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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Unabhängigkeitserklärung Europas
Wie lange noch will sich die dümmere Hälfte der US-amerikanischen Einwohnerschaft das Getöse der Lastwagenhupe anhören? Im Moment herrscht bei der geistig verwirrten Wählerschaft der Republikanischen Partei offenbar da und dort eine gewisse Enttäuschung. Das ist nicht außergewöhnlich, alle Präsidentinnen und Präsidenten sind gezwungen, in ihrer Amtszeit die Hälfte der abgegebenen Wahlversprechen zu brechen, da sie jeweils alles zu versprechen pflegen; bei der Lastwagenhupe verhält es sich nicht anders.

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Die Teil-Wahlen im Herbst müssten einen Hinweis auf die Proportionen dieser Ernüchterung geben, und schon geht das Gerücht, dass die Lastwagenhupe die Wahlen nicht gerade annullieren will, bevor sie stattgefunden haben, aber sie mindestens verschieben, bis sie bessere Umfragewerte erreicht, anders gesagt: Solange die Lastwagenhupe an der Macht ist, finden keine Wahlen mehr statt. So weit wird es dann trotz allem nicht kommen, nehme ich mal an; auch wenn die US-amerikanische Christenheit den größte Hurenbock, Betrüger und Lügner aller Zeiten zu ihrem Retter erkoren hat, an ein paar Überresten des demokratischen Handelns wird sie dann doch festhalten. Nehme ich an. Was ja zunächst noch nichts weiter heißt, als dass es irgendwann in absehbarer Zeit trotz allem Wahlen geben wird, welche die Mehrheiten im US-amerikanischen Parlament verschieben könnten. Es sei denn, eben, dass die dümmere Hälfte der US-amerikanischen Einwohnerschaft sich weiterhin von einer Kreischtrompete regieren lassen will, die offen erklärt, dass sie sich nicht an Recht und Gesetz halten wird, sondern nur an ihre eigenen moralischen Vorstellungen. Und was sind die moralischen Vorstellungen einer Lastwagenhupe? Darüber sollte man nicht einmal spekulieren.
Wenn die dümmere Hälfte der US-amerikanischen Einwohnerschaft eine derartige Witzfigur geboren hat, so hat dies den einen Vorteil, dass sichtbar wird, wie die Abstände in der Rüstungs- und Aufklärungstechnologie gewachsen sind zum einen, dass niemand auf der Erde in den nächsten hundert Jahren daran denken sollte, dass die Vereinigten Staaten von Amerika irgendwann den Weg zurückfinden in die menschliche Zivilisation zum anderen. Das heißt, dass gerade Europa an breiter Front nachrüsten muss, wie dies vor fünfzig Jahren genannt wurde. Es ist dabei wurscht, ob diese Nachrüstung offiziell zur Ausstattung der Ukraine mit Rüstungsgütern dient. In der Realität geht es darum, gegenüber dem US-amerikanisch-israelischen Rüstungskomplex eigene Kapazitäten aufzubauen. Dass man über so etwas nicht in der Öffentlichkeit diskutiert, versteht sich von selber, und so bleibt mir und allen Bewohnerinnen Europas nur übrig zu hoffen, dass die Armeen und die Politik diese Aufgabe verstanden und die entsprechenden Arbeiten in die Wege geleitet haben. Dazu gehört auch die Entwicklung eigener Kapazitäten dort, wo die US-Amerikanerin von «Intelligence» spricht, also Aufklärung oder kurz gesagt: Daten sammeln. Der zivile und der militärische Sektor sind schon längstens verschmolzen, dafür brauchen wir nicht das Beispiel der Israeli zu bemühen, welche die Führungsriege der Hisb’Allah mit ein paar präparierten Mobiltelefonen ins Jenseits geschickt hat. Das hat Priorität und muss im Rahmen der europäischen Allianzen erfolgen.
