Aktuell

Das Programm von heute
00:00 Sehkrank
Album zur Nacht
09:00 Unterdessen
Das Magazin ...
11:00 Universal
Studentisches Magazin
12:00 Zeitsprung
Musik vergangener Tage
15:00 Offene Sendefläche
nach § 34 ThürLMG
17:00 F.R.E.I.stunde
Programm von Kindern und Jugendlichen für Kinder und Jugendliche
18:00 Unterdessen
Das Magazin ...
21:00 Zeitsprung
Musik vergangener Tage

"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Gemeinschaftsdienst, Drogen und so weiter

Von einem Zukunftsprojekt habe ich vor einer Woche gesprochen, konkret davon, wie sehr uns ein solches fehlt. Wo sollen wir hin mit uns? In der Regel breitet der Mensch das als Perspektive vor sich aus, was er in der Vergangenheit gesehen hat.

artikel/Aus neutraler Sicht/J_KW_14_200px.png


> Download

Arbeitsplätze, qualifizierte Arbeitskräfte, Wirt­schafts­wachstum, Automobilindustrie, solche Sachen halt. Ich würde das mal beiseite lassen. Die wirtschaftlichen und technologischen Verwerfungen sind schlicht nicht prognostizierbar. Die Sorge vor einem Kollaps der Weltwirtschaft oder von einzelnen Bestandteilen davon mit Massen­arbeits­lo­sig­keit halte ich ebenfalls für unnütz. Das System hat kein Interesse an Selbstzerstörung, viel genauer kann und brauche ich das nicht zu sagen. Es wird immer irgendwelche Möglichkeiten geben, Geld zu verdienen, im Großen wie im Kleinen, insofern ändert sich an der Sache noch nicht besonders viel, und für uns gilt: Wenn wir die Dinge nicht unnötig komplizieren, zum Beispiel durch Bürokratie und solche Sachen, dann machen wir vorerst weiter nach bestem Wissen, also eben nicht unbedingt mit Schwerpunkt Verbrennermotoren beziehungsweise ganz im Gegenteil, Wissen ist nicht nur Macht, sondern hilft auch bei Entscheidungen. Auf dieser Grundlage müssen wir uns darauf konzentrieren, die Welt, ja, ganz konkret unsere Welt, unseren Alltag und so weiter zu einem schönen Ort zu machen, sagen wir: zu einem schöneren – wenn man genauer hinsieht, ist sie ja gar nicht so hässlich in der aktuellen Form und auf jeden Fall um einiges besser als früher.

Wenn man sich also mit der Weltverschönerung beschäftigt, stößt man schnell auf das vielleicht größte Problem, nämlich an die Bratwurst-Grenze. Die Welt wird nicht schöner, wenn man pro Tag acht Bratwürste isst anstelle von zwei. Diese Bratwurst-Grenze zieht sich durch sehr viele Bereiche des Lebens. Eine Besserung kann es nur dort geben, wo die Menschen sich selber verbessern, nicht ihren Konsum. Das heißt zunächst, dass sich das Individuum nicht als abgeschlossenes Spitzenprodukt der Marke Menschheit betrachtet, sondern eben sich bemüht, ständig besser oder mindestens ständig anders zu werden, was ja sowieso geschieht, ganz im Gegensatz zur Maxime von Günter Grünwald: «Bleiben Sie, wie Sie sind, etwas anderes bleibt Ihnen ja auch nicht übrig.» Das ist nun wirklich falsch. Wir verändern uns nicht nur automatisch und manchmal fast jeden Tag, wir müssen auch danach streben, einzeln und im Kollektiv.

