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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Oral-B SmartSeries -
Neben den klassischen Gebieten von Forschung und Entwicklung beschäftigt sich die Pharmaindustrie im Moment mit dem Einsatz von Messinstrumenten am Patientengut und in einer späteren Phase wohl auch am gesunden Menschen. Mit diesen Apparaten kann man zum Beispiel einer zuckerkranken Person zum richtigen Zeitpunkt Insulin aus einem mitgeführten externen oder bereits eingepflanzten Depot zuführen, das heißt, wenn der entsprechende Wert unter einen bestimmten Punkt sinkt oder meinetwegen über einen anderen Punkt ansteigt, dann aktiviert das Gerät eben entweder direkt den benötigten Stoff, oder aber es informiert seinen Trägermenschen darüber, dass er im eigenen Interesse etwas unternehmen sollte.
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» Besonderes Interesse finden solche Mess- und Regelsysteme im Moment bei Erkrankungen wie z.B. Multiple Sklerose, wo man dabei ist, die Reaktionsgeschwindigkeit auf MS-Schübe dank dieser Technik deutlich zu erhöhen, vielleicht kann man sogar Früherkennungssysteme aufbauen aufgrund von Indikatoren, die mir nicht wirklich geläufig sind. Jedenfalls schreitet die Medizin auch auf dieser Bahn unaufhaltsam voran, und mir ist schon wieder mulmig angesichts der heranbrausenden Zukunft, diesmal in Bezug auf meinen an und für sich gesunden Gesamtkörper, der wohl in wenigen Jahren ebenso wie alle anderen Menschen-Gesamtkörper mit einem ganzen Set solcher Sensoren ausgestattet sein wird. Wir leben heute schon gesund wie noch nie in der ganzen Geschichte, die stetig steigende Lebenserwartung spricht hierzu eine beredte Sprache, aber so gesund, wie wir in zehn Jahren sein werden, haben wir uns das bisher noch nie so richtig vorgestellt.
Die Weltgeschichte beschäftigt sich auch noch auf anderen Ebenen mit unserem Gesamtkörper beziehungsweise Teilen davon, zum Beispiel nämlich mit dem Gebiss beziehungsweise mit der Zahnreinigung. Zum Beispiel prangt ein Text auf der Webseite der Zahnpasta Blend-a-Med und lobpreist die neue elektrische Zahnbürste Oral B des Geräteproduzenten Braun in Worten und Begriffen, die bezüglich der Zähne ebenfalls ein neues Zeitalter einläuten. Bleeching, also die künstliche Bleichung der geschätzten Beißerchen, daran habe ich mich gewöhnt, und zwar in einem Ausmaß, dass ich mich selber schon völlig scheps finde, wenn ich mir im Spiegel beim Putzen und Reiben zuschaue. Meine Zähne sind gar nicht weiß, wie ich früher immer geglaubt hatte, sondern braun oder gelb oder braungelb. Fortan werde ich meine Schnauze halten, damit auch ja niemand mein karottinfarbenes Dentin sieht, wenn ich etwas sage. Ab sofort wird nur noch geschrieben!
Aber all dies sind Kinkerlitzchen im Vergleich zur Revolution, welche das Zahnpasta-Haus Blendamed in Zusammenarbeit mit dem Gerätehersteller Braun ankündigt. Das heißt, für die Ankündigung ist ausweislich eines Teils des Web-URL das Schweizer Verlagshaus Goldbach Medien in Küsnacht am Zürcher See zuständig, aber das ist angesichts der welthistorischen Bedeutung dieses Schrittes auch nicht mehr als angemessen. Blendamed präsentiert die neue Oral B Smartseries, eine elektrische, wo nicht elektronische Zahnbürste mit Bluetooth-Technologie. Bluetooth, Blauzahn, wie passend! Die Kommunikation ist nicht gebleecht, sondern gebluet! Die Zahnbürste hat eine eigene App, und zwar sowohl für iOS als auch