GenerationenEcho
Loslassen heißt nicht verschwinden. Es heißt, dem eigenen Lebenswerk beim Weitergehen zuzusehen.
Nach über 30 Jahren bei Kontakt in Krisen spricht Birgit Vogt über Hilfe, die wirklich ankommt, über Solidarität ohne Sonntagsrede und über eine Gesellschaft, in der zu viele Menschen erst gesehen werden, wenn es brennt. Ein Gespräch über Bürokratie am Menschen vorbei, den Übergang in den Ruhestand – und die Frage, warum wir fürs Älterwerden dringend bessere Rituale brauchen.
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Der Übergang, den wir vergessen haben
Der Kapitalismus kennt keinen würdevollen Abschied. Er kennt nur eine Frage: Kannst du noch etwas leisten? Wenn nicht – tschüss.
Arnold van Gennep, Ethnologe und stiller Beobachter menschlicher Kulturen, hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieben, was alle Gesellschaften mit ihren großen Lebensübergängen tun: Sie rahmen sie ein. Geburt, Initiation, Heirat, Tod – all das wird begleitet von Ritualen, die dem Einzelnen sagen: “Wir sehen, was mit dir geschieht. Du bist nicht allein in dieser Verwandlung” Van Gennep nannte das den Rite de passage – den Übergangsritus. Drei Phasen: Ablösung, Schwelle, Eingliederung.
Und dann gibt es diesen einen Übergang, für den die Gesellschaft so gut wie nichts bereithält.
Den Austritt aus dem Berufsleben.
Wer Menschen zuhört, die diesen Schritt hinter sich haben, hört Worte, die man nicht erwartet: Verlust. Leere. Das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wer man ist. Das klingt nach persönlicher Schwäche – ist es aber nicht. Es ist die Schwellenphase ohne rituelle Begleitung. Ein Mensch hängt zwischen zwei Welten, und keine Gemeinschaft versammelt sich, um ihn hindurchzutragen.
Aber warum eigentlich? Warum hat ausgerechnet dieser Übergang kein Ritual?
Hier lohnt ein Blick auf Karl Marx – und auf eine Idee, die ungemütlich ist, weil sie stimmt.
Marx hat beschrieben, wie der Kapitalismus den Menschen in ein bestimmtes Verhältnis zur Gesellschaft setzt: über seine Arbeitskraft. Die Arbeitskraft ist eine Ware. Sie wird angeboten, bewertet, gekauft. Und solange sie gefragt ist, hat ihr Träger einen Platz im System – einen Wert, der täglich bestätigt wird. Durch das Gehalt, durch den Titel, durch die Aufgabe, durch den Kalender voller Termine.
Der Kapitalismus braucht keine Rituale für den Austritt aus dem Berufsleben – weil er für diesen Moment schlicht kein Interesse hat. Was nicht mehr verwertbar ist, fällt aus dem Blick. Der Mensch, der seine Arbeitskraft nicht mehr verkaufen kann oder will, tritt aus dem Kreislauf heraus, der seinen gesellschaftlichen Wert erzeugt hat. Und das System, das ihn jahrzehntelang definiert hat, wendet sich ab. Ohne Zeremonie. Ohne Übergang. Mit einem Rentenbescheid.
Das Perfide daran ist: Der Schmerz, den viele in diesem Moment empfinden, ist nicht irrational. Er ist die ehrliche Reaktion auf ein System, das den Menschen so lange mit seiner Funktion gleichgesetzt hat, dass er selbst irgendwann nicht mehr unterscheiden konnte, was beides ist. Ich bin Ingenieur. Ich bin Lehrerin. Ich bin das, was ich leiste. Van Genneps Schwellenphase – dieser Zustand des Dazwischen, des Noch-nicht-Angekommenseins – wird so zur Identitätskrise. Weil die Identität selbst eine kapitalistische Konstruktion war.
Was fehlt, ist deshalb mehr als ein Ritual. Es fehlt eine kulturelle Gegenbewegung. Eine, die dem Menschen beibringt – schon lange vor der Rente –, dass sein Wert nicht in seiner Verwertbarkeit liegt. Und die ihm beim Übergang sagt: Du verlässt einen Markt. Aber du verlässt nicht die Welt.
Van Gennep wusste: Rituale sind keine sentimentalen Gesten. Sie sind psychologische Infrastruktur. Vielleicht ist es Zeit, diese Infrastruktur dort zu bauen, wo der Markt versagt hat.
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Diese Gedanken von C. wurden geordnet von C. | Gesprochen von Kristin Eisner
Redaktionelle Koordination der Sendung - Unterdessen alt geworden 1/26: Reinhard Hucke und Carsten Rose. Interesse an der Mitarbeit am Projekt GenerationenEcho?
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08.05.