Ich nenne in diesem Zusammenhang als Beispiel ein altes Projekt, das man in einer wirklich fried­li­cheren Welt als der aktuellen realisieren könnte oder je nachdem sogar müsste, nämlich einen obligatorischen Gesellschaftsdienst, der sagen wir mal alle fünf oder zehn Jahre zu leisten wäre, ein Monat oder zwei, in welchem die Einwohner:innen aus einem Jahrgang oder gemischt aus mehreren Jahrgängen zusammengezogen werden zwecks Auffrischung ihrer Schulkenntnisse und, je nach Weltlage, auch ihrer militärischen und zivilen Kenntnisse; dies würde aber im Rahmen eines welt­um­spannenden Systems in unterschiedlichen Ländern und Erdteilen erfolgen, also zum Beispiel geht man im Alter von 35 Jahren zwei Monate lang nach Angola und hilft dort tagsüber beim Betrieb von Fruchtplantagen, während man drei halbe Tage pro Woche Kurse besucht; das Abendprogramm wird je nach Anbieter bunt gemischt oder locker und luftig, ach, egal. Im Alter von 45 Jahren geht man nach Wladiwostok, die Kursstruktur bleibt die gleiche; mit 55 ist man reif genug, dass man die Vereinigten Staaten von Amerika aushält, da kann man in die Rocky Moun­tains; mit 65 verbringt man einen Monat in Papua-Neuguinea, mit 75 darf man nach Neuseeland, und wer mit 85 noch fit genug ist, nimmt an einem Abstecher nach Andorra oder auf die Insel Rügen teil. Wie gesagt: als Beispiel! An diesem Beispiel zeigt sich immerhin schon der anständige Unterschied zum heutigen Tourismus, der noch keine ausgewachsen fortschrittliche, genüssliche und lehrreiche Form von Kennenlernen der Welt ist, im Gegenteil: meistens bietet der Tourismus das Angebot, das wir schon zuhause nicht vermisst haben, einfach zusammen mit Massen von Mitmenschen, fast wie zuhause, nur hundertmal größer. Kultur, Land und Leute bleiben liegen, noch nicht mal die lokale Küche interessiert die durchschnittliche deutsche Touristin, ebensowenig wie die Schweizer oder die englische Touristin. Die Exkursionen des Gesellschaftsdienstes sind da von Grund auf anders.

Nach einem solchen zweimonatigen Kurs kehren die Menschen an ihre Wohnorte zurück und geben sich wieder ihrem normalen Leben hin, das durchaus weiterhin aus einer Mischung aus Arbeit und Freizeit, Verpflichtung und Vergnügung bestehen kann; bloß sollte man auch hier Obacht geben, dass man nicht stehen bleibt, weil sowieso die Welt nicht stehen bleibt und auch Technik, Wirtschaft und Gesellschaft; das ist schon fast eine Binsenwahrheit. Mit anderen Worten: für die Weiter­bil­dung müssen die Kapazitäten auf allen Ebenen erweitert werden, berufsbegleitend, als permanente Weiterbildung anstelle der permanenten Revolution; die Tatsache, dass schon heute ein Milliar­den­geschäft in diesem Bereich entstanden ist, verweist auf ein anerkanntes Bedürfnis zum einen, auf das Vorhandensein der notwendigen Mittel zum anderen. Und hier komme ich zurück auf eine Be­mer­kung aus der letzten Sendung, nämlich dass wir keine Bemerkungen über Armut mehr machen sollten, in diesem Fall also zum Beispiel, dass sich die Ärmsten der Armen keine Weiterbildung leisten könnten. Selbstverständlich müssen die finanziellen Mittel dafür bereitgestellt werden, aber ich denke, die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft dieser Ärmsten der Armen, sich tat­säch­lich in eine solche Fort- und Weiterbildung zu bewegen. Das Argument der Finanzen ist in aller Regel zweitrangig. Irgendwelche Mittel finden sich eigentlich immer, wenn man nur genau genug hinsieht.

Der Alltag der Menschen muss allerdings nicht zwingend wie bisher eng mit der beruflichen Entwicklung verbunden bleiben. Es ist denkbar, nein, eigentlich ist es wünschbar, dass sich die Individuen in kritischen Mengen zusammen ballen, um irgendwelche Vorhaben in die Realität umzusetzen, sei es, dass sie gemeinsam ein Haus bauen oder besser eine Siedlung, dass sie gemeinsam ein Theaterstück erarbeiten, das sie nach einem Jahr zum Beispiel auf den großen und kleinen Bühnen der Umgebung zur Aufführung bringen; man kann auch auf freiwilliger oder gemeinschaftlicher Ebene produktiv werden, oder aber man kann, je nach Charakter, sich auch völlig von der Gemeinschaft absondern und einem eigenen Spleen nachgehen, was weiß ich, Sortieren von Heftklammern, mir ist das egal, die Menschen wissen selber besser, was sie interessiert und was nicht. Wobei hierzu, wie zu allem, was man den Menschen als Eigenschaften andichtet, zu sagen ist, dass die Interessen der Individuen auch irgendwo herkommen, das heißt, sie verändern sich dauernd und sind veränderbar. Ich selber würde mich wohl in einer Kulturkommune am wohlsten fühlen, aber es mag Menschen und Männer geben, die sich lieber mit Bodybuilding beschäftigen oder mit sudetendeutscher Volksmusik, das geht mich nix an.

