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Melina Borcak über deutsche Medien als Mittäter

Deutscher Journalismus? Inzwischen ein Witz. Das höre die Journalistin Melina Borcak immer wieder im Austausch mit internationalen Kolleg:innen. Für einen Vortrag über die Rolle der Medien in Zeiten des Gaza Genozids war sie zu Besuch in Erfurt. Mit Martin spricht sie darüber, wie ihre bosnische Herkunft und Lebenserfahrungen ihren Journalismus prägen, warum deutsche Medien als Mittäter in Gaza bezeichnet werden könnten und die Politik Erinnerungskultur als Ausrede nutze.

 


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Hinweis: Im oberen Teil ist der Name Melina Borčak nicht richtig geschrieben. Unsere Website ist erst ab dem unteren Teil technisch in der Lage, ein č korrekt darzustellen.

 

 

Martin: Ich bin wieder in den Kulturräumen vom Retronom in der Johannesstraße. Heute findet hier eine Veranstaltung statt mit dem Titel Mittäter Medien – Antimuslimischer und rassistischer Journalismus in Zeiten des Gaza Genozids. Die wird organisiert von der Hochschulgruppe Erfurt Unsilenced. Für die Veranstaltung wurde Melina Borčak eingeladen. Melina ist Journalistin, hat bereits für viele große Medienhäuser wie ARD und ZDF oder CNN Beiträge gemacht, aber auch für Radio Sarajevo in Bosnien. Denn da kommt Melina Borčak her. Melina hat sich in ihrer Arbeit sehr intensiv mit Genoziden und antimuslimischen Rassismus in den Medien beschäftigt. Darüber, aber auch über Melina selbst möchte ich heute mit ihr sprechen und freue mich, dass sie für ein Gespräch bereit ist. Hallo Melina Borčak!

 

Melina Borčak:
Hallo, danke für die Einladung!

 

Martin: Als Medienmacherin, wie geht es dir aktuell mit der Medienwelt? Was hat dich persönlich zuletzt medial am stärksten beschäftigt?

 

Melina:
Ich weiß gar nicht, was. Die Ereignisse überschlagen sich irgendwie. Eine Sache sieht man kritisch und dann kommt schon die nächste und die nächste und die nächste und man weiß gar nicht, was am Schlimmsten ist. Aber ich glaube, das, was ich am schlimmsten finde, ist dass Kritik kaum ernst genommen wird. Zum Beispiel bei der Tagesschau sieht man ja bei manchen Themen, dass da tausende kritische Kommentare drunter stehen. Und zwar auch mit berechtigter Kritik. Nicht irgendein hirnloses Rumgrölen Wir hassen euch oder sowas. Sondern wirklich berechtigte Kritik. Und da wird einfach überhaupt nicht reagiert. Es ist nicht mal so, dass die dann die Kritik irgendwie abwehren oder sagen Ne, wir ignorieren das jetzt sondern: Nein, einfach gar keine Reaktion.

 

Martin: Das ist ja jetzt auf Social Media bezogen, was du meinst. Was denkst du, wie wirkt sich das allgemein auf die mediale Diskussionskultur aus?

 

Melina:
Ich finde, solcher Journalismus ist gar nicht mehr Journalismus, sondern Ragebait. Bei bestimmten Sachen wissen die Redaktionen schon, dass sie tausende negative, kritische Kommentare bekommen. Wenn man das dann bewusst weiter und weiter so macht und so Reichweite sammelt, Klicks sammelt, Engagement sammelt, was ja wichtig ist in sozialen Medien, dann ist das für mich einfach Ragebait. Die machen die Leute irgendwie mit Absicht wütend, um Klicks usw. zu bekommen. Das ist für mich kein Journalismus mehr. Journalismus hat andere Regeln.

 

Martin: Du sprichst Journalismus an. Zu dir persönlich und deinen Lebensweg, für alle, die dich nicht kennen. Du bist in Bosnien geboren, hast einige Zeit in Deutschland verbracht, dann wieder in Sarajevo, dann wieder hier. Wie hat dich dein Lebensweg zum Journalismus gebracht?

