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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Die gelben Briefe

Am Sonntagabend habe ich den Film «Gelbe Briefe» von Ilker Catak gesehen, und zwar mit eini­gem Vergnügen. Bei uns nannte man solche Briefe früher die blauen Briefe, weshalb, weiß ich nicht mehr, aber gemeint war damit wie jetzt mit den gelben die Kündigung des Arbeitsvertrages.

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Betrof­fen sind im Film die Schauspielerin Derya und ihr Mann Aziz, wobei vor allem der Mann stell­vertretend steht für seine Kollegen an der Universität Ankara, welche ihre Stelle ebenfalls verlieren wegen der Unterstützung von Protestaktionen gegen den Krieg. Die Vorwürfe an sie kann man global die «türkischen Vorwürfe» nennen, also Anschuldigungen wegen Terrorismus, Beleidigung, Landesverrat, Herabwürdigung des Staates und des Präsidenten und seines Lieblingshundes und so weiter und so fort. Da sie kein Einkommen mehr haben, ziehen sie von Ankara nach Istanbul, wo Aziz aufgewachsen ist, und leben nun in der Wohnung von Aziz’ Mutter, wobei die gemeinsame Tochgter Ezgi ebenso den Kitt der Ehebeziehung darstellt wie eine zunehmende Quelle von Problemen. Aziz beginnt als Taxifahrer zu arbeiten, schreibt nebenbei ein neues Theaterstück mit genau dem Titel «Gelbe Briefe», das dann auch zur Aufführung kommt, während Derya die Hauptrolle in einer Fernsehserie für das staatliche Fernsehen annimmt.

Das Hauptthema ist also der Feldzug der Regierung gegen die Kultur und gegen die Universitäten, wie gesagt: aufgrund von türkischen Vorwürfen. Das ist mir soweit auch bekannt. Der Film macht daraus aber eine Geschichte, in welcher die umfassende Willkür der Repression voll zum Tragen kommt, gleichzeitig aber konterkariert wird vom Lebenswillen der Schauspielerinnen. Eben, der Lite­raturprofessor ist sich nicht zu schade, eine Stelle als Taxifahrer anzunehmen, die ihm der Bruder von Derya vermittelt, der übrigens ausgezeichnete Beziehungen zum Polizeichef von Istan­bul unterhält; Derya ihrerseits hat einen relativ geringen Preis zu bezahlen für ihre Aufnahme in das Team der Fernsehserie, indem sie ein paar politische Posts von ihren Social-Media-Konten löscht, während sich daneben in Istanbul niemand um die Ereignisse zuvor zu kümmern scheint. In dieser kulturell-politischen Sphäre vermischen sich Alltag und Bedrohung auf unterhaltsame und infor­m­a­tive Art und Weise, wie ich finde; die Hauptqualität des Films liegt darin, dass er die Klischees von der Verfolgung und Unterdrückung eben gerade nicht einlöst, obwohl sie omnipräsent sind. Als Beispiel fallen mir gerade die Taxifahrer-Erlebnisse von Aziz ein, der vom Besitzer des Taxi­unter­neh­mens noch gewarnt wird, dass es in den Nachtschichten auch unerfreuliche Ereignisse gibt. Wäh­rend niemand an diesen unerfreulichen Aspekten des Taxifahrens bei Nacht zweifelt, werden sie im Film in keiner Art und Weise aktiviert. Alles normal, es geht alles seinen geordnet ungeord­neten Gang wie im richtigen Leben. Gerade so gewinnen die besonders unerfreulichen Momente, vor allem beim Schauprozess, eine realistische und plausible Dimension. Der Film läuft nicht auf solche Momente hinaus wie im klassischen Theater, sondern bewegt sich weiter. Das macht ihn sozusagen bekömmlich, hier wird einem kein Lehrstück auf die Augen gedrückt. Und dass in den Dialogen ordentlich Witz und Pfeffer liegt und dass die Schauspielerinnen emotional regelmässig über die Stränge hauen, und zwar so, dass am Schluss auch die Vernunft darunter leidet, ist eine weitere Qualität; und ab­schlie­ßend will ich einen schönen Scherz bei der Grundausstattung nennen, nämlich spielen nicht nur die Schauspielerinnen ihre Rollen, sondern auch die Rollen der Orte der Handlung, also von Ankara und Istanbul, werden mit illustren Darstellerinnen besetzt, nämlich mit Berlin und Hamburg. Darüber musste ich nicht am meisten, aber am lautesten lachen, als ich das ganz zu Beginn vorgesetzt erhielt. Dementsprechend lautet denn auch die Aufschrift über dem Gerichtshof in Ankara «Dem deutschen Volke» oder so ähnlich. Ein prächtiger Scherz.

