Aktuell

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Easy Listening
19:00 Monatsrückblick
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Punk '77 - '79
22:00 Partyzone
Elektronische Tanzmusik in der Samstagnacht auf Radio F.R.E.I.

"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Bockwurstwettessen

Vor zwei Jahren hatte ich für den internen Gebrauch und zusammen mit einem Nachbarn mal einen Rap zusammen geknetet, der Nachbar brachte als Vorgabe den Krach mit, also mit Schlagzeug unterfütterte Musik, sowie als Text den griffigen Slogan: «I don’t want a Golden Steak, all I need is a Break.»

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Diesen verwandelte ich in Rumpf-Französisch, er hieß nun «Je n’ai pas besoin d’un steak en or, c’est la pause que j’adore», und hängte noch ein paar kluge Reime an. Dann drehten wir ein paar Videobilder dazu, montierten die Teile zusammen, und fertig war ein etwa 4-minütiger Welthit. Ich nehme an, dass gut ein Zehntel der Bewohnerinnen Europas zu diesem Zeitpunkt ungefähr das Gleiche getan haben, also kein Grund zur Aufregung oder zu was auch immer.

Nun habe ich aber immer internen Gebrauch, und so lieferte ich dem gleichen Nachbarn wieder mal einen Text, der ungefähr als Antwort auf den französischen Rap «Vater, wo bist du?» konzipiert war, welchen man vielleicht auch in Erfurt schon mal gehört hat, er ist unterdessen schon über zehn Jahre alt und stammt vom belgischen Sänger Stromae. «Papaoutai» heißt das Teil sehr südsee­insu­la­nerisch, aber eben, es steht tatsächlich für «Papa, où t’es?». Meine Version war deutlich weniger sehnsüchtig-traurig; bei mir ist es der Vater, der erzählt: «Mon fils, il dit: Papa, Papa, regarde tout ce qu’on n’a pas!», auf Deutsch: Mein Sohn macht mich aufmerksam auf all die Dinge, die wir nicht haben. Es ist ein richtiger Weihnachtssong zur Unterstützung bei der Suche nach Geschenken. Oder so. Jedenfalls kam ungefähr eine halbe Stunde später bereits ein fertiger und ausgewachsener Song zurück, vielmehr so etwas wie ein Chanson, das euch hier nicht interessieren muss, denn mir geht es eher darum, darauf hinzuweisen, wie die Ton-, Text- und Bildtechnik sich allein in diesen eineinhalb Jahren entwickelt hat. Der Nachbar lieferte noch ein paar Bilder dazu, die er mit einer Video-Erzeugungssoftware gebastelt hatte, es war nicht besonders viel, weil er die Abogebühren für die Software nicht bezahlen wollte und im Gratisbereich nur Anrecht auf fünf mal fünf Sekunden pro Tag hat oder so. Aber immerhin. Es geht. Die Demokratie ist ausgebrochen bei der Produktion von Musik aller Sorten! – Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich daran, dass bereits in diesem Sommer ein Mitglied des Freien Radio Erfurt International mir ein Arbeiterlied aus den zwanziger Jahren vorgespielt hat, welches er im Stil der damaligen Zeit von einem Arbeiterblasorchester hat vortragen lassen, erzeugt von den Nachfahren der Suchmaschinen, die unterdessen nicht mehr einfach suchen, sondern eben auch produzieren können auf der Grundlage der zur Verfügung stehenden Daten und vor allem ihrer Strukturen – eine Durchschnittskomposition beruht letztlich auch nur auf einer bestimmten Auswahl an Datenstrukturen. Das war beeindruckend.