für Android, man kann sich also die Zähne sowohl unter Macintosh als auch unter Windows putzen, wobei ich persönlich eine deutliche Präferenz für Macintosh habe und bei Windows immer an Viren und Bakterien, wo nicht gar Plaque und Belag denken muss. So oder so rechne ich demnächst mit einem eigenen Youtube-Kanal. Jedenfalls ist diese Zahnbürste voll kommunikationsfähig. «Stellen Sie sich vor, dass Ihre Zahnbürste mit Ihnen kommunizieren kann», schreibt die Goldbach Medien AG, welche übrigens auch eine Mitarbeiterin in das nationale Schweizer Parlament abordnet, und zwar die SVP-Nationalrätin Nathalie Rickli. Was wird sie mir wohl sagen, die Rickli-Zahnbürste? Stopp der unkontrollierten Einwanderung? Ausschaffung krimineller Implantate? Oder gibt es eine Reportage über den Säuregehalt des Speichelsees unter der Zunge? – Laut Nathalie Rickli soll die Zahnbürste aber vor allem kommunizieren, «damit Sie immer wissen, ob Sie beim Zähneputzen erfolgreich sind – oder noch nicht. Eine tolle Beziehung fängt nun mal mit guten Gesprächen an.» Und dies erinnert mich wieder daran, dass Frau Rickli vor ein paar Jahren mal ein echtes Burnout hatte, als diese Kommunikationsbürste noch nicht erfunden war. – Aber beginnen wir beim Anfang. «Die Oral B Smart Series leistet ca. 48'000 Bewegungen pro Minute, jede einzelne präzise und effizient.» Also 12 Putzer pro Sekunde, und zwar erst noch ohne Patzer – Respekt. Dazu braucht es «Komponenten aus hoch belastbarem Werkzeugstahl. Platinen, die mit 24 Karat vergoldet sind. Höchste Ingenieurs-Kunst für die ultimative Reinigung.» Dies äußert sich zunächst darin, dass die Bürste so hoch gezüchtet ist, dass sie «6 Putz-Modi aufbieten kann», weil: «Das kommt dabei heraus, wenn deutsche Ingenieure sich vornehmen, Zahnbelag ein Ende zu machen.» «Für jede noch so anspruchsvolle Aufgabe hat die Oral B Smart Series eine passende Aufsteckbürste: Manche reinigen, andere polieren, wieder andere sind superweich.» Dazu passt natürlich, dass es sich um «High-Tech-Präzision mit einer gefühlvollen Seite» handelt: «Sollten Sie beim Zähneputzen einmal zu viel Druck ausüben, lässt ein hoch empfindlicher Sensor eine rote Warnleuchte am Griff aufleuchten. Gleichzeitig verlangsamt sich automatisch die Oszillations- und Pulsierungs-Frequenz der Aufsteckbürste. So einfühlsam war noch keine Zahnbürste», lässt uns Goldbach Medien wissen.
Vollends unschlagbar dagegen ist die Tatsache, dass die Oral B Smartseries tatsächlich wasserfest ist. «Speziell entwickelte Dichtungen machen die Oral B Smart Series wasserdicht bis zu einer Tiefe von 5 Metern.» Was hier unterstellt wird, nämlich dass ich mir in einer Tiefe von 5 Metern unter Wasser die Zähne mit 48'000 Pulsierungen pro Minute putze, das ist an Kühnheit nicht zu überbieten. Und für solch ein Wunderwerk braucht es dann natürlich auch die entsprechende Hülle: «Wir haben aus High-Tech-Verbundmaterial ein luxuriöses Etui gefertigt, das die hoch entwickelte
Technik der Oral-B Smart Series optimal schützt.»
Zusammengefasst und in den Worten der Goldbach Medien: «Die Oral-B SmartSeries ist Paradebeispiel für die Verbindung von Technologie und Design. Das kommt dabei heraus, wenn deutsche Ingenieure sich vornehmen, Zahnbelag ein Ende zu machen.» Man kann es einfach anstellen, wie man es will: Wenn Schweizer Werbetexter für ein deutsches Produkt Werbung machen, kommt einfach irgendwie eine Endlösung heraus, auch wenn es sich nur um Zahnbelag handelt.