Scherze braucht der Mensch in diesen Zeiten dringend. Mit den Tatsachen und auch mit ihrer Verdrehung kann man vorübergehend nichts anfangen. Was ich feststelle, ist die neuerliche Demonstration der israelisch-US-amerikanischen Überwachungs- und Datentechnologie, wie sie die Führungsspitzen der gegnerischen Kräfte ausschalten kann; wir sehen aber beim Iran auch eine mögliche Reaktion darauf, indem man die Führung entpersonalisiert beziehungsweise einen gewissen Bestand an Ersatzfiguren bereit stellt, so etwas wie eine verteilte Führungsstruktur, welche als solche auch nach der Eliminierung der Aushängeschilder weiter funktioniert. Immerhin bedeutet die Ausschaltung von Staatschefs, sei es durch illegale Gefangennahme wie bei Nicolas Maduro in Venezuela oder durch die direkte Tötung wie jetzt im Iran, auch eine Ausweitung der Möglichkeiten der Kriegsführung. Wenn sich das durchsetzt, dann muss man sowohl Volodimir Selenski als auch Benjamin Netanjahu und sogar die Lastwagenhupe ihrerseits durch verteilte oder Stellvertreter-Figuren ergänzen, denn so ganz einhundertprozentig ist der Schutz durch all die eisernen und goldenen Dome dann wohl doch noch nicht. Wenn sich diese Entwicklung im Kriegs-Gewohnheitsrecht festsetzt, können wir uns schon jetzt auf eine Zeit ohne Führungspersönlichkeiten vorbereiten. Das scheint mir vor allem im Fall der Lastwagenhupe etwas schwierig. Anderseits ist das nicht mein Problem.

Mein Problem ist eben, dass es zu wenig brauchbare Scherze gibt im Moment. Ich meine, man könnte es auch lustig finden, dass sich die europäischen Staaten auch in dieser Phase der offenen Konfrontation mit den Vereinigten Staaten, unter anderem im Rüstungsbereich nicht auf die Ent­wick­lung eines gemeinsamen Kampfflugzeuges einigen können. Was heißt da eines: Es können ja auch zwei sein oder drei, das ist egal, aber die Rüstungsindustrie sollte sich endlich an konkrete Projekte machen, die zum Teil ja schon weit fortgeschritten sind, aber offenbar immer wieder an regionalpolitischen Einwänden bescheuerter Interessenvertreterinnen in den Mitgliedländern schei­tern. Ich habe den starken Verdacht, dass hinter den französischen, englischen, deutschen, italie­ni­schen und schwedischen Störmanövern auch starke Gelder des US-amerikanischen Flugzeugbauers Lockheed Martin stehen, anders lässt sich das für vernunftbegabte Menschen nicht erklären. Ich könnte sonst noch eine Schweizer Variante für solch ein Flugzeug vorschlagen, nämlich eine mit Elektromotor, wobei das Gerät ausschließlich mit Dreipol-Steckern aufgeladen werden darf. Oder man beginnt anstelle von 6-Kant-Schrauben mit von Land zu Land unterschiedlichen Schrauben zu arbeiten. Damit wäre die Re-Industrialisierung, wie sie die Lastwagenhupe für Amerika fordert, auch in Europa wieder dauerhaft gesichert, und man könnte den Grundsatz aufstellen, dass die Zukunft nicht aus der Vernunft geboren wird, sondern aus den Nebeln der Unvernunft. Ein richtiger Schritt in diese Richtung wäre die Ablösung von Friedrich Merz durch Markus Söder. In Deutsch­lands Osten habt ihr es ja schon länger in die Hand genommen und die Allianz für Deutschland, ein Markenzeichen für umfassenden Mangel an Verstand und Deutsch, zur stärksten Partei gewählt. Ach komm – solange es noch Bier gibt oder veganen und alkoholfreien Kräuterlikör, brauchen wir uns damit nicht zu beschäftigen.

Zum Abschluss des Scherzkapitels noch der Hinweis darauf, dass Saudiarabien vielleicht die Arbei­ten an den Projekten von Neom und der Linie doch wieder aufnehmen kann, wenn der Erdölpreis weiter steigt als Folge des Angriffs auf den Iran. Die letzten Nachrichten waren eher traurig, näm­lich muss der Staat umstellen von Zukunfts- und Prestigeprojekten auf Nachhaltigkeitsprojekte, Alternativenergien, Sonnenergie, grünen Treibstoff und dergleichen, also nochmals für die Zuhöre­rin­nen mit einem Draht zur Alternative für Deutschland: lauter Dinge, welche die Haare von Alice Weidel zu kräuseln geeignet sind. Auch die Winterolympiade soll nun nicht in der Wüste stattfinden respektive in einem saudiarabischen Skiresort, in dem vor Jahrzehnten manchmal ein bisschen Schnee gefallen ist, bevor der Erdölverbrauch das Klima derart aufgeheizt hat, dass das nicht mehr möglich ist. Somit gibt es halt Kunstschnee, und trotzdem, und jetzt der Verzicht auf die so schön angedachte Winterolympiade! Ich merke, dass sich auch meine eigenen Haare zu kräuseln beginnen.

