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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Hooligans

Bei einer anderen Erscheinungsform im Weltall würde man von Unverschämtheit sprechen, aber die Lastwagenhupe hat neben keinerlei Eigenschaften überhaupt auch keine Scham, und somit wundert man sich bloß über die Selbstverständlichkeit, mit welcher sich nicht nur dieser schlagzeilengeile Brüllapparat, sondern die ganzen Vereinigten Staaten über alles hinweg setzen, was bis vor kurzem internationales Recht war.

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Der Unterschied ist zentral: Wäre es bloß die Lastwagenhupe, so könnte man sagen, noch eineinhalb Jahre, dann ist es ausgestanden; aber wie gesagt, es sind die Vereinigten Staaten, welche die internationalen Verhaltenskodizes außer Kraft setzen. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen in Europa ihre Lehren daraus ziehen. Erstens: Sicherheitsstufe eins im Personenschutz von Ursula von der Leyen. Wahrscheinlich hat die Lastwagenhupe schon klare Vorstellungen davon, wie sie die Europäische Union übernehmen wird. Zweitens: Alle Kraft voraus in die europäische Rüstungsindustrie. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber angesichts der krassen Überlegenheit des US-amerikanisch-israelischen Rüstungskomplexes bleibt einem gar nichts anderes übrig, will sagen: Gäbe es Aussichten auf eine friedliche Koexistenz mit der Jurassic World jenseits des Atlantik, könnte man eventuell darauf verzichten, aber die Lastwagenhupe lehrt uns, dass dies nicht der Fall ist. Also: Eurofighter und Mirage und Rafale im Eiltempo modernisieren und produzieren, Drohnenproduktion ankurbeln, das dünne Satellitennetz der Europäerinnen ausbauen und verdichten. Drittens: Investitionen in die Datencenter, sofort, flächendeckend. Viertens: Verzicht auf den Konsum US-amerikanischer Waren und Dienstleistungen. Man braucht nicht unbedingt eine Harley-Davidson, man kann auch schottischen Whisky trinken anstelle von Bourbon, über US-Automobile braucht man sowieso nicht zu diskutieren, da diese noch nicht einmal den Umweltstandards entsprechen, welche Manfred Weber im Interesse der bayrischen Verbrennerindustrie noch tolerieren würde; kein Coca-Cola mehr trinken, keine Kellogg’s Cornflakes mehr essen, Einreisesperre für US-Touristinnen. Man muss die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten so schnell wie möglich auf das absolute Minimum herunter fahren.

Man könnte einwenden, dass gleichzeitig in New York ein Hoffnungsträger der fortschrittlichen Linken sein Amt angetreten hat mit zahlreichen Gesten, die unbedingt unsere Unterstützung verdienen, nicht zuletzt im Bereich öffentlicher Verkehr, was allerdings in einer derart großen Stadt wie New York eine Selbstverständlichkeit ist. Man stelle sich vor, dort würden die Menschen mit schützenpanzerähnlichen Sports Utility Vehicles mit ungefilterten Verbrennermotorren herum fahren – da hätten die US-Amerikanerinnen bald eine Luftqualität wie in New Delhi. Das kann niemand wollen, eben, es ist selbstverständlich, dass die Stadtbehörden überall außer in Indien den öffentlichen Verkehr fördern. Was uns der Mamdani letztlich bringen wird, werden wir noch sehen, aber zunächst einmal ist er eindeutig das letzte Argument, das uns davor abhält, die Vereinigten Staaten unserseits zu erobern, den Präsidenten abzusetzen und die Wirtschaft unter unsere Knute zu zwingen.