 

Melina:
Ich kann mich an keinen Zeitpunkt in meinem Leben erinnern, wo ich nicht wusste, was Genozid ist, was Bomben sind, Granaten und Krieg usw. Das war immer, immer, immer Teil von mir. Ich habe schon bei meinem Journalismus-Studium in Sarajevo gemerkt - ich weiß jetzt nicht, ob das an Journalismus-Studiengängen in Deutschland anders ist - an der Uni Sarajevo war es so, es gab zwei Gruppen an Studis. Die einen waren die Leute, die irgendiwe die Welt verbessern wollten, die idealistisch waren, die die Wahrheit berichten wollten, die Politik zur Rechenschaft ziehen usw. Die anderen waren Leute, die Promis sein wollten, aber kein Talent hatten für Musik. Deshalb wollten sie irgendwie ins Fernsehen. Okay, beides legitim, aber man hat schon den Unterschied gesehen. Ich bin halt die, die irgendwie die Welt retten wollte, die Welt verbessern wollte. Und ja, irgendwie, die Hoffnung geht irgendwie zu Grunde.

 

Martin: Wenn du den Journalismus und die Medienlandschaft in Deutschland mit Bosnien oder anderen Regionen vergeichst, was geht dir da durch den Kopf?

 

Melina:
Ich bin ja bei vielen internationalen Konferenzen und da ist es immer ein Thema, dass deutscher Journalismus mittlerweile zum internationeln Witz geworden ist. Also wirklich, da kann man mit Kollegen zusammenstehen aus den USA, aus Malaysia, aus den Philippinen, aus Südafrika, Frankreich, überall. Alle denken sich Was ist los mit Deutschland? Das ist kein Qualitätsjournalismus mehr. Gleichzeitig tun die Journalist:innen in Deutschland immer noch so, als obs Qualitätsjournalismus wäre.
Es gibt jetzt auch eine Studie von der Freien Universität Berlin, wonach mehr als zwei Drittel aller deutschen Journalist:innen selbstkritisch sind und selbst sagen, dass der Journalismus seit Gaza schlechter geworden ist und die Berichterstattung schlechter geworden ist. Das letzte Drittel, glaube ich, hat ein Egoproblem und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Generell hab ich so gemerkt, dass es im Unterschied zum internationalen Journalismus schon viel Ego gibt in der Medienbranche.
Zum Beispiel, als ich für CNN gearbeitet habe, da haben die einmal berichtet über diesen einen kroatischen Kriegsverbrecher, der im Gerichtssaal bei der Urteilsverkündung Gift getrunken hat und Selbstmord begangen hat. Das war dann natürlich Spektakel und alle haben berichtet Kriegsverbrecher trinkt Gift usw. Dann hat mich das genervt, weil das hat dann einfach überschattet, worum es eigentlich ging bei diesem Gerichtsprozess. Nämlich, dass bewiesen wurde in Den Haag, in einem internationalen Gericht, dass Kroatien Angriffskrieg geführt hat gegen Bosnien. Das ist eigentlich die größere, wichtigere Nachricht. Dann habe ich das an mehr als 40 Redakteure und Redakteurinnen bei CNN einfach so in einer wütenden Mail geschrieben und ich war so Okay, ich kann mich jetzt verabschieden mit dem, ich werd nie wieder für die arbeiten und so. Und nicht mal fünf Minuten später kam eine Mail zurück vom Oberchef in Atlanta der meinte, ja, Melina, du hast recht. Da haben wir wirklich einen Fehler gemacht. Morgen werden wir über die eigentliche Sache berichten und du wirst drüber berichten, du wirst diesen Beitrag machen. Daran erinnere ich mich ständig, weil das ist so ein Kontrast zu Deutschland. Wenn ich sowas in Deutschland gemacht hätte, die hätten mich erstmal irgendwie angemotzt, dass ich, keine Ahnung, aggressiv bin oder dies oder das oder sich in so eine defensive Haltung begeben.
Kritik kommt da nicht mal aus den eigenen Reihen an, geschweige denn, wenn jemand aus dem Publikum was versucht. Zum Beispiel, mir hat eine junge Frau erzählt, bei einer meiner Lesungen, ich hab ja vor Jahren irgendwie gepostet Tipps zur besseren Berichterstattung über Hanau, also über den Anschlag von Hanau. Die junge Frau hatte ein Praktikum bei einem Fernsehsender damals. Dann hat sie ihrer Chefin gesagt: Hey, ich hab hier so Tipps, worauf man achten soll, dass man zum Beispiel nicht sagt Fremdenfeindlichkeit sondern Rassismus, weil die Leute, die da getötet worden, waren ja keine Fremden. Solche Sachen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Die Journalistin hat dann einfach so wütend gesagt: Ts, ich lass mir doch nicht erzählen, wie ich meine Arbeit zu tun haben soll.
Das ist halt voll der Unterschied: Wenn ich bei CNN etwas kritisiere, wird die Kritik dankend angenommen. Wenn ich in Deutschland nicht mal kritisiere, sondern Tipps gebe, so wohlwollend, so Hey, liebe Kollegen, hier sind ein paar Dinge, die ich bemerkt habe und vielleicht wärs auch für euch gut und nützlich, dann ist schon Or, ich lass mir doch nicht vorschreiben, wie ich meinen Job zu tun hab. Richtig Egoprobleme.