In der letzten Woche des Jahres treffe ich mich immer mit einigen Kolleginnen aus alten Zeiten, und diesmal gab vor allem ein Historiker seiner Begeisterung Ausdruck darüber, dass er nun mit einem normalen KI-Programm riesige Mengen von Daten durchforsten und auswerten lassen könne, was ihn zuvor Monate und Jahre an Arbeit gekostet hätte. Das Programm spuckt auf Wunsch auch noch eine geschriebene Version dieser Auswertung aus, und zwar in beliebiger Länge und in beliebiger wissenschaftlicher Tiefe, also mit Quellenangaben und Papipapo. Logischerweise war in die Begeisterung auch eine gewisse Konsternation gemischt darüber, dass diese Programme mindestens in der Geschichts- und Sozialforschung das Ende des wissenschaftlichen Betriebs darstellen, wie man ihn bisher gekannt hat, indem nun jede dahergelaufene Person anständige Ergebnisse produzieren kann zu Themen, von denen sie eigentlich keinen Schimmer hat. Nun, einen kleinen Schimmer muss man am Schluss wohl doch noch haben, sonst kann man den Prompt nicht richtig setzen, welcher dem Automaten vorgibt, wo er was zu erledigen hat, aber auf dieses Niveau kommt man relativ schnell und braucht nicht unbedingt zwanzig Abschlüsse dafür. Also auch hier: Die Demokratie ist ausgebrochen in der Geisteswissenschaft! In Zukunft können alle gleichberechtigt teilhaben am wissenschaftlichen Diskurs, wenn auch nicht unbedingt mit ihren eigenen Forschungs­arbeiten, so doch mit ihrem Namen unter den Dokumenten, welche von der forschenden Intelligenz erstellt wurden.

Diese Sorte von Demokratie hat eine schöne Seite, indem sie allen den Zugang zu was auch immer verschafft, und eine bittere Seite, indem sie nämlich der menschlichen Kreativität und der menschlichen Geistesarbeit einen schweren Schlag versetzt. Das hängt sicher damit zusammen, dass die Kreativindustrie, welche nun automatisiert wird, vor allem auf der Behauptung von Kreativität aufgebaut wurde und nicht auf wirklicher Kreativität. Wenn es hieß «Entdecke die kreative Seite in dir», so war in der Regel nicht viel mehr gemeint als das Ausmalen von Mandalas. Nun gut, ich bin mir nicht sicher, ob die Künstliche Intelligenz sich tatsächlich dazu herablassen täte, ein Mandala zu zeichnen und auszumalen, aber jedenfalls hat das nichts zu tun mit dem künstlerischen Schaffen und Erschaffen, als welches solche Aktivitäten jeweils angepriesen wurden. Auch die Musikindustrie hat in zahlreichen Abteilungen schon früher eher Klone produziert, sowohl bei den Musikstücken selber als auch bei den Künstlerinnen, welche sie dann lipsync vortrugen. Dafür hat es keine künstliche Intelligenz gebraucht, respektive das war wohl genau die Grundlage dafür, was heute von dieser künstlichen Intelligenz geleistet wird. Darum ist es nicht schade. Die Frage stellt sich umso deutlicher: Kann sich unter diesen Umständen noch so etwas wie menschliche Intelligenz, menschliche Kreativität behaupten? Meinetwegen auch in der Form von Kunsthandwerk, welches, wie der Name sagt, ebenfalls künstlich ist, hier aber künstlich als Gegensatz zu natürlich, also vom Menschen kunstvoll geschaffen.

Ja, natürlich, das geht. Insofern braucht man nicht in Trübsal zu verfallen. Auch in anderen Bereichen werden wir uns nach einer kurzen Zeit der Gewöhnung eher amüsieren als ärgern, namentlich in der Politik. Hier scheinen mir die umfassend wahrheitsresistenten Bild- und Ton-Beiträge auf Youtube, Instagram, Tiktok und so weiter, wie sie zur Spezialität der Allianz für Deutschland und des bayrischen Ministerpräsidenten geworden sind, wie sie aber vor allem seit längerer Zeit das geistige Gewebe in den Vereinigten Staaten von Amerika durchwabern, solche Stierenkacke wird nach der Erreichung eines allgemeinen Siede- und Höhepunktes jeglichen Interesses außerhalb der Irrenanstalten verlustig gehen. Darauf freue ich mich jetzt schon. Beiläufig enthebt diese Entwicklung auch jene Politikerinnen jeglicher Beteiligungspflicht, welche ihren Job noch ernsthaft ausüben, so, wie man ihn sich früher mal vorgestellt hat. Ich denke hier wieder einmal an den grünen Europa-Abgeordneten Daniel Freund, der in erfreulicher Kadenz Nachrichten über wenig beachtete Entwicklungen in Brüssel versendet. Es sind nicht immer Primeurs über Hinterzimmer-Abmachungen, wir lesen eher Informationen über das politische Alltagsgeschäft, über den einen oder anderen Deal, über Versuche von konservativen Politikerinnen und Industrieverbänden, die Nichtregierungsorganisationen zu schwächen und so weiter. Das gibt es heute schon, und ich gehe davon aus, dass genau solche Berichte mit der Zeit wie erratische Blöcke in der Lava der Tendenzmeldungen und der dummen nationalistischen Parolen bestehen bleiben.