Geschätzte Hörerinnen und Hörer, Ihr seht, dass auch mein Kopf vom militärischen Vorgehen der USA und vom völligen Schweigen der Staatengemeinschaft in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Man kann sich zu solchen Dingen nicht mehr vernünftig äußern, es bleiben ein paar pubertäre Rachefantasien, man wünscht sich, die Kubanerinnen oder wer auch immer würden den größten Flugzeugträger der US-Navy in den nächsten Stunden versenken und eine Superbombe auf das Schlangennest Mar-a-Lago abwerfen und dergleichen, aber in genau solchen Fantasien zeigt sich, wie ohnmächtig wir simple Mitläuferinnen ohnehin schon sind, aber jetzt eben auch noch mit dem Bewusstsein davon. Das ist traurig und widerspricht fundamental der Definition und dem Selbst­verständnis des Individuums als solches. Das halten wir am Rande noch fest: Die Lastwagen­hupe stampft die Freiheit des Subjektes ein. Wir fügen noch bei: Diese Freiheit war in den USA schon zuvor stark beschädigt durch die Aushöhlung der Institutionen, insonderheit des Rechtskörpers durch Anwältinnen und Gesetzgeberinnen. In Europa hat sich die Rechtsstaatlichkeit im Vergleich besser gehalten, auch wenn die Tendenzen zur Aushöhlung ebenfalls vorhanden sind und sich vor allem manifestieren bei Lobbyistinnen und Politikern wie Manfred Weber in Brüssel.
Vielleicht muss sich unsereins durchringen zur Einsicht, dass wir nichts zu sagen haben zur Welt und ihrer Zukunft. Die alte Fiktion von der Kraft des vereinigten internationalen Proletariats hält sich zwar hartnäckig in einigen Köpfen, ist aber nie über den Stand der Fiktion hinaus gekommen und hat jetzt kaum mehr einen Stellenwert. Das Proletariat ist in der klassischen Form schon längstens verschwunden beziehungsweise existiert vielleicht noch in Nigeria, Bangladesch, Äthiopien und in ein paar Vororten von Rom, aber mit der Globalisierung und Vollautomatisierung ist damit kein Staat mehr zu machen. Was bleibt? Eine weitere Lösung aus der Vergangenheit liegt im Nationalismus; im angeblich eigenen Land, das noch so gar nie der eigenen Bevölkerung gehört hat, kann man wenigstens die Wut an sichtbaren Popanzen auslassen, sie kristallisieren sich an Dingen wie der Bürokratie und was auch sonst gerade anfällt. Aber Nationalismus ist nun mal scheiße. Wir brauchen eine auf der Moral der Gleichheit und der Gerechtigkeit aufbauende internationale Ordnung, die eben nicht einzelnen Nationen den Vorrang garantiert, sondern allen Individuen gleichermaßen. Alte Werte, die man irgendwie in ein neues Vokabular oder ein neues Programm fassen muss. Bei dieser Arbeit sollte man sich weder von der Bauern- und Automobillobby noch von den gleichermaßen stinkenden Nationalistinnen beeinflussen lassen. Wir wollen alles, und das sofort, aber bitte für alle. Ungefähr so kann man anfangen.

Ich verweise gerne auf die Universitäten, wo ich nach wie vor intelligente Kapazitäten vermute. Umgekehrt gibt es vor allem bei den Studentinnen, welche sich kritisch empfinden, immer mehr saudumme Ansätze. Das gesamte Woke-Universum ist saudumm, damit das mal gesagt ist. Ich stehe gerade noch unter dem Schock eines Gesprächs vom Wochenende, bei dem mir ein Kollege, der sich unter anderem mit mit Sklaven betriebenen Plantagen in Französisch Guayana befasst, mitgeteilt hat, dass die jungkritischen Studentinnen es nicht mehr gerne sehen, wenn man von Sklaven spricht. Und von Sklavinnen, natürlich. Nach ihrem Sprachdiktat muss man in Zukunft von versklavten Menschen sprechen. Wir liefen beide einen Moment lang rot an vor Zorn. Einmal ist es sowieso ein Verstoß gegen elementare Regeln der Vernunft, wenn man rückwirkend in die Sprache eingreifen will. Man kann an der Sprache im Nachhinein kritisieren, was man will oder sogar muss, wobei die Kritik eher die Form von Anmerkungen annehmen muss, denn den Diskurs selber, der historisch geführt wurde, den kann man nicht mehr ändern, respektive den darf man als Wissenschaftlerin auch gar nicht ändern, denn nicht die korrigierte oder zensierte Version erlaubt uns den Blick auf die Entstehungsgeschichte, sondern nur der Blick auf die nackerten Tatsachen.