 

Martin: Kannst du dir erklären, wie es zu diesen Egoproblemen kommt?

 

Melina:
Ich habe keine Ahnung. Das einzige, was mir einfällt, ist dass die deutsche Medienszene sehr von Freiberuflichkeit geprägt ist. Ich glaube, über 80 Prozent aller Journalist:innen arbeiten freiberuflich in den deutschen Medien. Das ist zum Beispiel in Bosnien umgekehrt. Die Leute, die bei uns freiberuflich arbeiten, dass sind eher Schriftsteller und Autoren, die dann ab und zu was für Medien schreiben. Ansonsten haben alle Journalist:innen eigentlich einen festen Job. Ich glaube, in Deutschland - dadurch, dass es halt so ist - die Leute, die es dann in Redaktionen schaffen, manche von denen denken vielleicht boah, ich bin der Geilste, weil ich bin jetzt ein Redakteur. Andere von denen haben vielleicht so ein Konkurrenzdenken und wollen dann keine Kritik an sich lassen, weil sie immer noch irgendwie Angst haben um ihren Job. Und so weiter und so fort. Aber das sind jetzt nur Spekulationen. Es kann auch irgendwas anderes sein. Aber es ist wirklich ein Rätsel.

 

 

Martin: Kommen wir zur Veranstaltung, die heute hier im Retronom stattfindet. Die trägt den Titel Mittäter Medien - Antimuslimischer und rassistischer Journalismus in Zeiten des Gaza Genozids. Wie ist der Titel deiner Einschätzung nach zu verstehen?

 