Insgesamt aber erhalten wir mit dieser prachtvollen Produkteverherrlichung, wie gesagt nachzuvollziehen auf der Webseite oralb-blendamed.de, einen klaren Eindruck davon, in welche Welt wir hinein gehen. In Zukunft wird jeder Zacken einer normalen Spaghettigabel in Echtzeit eine Meldung über Außen- und Innentemperatur und den Salzgehalt der gerade aufgewickelten Nudeln an einen Sensor machen, der sich, und nun bleibt die Wahl: entweder im Leitsystem der Wohnung oder aber in einer Cloud oder am ehesten in jenem Rechner befindet, welcher sämtliche privaten Körperfunktionen, inklusive die Tätigkeit aller 48'000 pulsierenden Bakterien in den oberen drei Millimetern des Dünndarms, überwacht und steuert. Vielleicht gibt dieser Körperrechner in nicht allzu ferner Zeit bereits eine Vorwarnung an das Eiweiß-, Aminosäuren- oder sonst wie Enzym-Trennsystem des Körpers, dass sie sich auf eine um 2 Grad gesunkene Außentemperatur der nächsten Spaghetti-Zufuhr vorbereitet. Und mit einiger Sicherheit tragen wir den Körperrechner dann entweder extern als Schmuck, beispielsweise als eines jener Armbänder, die man uns gegenwärtig zu verklickern versucht, manchmal auch als Uhren getarnt, man kann das ganze aber problemlos, siehe Apps, auch ins Handy integrieren; oder aber, und das vermute ich eigentlich viel eher, der Rechner wird grad ganz in den Körper eingebaut, vielleicht in Zukunft im Rahmen einer kleinen Initiationsfeier, die Konfirmation oder ähnlich, und dann kann man auch andere relevante Daten darauf laden, zum Beispiel den Kontostand, und da das Ganze eh sendefähig sein muss, wird man diesen Rechner zum Ganzkörper-Kommunikations- und Transaktionsgerät ausgestalten. Nach dem Hausleitsystem haben wir dann definitiv das Menschen-Leitsystem. Geschätzte Hörerinnen und Hörer, ihr könnt jetzt eure gesammelten Werke von Stanislaw Lem ins Altpapier geben, die Science Fiction findet in eurem eigenen Innenleben statt, und damit, nur damit dies auch noch gesagt wird, werdet ihr endlich auch wissenschaftlich zu dem, was ihr schon immer sein wolltet, nämlich zu einem Individuum! Und zwar zu einem, dem sämtliche Errungenschaften der Spitzentechnologie, sprich deutscher Ingenieurskunst, zur Verfügung stehen!
Bevor wir aber soweit sind, noch zwei Worte zur Wiederaufnahme der Montagsdemonstrationen in Dresden. Gegen die Islamisierung Europas wird dort demonstriert, und das erinnert natürlich spontan an den Antisemitismus in Polen, und zwar darum, weil es in Polen ungefähr gleich wenige Juden gibt wie in Dresden Mohammedaner. Daneben habe ich ein leises Verständnis für die Damen und Herren, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sich die politische Form des Islams mit dem Attentat auf die Zwillingstürme in New York prominent ins Weltbewusstsein zurückgerufen hat und seither nicht mehr daraus verschwindet, was für unsere Weltgegenden bzw. den ihnen zugeordneten Weltgeist ein leises Ärgernis darstellt, hatte man doch die Beschäftigung mit dieser kruden Form der Religion ad acta gelegt – wir sind uns sublimere Formen gewohnt, wir sind religiös, ohne dass wir dafür in die Kirche gehen müssen, so wie mit jeder Garantie alle Teilnehmenden an diesen Montagsdemonstrationen am Sonntag nicht in der Messe und nicht im Gottesdienst waren. Und da stellt sich manchmal schon die Frage, ob man nicht wieder auch bei uns die kruderen Seiten der Religion mobilisieren müsse und, wie es schon immer so schön hieß, das Kreuz umdrehen und zum Schwert machen. Offenbar sind ein paar zehntausend Menschen in Deutschland dieser Auffassung. Die will ich ihnen nicht nehmen. Für die anderen dagegen nochmals in aller Kürze: Die meisten und vor allem die religiösen Moslems denken nicht im Traum an Dinge, wie sie von Steinzeit-Guerillas wie jenen in Nigeria oder von den regulären weltlichen IS-Truppen im Irak und in Syrien laut unseren Medien verübt werden. Wenn jeweils kein Aufschrei durch die moslemische Welt geht nach den entsprechenden Meldungen, so ist dies nicht darauf zurückzuführen, dass diese Menschen so etwas unterstützen, sondern dass es so weit entfernt von ihnen ist, dass sie auch tatsächlich keinen Grund haben, darauf zu reagieren. Der Islam ist im Kern ebenso eine friedliche Religion wie das Christentum, und er lässt wie das Christentum auch den Krieg zu, wenn Not am Mann ist. Dies ist aber bei uns und insgesamt in den entwickelten Gesellschaften nicht der Fall. Soweit es sich dagegen um Entwicklungs- oder Schwellenländer handelt, sind ja vor allem auf der christlichen Seite die Pfadfinder-Missionare schon lange verschwunden. Je nachdem halten sich die nationalen Kirchen als Staatskirchen mit allem Drum und Dran, oder aber sie sind abgelöst worden von den evangelikalen Aktivisten, die als Cruise bzw. Cross Missiles oder Drohnen einer eigenen Kategorie seit Jahrzehnten aus den USA in alle Welt ausfliegen.
Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.
Albert Jörimann
22.12.2014
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