Im Fall der versklavten Menschen ist das sowieso pervers. Der Begriff des Sklaven oder der Sklavin bezeichnet selbstverständlich ein menschliches Subjekt, dem aber sämtliche Freiheiten entzogen wurden, mindestens vor dem Recht, aber in vielen Fällen auch im Alltag, das ist bekannt. Im Begriff Sklavin oder Sklave ist also all das, was nach heutigem Verständnis schreiendes Unrecht ist, bereits enthalten. Wenn die jungkritischen Studentinnen das nun präzisieren möchten, dann schlagen sie im Prinzip die Sklavinnen im Nachhinein erst recht ins Gesicht, indem sie vorgeben, sie hätten an der Realität des Sklavenlebens und des Sklavinnenstatus eine riesige Widergutmachung geleistet. Das haben sie eben nicht, wie gesagt, im Gegenteil: Sie verhohnepiepeln begrifflich Millionen von Menschen, die, im Falle der amerikanischen Plantagen, unter grässlichen Umständen transportiert und ausgebeutet wurden. Zudem würden sie alle wissenschaftlichen Anstrengungen zur Erforschung beispielsweise des römischen Rechts sabotieren, wenn sie damit durchkämen, denn im römischen Recht gibt es im Sachenrecht eine eigene Abteilung für Sklavinnen und Sklaven. Sie würden auch die Geschichte der Menschheit insgesamt sabotieren, wenn sie damit durchkämen, denn in den Anfängen der Menschheit gilt nach wie vor der Grundsatz, dass der Grundzustand zwischen den Stämmen der Krieg war; die Versklavung von Gegnerinnen war damals eine Form der Begnadigung, wobei das in der heutigen Sprache sowieso etwas seltsam tönt. Es geht aber nur darum, dass man Wissenschaft ernsthaft betreiben muss und nicht im Bemühen, irgendeinen vermuteten Anstand gegenüber dem Objekt der Wissenschaft anzuwenden. Wir brauchen nicht Anstand, wir brauchen Mikroskope und den ganzen übrigen wissenschaftlichen Apparat.

Was ich nicht weiß, ist, ob es einen geheimen Zusammenhang gibt zwischen der Woke-Inquisition und der Vulkangruppe, welche die Berliner Stromversorgung lahmgelegt hat. Die Woke-Inquisition verfügt selbstverständlich über deutlich weniger Macht- und Folterinstrumente als die historische Inquisition, für welche die jungkritischen Studentinnen bei Gelegenheit sicher auch noch ein anderes Wort erfinden werden; man braucht sie insofern nicht übertrieben ernst zu nehmen, sie geht einem bloß auf den Keks, weil sie derart radikal gegen das einzig menschliche am Menschen, nämlich die Vernunft agiert, nicht zuletzt durch die Geheimtribunale, welche dann Urteile veröffentlichen wie eben jenes, dass Sklavinnen und Sklaven fürderhin nicht mehr Sklavinnen und Sklaven genannt werden dürfen, sondern nur noch verskalvte Menschen. Stierenkacke. Die angeblich linksextreme Vulkangruppe hat sich schon im September gemeldet mit einem Blackout im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick und der Begründung, dass die Erde in der Gier nach Energie ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt und zerstört werde. In dieser Begründung sehe ich allerdings eine Verwandtschaft zu den jungkritischen Inquisitiorinnen, indem nicht mehr die Menschen, sondern eine Instanz mit dem Namen «die Erde» zum obersten schützenswerten Gut erklärt wird. Gehet hin und umarmt die Bäume und streichelt die Wurzeln eurer Gräser. Dass es daneben aus fortschrittlicher Perspektive ein absoluter Blödsinn ist, die Stromversorgung in einer Großstadt zu sabotieren, und zwar ohne andere Not als eben die Vergewaltigung und Zerstörung der Erde insgesamt, wofür die arme Berliner Stromversorgung vermutlich nicht allzu viel kann, das will ich an dieser Stelle doch noch festhalten. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Gewalt, sie ist eine Realität, wie wir unter anderem in den Vereinigten Staaten täglich erleben, und gegen Gewalt empfiehlt sich tatsächlich vor allem die Gegengewalt. Bei der Anwendung von Gewalt allerdings sind einige Kriterien zu beachten, die man oft auch im Gesetzeskörper moderner Gesellschaften findet. Im vorliegenden Fall kann ich keinerlei Ziel und Notwendigkeit erkennen, der Anschlag hat nicht den Hauch einer politischen Dimension, und insofern erkläre ich hiermit die Vulkangruppe offiziell zu antifortschrittlichen, nichtlinken Hooligans.

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
06.01.

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