Ein zweiter Punkt betrifft die Einschätzung der eigenen Stärke. Zwar gibt die deutschsprachige Wikipedia das Bruttoinlandprodukt der Europäischen Union für das Jahr 2023 nur gerade mit 18.59 Milliarden US-Dollar an, das wäre etwa ein Vierzigstel des Bruttoinlandproduktes der Schweiz, was mich etwas erstaunt bei der Wikipedia, welche üblicherweise eine verlässliche Informationsquelle ist. Die französischsprachige Ausgabe nennt für das Jahr 2016 immerhin 16.2 Billionen US-Dollar, während die englischsprachige Version für das Jahr 2026 je nachdem 22 Billionen US-Dollar, nämlich nominal, oder 30 Billionen, nämlich in Kaufkraftparität angibt. Hier finden wir übrigens einen Hinweis auf die Kapitalien der europäischen Bankenwelt, nämlich 38 Billionen US-Dollar, von welchen 10 Billionen oder etwas mehr als ein Viertel in Frankreich liegen; bei den verwalteten Vermögen nennt die englischsprachige Wikipedia eine Summe von 12 Billionen US-Dollar, wobei wiederum Frankreich den Löwenanteil für sich in Anspruch nehmen kann mit 4 Billionen oder 33%. Aber davon wollte ich gar nicht sprechen. Das CIA Fact Book gibt jedenfalls für das Jahr 2024 einen Wert von 24 Billionen US-Dollar an, während er in den Vereinigten Staaten bei 25.676 Billionen US-Dollar steht. Die beiden Wirtschaftsräume liegen also ungefähr gleichauf. Bis vor einem Jahr ging man davon aus, dass sie so etwas wie einen gemeinsamen Wirtschaftsraum bilden würden, eine Art von westlichem Comecon, bis dann eben die Lastwagenhupe eine etwas andere Weltsicht zu proklamieren begann. Nun denn – was die Lastwagenhupe kann, sollte doch in anderen Ländern ebenfalls gelingen. Das Ziel jeder vernünftigen Wirtschaftspolitik in Europa muss es heute sein, sich von den Vereinigten Staaten unabhängig zu machen und diese mit allen denkbaren Mitteln, im Gegensatz zur moralischen Lastwagenhupe aber selbstverständlich mit legalen Methoden abzuhängen. Man braucht dabei Europa nicht groß zu machen, wie die Zahlen zeigen, ist es dies im wirtschaftlichen Bereich schon längst; aber die Unabhängigkeitserklärung von den Vereinigten Staaten, die ist fällig. Zudem bestätigt die Lastwagenhupe meine schon lange geäußerte Einschätzung, dass sich Europa deutlich stärker um den afrikanischen Kontinent kümmern muss, sowieso wegen der Migrationsströme, aber auch im wirtschaftlichen Bereich, wo die Ursachen für die Migration immer am effizientesten bekämpft werden können. Kauft Bohnen aus Marokko!, muss die Devise lauten.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig in der öffentlichen Debatte in Deutschland von solchen elementaren Erkenntnissen die Rede ist. Auf allen Seiten des politischen Spektrums kaprizieren sich die Damen und Herren darauf, die geschätzte Wählerschaft bei ihren jeweiligen Bedürfnissen abzuholen, was unter diesen Umständen nur darauf hinaus läuft, sie an der Nase herumzuführen. Es ist mir schon klar, dass noch andere Aspekte eine Rolle spielen im politischen Betrieb und auch bei der Einschätzung der Lage, vor allem eben der Krieg in der Ukraine, aber auch Dinge wie die Rolle der Türkei, die Ausläufer des Nahostkonflikts und so weiter. Trotzdem haben die möglichst rasche Ausdehnung der digitalen Infrastrukturen und eben der Ausbau eigener Kapazitäten im zivilen und militärischen Bereich eine derart hohe Priorität gewonnen, dass ich wirklich verblüfft bin, wie man an solchen Themen vorbei reden kann. Von der Allianz für Deutschland erstaunt es mich nicht wirklich, deren ihr Geschäftsmodell beruht auf einer gewissen Grund-Dummheit, die in allen Bevölkerungen vorhanden ist und manchmal zum Ausbruch kommt wie gerade eben in den Vereinigten Staaten von Amerika, dort nun allerdings mit einem Unterbruch schon seit über 10 Jahren; die Verhaltensforschung wird sich dieses Phänomens noch genauer annehmen müssen. Aber in Deutschland kann man doch nicht wegen ein paar schlecht unterhaltener Schulgebäuden davon ausgehen, dass das Bildungsniveau auf einen derart tiefen Stand sinkt, dass die Menschen keinen Schimmer mehr haben von den tatsächlichen Ereignissen auf der Welt und im eigenen Land. Deshalb müssten doch wenigstens die Parteien, die sich an die erwachsenen und denkfähigen Menschen richten, das Thema der Unabhängigkeit Europas, nicht etwa Deutschlands, in den Vordergrund rücken. Und zwar vor allem eben im digitalen Bereich, wo unterdessen die Musik spielt und längstens nicht mehr im Automobilsektor, den man auch mit der Aufhebung des Verbots für Verbrennermotoren nie mehr in seiner einstigen Größe erleben wird. Dass diese von der bayrischen Autolobby durchgestierte lebensverlängernde Maßnahme für veraltete Technologien kontraproduktiv ist, wissen wohl auch die Einflüsterer beziehungsweise Brieftaschenfüller von Manfred Weber, aber es war halt allzu schön und stand in der Tradition der Volksverdummung, wie sie von den Bayern nun seit geraumer Zeit in Konkurrenz zur Allianz für Deutschland betrieben wird.