Melina:
Deutschland wird gerade schon angeklagt. Gerade läuft der Prozess wegen Beihilfe zum Völkermord. Das wird auch kaum berichtet. Viele Leute haben das gar nicht mitbekommen, dass der Prozess schon angefangen hat. Genauso ist es halt in der Medienwelt. Die Medien leisten auch Beihilfe. Wenn man bestimmte Infos gar nicht berichtet, andere Infos falsch erklärt.
Es wird die ganze Zeit debattiert über Genozid - ja oder nein. Die aller, aller, aller meisten Journalist:innen wissen nicht einmal, was genau Genozid ist. Ein paar Leute, die darüber geschrieben haben, haben jetzt so die Definition gegooglet - wo man auch sagen muss, es gibt nicht die eine Definition. In der UN-Genozid-Konvention gibt es eine Definition, aber das ist ja auch kontrovers. Selbst wenn das die eine, richtige, wichtige und einzige wäre: Alles drum herum und alles davor und danach, was man zum Thema Genozid und Genozid-Wissenschaft wissen soll, wissen die nicht. Die wissen zum Beispiel nicht, wer dafür zuständig ist, einen Genozid zu bestätigen. Ich lese ständig in deutschen Medien so Dinge wie es gibt noch kein Urteil, dass Gaza ein Genozid wäre. Es gibt zu allen Genoziden, die jemals passiert sind, nur drei, die von internationalen Gerichten als Genozide bestätigt wurden: Rwanda, Bosnien und Kambodscha. Und bei Kambodscha hat es 50 Jahre gedauert. Das Urteil kam erst 2018.
Das finde ich so verantwortungslos und ehrlich gesagt auch peinlich, dass man den Hauptjob seiner Recherche nicht macht. Nach dieser Logik - es gibt kein Urteil - da müsste man ja jeden Genozid aller Zeiten leugnen. Inklusive Holocaust und Mullivaikkal und Porajmos und alles mögliche. Tut man natürlich nicht. Die wissen gar nicht, was sie erzählen. Das sind basic Sachen. Wenn ich diese ganzen Essays schreiben will, ist das jetzt ein Genozid oder nicht, dann sollte ich doch wissen, ob das Sinn macht, zu sagen, wir müssen auf ein Urteil warten. Allein logisch gesehen: Wenn man immer auf ein Urteil warten müsste und diese Urteile immer Jahrzehnte lang dauern - wie gesagt, Kambodscha war ja 2018 erst - dann könnte man ja keinen Genozid jemals in der Weltgeschichte verhindern. Man müsste erstmal warten, bis die Menschen ausgerottet werden und dann sagen wir ja, lass mal gucken, was das war.

 

Martin: Was hat deiner Meinung nach Erinnerungskultur mit dem ganzen Thema zu tun? Gerade hier in Deutschland wird Erinnerungskultur sehr hoch gehalten. Auch in Bosnien ist Erinnerungskultur ein Thema und vielleicht wird es auch irgendwann mal Zeiten geben, wo das im Hinblick auf Gaza Thema sein wird. Wie würdest du das sehen?

 

Melina:
Ich bin mir hundert Prozent sicher - und ich hab auch Verständnis dafür, dass, ich sag mal, normale Menschen in Deutschland, wirklich aufgrund der deutschen historischen Verantwortung, da eine besondere Sicht drauf haben und vielleicht zögern bei bestimmten Dingen. Verstehe ich hundert Prozent. Der Politik aber kauf ich es null ab. Null. Ich glaube, das nehmen die nur als Ausrede, weil, wenn man schon besondere Verantwortung hat für jüdische Menschen, dann gilt das erstens für jüdische Menschen und nicht für einen Staat. In Sarajevo, während des letzten Genozids von 1992 bis 1996... es gab ja auch die Belagerung von Sarajevo, die Belagerung der Hauptstadt. Einer der Orte, die am schlimmsten zerstört worden von den serbischen Nationalisten, war der jüdische Friedhof. Die waren vier Jahre lang auf dem Friedhof und haben von dort aus in die Stadt hineingeschossen. Der gesamte Friedhof, alle mehr als 3.000 Grabsteine, wurden entweder komplett zerstört oder desekriert. Zwei Holocaust-Mahnmäler, die in dem Friedhofsgelände waren, wurden auch zerstört. Ein Denkmal an den im Ersten Weltkrieg ermordeten Juden, was sehr wichtig war, wurde auch zerstört. Die serbischen Mörder haben vier Jahre lang ihre Notdurft verrichtet auf den Gräbern von Holocaust-Opfern.
Einer der Leute, der auch dort war - es gibt auch Videoaufnahmen davon und er hat es auch nicht bestritten, dass er dort war - ist der jetzige Präsident von Serbien. Wenn deutsche Politiker nach Serbien gehen, sagen sie: Nein, ich geb dir nicht mal meine Hand. Wir haben eine Verantwortung. Wir wissen, was Antisemitismus ist. Wir werden nicht mit jemanden, der einen jüdischen Friedhof desekriert und zerstört hat, überhaupt verhandeln und so tun, als ob wir ihn respektieren? Nein, sondern sie gehen da hin, geben die Hand, lächeln, sagen Guten Tag, Herr vučić, lassen Sie uns über Lithium-Deals diskutieren und Geld machen. Gerade sucht die Synagoge in Sarajevo, weil sie beschädigt ist noch seit dem Krieg, von den Bombardierungen während der Belagerung von Sarajevo... Die brauchen 250.000 Euro zur Erneuerung, zur Renovierung des Dachs, weil es reinregnet. Die Stadt Sarajevo hat ihnen 30.000 Euro versprochen. Mehr können sie nicht geben, wir sind ein armes Land. Es bleiben 220.000 Euro. Ich weiß, dass deutsche Diplomatie für ihre Weihnachtspartys jedes Jahr fast so viel ausgibt. Die wollen ja ein Luxus-Veranstaltungsort. Die wollen Livemusik und dies und das. All das Geld zählt übrigens auch als Entwicklungshilfe Deutschlands an Bosnien, ihre Weihnachtspartys. Das wäre für Deutschland nix. Nix, dieses Geld zu geben. Machen die aber nicht. Jetzt müssen wir in Bosnien, eins der ärmsten oder vielleicht das ärmste Land Europas, Geld sammeln, um diese Synagoge zu erneuern. Deutschland redet was von besonderer Verantwortung und scheißt komplett drauf.
Wie gesagt: Bei ganz normalen Menschen - ich bin mir sicher, hier gibt es Menschen, die das, was ich gerade erzählt habe, gar nicht wussten und die geschockt sind und vielleicht jetzt selbst spenden würden für diese Synagoge. Ich vertraue auf jeden Fall, dass es ganz normale Leute gibt in Erfurt, die da einen ganz besonderen Bezug dazu haben. Aber der Politik kauf ich es null ab. Der Politik geht es um Waffenverkäufe, um geopolitische Allianzen und Strategien.