Wie auch immer: Man kann es unmöglich voraussagen, wohin diese Entwicklung führt. Für mich persönlich bedeutet es auf jeden Fall das lang ersehnte Ende aller Befürchtungen in punkto Faschismus. Die künstliche Intelligenz macht wegen ihres Massencharakters allen Massen­bewegungen den Garaus, indem sie alle Richtungen auf die gleiche Ebene stellt und so allen den Stecker oder den Zünder zieht. Das gilt auch für die progressive Seite des politischen Spektrums. Für einen überschaubaren Zeitraum wird man sich noch am Spiel in den sozialen Medien beteiligen müssen; danach aber bringt sich diese Medienebene selber um die Ecke, wenn dann mal der große Blödsinn als solcher ausgeschieden und abgetrocknet ist. In der Zwischenzeit kann man allerdings noch mit einigen schönen Spektakeln rechnen, die man aber eben nicht übermäßig Ernst nehmen sollte.

Mit einer gewissen Begeisterung habe ich Kenntnis genommen vom großen Bockwurst- und Wiener-Wettessen in Haynrode im Eichsfeld. Ich weiß nicht, ob der Rekord von 19 Bockwürsten aus dem Vorjahr gebrochen wurde, und den Namen des Siegers konnte ich kurzfristig auch nicht ermitteln. Dagegen bin ich erfreut über die Tatsache, dass es auch einen Wurstess-Wettbewerb für die Frauen gab, ein Wiener-Wettessen, das Vicky Jackl aus Haynrode und Sabine Ehrhardt aus Kraja gemeinsam gewonnen haben, wobei ich hier im Unklaren gelassen wurde über die Anzahl der verspeisten Wiener. Jedenfalls sehe ich in solchen Wurst-Wettkämpfen einen hohen zivilisatorischen Wert, auch wenn ich die Mengen-Orientierung etwas fragwürdig finde: Ist denn nicht so eine kommune Bockwurst mit ihrer Senf-Auflage für sich schon ein Kulturgut, dessen einzigartig banalen Geschmack man mit dem Streben nach Masse durchaus nicht verfeinert? Eigentlich müsste man von der zweiten Bockwurst an eher einen Preis für das Essen in Zeitlupe verleihen. Auf einer Foto aus dem Wettkampfgeschehen habe ich übrigens gesehen, dass Jonas Rönz aus Struth, der gerade am letzten Bissen der einen Wurst kaut, während der mit der linken die nächste mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger aufnimmt, auf seinem Teller nicht nur Senf, sondern auch Ketchup aufliegen hat. Da musste ich doch ein wenig die Stirne runzeln. Es gibt doch so etwas wie einen Wurst-Kodex, und der heißt nun mal, dass man zur Bockwurst und generell zur Wurst Senf zu sich nimmt und nicht Ketchup. Da mögen uns die Hotdog-Banausen noch tausend Mal das Gegenteil erzählen. Jonas Rönz jedenfalls scheint gerade dabei zu sein, seine Wurst in den Senf zu stipsen. Das ist korrekt.

19 Bockwürste! Seid Ihr von Sinnen! So etwas macht doch keinen Sinn! Ich hoffe, dass sich die Wiener-Wettkampf-Esserinnen mit maximal vier Stück begnügt haben. Bei Hamburgern mag man drauflos mampfen und meinetwegen 100 Stück verzehren, wenn die alle so schmecken wie die kleinen Batzen aus dem McDonald’s; aber einen richtigen, gut gewürzten, sauber mit Zwiebel und Petersilie und etwas Essiggürkchen angesetzten Hamburger, von dem isst man genau einen. Bockwurst ist geschmacklich etwas weniger anspruchsvoll, der Verzehr einer Bockwurst kann ungefähr einem Schaumbad gleichgesetzt werden, während der Genuss zum Beispiel einer Thüringer Bratwurst dann schon in Richtung Whirlpool und Massage geht. Bei diesen Bratwürsten allerdings gehe ich davon aus, dass es keine Mengen-Wettbewerbe gibt. Das wäre eine ganz üble Verhunzung dieser ausgezeichneten Wurstware.

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
01.01.

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