Mit den Friedensmärschen muss man jetzt eine Zeitlang abwarten, bis sich ein neues wirtschaftlich-militärisches Gleichgewicht eingependelt hat. Am Ziel des friedlichen und kooperativen Zusammenlebens der Menschen ist ja nichts falsch, nur gibt es Zeiten, in welchen es in den Hintergrund treten muss, wie wir das gegenwärtig erleben. Wenn eine Seite im Machtkampf eine derart eklatante Überlegenheit gewonnen hat, dann muss man dem entgegenhalten. Das galt schon in den 1930-er Jahren, als die Nationalsozialisten Deutschland wieder groß gemacht hatten. Bis die Nachbarländer das gesamte Ausmaß der Nachrüstung erfasst hatten, war es schon zu spät. Das sollte gegenüber den Vereinigten Staaten nicht passieren, und selbstverständlich auch nicht gegenüber der Volksrepublik China; diese wird aber von den Europäerinnen nur schon wegen des Begriffs Kommunismus seit jeher mehr oder weniger zum Feindeslager gerechnet, hier sind wir uns schon länger daran gewohnt, einen Gegner zu sehen, mit dem wir gute Geschäfte machen.
Letzte Woche habe ich mir dann doch noch diesen Film angesehen, One Battle after another. Im ersten Teil sieht man so etwas wie eine Gruppe linksextremer Aktivistinnen, welche mit Dynamit und Feuerwaffen Immigrantinnen aus ihren Konzentrationslagern befreien, worauf die Polizei sie dann nach und nach am Schlawittchen packt. Der zweite Teil zeigt uns sechzehn Jahre später den aktuellen Stand der Technik in der Verfolgung von Terroristinnen, egal, ob tatsächlichen oder vermeintlichen, in den Vereinigten Staaten, wobei wir den Grundsatz, auf jede Kommunikation mit dem Mobiltelefon zu verzichten, unterdessen alle kennen, eben, spätestens seit der Ausschaltung der Führungsspitze der Hisb’Allah, wobei es dort um Pager ging, aber die Technologie ist die gleiche. Der Film blendet kurz in eine Sphäre von christlichen Verschwörern, welche in Politik und Militär ein geheimes Netzwerk betreiben; hier stoßen wir auf eine echte Kopie der Nazi-Rassentheorie, die in den Vereinigten Staaten selbstverständlich mehr Feinde hat als nur die Jüdinnen und Juden, auch Schwarze, Abkömmlinge von Indianerinnen beziehungsweise First Nations, sowieso Frauen und so weiter stehen auf dem Speiseplan dieser mit exzellenten Ressourcen ausgestatteten Fettsäcke. Ich zweifle keine Sekunde an der Existenz solcher Zirkel auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft; die Bereitschaft der bigotten Evangelikalen, den Hurenbock als Instrument der Erlösung zu sehen, liegt nicht zuletzt in solchen mehr oder weniger unterirdischen und Geheimgesellschaften. Es sind die legitimen Nachfahren des Ku-Klux-Klans. Davon sehe ich in Europa deutlich weniger beziehungsweise wenn man welche sieht wie die Reichsbürger, so sind das meistens schlechte Karikaturen. Ich gehe davon aus, dass die Macht in Europa im Moment keinen Anlass hat, sich derart monströse Furunkel zu leisten.
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Albert Jörimann
13.01.