 

Martin: Zurück zur Medienlandschaft allgemein. Wo nimmst du positive Ansätze in den Medien wahr?

 

Melina:
Tatsächlich gibt es viele freie Journalisten die in sozialen Medien ihre eigenen Sachen machen. Das finde ich super. Nicht nur bei Gaza, sondern, ich finde, Expertise ist ja per Definition tief und nicht breit. Selbst mit besten Absichten, wenn ich jetzt morgen über Mexiko berichten müsste... Ich würde einen schlechten Job machen. Ich habe keine Ahnung von Mexiko. Ich denke nicht, ich hab nicht dieses überhebliche Denken, dass ich ein komplexes Land irgendwie zwanzig Minuten lang googlen kann und dann einfach abschreiben, was BBC schreibt wahrscheinlich und übersetzen. Viele Journalist:innen in Deutschland denken einfach, sie können Experte für alles sein.
Aber es gibt halt Leute, die sind wirklich spezialisiert und berichten nur über Gaza zum Beispiel. Die machen dann auch gute Arbeit, weil sie auch Dinge wissen, die die anderen nicht wissen. Im Journalismus ist es halt so - ich habe ein ganzes Buch drüber geschrieben - dass schon ein Komma an der falschen Stelle ein Riesenproblem sein kann. Man muss wirklich sehr präzise sein. Nicht nur bei den Begriffen, sondern auch, was man überhaupt sagt, was nicht, in welcher Reihenfolge, mit welchem Kontext, mit welchem Framing. Das wird halt dann nicht gemacht, wenn man nicht so viel Ahnung hat.
Deshalb, die positiven Entwicklungen sehe ich wirklich bei Leuten, die wirklich für ein Thema spezialisiert sind. Die dann auch in sozialen Medien darüber berichten. Bei den meisten Themen, bei den meisten Spezialisierungen - wenn man jetzt nicht Sportjournalismus oder sowas macht - da schafft mans gar nicht, all die Themen, die man berichten möchte, unterzubringen. Wenn man jetzt zum Beispiel über Mexiko berichten will. Keine Redaktion nimmt jeden Tag einen Beitrag über Mexiko. Deshalb machen diese Leute ihre Arbeit in sozialen Medien und berichten dann auch so viel tiefer, so viel besser, so viel qualitativ hochwertiger.
Besonders bei Themen, die nicht oft berichtet werden, muss man immer von Null anfangen. In Redaktionen wird ja gesagt, man muss davon ausgehen, dass die Leute nicht so viel Vorahnung haben. Zum Beispiel ich, wenn ich über den letzten Genozid an den Bosniaken berichte, ich muss immer ein Drittel des Textes verschwenden, um überhaupt zu erklären, was da los war. Ich verstehe, dass man das so machen muss, aber zum Beispiel in sozialen Medien muss ich das nicht. Da kann ich viel weiter in die Tiefe gehen, die Leute kriegen viel bessere Infos. Deshalb, ich würde Leuten empfehlen, wenn ihr ein Thema habt, für das ihr euch interessiert, guckt mal, welche Journalistin, welcher Journalist das macht und wirklich nur dieses Thema macht.