Ein Licht ins Dunkel bringt vielleicht die Autobiografie von Hayden Pannettiere, die im Mai erscheinen soll. «Es gibt Geschichten, die nur du selbst erzählen kannst», soll sie im Rahmen der Vorabwerbung geschrieben haben. Auf der Webseite promiflash, auf welcher ich diese wichtige Nachricht gefunden habe, sieht man auch eine Fotografie mit ihrem damaligen Partner Wladimir Klitschko und stellt erneut fest, dass sie ungefähr auf Augenhöhe mit seinen Brustwarzen war. Wla­dimir ist bekanntlich der Vater der gemeinsamen Tochter Kaya Ewdokia Klitschko, welcher ein ähn­liches Schicksal wie jenes ihrer Mutter, nämlich jenes der frühen Bekanntheit als Sängerin von Nationalhymnen im Park des Weißen Hauses, offenbar erspart bleibt. Die Webseite boxer­con­test.com vermeldet, dass die bald 11-Jährige noch nicht alt genug sei für eine eigene Berufskarriere und dass ihre Eltern keinen Wert darauf legten, sie zu einer Person des öffentlichen Interesses zu machen, und zwar weder als Schauspielerin noch in der Öffentlichkeit überhaupt und erst recht nicht als Boxerin. Sie sei ein Produkt der Next Generation und erfreue sich einer Entwicklung abseits des Starkultes. Nun – in Kiew hat man im Moment vermutlich andere Sorgen. Allerdings ist es nicht sicher, ob Kaya Ewdokia überhaupt dort aufwächst; Wladimir hat offenbar auch noch eine Absteige in Istanbul, also im Film-Istanbul, nämlich in Hamburg.

Was dagegen unsere andere Leitperson angeht, Michaella Rugwizangoga, so habe ich den Eindruck, dass sie mindestens zum Teil von den Lorbeeren der Vergangenheit zehrt, wobei das vorüber­ge­hen­de Engagement bei Tony Blair nicht an oberster Stelle auftaucht im Gegensatz zu den Ehrentiteln des World Economic Forum, der Chefin von VW Ruanda oder dann als CEO bei Ruanda Touris­mus. Auf der Webseite placebrandobserver.com finde ich immerhin ein paar Aussagen zum soge­nann­ten Nation Branding in Afrika, also zur Entwicklung eines Landes als eigene Marke, wo sie nach wie vor ihrem Heimatland die Stange hält, daneben aber Benin als gutes Beispiel nennt, wel­ches sein kulturelles Erbe mit diplomatischen Anstrengungen der Diaspora und einer akuten oder aktuellen Kulturpolitik vermengt. Südafrika sei mit den beiden Städten Kapstadt und Johannesburg weiterhin führend in der Kreativindustrie, aber auch in der Sportdiplomatie, während Addis Abeba sich zur Marke als diplomatischer Hauptstadt entwickle dank der Afrikanischen Union und dank den Ethiopian Airlines. Diese Aussage stammt aus dem letzten Jahr, da konnte man noch nicht wissen, dass Äthiopien am Rand des Bürgerkriegs im Sudan wieder in einen Krieg gegen Eritrea zu schlittern droht. Aber solche Dinge fallen sowieso nicht in die Kompetenz von Michaella Rugwizangoga.

Auch von unseren Korrespondentinnen bei der turkmenischen Nachrichtenagentur TDH erfahren wir im Moment nicht viel Neues. An dieser Stelle nennenswert vielleicht die Vorbereitungen auf den internationalen Frauentag vom 8. März in den Städten Aschgabat und Arkadag, wo ein Schwer­ge­wicht der Festivitäten jenen Müttern gelten soll, die acht Kinder oder mehr geboren haben und damit Anrecht haben auf den turkmenischen Ehrentitel «Ene Mähri». Sie sollen im Rahmen der Festlichkeiten den Schlüssel zu einer neuen, qualitativ hoch stehenden Wohnung erhalten.

Und mit «Ene Mähri» will ich die heutige Sendung beschließen.




Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
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