe ich Kenntnis genommen von einer Aktion des polnischen Äquivalents der Allianz für Deutschland, nämlich die Bewegung zur Verteidigung der Grenzen, an deren Spitze laut eben der «Welt» ein polnischer Rechtsradikaler steht mit dem Namen Robert Bakiewicz. Die haben auf der Brücke zwischen Frankfurt an der Oder und Slubice polnische Fahnen gehisst, allerdings nur auf jener Hälfte, welche von Rechts oder von Links wegen auch tatsächlich Polen zusteht. Ich darf an dieser Stelle aus der «Welt» ein Zitat von Bakiewicz zitieren: «Wir wollen damit zeigen, dass wir nicht mit der massenhaften Migration einverstanden sind und nicht mit der deutschen Politik, die polnischen Westgebiete wieder zu germanisieren.» Dieses Vokabular lässt mit Garantie die Herzen der Allianz für Deutschland höher schlagen. Das sind ihre ureigenen Worte und Werte, die hier ein polnischer Recthsextremist von sich gibt. So sieht der nationalistische Internationalismus aus.

Mein persönlicher Internationalismus sieht so aus, dass ich hin und wieder einen Blick über die Grenzen werfe, nicht nach Deutschland, nein, ausnahmsweise nach Luxemburg, und ich bin froh, dort eine Publikation zu finden, die sich mir anbietet, ohne dass ich ein Zweijahres-Abonnement lösen muss, nämlich das «Luxemburger Wort». Als Hauptartikel finde ich eine vernichtende Kritik an den öffentlichen internationalen Schulen in Luxemburg. Sie seien erneut die Letzten, heißt es in der Schlagzeile, wobei ich annehme, dass es sich um die Letzten in der ganzen Europäischen Union handelt. Sie schnitten im Abitur besonders schlecht ab. Ich zitiere: «Die schriftlichen Leistungen sind teilweise katastrophal. Dennoch schaffen 260 von 263 Schülern ihren Abschluss.» Aber dann ist ja alles in Ordnung, möchte ich hierzu sagen, und da diese Schulen offenbar keine Frauen beinhalten, weil das «Wort »sonst ja auch von Schülerinnen sprechen müsste, wundert mich weder das Ergebnis der Beurteilung noch der Umstand, dass bis auf drei offensichtlich ganz und gar untaugliche Exemplare alle anderen Versager durchgewunken werden; die braucht man dann in den luxemburgischen Institutionen und in der Europäischen Union, ha-ha, Achtung Satire! Vielleicht sogar Satire mit Humor, aber dafür gibt es keine Garantie. – Daneben bietet das «Wort» eine weitere Lösung für den Knatsch mit der Lastwagenhupe, nämlich fordert der luxemburgische Außen­mi­nis­ter Bettel, dass Nato-Generalsekretär Rütte die Schrei-Maschine in der Grönland-Frage umstimmen solle. Warum denn nicht. Und wir lesen auch Sportmeldungen, zum Beispiel dass Gwyneth ten Raa ihre Landesmeisterinnen-Titel im Slalom und im Riesenslalom verteidigt hat; die Wettkämpfe wurden im schweizerischen Adelboden ausgetragen. Den Titel im Männer-Slalom holte sich Victor Catel und im Riesenslalom Roby Turpel. Sodann berichtet das Luxemburger Wort ebenso über die Kollision von zwei Zügen in Spanien, die 40 Todesopfer forderte, und über den 80. Geburtstag von Dolly Parton wie alle anderen Zeitungen; eine eher seltene Meldung ist übertitelt mit «indirekte Sanktionen, Hintergrund: Wie unbescholtene Russen in Luxemburg um ihre Vermögen ringen», was am Rand auch an die Versuche der Europäischen Union erinnert, eingefrorene russische Vermögen als Sicherheit für EU-Kredite an die Ukraine zu verwerten, wogegen sich Luxemburg und Belgien aus Haftungsgründen ziemlich deutlich aussprechen. Das «Wort» bringt das Beispiel von Zhanna Nemzowa, einer Tochter des ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Nemtsow unter Boris Jelzin, die heute beide, Vater und Tochter, laut Kritik üben an der russischen Politik. Weiter unten zitiert das Luxemburger Wort den russischen Milliardär Michail Fridman, der vor vier Jahren nach dem Einmarsch der Russen in die Ukraine mit EU-Sanktionen belegt wurde; eine Vorinstanz des Europäischen Gerichtshofs hatte dann vor zwei Jahren entscheiden, dass der EU-Rat keine ausreichenden Beweise dafür vorgelegt hatte, dass Fridman den Krieg gegen die Ukraine unterstützt oder davon profitiert habe. Allerdings galt dieser Entscheid nur für einen bestimmten Zeitraum; er verbleibt somit für den Rest weiterhin auf der Sanktionsliste. Besonders dramatisch ist die Lage offenbar für Russinnen, die sich nach dem Angriff auf die Ukraine aus dem russischen Staub gemacht haben und nun trotzdem unter die EU-Sanktionen fallen, das heißt, sie können nicht einmal Geld beziehen mit ihren Kreditkarten. Es bleibt mit anderen Worten schwierig.

Dann würde mich noch interessieren, was die kanadischen Medien zu den Grönland-Plänen der Lastwagenhupe sagen, und zwar deshalb, weil Kanada bekanntlich viel näher bei den USA liegt als Grönland und dementsprechend von strategisch viel größerer Bedeutung für die Sicherheit der Vereinigten Staaten ist als Grönland. Falls es eine Logik gäbe im Geschrei der Hupe, dann müsste Kanada der erste Bissen im globalen Verspeisen sein, aber bisher gab es keine Anzeichen dafür. Im Toronto Star ist davon auf Anhieb nichts zu sehen. Wir haben eine Meldung über den kanadischen Premierminister Mark Carney, der sich in Katar zur Senkung der Zölle auf chinesischen Elektrofahrzeugen äußert; wir haben auch hier die Meldung, dass man im Friedens-Aufsichtsrat für den Gazastreifen einen Sitz erhält, wenn man der Lastwagenhupe 1 Milliarde US-Dollar aushändigt und ein psychiatrisches Attest für völlige geistige Zurechnungsunfähigkeit vorlegt, wofür allerdings die Überweisung der erwähnten Milliarde vollkommen ausreicht; am Rande vermerkt man die Warnungen der Europäerinnen vor einer drohenden Abwärtsspirale im Zollstreit über Grönland, aber sonst scheint man eigenartig wenig betroffen.

Die National Post meldet immerhin, dass Premierminister Carney besorgt sei über die jüngsten Zollandrohungen der Lastwagenhupe gegenüber den Verbündeten von Grönland. Eine Leserin schreibt in der Kommentarspalte, dass ihre größte Sorge sei, dass die USA Kanada demnächst von allen Seiten her umgebe und dass es angesichts der Kräfteverhältnisse klar sei, was geschehe, wenn sich die USA dazu entschlössen, Kanada zu annektieren. Vereinzelt folgen die Kommentatorinnen auch dem, was sie als Argumentation der Lastwagenhupe sehen, nämlich dass sie jetzt den Süden von Russland und China gesäubert hätten, was das Angriffspotenzial angeht, und dass sie jetzt auch den Norden klären müssten. Puh, den hatte ich zuvor noch nicht gehört! – Die Toronto Sun ihrerseits macht keinen Staat aus der Lastwagenhupe und pinkelt stattdessen Premierminister Carney ans Bein wegen der Senkung der Zölle für Elektroautos aus China. Auch gut.

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Albert Jörimann
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