 

Martin: Wie hat sich deine Arbeit in den letzten Jahren entwickelt? Gibt es Dinge, die du so nicht mehr machen würdest, als in der Vergangenheit, wo du dich selbst kritisch hinterfragst?

 

Melina:
Das wird jetzt ein bisschen weird klingen, aber ich hab wirklich über meine ganzen Artikel nachgedacht. Ich arbeite ja schon seit über 15 Jahren als Journalistin. Ich hab in all dieser Zeit, ich hab nur einen Artikel im Gedächtnis, wo ich wirklich denke, inhaltlich hätte der anders sein können oder sollen. Aber ich habe sehr, sehr viele Situationen im Kopf, wo ich mir denke, ich hätte mehr kämpfen sollen. Wenn man über Genozide berichtet, wie ich zum Beispiel, hab ich halt sehr oft die Situation, dass ein Redakteur zum Beispiel mir das Wort Vergewaltigungslager aus dem Text rausstreicht. Mit der Begründung „Hab ich noch nie gehört“. Und ich denk mir Ja, genau Jochen. Deshalb schreib ich den Text. Weil du das noch nie gehört hast, deshalb bin ich ja die Expertin. Trotzdem wird das erstmal rausgestrichen. Ich streite ja dafür und kämpfe dafür, dass das trotzdem dann wieder reingenommen wird in den Text. Dass erklärt wird, was das bedeutet.
Kurz zur Erklärung: In Bosnien wurden mehr als 50.000 Mädchen und Frauen vergewaltigt während des letzten Genozids. Ein großer Teil davon in sogenannten Vergewaltigungslagern, damit sie weder abtreiben können, noch suizid begehen können, sondern gezwungen sind, Kinder mit, ich zitiere, serbischen Blut auf die Welt zu bringen, weil Bosniaken in dieser Ideologie der serbischen Nationalisten keine Menschen sind, sondern, ich zitiere, genetisch entstelltes Material. So sollte man halt dieses genetisch entstellte Material säubern mit diesem serbischen Blut.
Das ist eine riesige Sache. Das ist ja auch schnell gelöst, wenn ich sage Das existiert sehr wohl und dann schicke ich zum Beispiel ein Artikel von CNN, von Guardian, von BBC, wo selbstverständlich berichtet wird über Rape Camps in Bosnia. Dann kaufen die mir es ab. Aber ich denke mir Warum muss ich erstmal einen Text schicken von irgendeinem britischen Journalisten, damit du mir glaubst? und ich bin die Expertin. Das finde ich schade.
Das, was ich ändern würde bei mir, ist dass ich noch mehr kämpfe. Aber glücklicherweise hab ich schon ziemlich schnell angefangen zu kämpfen für jedes Wort und jeden Satz und jedes Komma, das ich in einem Beitrag haben möchte. Ich bedauere nur, dass ich manchen Redaktionen mehr vertraut habe und besseres von ihnen erwartet habe und dann enttäuscht wurde.

 

 

Martin: Was denkst du, wie sollten sich Medien und Journalismus entwickeln? Welchen Hinweis gibst du Medienschaffenden? Besonders denen, die sich unsicher fühlen, diese Themen anzufassen? Was können sie tun?