Welche Institutionen es benötigt, um eine solche Gesellschaft zu ermöglichen und im Gang zu hal­ten, darüber kann erstens gestritten werden, zweitens haben wir doch die eine oder andere Erfah­rung, dass wir uns zum Beispiel auf eine Volksschule einigen können, allerdings auf eine Volks­schule beziehungsweise auf ein Volksbildungssystem, welches die erwähnen Gesellschaftsdienste intergriert und überhaupt Angebote für alle Lebensalter und Lebensphasen beinhaltet. Wir brauchen selbstverständlich einen Staat, und zwar einen schlanken, der mit ausreichend Finanzmitteln aus­ge­stat­tet ist, welche er für seine eigenen Zwecke einzusetzen hat und nicht als Spielgeld für bestimmte Interessengruppen und auch nicht zur Überwachung seiner Bestandteile, also der Einwohnerinnen. Ob man eine Armee braucht oder nicht, das hängt stark von der Weltlage ab; im Moment ist die Antwort leider ja, aber so etwas kann sich auch ändern.

Das Gesundheitssystem ist in der Zwischenzeit auch zu einer Institution geworden; obwohl die ganze Welt über die Kosten stöhnt, ist es eine sehr positive Institution, indem sie uns von immer mehr Zipperlein und anderen Krankheiten befreit und auch für ganz üble Fälle Heilung in Aussicht stellt. Bei den Medikamenten weiß die Forschung auch immer genauer, welche Wirkstoffe auf den Organismus und sogar auf die Hirntätigkeit einwirken, wobei mir grad nicht klar ist, ob die Men­schen in Zukunft besser lernen und intelligenter werden bei entsprechender medikamentöser Behandlung, aber auf jeden Fall haben sie schönere Fantasien oder schlafen besser, wenn man ihnen die richtigen Drogen verabreicht. Gerade in diesem Bereich braucht es eine breite Öffnung der Mentalitäten, damit sozusagen das Opium nicht die Religion der Unterdrückten und Leidenden ist, sondern ein Instrument, um das eigene Leben besser zu führen, egal, ob es sich tatsächlich um Opium handelt oder um andere Substanzen. Hauptsache Substanzen. Dabei müssen die Gesellschaft und das Individuum der Forschung Rechnung tragen, welche sich mit der dünnen Grenzen zwischen Genuss und Abhängigkeit beschäftigt, aber dies eher nebenbei.

Wir brauchen weiterhin oder erst recht ein funktionierendes Rechtssystem, wenn möglich mit fortschrittlichen Gesetzesinhalten, aber ein Rechtssystem braucht es und damit auch eine rechts­set­zen­de Körperschaft, also das Parlament und dahinter die Gesellschaft der Stimmberechtigten und Wahlberechtigten; die konkrete Ausgestaltung kann man wiederum breit diskutieren, ich selber habe mich in der neutralen Schweiz unterdessen nicht nur an regelmäßige Abstimmungen, sondern auch an einen recht gut ausgebauten Föderalismus gewöhnt, also an die Delegation von Kompetenzen von oben nach unten oder in die Breite; dazu gehören auch die Finanzen, selbstverständlich. Wo mir die Erfahrungswerte fehlen, das ist die umgekehrte Richtung, also vom kleinräumigen Föderalismus zum Rechtssetzungsprozess auf kontinentaler oder sogar globaler Ebene. Das braucht es auch, das wird sich aber etwas langsamer entwickeln.

Wovon ich im Moment nicht sprechen kann, das ist die Wirtschaft. Die befindet sich seit Jahr­zehn­ten in einem permanenten Tumult, sagen wir es anders: in der permanenten Revolution, wobei nur feststeht, dass in den letzten vierzig Jahren bei allen technisch-technologischen Revolutionen eben kein Kollaps eingetreten ist. Verschiedene Krisen, das selbstverständlich, aber kollabiert ist der Laden bisher nicht. Das sollte uns sozusagen grundlos zuversichtlich stimmen.

Immerhin haben sich im Arbeitsleben unterdessen Modelle und Gewohnheiten eingebürgert, die unbedingt in Richtung Befreiung gehen, auch wenn der zugrunde liegende Imperativ der Pro­duk­ti­vi­tät unbestritten bleibt; aber es gibt im Leben ja auch noch weitere zugrunde liegende Imperative, um die herum man sich in der Regel eben ein angenehmes Leben zu bauen versucht.

Was ich aber in meinem eigenen Umfeld sehe, das ist eine große Veränderung im Umgang der Menschen untereinander. Das mag damit zu tun haben, dass ich weder an der Wall Street tätig bin noch in den Vereinigten Staaten von Amerika lebe, aber in unseren Städten hat sich ein Grad von nützlichen Einrichtungen und anständigem Zusammenleben entwickelt, über den ich hin und wieder staune. Vielleicht ist das in Deutschland hier und dort etwas anders, aber in der Regel kann man im Alltag unbedingt damit rechnen, auf hilfsbereite und engagierte Menschen zu stoßen. Das ist einer der zentralen Pfeiler eines jeden Welt- und Gesellschaftsbildes.

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
Gestern

Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Kommentare vorhanden.

Die Kommentare sind geschlossen.