 

Melina:
Ich habe auch bemerkt, dass es in Deutschland sehr viel vorauseilenden Gehorsam gibt. Viele Journalist:innen denke so Ja, der Chef wird das nie durchlassen. Der wird nie diese Formulierung oder diesen Begriff oder dieses Thema überhaupt erlauben. Also versuch ich es gar nicht. Aber man muss es versuchen, um zu wissen, ob es klappt. Wenn es fünf Leute versuchen und der Chef fünf mal sagt nein, beim sechsten Mal sagt er dann vielleicht doch ja. Man kann nicht erkämpfen, dass bestimmte Themen bearbeiten werden, bestimmte Begriffe genutzt werden, bestimmte Infos reinkommen in den Inhalt, ohne dass man es überhaupt versucht. Deshalb würde ich sagen, mehr Mut haben, zweitens würde ich jungen Journalist:innen sagen, dass sie sich verbinden sollen und verbünden sollen. Sehr oft merkt man dann, ich bin nicht das Problem. Wenn man in irgendeiner Redaktion Probleme hat und dann merkt man, ja ok, vielleicht ist irgendwie der Chef doof drauf. Die anderen sagen nichts, weil es ist natürlich schwer mit dem Chef zu streiten, aber an sich hab ich eigentlich recht. Die sagen einfach aus Angst nichts. Wenn man sich dann verbündet, merkt man solche Dinge.
Ich hatte einmal eine Situation, wo ich wirklich zensiert wurde. Ich hab so richtig bemerkt, dass war nicht ideologisch, sondern das war einfach so: Da haben zwei Kollegen gestritten, ob diese Info rein darf in meinen Beitrag oder nicht. Dann hat der eine Kollege einfach nachgegeben und gesagt Ja, ok, darf nicht rein. Ich hab so richtig gemerkt, das ist einfach so, weil ich bin die freie Journalistin, mich muss der nie wieder im Leben sehen. Der andere Typ ist halt sein Kollege, mit dem er jeden Tag im Büro zusammen sitzt. Das war einfach so eine Faulheit, so Njaaa, warum sollte ich es mir jetzt mit dem Kollegen hier kaputt machen. Auch sowas passiert manchmal. Wenn man sich verbündet, dann hat man in solchen Situationen auch bessere Chancen.
Ich würde auch empfehlen, macht in sozialen Medien eure Inhalte. Selbst, wenn ihr da jetzt nicht große Influencer oder sowas werdet, man muss das ja gar nicht schaffen, sondern man kriegt Kontakte. Man kann dann besser Themen platzieren, weil Leute dich schon kennen. Und ich würde auch sagen, zumindest für die Leute, die jetzt noch in der Zeit sind, wo sie Praktika machen können. Macht mal ein Praktikum beim Fernsehen oder bei einer Produktionsfirma, weil Fernsehen ist das einzige, was so gut bezahlt wird, dass man da wirklich von einem Beitrag pro Monat leben kann. Später, wenn man aus der Praktikumszeit raus ist, hat man nicht mehr die Chance, da überhaupt reinzukommen. Also, versucht das mal. Müsst ihr am Ende nicht machen, aber es ist gut, die Option zu haben.

 

Martin: Zum Schluss noch, wie können Menschen mit dir in den Austausch kommen, die heute nicht hier bei deinem Vortrag sein können?

 

Melina:
Am besten ist per Instagram. Da findet man mich schon und findet auch, dass ich da sehr viel rumlabere, und labere, und labere, und labere. Dann will man vielleicht gar nicht mehr in den Austausch mit mir treten, weil man sich denkt Ich hab jetzt schon genug bekommen. Aber ich denke auch, dass die Sachen, die ich erzähle, eine gewisse Qualität haben. Ich versuch es zumindest. Ich geb mir Mühe und ich hoffe, es klappt.

 

Martin: Melina Borčak, vielen Dank für das Gespräch und einen erfolgreichen Vortrag hier im Retronom!

 

Melina:
Danke! Danke für die Einladung!
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Ein Interview von Martin Lehmann

 

Bei der gesamten Produktion - von erster Recherche über Aufnahmen und Postproduktion bis zum Upload - ist auf den Einsatz von KI-Tools verzichtet worden - soweit beurteilbar und beeinflussbar.


27.10.

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